Lebensmittelkünstler Bugs Bunny schmeckt einfach besser

Er steht den ganzen Tag in der Küche, kocht aber nichts: Isidro Sasa ist Food Artist von Beruf. In einem Kölner Hotel verwandelt er Wassermelonen und Karotten in Blumen, Fische oder Dinosaurier. Das freut die Gäste. Und verleitet zum Naschen.

Marie-Charlotte Maas

Von Marie-Charlotte Maas


Isidro Sasa steht in der Hotelküche in Köln und schnitzt in rasender Geschwindigkeit an einer Wassermelone. Neben ihm liegt eine ganze Kompanie von Messern und Feilen, die er fast ohne hinzusehen greift. Um ihn herum wuseln Kollegen, bringen Lebensmittel in die Kühlkammer und schauen ihm neugierig über die Schulter. Den 55-Jährigen stört das nicht. Manch einem wirft er ein freundliches "Wie geht's?" zu, ohne sich bei seiner Arbeit unterbrechen zu lassen.

Isidro Sasa arbeitet seit 20 Jahren als Food Artist, seit 18 Jahren in deutschen Hotels. Eine Stellenausschreibung brachte ihn Mitte der neunziger Jahre nach Leipzig: Ein Vier-Sterne-Hotel suchte einen Lebensmittelkünstler. Sasa überzeugte die Personalchefs und verließ die Philippinen. "Ich ging davon aus, dass ich nur ein paar Jahre bleiben würde", sagt er. "Nun nenne ich Deutschland meine zweite Heimat."

Zum Lebensmittelkünstler ist Sasa quasi über Nacht geworden. Wie sein Vater verdiente er auf den Philippinen sein Geld als Bildhauer, bis ihn eines Tages eine Bekannte fragte, ob er nicht auch aus Obst und Gemüse Skulpturen machen könne. Warum nicht?, fragte sich Sasa und schnitzte aus einer Wassermelone einen Schwan. Die Bekannte, die in einem Hotel in Manila arbeitete, war begeistert. Als nächstes besorgte sie ihm einen Eisblock aus dem Kühlhaus. Auch daraus konnte Sasa eine Figur machen. Und schon hatte er einen Arbeitsvertrag.

Fotostrecke

7  Bilder
Eingesperrte Azubis: Kochen für den Anstaltsleiter
Mittlerweile sind zwei seiner fünf Brüder ebenfalls Food Artists. Auf seinen jüngeren Bruder sei er ein bisschen neidisch, erzählt Isidro Sasa: "Er arbeitet in einem Hotel in Dubai, und ich muss zugeben, dass er mittlerweile besser ist als ich."

Um professioneller Food Artist zu werden, braucht es ein gewisses Talent, aber auch viel Übung. "Es ist eine Frage der Technik", sagt Sasa. "Als gelernter Bildhauer kann man eigentlich mit jedem Material arbeiten, aber man benötigt unterschiedliches Werkzeug." Mit Eis müsse man außerdem vorsichtiger arbeiten. "Power mit Kontrolle", nennt Sasa seine Arbeitsweise: Nicht zu fest, nicht zu zaghaft.

Allerdings geht auch bei ihm mal etwas schief: Ausgerechnet bei einer Art Olympiade für kulinarische Kunst in Singapur brach ihm der Flügel eines Vogels aus Eis ab. Er bewahrte die Ruhe und reagierte schnell: "Wenn das Eis noch sehr fest ist, klebt es gut und man kann abgebrochene Stücke problemlos wieder anbringen." Trotz des Malheurs belegt er den ersten Platz.

Rennwagen aus Eis für Michael Schuhmacher

In Asien hat die Arbeit des Food Artist eine jahrhundertelange Tradition. Wer dort Koch wird, erhält auch gleich eine Einführung in die Kunst des Lebensmittelschnitzens. In Deutschland ist der Beruf bislang wenig verbreitet, eine Ausbildung gibt es nicht. Isidro Sasa ist aber überzeugt, dass sich die Idee der Lebensmittelkunst auch hier langsam durchsetzen wird. Die Deutschen seien allerdings nicht ganz so talentiert wie seine Landsleute, sagt er und lacht.

Am liebsten arbeitet Sasa mit der Wassermelone, der Optik wegen: "Die Farben sind sehr schön, man hat grün, weiß und rot in einem Obst vereint." Rund zehn Minuten braucht er, um aus einer Wassermelone einen Fisch zu schnitzen. Blumen gehen noch schneller. An manchen Werken sitzt aber auch er tagelang, etwa an einer Nachbildung des Kölner Doms. 2005 hat er für Michael Schuhmacher einen Formel-1-Wagen aus sechs Eisblöcken gebaut, er wog 900 Kilogramm.

Dass seine Kunst dem Hunger der Gäste zum Opfer fällt oder einfach schmilzt, findet Isidro Sasa überhaupt nicht schlimm. Er freut sich über die Begeisterung der Gäste - vor allem über die der Kleinsten. Für sie steht Isidro Sasa jeden Sonntag am Frühstücksbuffet, um aus Gemüse und Obst Figuren wie Bugs Bunny oder Dinosaurier zu schnitzen. Gut finden das auch die Eltern: Denn so ein Karotten-Tyrannosaurus-Rex wird von den meisten Kindern ganz ohne Murren gegessen.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Marie-Charlotte Maas (Jahrgang 1984) arbeitet als freie Journalistin in Köln.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hjb2 16.04.2013
1. Skulpturen aus Kartoffeln
Hier ein interssanter Beitrag zu Gemüse und Kunst https://www.facebook.com/pages/Harald-J-Braun-The-Organic-Sculpture/135564919838950 www.harald-j-braun.de/sculp/index.html
s.maier75 16.04.2013
2. Selbstständig und Mutter
Hier gibt es einen sehr interessanten Artikel von der Spitzenköchin Cornelia Poletto, über Mütter die freiberuflich arbeiten http://www.atkearney361grad.de/ueber-die-unterschiedlichen-herausforderungen-selbstaendiger-und-angestellter-muetter/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.