Flussfischer-Azubi Zwischen Zander und Zukunftssorgen

Fluss- und Seenfischer ist ein aussterbender Beruf. Seit 1998 hat jeder zweite Betrieb zugemacht. Thomas Dirks hat sich trotzdem für die Ausbildung entschieden, er liebt die frühen Stunden auf dem Wasser. Ein erstes Jobangebot hat er auch schon bekommen - in einer Aquakultur.

Anne Passow

Von Anne Passow


Thomas Dirks lernt einen Beruf, den in den letzten 14 Jahren jeder zweite aufgegeben hat: Er wird Fischwirt der Fluss- und Seenfischerei. Eine scheinbar aussichtslose Jobwahl. 1998 gab es in der Branche 822 Betriebe, 2010 waren es nur noch 394. Doch von Statistiken lässt sich er 17-Jährige nicht abschrecken. Er liebt seinen Job: "Wenn man früh bei Sonnenaufgang rausfährt, dann ist das immer wieder schön."

Knapp über sechs Grad liegt die Wassertemperatur, als Dirks an diesem Morgen die Reusen auf dem Uphuser Meer kontrolliert. "Viel zu kalt", sagt er, während er das Netz langsam in das Motorboot zieht. "Bei den Temperaturen bewegen sich die Fische kaum, da fangen wir nicht viel." Immerhin, ein paar Süßwasserfische, Krabben und ein dicker Zander zappeln im Netz. Den Zander schmeisst Dirks gleich wieder ins Wasser. "Der hat Schonzeit, den dürfen wir noch nicht fangen", sagt er und manövriert das Boot mit gedrosseltem Motor zwischen den Reusen hindurch.

Einen Ausbildungsplatz zu finden, ist für angehende Fischer die erste Hürde. "Der Zug ist längst abgefahren", sagt etwa Fischwirtschaftsmeisterin Sabine Schwarten. Sie hat die Eutiner Seenfischerei 1998 von ihren Eltern übernommen. "Früher konnte sich eine neunköpfige Familie davon ernähren, heute komme ich alleine gerade so über die Runden", sagt sie. Auszubildende beschäftigt Schwarten schon lange nicht mehr: "Wir bilden doch nur noch für die Arbeitslosigkeit aus."

Fotostrecke

8  Bilder
Von Beruf Profianglerin: Das Girlie und die dicken Fische
Peter Breckling vom Deutschen Fischereiverband sieht die Zukunft der Branche positiver. "Das Berufsbild hat sich im Laufe der Jahre verändert. Es reicht nicht mehr, nur rauszufahren, zu fischen und den Fang abzuliefern", sagt er. Die Fluss- und Seenfischer müssten sich zusätzliche Standbeine aufbauen.

Wie das aussehen kann, zeigt Rudolf Endjer, der Ausbilder von Thomas Dirks, im ostfriesischen Emden: Neben Aal, Hecht und Zander, die er und seine vier Mitarbeiter aus rund 4000 Hektar Wasserfläche fischen, zieht er für den Angelverein des Ortes Hechte groß und setzt sie aus. Außerdem hat er eine eigene Räucherei, einen Hofladen und schneidet Reet, das er an Dachdecker verkauft. Das Restaurant "Endjers Landhaus", nur einen Steinwurf vom Fischereibetrieb entfernt, ist ebenfalls in Familienhand. Hier werden unter anderem frisch gefangene Aale angeboten.

Alle drei Jahre stellt Endjer einen neuen Azubi ein, der dann sogar unter seinem Dach wohnen darf. Auch Dirks ist bei ihm und seiner Frau eingezogen, er kommt aus dem 90 Kilometer entfernten Cloppenburg. Am Küchentisch geht es immer wieder um ein Thema: den Kormoran.

Pangasius-Importe drücken die Preise

Rudolf Endjer, der den Fischereibetrieb 1997 in vierter Generation von seinem Vater übernommen hat, rechnet bei einer Tasse Kaffee vor, wie sehr der Vogel den Fluss- und Seenfischern zu schaffen macht: "Ein Komoran frisst etwa 500 Gramm Fisch am Tag. Wenn also ein Schwarm von 2000 Vögeln auf dem See rastet, vernichtet der am Tag eine Tonne." Bundesweit fressen Komorane laut dem Institut für Binnenfischerei jährlich 20.000 Tonnen Fisch aus deutschen Flüssen und Seen. Natur- und Vogelschutzbestimmungen machen es den Fischern schwer, dagegen vorzugehen.

Der Vogel ist aber nicht das einzige Problem für Deutschlands Fluss- und Seenfischer: In vielen Gewässern ist das Fischen ganz verboten. Kraftwerke entnehmen Wasser aus den Flüssen und häckseln dabei die Fische in ihren Turbinen, Gänseschwärme verunreinigen die Gewässer und billige Pangasius-Importe aus Aquakulturen im Ausland drücken die Preise.

Auch viele Fluss- und Seenfischer wechseln nach der Ausbildung zur Aquakultur, wo Fische gezüchtet werden. "Dort findet man auf jeden Fall einen Job", sagt Endjer. Arbeitslos ist seines Wissens noch niemand seiner Azubis geworden. Auch Thomas Dirks könnte nach seiner Ausbildung in einer nahe gelegenen Fischfarm anfangen. Vorstellen kann er sich das, aber: "Am liebsten würde ich bei den Fluss- und Seenfischern bleiben."

Denn auf eines müsste er bei einer Fischfarm wohl verzichten: auf die tägliche Fahrt über die Seen zu den Reusen. Nur er, das Boot und das Wasser - und das ist das, was Thomas Dirks an seinem Job am meisten liebt.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Passow (Jahrgang 1979) hat in Leipzig und Lima (Peru) Hispanistik, Germanistik und Journalistik studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg und Umgebung.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LeToubib 27.07.2012
1.
Der Artikel verwundert mich: Mein erster Schwiegervater galt als der letzte lebende Flussfischermeister in der BRD, der Suedwestfunk brachte eine Sondersendung ueber ihn und der Bayrische Rundfunk widmete ihm ein Folge seiner Serie "Der Letzte seines Standes?" (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Letzte_seines_Standes%3F). Da er aber niemals jemanden ausgebildet hat, bei wem ist dieser angehende Flussfischer dann Azubi?
niska 27.07.2012
2.
Zitat von LeToubibDer Artikel verwundert mich: Mein erster Schwiegervater galt als der letzte lebende Flussfischermeister in der BRD, der Suedwestfunk brachte eine Sondersendung ueber ihn und der Bayrische Rundfunk widmete ihm ein Folge seiner Serie "Der Letzte seines Standes?" (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Letzte_seines_Standes%3F). Da er aber niemals jemanden ausgebildet hat, bei wem ist dieser angehende Flussfischer dann Azubi?
Er scheint ein Seenfischer zu sein, steht im Text. Die braucht es m.E. auch in reduzierter Zahl noch ein Weilchen zur Bestandshege zum Wohle der Seen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.