Jobs für Flüchtlinge "Die kommen ja nicht alle ohne Beruf hier her"

Er ist motiviert, will arbeiten und Geld verdienen. Aber für Menschen wie Bashar al Mahfoud ist es schwer, in Deutschland einen Job zu finden. Zwei Initiativen wollen jetzt Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammenbringen.

Von Laura Engels

Jonathan Loyche

Er ist 30, hat einen Master in Architektur und sieben Jahre Berufserfahrung. Man könnte meinen, Bashar al Mahfoud hätte gute Chancen, einen Job zu finden. Doch auf dem Weg zur Festanstellung gibt es für den gebürtigen Syrer mehrere Hürden zu überwinden: die deutsche Sprache, rechtliche Bestimmungen und die Skepsis der Arbeitgeber. Das Architekturstudium hat er in Syrien abgeschlossen, den letzten Job hatte er in Jordanien.

Seit zehn Monaten lebt al Mahfoud in Berlin, er teilt sich eine Wohnung mit einem Freund und lebt in einem 25-Quadratmeter-Zimmer. Geld vom deutschen Staat bekommt er nicht, er hat ein Studentenvisum und lebt von seinen Ersparnissen. Mit den Menschen, die zurzeit zu Tausenden meist ohne Hab und Gut in den Flüchtlingslagern eintreffen, hat er eines gemein: In seiner Heimat hat er keine Zukunft.

Sein erster Satz bei der Begrüßung ist eine Entschuldigung: "Mein Deutsch ist noch nicht so gut." Er ist streng zu sich. Zu streng. Anfangs hat er täglich drei bis vier Stunden Deutsch gelernt und Unterricht an einer Sprachschule genommen, mit seinen zwei Tandempartnern trifft er sich noch immer. Er spricht wie aus dem Lehrbuch: "Mein Arbeitgeber hat meine Fähigkeiten erkannt und lässt mich verantwortungsvolle Arbeiten übernehmen", sagt er. "Ich bin froh, mein Geld wieder als Architekt verdienen zu dürfen."

Die Flüchtlingsinitiative "Mygrade" hat ihm gerade ein dreimonatiges bezahltes Praktikum in einem Berliner Architekturbüro verschafft. "Sie sind dort ganz begeistert von Bashar", sagt "Mygrade"-Initiator Paul Schmitz. Der Rechtsanwalt weiß, wie schwer es Flüchtlinge bei der Jobsuche haben. Der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt hängt von ihrem Aufenthaltsstatus ab. Asylbewerber dürfen frühestens nach drei Monaten hier arbeiten - wenn sie denn eine Stelle finden. Wie vielen das gelingt, darüber gibt es keine Zahlen. Wer keine Ausbildung oder ein Studium in einem sogenannten Engpassberuf vorweisen kann, darf in den ersten 15 Monaten nur dann arbeiten, wenn kein arbeitsuchender Deutscher oder EU-Bürger für den Job infrage kommt.

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Schmitz vermittelte einem Freund aus Syrien über einen Bekannten ein Praktikum beim Bundestag, so kam er auf die Idee zur Gründung des Netzwerks, das er ehrenamtlich betreut. Ohne ihn hatte auch al Mahfoud keinen Erfolg bei der Jobsuche. Wenn er auf seine Bewerbungen überhaupt eine Antwort bekam, hieß es: "Die Qualifikation passt nicht zur Stelle."

Häufig bekommen die Flüchtlinge erst gar keine Chance, sich vorzustellen. Schmitz will das ändern. Seine Initiative hält Kontakt zu mehr als 200 Privatpersonen und Firmen, die bereit sind zu helfen. Wichtig sei der erste Kontakt, sagt Schmitz. "Man lernt sich kennen und hat ein Gesicht zu dem Namen." Mittlerweile hat er unter anderem einer gelernten Bankkauffrau aus Syrien ein Praktikum bei der Volksbank vermittelt, einen syrischen Apotheker unterstützt er bei seiner Approbation.

Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammenzubringen, das ist auch das Ziel von David Jacob und Philipp Kühn. Die beiden Kommunikationsdesign-Studenten haben für ihre Bachelorarbeit eine Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse für Flüchtlinge geschaffen - und wurden vom großen Interesse überrascht.

Aktuell sind auf "Workeer" 300 Jobangebote und 295 Bewerberprofile online, und es werden täglich mehr. Einige Flüchtlinge haben Fotos von sich hochgeladen und kurze Beschreibungen hinzugefügt. Ein 24 Jahre alter Zahnarzt aus Syrien ist dabei, er jobbt im Moment bei einem Pizzadienst in Köln. Ein 34 Jahre alter Friseur aus Nigeria würde auch als Fliesenleger, Maler oder Verkäufer arbeiten. Und ein 29 Jahre alter Biochemiker schreibt: "Aufgrund des Krieges bin ich aus Syrien geflohen und froh, nun in Hamburg zu sein. Ich bin sehr bemüht, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, mich gut zu integrieren und einzubringen."

"Wir wollen den Arbeitgebern die Skepsis nehmen", sagt Plattformgründer Jacob. Es müsse ja auch nicht immer gleich eine Festanstellung sein: "Ein Praktikum ist ein guter Einstieg."

Start-up-Unternehmer Philip Eggersglüß hat gleich mehrere Programmierer aus dem Libanon und Syrien eingestellt. Der erste Kontakt kam über ein IT-Forum zustande. Eggersglüß half den Männern, eine sogenannte Blaue Karte EU zu bekommen - eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für hochqualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten. "Es ist schon aufwendig. Man muss die Regeln und Paragrafen kennen, die Studienabschlüsse müssen anerkannt werden, aber ich habe bei den Behörden nur Entgegenkommen erlebt", sagt Eggersglüß.

Ein Mitarbeiter konnte durch seine Unterstützung seinen Bruder und seine Eltern aus Syrien nach Deutschland holen, alle drei sind Bauingenieure und Entwickler. "Wenn man den Hochqualifizierten hilft, sich zu integrieren, können die auch ihre Landsleute unterstützen", sagt Eggersglüß. Natürlich gebe es auch Flüchtlinge, die ohne Ausbildung nach Deutschland kommen, aber: "Die kommen ja nicht alle ohne Beruf hier her."

  • Laura Engels (Jahrgang 1983) hat nach ihrem Studium volontiert und als Redakteurin gearbeitet. Jetzt schreibt sie als freie Journalistin aus dem Ruhrgebiet vor allem über Themen aus Kultur und Gesellschaft.
  • Ihre Website: engels-presse.de

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