Beruf Foodstylist Bitte recht appetitlich!

In echt kommt nur Matsch mit Soße heraus, doch auf der Packung wirkt das Gemüse prall und saftig. Foodstylist Tino Kalning präpariert Lebensmittel mit Föhn und Pinzette so, dass sie unwiderstehlich aussehen. Täuschung will er sich nicht vorwerfen lassen.

Von Steve Przybilla

Steve Przybilla

Noch ein paar Luftstöße mit dem Baumarkt-Föhn, dann ist der Schafskäse geröstet. "In echt wäre der Brokkoli schon braun, bevor der Käse überhaupt geschmolzen ist", sagt Tino Kalning. Die Rede ist von einem Gemüseauflauf, den Kalning für einen Lebensmittelkonzern in Szene setzt. Essen sollte man das Werk besser nicht, denn die Zutaten sind nicht durchgegart. "Wenn man sie kocht, verlieren sie viel zu schnell ihre Farbe."

Ob Grillsteaks, Tütensuppen oder komplette Menüs: Der Foodstylist aus Frankfurt weiß genau, mit welchen Kniffen man Lebensmittel möglichst appetitlich aussehen lässt. Beim nächsten Gericht, Putentopf mit Frischkäse, kocht er erst mal Grießbrei. Mit ihm füllt er einen Großteil der Auflaufform - sieht ja keiner. In den Nudeltopf kommt eine Prise Lebensmittelfarbe, in die Pfanne ordentlich Öl: "Das Fleisch muss schön kross aussehen", sagt der 38-Jährige.

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Bildband: Werbung gegen Realität
Dass die Pute zum Essen längst zu trocken wäre, stört nicht - Hauptsache, die Optik stimmt. Zu Kalnings Handwerkszeug gehören Pinzetten, Pinsel, Steck- und Akupunkturnadeln. Nur so lassen sich wackelige Gerichte wie Hamburger oder einzelne Erdbeerkörner in Form bringen. Kugelausstecher sind ebenfalls ein Muss: "Die Löcher im Käse sind nie da, wo sie sein sollten." Wie viel getrickst wird, lässt sich oft nur erahnen. Einen guten Eindruck vermittelt der Berliner Künstler Samuel Müller in seinem 2012 erschienenen Buch "Werbung gegen Realität" (siehe Fotostrecke).

Foodstylisten arbeiten aber nicht nur für die Lebensmittelindustrie. Mal setzen sie Gerichte für Kochbücher in Szene, ein anderes Mal für Zeitschriften oder Fernsehsendungen. "Man darf kein Problem damit haben, viel unterwegs zu sein", sagt Kalning. "Und kochen sollte man natürlich auch können." Wie viele in Deutschland diesem Job nachgehen, ist unklar, da es hierzulande weder einen Berufsverband noch eine geregelte Ausbildung gibt.

"Konstruierte Zufälligkeit"

Meist lernen Foodstylisten ihr Handwerk in der Gastronomie und wenden sich später der Fotografie zu - oder umgekehrt. "Ich wusste lange Zeit nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt", erzählt Kalning, der nach seiner Ausbildung zum Koch zunächst in einem Drei-Sterne-Restaurant gearbeitet hat. Vor 13 Jahren machte er sich schließlich selbständig, nachdem er ein Praktikum bei einem Frankfurter Foodstylisten absolviert hatte.

Es sei anfangs schwierig gewesen, an Aufträge heranzukommen: "Ich habe kostenlos gearbeitet, um Fotografen kennenzulernen. Nur so kommt man überhaupt rein." Heute wird er meistens von Fotografen gebucht. "Ohne Kontakte läuft da nichts", so Kalning. Unter den Foodstylisten gebe es wiederum Experten, die sich auf bestimmte Produkte wie Bier oder Eiskugeln spezialisiert hätten.

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Currywurst, Yoga, Gottesdienst: Mittagspausen in aller Welt
Zwischen 350 Euro und 1000 Euro verdient Kalning nach eigenen Angaben am Tag - je nach Auftraggeber. "Es gibt auch längere Phasen, in denen ich keine Aufträge habe." Trotz digitaler Bildbearbeitung sieht er eine gute Perspektive für seinen Job: "Irgendjemand muss das Essen ja kochen." Wichtig sei die richtige Vorbereitung. "Am Anfang meiner Karriere sollte ich einen Joghurtlöffel mit Schwung ablichten, habe dafür aber zwölf Stunden gebraucht." Inzwischen koche er schwierige Aufträge zu Hause vor - "alles eine Frage der Technik".

Drei Stunden später drückt Frank Weinert zum ersten Mal den Auslöser. "Sieht doch gut aus", findet der Werbefotograf, der regelmäßig mit Kalning zusammenarbeitet. Doch gut ist noch lange nicht perfekt. Das Holzbrett wirkt zu klinisch, die Soße ist kaum zu sehen, der Kontrast ist nicht stark genug. Also greift Kalning noch einmal zur Pinzette, wendet, arrangiert, sprüht Wasser aufs Holzbrett. "Konstruierte Zufälligkeit" nennt er das, was die Großbildkamera nach mühevoller Kleinstarbeit einfängt.

Das Glyzerin-Fläschchen ist an diesem Tag nicht zum Einsatz gekommen. Foodstylisten benutzen die Chemikalie, um Wassertropfen zu stabilisieren. "Die werden dann schön rund und kugeln nicht weg", erklärt Kalning. Hat er bei so viel Trickserei kein schlechtes Gewissen? Der Präparator schüttelt energisch den Kopf. "Auf Chemie greifen wir nur in den seltensten Fällen zurück." Echtes Essen sehe eben oft nicht appetitlich aus. "Da müssen wir etwas pushen."

Selbst Verbraucherschützer finden das nicht zwangsläufig verwerflich. "Kritisch wird es, sobald die Abbildungen mit der Realität nichts mehr zu tun haben", sagt Foodwatch-Sprecher Andreas Winkler. Solche Hinweise landen oft beim Internetportal lebensmittelklarheit.de, das die Verbraucherzentralen betreiben - etwa, wenn eine Waffel mit dickem Schokoüberzug dargestellt wird, obwohl sie nur ein Prozent Schokolade enthält. Anprangern können das die Experten aber nur manchmal: über genaue Zutatenmengen schweigen sich die Hersteller gerne aus.

  • Steve Przybilla (Jahrgang 1985) ist freier Journalist und lebt in Freiburg im Breisgau.



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boingdil 23.01.2014
1. Auch nichts anderes als Make-up bei Models
Glaubt ja auch keiner das Klum & Co ohne Schminke, Friseur und Photoshop so aussähen wie im Hochglanzmagazin.
dani216 23.01.2014
2. Finde ich schon klasse, wenn
Zitat von sysopSteve PrzybillaIn echt kommt nur Matsch mit Soße heraus, doch auf der Packung wirkt das Gemüse prall und saftig. Foodstylist Tino Kalning präpariert Lebensmittel mit Föhn und Pinzette so, dass sie unwiderstehlich aussehen. Täuschung will er sich nicht vorwerfen lassen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/foodstylisten-praeparieren-lebensmittel-fuer-fotos-a-944801.html
sich einer abrackert, um was gut aussehen zu lassen, und auf derselben Seite werden Fotos gezeigt, wie es dann in der Wirklichkeit ist. Das Beispiel zeigt aber doch exemplarisch, dass Werbung immer weniger mit Realitäten zu tun hat - nicht nur im Lebensmittelbereich, sondern m.E. mittlerweile überall. Ich habe mittlerweile gelernt, dass Werbung und deren Phrasen nichts mehr mit dem Produkt zu tun haben und mache eine Kaufentscheidung mehr davon abhängig. Insofern könnten sich die Firmen auch ihr kostspieliges Geschwurbel sparen. Insofern könnten
b.a.c.h. 23.01.2014
3. Passender Anglizismus
Herrn Przybilla, Jahrgang 1985, sollte vielleicht noch wissen, daß es das Wort "Foodstylist" im Englischen nicht gibt. Dort heißt es "Home Economist", also Hauswirtschafter. In diesem Falle ist doch die deutsche Wortschöpfung irgendwie passender.
mainzelmann62 23.01.2014
4. Werbung....
dient nur dazu die unentschlossenen, die sich nicht anhand von wirklichen Fakten informieren wollen oder können zu ködern. Ein informierter Mensch reagiert nicht auf Werbung, zumindest nicht so, wie die Werbeprofis dies gerne hätten, in dem sie den Müll kaufen
medicus22 23.01.2014
5. Täuschung
Klar ist es Täuschung. Es spricht für die Lebenmittel, dass sie aufwendig gepimpt und nachgestellt werden müßen. Essen kochen, fotografieren und fertig. Werbung entledigt sich seiner selbst mit diesen ständigen Übertreibungen. Zurück bleiben Enttäuschte. Das schadet den Firmen auf lange Sicht mehr. Jeder Mensch ist das Dank Hilfsmittel ein Model. Und das Handwerk des Fotografen verkommt immer mehr zum digitalen Nachbearbeiter. Irgendwann gehen die guten Fotografen zurück zum Film um sich abzugrenzen.
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