Englisch im Alltag Love Me Tinder

Was tun bei einem sprachlichen Blackout? Fluent-English-Kolumnist Peter Littger ist auch als Auskunftei gefragt. Dann hilft er bei Autopannen aus, bei kniffligen Bürogesprächen oder auch bei der Sex-Anbahnung.

Dating-App Tinder: Gib dem Affen Zunder
DER SPIEGEL

Dating-App Tinder: Gib dem Affen Zunder


Seit ich mich mit deutsch-englischen Sprachverwirrungen beschäftige, fühle ich mich gelegentlich wie Helen. Die junge Engländerin arbeitet als Telefonistin in der britischen Botschaft in Berlin und bekommt dort immer wieder Anrufe von Leuten, die sie für einen Auskunftsdienst der Extraklasse zu halten scheinen - eine Art Engli-pedia im Auftrag Ihrer Majestät.

Neulich erkundigte sich eine Berlinerin nach der Nummer von Robbie Williams. Ein Dortmunder suchte einen günstigen Flug nach London. In beiden Fällen musste Helen passen.

Hin und wieder werden Helen auch Fragen zur englischen Sprache gestellt - und sie hilft dann gern weiter, wenn sie die Antworten kennt. Zum Beispiel: "Hallo, können Sie mir schnell sagen, wie man im Englischen 'Überbrückungskabel' sagt?"

Dafür müssen Sie nicht bei Helen anrufen. Die Überbrückung von Strom wird im Englischen nicht mit bridge oder bridging übersetzt, sondern in Großbritannien mit jump leads und in den USA mit jumper cable - oder einfach leads, gesprochen lieh-ds. Und wo wir gerade vom Automobil sprechen: Wissen Sie eigentlich, wie man "Standspur" oder "Abschleppseil" sagt?

Jetzt gibt's Zunder

Genau solche Fragen werden auch mir immer wieder gestellt: Mal geht es wirklich ums Auto, mal ums Reisen, mal um einen Arztbesuch, eine Sache im Büro. Oder um Liebe und Sex. Nehmen Sie zum Beispiel die App Tinder, eine zurzeit sehr gefragte Partnervermittlung. Aufmerksame Nutzer werden sich irgendwann fragen, an was sie da - rein semantisch - eigentlich teilnehmen. Antwort: Tinder bedeutet "Zunder". Und der soll am Ende wohl das Feuer der Liebe entfachen.

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Auch Liedtexte sind ein häufiger Grund für Fragen: Wie mag zum Beispiel Janis Joplin ihre berühmte Liedzeile "I must make a mans" in "Mercedes Benz" gemeint haben? Das habe auch ich viele Jahre völlig falsch verstanden. Joplin sang in Wahrheit: I must make amends, was ungefähr bedeutet: "Ich muss mich ernsthaft entschuldigen."

Schon vor einigen Jahren fiel mir auf, was mich auch zu dieser Kolumne und zu meinem aktuellen Buch "The devil lies in the detail" bewegt hat: dass Englisch heute eine sonderbare Rolle in unserem Leben einnimmt. Obwohl viele von uns die Grundlagen recht gut beherrschen, kommt es immer wieder zu Blackout-Momenten. Dann wollen bestimmte Wörter selbst Menschen mit einem sicheren englischen Sprachfluss nicht einfallen - und lassen sich auch nicht so einfach umschreiben, wie es unsere Englischlehrer stets geraten haben.

Wie ging gleich der Unterstrich?

Ein lieber Kollege bei SPIEGEL ONLINE erzählte mir einmal, wie er am Telefon seine E-Mail-Adresse in englischer Sprache buchstabierte. Nur: Wie wird "Unterstrich" übersetzt? Ein paar Sekunden lang stammelte er vor sich hin und beendete das Telefonat dann abrupt - um am Ende alles auf die Technik zu schieben. In seinem Vokabelspeicher fehlte der Begriff underscore. Andere Menschen, die vielleicht gerade auf einer englischen Landstraße eine Autopanne erleben, wissen hingegen nicht, dass hard shoulder die "Standspur" und towrope das "Abschleppseil" ist. Und was bedeutet "Warndreieck"? Hazard triangle.

Ich habe schon viele Blackouts erlebt - oder erlitten. Denn je nach Situation können sie wirklich schmerzhaft sein. Sitzt man zum Beispiel beim Arzt, hat aber keinen Schimmer von den Körperteilen und Organen, die weh tun, kann das nicht nur eine korrekte Beschreibung verhindern, sondern auch die konkrete Heilung. Besonders ärgerlich ist es, wenn das Missverständnis durch die Aussprache erzeugt wird. Wer etwa über sein "Kinn" sprechen möchte, muss "tschinn" (chin) sagen. Und wer das "Schienbein" meint, sagt "Schinn" (shin).

Je mehr wir uns in allen möglichen Lebenslagen in der englischen Sprache ausdrücken und informieren, desto dringender benötigen wir wohl einen englischen Auskunftsdienst. Das kann mal Helen von der Botschaft sein. Und mal ist es eine Wörterbuch-App, die allerdings eine flotte Internetverbindung voraussetzt, wenn man sich flott mit Wörtern munitionieren möchte.

Ich selbst habe übrigens Richard, einen lieben Kollegen in London. Obwohl ich ihn im Deutschen "meinen Telefonjoker" nenne, muss ich im Englischen von telephone helpline (oder ganz im Stil der Sendung "Who wants to be a Millionaire" von Phone-a-friend-lifeline) sprechen, damit er mich versteht. Warum? Das erkläre ich Ihnen beim nächsten Mal, wenn ich mich hier ausführlicher mit unseren Lieblingsanglizismen beschäftige. Und falls Sie das nicht abwarten wollen, dann rufen Sie doch Helen an.

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insgesamt 63 Beiträge
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Crom 10.04.2015
1.
Für eine Wörterbuch-App braucht man heute keine Internetverbindung mehr, die kann man auch offline verfügbar machen. Selbst beim viel gescholtenen Google Translator kann man ganze Sprachen herunterladen.
abby_thur 10.04.2015
2.
Wenn man nicht weiß wie der Unterstrich übersetzt wird, ganz einfach sagen, man schickt die E-mail-Adresse per SMS oder What's App. Ein bisschen Kreativität muss man schon mitbringen.
Celegorm 10.04.2015
3.
Die Beispiele haben doch zumeist weniger mit einem "Blackout" zu tun als damit, dass jeder Wortschatz immer limitiert ist. Was schon bei der Muttersprache zutrifft gilt erst recht bei Fremdsprachen, weshalb es nicht ungewöhnlich ist, eine solche zwar fliessend zu sprechen, aber bei obskuren Themen ins Stolpern kommt. In manchen Bereichen dürfte mein Englisch-Wortschatz sogar besser sein als jener in Deutsch, was man hingegen nie im Englischen benutzt kennt man entsprechend auch nicht bzw. hat es nicht im aktiven Wortschatz. Insofern wüsste ich auch nicht, wieso der durchschnittliche Deutsche ein Wort wie "jumper leads" kennen sollte..
Crom 10.04.2015
4.
Als Deutscher würde ich es auch keinen Ausländer bzw. Fremdsprachler krumm nehmen, wenn er bestimmte deutsche Wörter nicht kennt. Daher hoffe ich, dass es in die andere Richtung genau so ist.
kar98 10.04.2015
5. In den USA...
heissen die Ueberbrueckungskabel "jumper cables" und die Standspur "breakdown lane". Und ein Warndreieck kennt man hier nicht, bzw. fuehren sowas bloss Lasterfahrer mit; daher ist es rille, wie man dieses Geraet uebersetzt: es ist keine stehende Redewendung wie in Deutschland, wo die Polizei "Zeigense mal Warndreieck und Sanikasten!" als Vorwand benutzt, in den Kofferraum zu gucken.
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