Hilfe für Flüchtlinge Logistik? Na logisch!

Hilfsaktionen können schnell im Chaos versinken. Das Team in der Hamburger Messehalle behält den Überblick über Tonnen von Kleidung, Teddys, Shampoo. Immer mittendrin: Moritz Heisler, Logistikprofi mit 80-Stunden-Woche.

Von Milena Menzemer

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"Wow, sind das viele Kuscheltiere." Moritz Heisler steht vor einem Haufen aus Affen, Bären und Elchen - und nickt anerkennend. In dieser Ecke der Halle sei er wohl länger nicht mehr gewesen, sagt der Logistiker. Er achtet nicht auf jeden Haufen, jedes Detail, überblickt aber das Große und Ganze.

Seit Anfang August leben auf dem Hamburger Messegelände Flüchtlinge, inzwischen mehr als tausend. In der Halle B6 hat die Innenbehörde der Stadt vorübergehend eine Erstaufnahmestelle eingerichtet. Daneben, in Halle B7, sammelt die "Kleiderkammer AG" Sachspenden: Kleidung und Spielzeug, Hygieneartikel und Verpackungsmaterial. Was gerade gebraucht oder nicht angenommen wird, darüber informiert präzise eine eigene Webseite - zum Beispiel unbedingt Baby-Schlafanzüge und Zahnbürsten, aber bitte keine XXL-Hosen, High Heels oder Badeanzüge, inzwischen auch keine Stofftiere mehr.

Moritz Heisler, 30, koordiniert mit sechs weiteren Organisatoren die Annahme und Verteilung. Bis zu acht Stunden pro Tag, ehrenamtlich. Neben der 40-Stunden-Woche in seinem eigentlichen Job.

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Kleiderkammer in der Messehalle: Wie Hamburg Flüchtlingen hilft
Nach Feierabend kam er Mitte August erstmals zur Messehalle, wollte Spenden abgeben. Vier Leute waren da und fragten: Kannst du kurz noch sortieren helfen? "Seitdem bin ich hier", sagt Heisler. Davor habe er sich nie politisch oder sozial engagiert - umso entschlossener tut er es jetzt: "Da kommen Menschen in unser Land, die früher ein Leben hatten." Sie hinter dem Bauzaun auf dem Messegelände zu sehen, habe ihn emotional angegriffen. Und bewegt, etwas zu machen.

Inzwischen ist aus den kleinen Anfängen eine große Sache geworden. Jeden Tag sind gut 200 Freiwillige am Start. Am Wochenende kommen weit mehr, viele reihen sich spontan ein und bleiben bis zum Abend. Sie stapeln Hosen, falten Unterhemden oder sortieren Deos nach Männer- und Frauenduft; sie übersetzen und fahren Transporte. Dann summt die Halle wie ein Bienenstock, draußen müssen Ordner den Verkehr regeln, damit sich kein Hilfsgüter-Stau bildet.

Besser jemanden fragen, der sich damit auskennt

Verblüffend, wie rund das läuft. Hilfsaktionen können leicht im Chaos versinken - wenn sie nur nett gemeint, aber schlecht gemacht sind. Wenn Menschen viel guten Willen, aber zu wenig Ahnung mitbringen. In den Messehallen ist selbst bei größtem Andrang eine Ordnung erkennbar. Moritz Heisler hat sie mitentwickelt, im Orga-Team.

Er ist ja vom Fach, kommt aus der Logistikbranche. Und hatte gleich Ideen für die Kleiderkammer: "Simple Sachen. Anfangs ging es darum, eine Grundstruktur reinzubringen" - Regale aufzustellen, die Halle aufzuteilen. Die Lagerbereiche sind jetzt mit Kreide auf dem Boden markiert; so steht bei den "Kindersachen" ein Pappkarton mit der Aufschrift "Bademäntel, Baby-Kinder, 17 Stück".

Wenn Heisler umherläuft, mit hellblauem Hemd und Handy, dann sieht man ihm den Durchblick an. Immer wieder kommen Leute auf ihn zu, geben ihm Visitenkarten oder stellen Fragen: "Wie beschriften wir die Kartons?" Oder: "Wohin mit den Damensachen?", will Peter wissen, dem - wie allen freiwilligen Helfern hier - ein Namensschild aus Krepp auf der Brust pappt. Heisler weiß Bescheid. Er kümmert sich auch um Außenkontakte zu Bürgern, Presse, Behörden. Parallel koordiniert er die Weiterleitung von Spenden zu anderen Flüchtlingsunterkünften der Stadt.

Das kann er nur, weil er in seinem Job außertariflich angestellt ist. Seine acht Arbeitsstunden am Tag kann er stückeln und schieben. So findet er davor, dazwischen, danach Zeit fürs Ehrenamt. Heisler arbeitet seit neun Jahren als Logistiker für das Schweizer Transportunternehmen Panalpina. Dort ist er nicht wie in der Halle einfach "der Moritz aus dem Orga-Team", sondern "Country Strategic Key Account Manager Retail & Fashion".

"Das hier ist überragend"

Im Job organisiert Heisler weltweite Transporte von Konsumartikeln. Vom Sofa bis zur Tütensuppe. Er betreut 15 feste Kunden, "kleine Unternehmen wie Global Player". Dafür ist er viel unterwegs, ob nach Frankfurt, Miami oder São Paulo.

Bei Panalpina hat er nach dem Abi Speditionskaufmann gelernt, danach berufsbegleitend studiert: Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften mit Schwerpunkt Logistik und Supply-Chain-Management. "Das klingt irgendwie nicht so angesagt und hip", sagt Heisler selbst. Seine Branche sei klassisch, nicht cool.

Aber er ist zufrieden. Ihn reizen die Herausforderungen: immer neue Lösungen für Probleme zu finden. Das gefällt ihm. Er ist ein Arbeitstier, jetzt oft mit 16-Stunden-Tagen in Job plus Ehrenamt. "Ja, irgendwie brauche ich den Stress", sagt er. "Nur vielleicht nicht mein Leben lang in der Intensität."

Den Arbeitsaufwand müsse er runterschrauben, klar, aber für die Kleiderkammer will er sich weiter engagieren. Damit es weitergeht: "Wir haben auch schon einen Ausweichort in Aussicht, wo wir hin können, wenn wir Ende September aus der Halle raus müssen", freut er sich. Dann beginnt eine Bootsmesse; auch die Bewohner der Halle B6 müssen umziehen, sie werden auf andere Unterkünfte verteilt.

"Die Menschen werden immer weiter nach Deutschland kommen", sagt Heisler. Darum soll das Spendenprojekt langfristig bestehen. Die Resonanz sei so positiv. "Mir ist nicht bekannt, dass es in Hamburg seit dem zweiten Weltkrieg eine ähnliche Hilfsaktion dieser Größe gegeben hat." Er könne es nicht anders ausdrücken, so Heisler: "Das hier ist überragend."


  • Habseligkeiten von Flüchtlingen: Was packst du ein, wenn du fliehst?

Ein Teenager: Iqbal ist 17 Jahre alt und kommt aus Kunduz in Afghanistan. Auf seiner Flucht reiste er nach Iran und dann zu Fuß weiter in die Türkei. Jetzt ist der Teenager auf Lesbos und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er hat Kontakt zu einem Freund, der es schon nach Deutschland geschafft hat. Außerdem hat er einen Bruder, der in Florida studiert.

Iqbal ist ein brauner Rucksack geblieben. Darin eine Hose, ein T-Shirt, ein Paar Socken und Schuhe. Shampoo, Haargel, Zahnbürste und Zahnpasta, eine Creme zur Gesichtsaufhellung, einen Kamm, einen Nagelknipser, 100 Dollar, 130 türkische Lira, ein Smartphone, ein weiteres Handy zur Sicherheit und SIM-Karten für Afghanistan, Iran und die Türkei. Iqbal hätte am liebsten helle Haut und Haare, um nicht als Flüchtling erkannt zu werden. "Ich denke immer, jemand wird mich erkennen und die Polizei rufen, weil ich illegal hier bin."

Ein Apotheker: Dieser 34-Jährige will seinen Namen nicht verraten. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erinnerte sich sein Vater an die gute Zeit in Deutschland, wo er acht Jahre gelebt und als Mediziner gearbeitet hatte. Der Sohn schöpfte Hoffnung aus dieser Geschichte und floh mit der Familie in die Türkei. Dort traf er einen Schmuggler, der den Weg nach Europa organisierte. Seine Eltern und die Schwester musste er in der Türkei zurücklassen.

Mit dieser schwarzen Umhängetasche bestieg der Syrer ein überfülltes Schlauchboot nach Griechenland. Der Inhalt: wasserdicht verpacktes Geld, ein altes Handy, das nass geworden ist und nicht mehr funktioniert, ein Smartphone, Ladekabel, Kopfhörer und eine externe Festplatte mit 16 GB, auf der Familienfotos sind. "Ich dachte, wenn ich auf diesem Boot sterbe, dann wenigstens mit den Fotos meiner Familie bei mir."

Ein Kind: Omran ist sechs Jahre alt und kommt aus Damaskus in Syrien. Er ist mit seiner fünfköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland. Dort können sie bei Verwandten wohnen.

Omrans Gepäck ist ein blauer Kinderrucksack mit einem gelben Bärchen darauf. Seine Eltern wussten, dass sie die Flucht durch Wälder führen würde, um nicht entdeckt zu werden. Deswegen packten sie viele Medikamente ein. Neben einer Hose und einem T-Shirt sind in dem kleinen Rucksack auch eine Spritze, Bandagen, verschiedene Salben und Tabletten, Seife, Zahnbürste und Zahnpasta. Außerdem Marshmallows und süße Sahne - Omrans liebste Süßigkeiten.

Eine Mutter: Aboessa aus Damaskus ist 20 Jahre alt und mit ihrem Mann und der zehn Monate alten Tochter Doua auf der Flucht. Sie entkamen während heftiger Kämpfe aus dem Flüchtlingslager Jarmuk, südlich von Damaskus. Nachdem sie die türkische Grenze überquert hatten, machte sich die Familie in einem Schlauchboot auf die gefährliche Reise zur europäischen Küste. Fast wären sie von der türkischen Polizei zur Umkehr gezwungen worden.

Das meiste in Aboessas Handtasche ist für ihre Tochter - um sie gegen Krankheiten zu schützen. Ein rosafarbener, geblümter Sonnenhut, verschiedene Medikamente, eine Flasche steriles Wasser und ein Glas Babynahrung. Außerdem Servietten zum Windelnwechseln, ein Paar Babysocken, Sonnencreme, Salbe gegen Sonnenbrand, persönliche Dokumente (wie der Impfpass des Kindes), eine Geldbörse mit Ausweis und Geld, ein Handy-Ladegerät und ein gelbes Haarband.

Ein Künstler: Nour ist 20 Jahre alt und kommt aus Syrien. Er liebt Musik und Kunst, in der Heimat spielte er sieben Jahre lang Gitarre und malte. Als in seiner Nähe Bomben detonierten und Schüsse fielen, nahm der junge Mann die wichtigsten Sachen und verließ seine Heimat in Richtung Türkei.

Seine Habseligkeiten rufen bei Nour bittersüße Erinnerungen an die Heimat hervor. In der kleinen schwarzen Tasche, die er an der Hüfte trägt, sind viele Geschenke. Ein Rosenkranz - von einem Freund. Nour lässt nicht zu, dass das Kreuz den Boden berührt. Eine Uhr - von seiner Freundin, sie ist während der Reise kaputtgegangen. Die syrische Fahne, ein Palästina-Anhänger, ein hölzernes und ein silbernes Armband und die Gitarren-Plektren - das alles sind Geschenke von Freunden. Außerdem hat er ein Handy, eine syrische SIM-Karte, seinen Ausweis und ein T-Shirt dabei.

Eine Familie: Sie kommen aus Aleppo in Syrien und haben alles verloren. Eigentlich hatte auf der Flucht jedes Familienmitglied zwei Taschen dabei. Doch auf dem Weg nach Griechenland begann ihr Boot zu sinken. Sieben Frauen, vier Männern und 20 Kindern blieben ihr Leben und eine Tasche.

In diesem letzten Gepäckstück, das die Großfamilie retten konnte, sind eine Jeans, ein T-Shirt, ein paar bunt karierte Kinderschuhe, ein kleiner Kulturbeutel, eine Windel, zwei kleine Packungen Milch und Kekse. Außerdem persönliche Dokumente, Geld, Damenbinden und ein Kamm. Das International Rescue Committee zitiert ein Familienmitglied: "Ich hoffe, wir sterben. Dieses Leben ist nicht mehr lebenswert. Alle haben uns die Tür vor der Nase zugeschlagen, es gibt keine Zukunft."

Hassan, 25, ist nicht mal eine Tasche geblieben. "Sie haben uns gesagt, wir könnten nur zwei Dinge mitbringen: ein extra T-Shirt und eine Hose."

Das karierte Hemd und die schwarze Hose auf der Wäscheleine sind alles, was Hassan noch besitzt.

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