Sandsack-Unternehmer "Unsere Vorräte gehen zur Neige"

Gut, wenn man beim Hochwasser Sandsäcke hat. Stefan Seidel liefert sie. Der Braunschweiger Unternehmer verschickt die Säcke leer oder befüllt - und kommt derzeit kaum hinterher. Im Interview verrät er, warum für Sandsäcke oft gilt: Plastik statt Jute.

Hilfreiches Naturprodukt: Jute-Sandsäcke verrotten schnell - beim Aufräumen ein Vorteil
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Hilfreiches Naturprodukt: Jute-Sandsäcke verrotten schnell - beim Aufräumen ein Vorteil


KarriereSPIEGEL: Herr Seidel, Sie haben gerade noch Lastwagen mit Sandsäcken abgefertigt. Wie viele sind nun unterwegs?

Seidel: Acht, jeder mit 25 Tonnen Sandsäcken, ungefüllte und gefüllte. Wir waren 2004 meines Wissens die ersten weltweit, die auch gefüllte Sandsäcke verkauften. Die Fuhren sind unterwegs nach Bayern, Thüringen, aber vor allem Richtung Elbe, nach Magdeburg und Dessau. Das Wasser schiebt sich jetzt von Dresden aus langsam nach Norden.

KarriereSPIEGEL: Und für welche Wasserhöhe reicht so eine Lkw-Ladung?

Seidel: Auf einen Lkw passen 2000 gefüllte Sandsäcke - wenn das Wasser einen Meter hoch steht, kann man damit eine Schutzmauer von etwa 100 bis 150 Metern bauen.

KarriereSPIEGEL: Seit wann wussten Sie, dass ein Hochwasser ansteht?

Seidel: Ich verfolge immer die Wettervorhersage, das gehört zu meinem Beruf. Und wir werden von der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes über Unwetterwarnungen informiert, egal um welche Uhrzeit. Dieses Mal war das vor etwas über einer Woche, wir hatten hier in Braunschweig und Umgebung ja ziemliches Hochwasser. Da haben wir natürlich auch vor Ort schnell geholfen. Jetzt hat sich die Lage bei uns aber etwas entspannt.

KarriereSPIEGEL: Wenn der Bedarf auf einmal so groß ist wie jetzt: Wo bekommen Sie das nötige Personal her?

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Hochwasser: Fluten in Deutschland
Seidel: In solchen Fällen setze ich Aushilfen aus dem Ort ein. Da braucht man schon die richtigen, ein Sack wiegt schließlich zwölf Kilo. Meine Arbeitskräfte sind so gebaut, dass sie das gut wegstecken. Wir haben in dieser Woche mehrere tausend Sack pro Tag gefüllt, in drei Schichten, rund um die Uhr. Ich habe wenig geschlafen, im Schnitt vier Stunden. Wir können ja bei Hochwasser nicht sagen: Heute nicht, es ist Wochenende oder Feiertag.

KarriereSPIEGEL: Also eine typische Saisonbranche?

Seidel: Nein, wir beliefern das ganze Jahr über Baufirmen, Deponien, Feuerwehren mit Sandsäcken. Und Teebeutel nähen wir auch. Das Hochwasser ist ein Zusatzgeschäft.

KarriereSPIEGEL: Wie groß ist Ihr Lager?

Seidel: Wir haben Sand für 20.000 bis 30.000 Säcke. Sand wird ja nicht schlecht, der kann im Winter höchstens gefrieren. Aber unsere Vorräte gehen zur Neige. Wir haben in der vergangenen Woche über eine Million Sandsäcke ausgeliefert. 50.000 Säcke haben wir noch. Nachschub kommt erst wieder in zwei, drei Wochen.

KarriereSPIEGEL: Und wo kommt der her?

Seidel: Die Säcke werden eigentlich nur noch in Fernost gefertigt, egal ob sie aus Jute oder Kunststoff sind. Sie hier in Deutschland herzustellen, ist schon lange zu teuer.

KarriereSPIEGEL: Ihren Familienbetrieb gibt es seit 1945. Wie wird man Sandsackhändler?

Seidel: Wir haben damals damit angefangen, Sacknähzwirn herzustellen und bauten eigene Sacknähanlagen. Aber auch das Nähgarn machen wir nicht mehr selbst, sondern importieren es aus Asien - das rechnet sich sonst nicht. Ich selbst habe mein Handwerk noch in einer Jutespinnerei gelernt.

KarriereSPIEGEL: Was taugt besser als Sandsack: Jute oder Plastik?

Seidel: Daran scheiden sich die Geister. Haltbar sind beide gleich gut, aber die einen sagen, Jute ist besser, weil es rutschfester ist. Aber es ist auch teurer. Zudem ist es unangenehmer, damit zu arbeiten: Das Material ist rau, es wird in Asien meist mit Pestiziden bearbeitet, um es haltbar zu machen, es ist schließlich ein Naturprodukt. Ich habe davon auch schon Ausschlag bekommen. Das war früher während meiner Lehre nicht so - damals roch Jute noch nach Jute, nicht nach Chemikalien. Jutesäcke werden hauptsächlich für Großeinsätze benutzt, etwa um Deiche zu dämmen.

KarriereSPIEGEL: Wieso?

Seidel: Weil Jute nach einem Vierteljahr verrottet. Das können Sie einfach liegen lassen. Die Säcke muss dann keiner mehr wegräumen, wenn das Hochwasser vorbei ist.

KarriereSPIEGEL: Und was spricht für Kunststoff?

Seidel: Für den Hausgebrauch ist das besser. Die sind ausschließlich aus Polypropyläen. Aus dem gleichen Material sind auch Joghurtbecher und Kartoffelsäcke, das lässt sich ganz normal über den Hausmüll entsorgen.

KarriereSPIEGEL: Die Anschrift Ihrer Firma lautet "Hohe Wiese". Eine strategische Lage, um selbst hochwassergeschützt zu sein?

Seidel: Wir liegen hier tatsächlich so hoch, dass nichts passiert. Wenn die Oker in Stöckheim, im Süden von Braunschweig, über die Ufer tritt, betrifft uns das nicht. Viel gefährlicher für die Bevölkerung ist sowieso das steigende Grundwasser: Die Böden sind ja vollgesogen, sie können kein Wasser mehr aufnehmen.

KarriereSPIEGEL: Wer sind Ihre Hauptkunden?

Seidel: Feuerwehr, THW, Landkreise, Verwaltungsgemeinschaften - so genau kann man das nicht sagen. Denn das Problem in Deutschland ist: In jedem Ort ist eine andere Institution dafür zuständig, Sandsäcke zu bestellen. Bei den einen ist es das Ordnungsamt, bei anderen der Bauhof oder die Stadtentwässerung.

KarriereSPIEGEL: Sie machen gerade wahrscheinlich Ihr Geschäft des Jahres. Ist es nicht seltsam, mit dem Unglück anderer Menschen Geld zu verdienen?

Seidel: Das sehe ich anders. Ich helfe mit meinem Material und meinem Wissen. Wir verkaufen hier ja keine Luxusgüter, sondern Dinge, mit denen Menschen ihr Hab und Gut schützen. Ich war 1997 und 2002 bei der Oderflut dabei und habe viel Elend gesehen. Um zu helfen, arbeiten wir auch gern rund um die Uhr. Ich hoffe aber, dass in zwei, drei Tagen alles wieder vorbei ist. Für die betroffenen Menschen - aber auch für meine Leute. Wir müssen uns mal erholen.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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Atheist_Crusader 04.06.2013
1.
Zitat von sysopDPAGut, wenn man beim Hochwasser Sandsäcke hat. Stefan Seidel liefert sie. Der Braunschweiger Unternehmer verschickt die Säcke leer oder befüllt - und kommt derzeit kaum hinterher. Im Interview verrät er, warum für Sandsäcke oft gilt: Plastik statt Jute. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/flut-sandsack-unternehmer-im-interview-a-903694.html
Unsinnige Frage. Das Gleiche könnte man auch Produzenten von Wundverbänden oder Feuerlöschern fragen.
lotoseater 04.06.2013
2. Fehlerkorrektur
Das Material heißt Polypropylen (http://de.wikipedia.org/wiki/Polypropylen), nicht "Polypropyläen". Soviel Zeit muss sein.
quark@mailinator.com 04.06.2013
3. Genau
Zitat von Atheist_CrusaderUnsinnige Frage. Das Gleiche könnte man auch Produzenten von Wundverbänden oder Feuerlöschern fragen.
Dachte ich auch sofort - Schlüsseldienste, Ärzte, z.T. die Polizei, ... extrem vieler Leute Geschäft basiert darauf, daß jemand anderes sich in einer schlechten Lage befindet. Allerdings muß ich zugeben, daß mir selbst die Frage auch ganz kurz in den Sinn kam, nur um dann schnell wieder "gelöscht" zu werden ;-) ...
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