Pseudo-Englisch Wehe, wenn der Beefträger kommt

Nichts gegen Anglizismen - sie können sehr lustig sein, wie Jan Böhmermanns "Beefträger". Aber peinlich wird es, wenn wir Muttersprachlern mit unserem Pseudo-Englisch kommen, zum Beispiel mit "Slip", "Joker" oder "roundabout".

Spaß mit Englisch: Jan Böhmermann moderiert das "Neo Magazin Royale"
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Spaß mit Englisch: Jan Böhmermann moderiert das "Neo Magazin Royale"

Eine Kolumne von Peter Littger


Seit es diese Kolumne gibt, werde ich immer wieder nach Anglizismen gefragt. Was also von Prädikaten wie cutting edge oder state of the art zu halten ist. Von Beraterfloskeln wie precisely wrong und roughly right. Von core values oder fun facts. Von Nerds oder Sparringspartnern. Von open ends oder von No-Go-Areas. Viele Leute in Deutschland glauben ja, dass wir anglizismentechnisch längst an einem point of no return angekommen sind. Und seitdem das Buch "Deutsch to go" erschienenen ist, glaube ich das auch.

Allerdings bin ich aufgeschlossen und nicht grundsätzlich anti. Schließlich gibt es ein paar sehr praktische englische Wörter, die sich gar nicht recht ins Deutsche übersetzen lassen. Denken Sie nur an den guten alten running gag, den Kermit der Frosch in der ersten deutschsprachigen Ausgabe der "Muppet Show" als "durchlaufenden Witz" bezeichnete. Das war zwar auch irgendwie witzig - aber kein idealer Ersatz.

Dasselbe gilt für Alltagsbegriffe wie Airbag, Laptop und Sex - oder wollen Sie dafür wirklich lieber die deutschen Bezeichnungen verwenden? Als neulich eine deutsche Fachpublikation namens "Message" die Frage diskutierte, ob uns Anglizismen schaden, fragte ich : "Warum nennt ihr euch nicht 'Botschaft', 'Nachricht' oder 'Funkspruch'?" Die Antwort fiel leicht: Der Sound von "Message" transportiert alle deutschen Bedeutungen - und noch viel mehr.

Der Kampf gegen den Shitstorm

Wie viele Pointen wir außerdem mit englischen Wörtern erzeugen können, das demonstriert immer wieder Jan Böhmermann. Anglizismen sind ein Markenzeichen seines "Neo Magazin Royale", das sich im Best-Ager-Sender ZDF an die Twentysomethings richtet. Keine Frage: Wäre ich Programmdirektor, wäre das Magazin längst in "Royal Anglizismus Show" umgetauft.

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Schon der Trailer der Sendung ist very telling: Böhmermann gerät in einen Sturm aus Scheiße und kämpft gegen die braunen Massen - den Shitstorm, der aus allen Richtungen kommt. Das liegt daran, dass er sich am liebsten mit dem Zoff beschäftigt, den er mit anderen hat. Doch wer sagt heute noch "Zoff"? Das klingt ja mindestens so kauzig wie "heißer Feger" oder "kesse Biene", während längst jeder für hotties schwärmt. Deshalb bezeichnet Böhmermann den Zoff am laufenden Band als "Battle", "Rant" und "Beef" - und zu allem Überfluss bekommt er auch noch regelmäßig Zoff per Post: vom "Beefträger".

Ein Slip mit Spleen

Solche lustigen Wortschöpfungen sind nichts anderes als modernes Filserenglisch - eine Fantasiesprache, die weder Hochdeutsch noch Standardenglisch ist, und die Gisela Daum in den Achtzigerjahren in ihren "Filserbriefen" pflegte. Das Ganze ist ein sehr eigenwilliger deutscher Umgang mit dem Englischen, den Muttersprachler entweder gar nicht verstehen. Oder lieber nicht verstehen wollen, wenn ich nur noch einmal den Shitstorm bemühen darf: Für Amerikaner und Briten ist dieser Begriff sehr, sehr ekelig. Auch SPIEGEL ONLINE hatte lange Zeit vor diesem selten beschissenen Anglizismus wenig Scheu.

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Damit wären wir bei den einzigen Anglizismen, die ich für wirklich problematisch halte: Es sind Wörter, die vor allem Englisch klingen, weil wir sie uns zuerst ausgedacht oder einfach umgedeutet haben und die wir dann hemmungslos zurück in den englischen Sprachraum tragen, wo sie leicht zu argen Missverständnissen führen oder pures Unverständnis auslösen.

Streiche des Telefonjokers

Es geht hier um pseudoenglische Begriffe wie den Partnerlook. Um den Spleen, den der Nachbar hat. Oder den Slip, den er trägt. Während der Partnerlook kulturell nirgendwo so ausgeprägt vorkommt wie unter deutschen Partnern, ist spleen im Englischen nichts weiter als die Milz, oder vielleicht die Laus, die uns hierzulande über die Leber läuft. Spleen kann allenfalls "Übellaunigkeit" heißen, aber das bedeutet ja auch etwas anderes als der deutsche Spleen.

Auf Englisch muss man von quirk oder tic, eccentricity oder obsession sprechen, um jemandem einen Fimmel anzudichten. Der slip wiederum ist ein Unterkleid für Damen, oder ein Stück Papier, das der Nachbar als Lendenschurz benutzen könnte, wenn ihm jenseits der Gürtellinie ein Patzer (auch slip genannt) passiert.

Dasselbe gilt auch für den joker, der nur ein Witzbold ist - sodass ein telephone joker im Englischen vielleicht jemand sein könnte, der Telefonstreiche macht. Den wirklich hilfreichen Joker nennt man helpline, wild card oder bezeichnet ihn gleich als "Ass im Ärmel": an ace up one's sleeve.

Fünf Millionen für ein Karussell

Viel pseudoenglischen Unsinn geben selbstverständlich auch die Anglizismus-verliebten Businesskasper von sich, zum Beispiel, wenn sie "roundabout fünf Millionen in ein Invest tun" - und das dann noch ihren englischsprachigen Kollegen sagen: "We make a roundabout invest of five million".

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass es invest im Englisch nicht als Hauptwort gibt - eine Investition ist immer ein investment. Problematischer ist die Unkenntnis der Bedeutung von roundabout. Denn das ist im Englischen nicht "ungefähr", sondern entweder "kompliziert" oder ein "Kreisverkehr" oder gar ein "Kirmeskarussell". Der Satz bedeutet also, dass man fünf Millionen mit einem Kirmeskarussell verschleudern will - und es dann womöglich noch auf besonders komplizierte Weise macht.

Wenn da mal nicht der Beefträger kommt.

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insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
MatthiasPetersbach 27.04.2015
1.
…mir reicht es, wenn diese Ausdrücke von DEUTSCHEN verstanden werden. Daß das beim entsprechenden Muttersprachler nicht anzuwenden ist, sollte jedem klar sein. Verstehe jetzt das Problem nicht wirklich. Ein "Problem" sind eher die Leute, die immer besserwisserisch drauf hinweisen, daß z.B. Händi in England nicht Händi heißt. Das hat aber auch nie jemand behauptet.
Toe Jam 27.04.2015
2. Erinnert mich an eine Projektleiterin...
bei der Bahn AG, die bei eine Softwarebug ständig davon faselte, man müsse da einen "Roundabout" entwickeln. Nehme an, sie meinte einen "Workaround".
andjessi 27.04.2015
3. Die Muttersprachler sollen es ja auch nicht verstehen.
Das schöne an der deutschen Sprache ist doch, dass man andauernd nette lustige Worte erfinden kann, die für eine mehr oder weniger große Gruppe mit einer bestimmten Wortbedeutung belegt werden können. Ob Ausgansbasis dafür ein Anglizismus oder Filserenglisch ist, ist doch egal. Die Wörter gibt es ja eben gerade nicht für die Kommunikation mit Muttersprachlern oder anderen nichtdeutschen Englischsprechern. Sie haben eine eigene Bedeutung. Wenn der Muttersprachler oder sonstige Gesprächspartner dann nur gequirlten Murks versteht, wird er es sicherlich schon sagen. Ihm geht es ja manchmal auch nicht anders. "We are all sitting in one boat!" ;-)
stelzenlaeufer 27.04.2015
4. Ja da ist was dran
Versuchen sie mal sich im englischsprachigen Ausland ein Handy zu leihen sollte bei ihrem der Akku leer sein. Sie werden in viele fragende Gesichter blicken.
knaake 27.04.2015
5. Wenn wir schon beim besser Wissen sind:
Sind Sie sich über die Bedeutung des Wortes "Joker" wirklich sicher? https://en.wikipedia.org/wiki/Joker_(playing_card)
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