Beruf Fotojournalist Knipsen, um zu bewegen

"So viel Angst hatte ich noch nie", sagt Axel Heimken über einen Auftrag als Kriegsfotograf in Afghanistan. Der Fotojournalist kehrte zurück nach Deutschland, wo ihm an einem Ort des Friedens eine preisgekrönte Aufnahme gelang.

Von

Markus Huth

Sollten sie wirklich aufsteigen? Es war riskant. Das wusste der US-Offizier, der nur eine Pistole dabei hatte. Und das wusste Fotograf Axel Heimken, ganz ohne Waffe, nur mit Kamera. Die Afghanen, mit denen sie auf dem Laster saßen, trugen Kalaschnikows. "Für euch bekomme ich mindestens drei Millionen Dollar Lösegeld", knurrte ein Greis mit Turban und Sonnenbrille bei der Ankunft im Dorf. Dann hallte sein Lachen durch die Berge: "Nur ein Scherz! Ihr seid natürlich Gäste von Mullah Tuti!" Der War-Lord hatte den Hauptmann eingeladen, um sich über die Lage im Gebiet zu unterhalten.

An das Erlebnis im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, wo er im Herbst 2011 als "embedded journalist" eine US-Kompanie begleitete, erinnert sich Heimken noch genau. "So viel Angst hatte ich noch nie in meinem Leben", sagt der fast zwei Meter große Mann heute. Der 49-Jährige ist seit vielen Jahren Fotojournalist, arbeitete für die amerikanische Presseagentur Associated Press, für die pleitegegangene deutsche Agentur dapd und aktuell für die Deutsche Presse-Agentur dpa.

Jetzt steht Heimken ganz weit weg von Afghanistan, vor der ziegelroten St. Pauli Kirche in seiner Wahlheimat Hamburg. Friedlich ist es hier, wie Lego-Steine reihen sich auf dem Kirchhof weiße Container aneinander. Darin wohnen Menschen, die man seit ihrer Ankunft auf einer italienischen Insel vor drei Jahren als "Lampedusa-Flüchtlinge" kennt. Schwarzafrikanische Arbeitsmigranten, geflohen vor dem Bürgerkrieg in Libyen. "Axel!", ruft einer und winkt. Man kennt Heimken, weil er im Herbst zehn Nächte mit ihnen in der Kirche verbrachte.

Fotostrecke

30  Bilder
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Das Foto, das dabei entstand, ist preisgekrönt: Der Blick von oben auf Jesus am Kreuz mit ausgebreiteten Armen - und unten Menschen, die ihr provisorisches Nachtlager auf dem nackten Holzboden aufgeschlagen haben. Dafür verlieh ihm die Jury des renommierten Fotopreises "Rückblende" einen Sonderpreis.

Heimken nahm sich zwei Wochen Zeit, um das Foto zu machen. "Der schnelllebige Medienbetrieb", sagt er, "lässt einem selten Zeit, um sich tiefer mit einem Thema zu beschäftigen." Als nach einer Pressekonferenz in der Kirche für die meisten Kollegen das Thema erledigt ist, entscheidet er: "Ich will das richtig machen."

Dabei wollte Heimken ursprünglich gar nicht Journalist werden. Zur Fotografie war er über den Kunstunterricht in der Schule gekommen. 1987 schrieb er sich für Foto- und Filmdesign an der FH Dortmund ein. Bald kam die Ernüchterung. "Für mich war das nur Gelaber am Bild. Der Einzige, der dort wirklich etwas draufhatte, war der Werkstattleiter unten im Keller." Und der riet ihm: Vergiss das Studium und mach eine Ausbildung zum Werbefotografen. Heimken folgte dem Rat. Nach einiger Zeit in der Werbung und als Fotograf beim Deutschen Handballbund holte ihn Associated Press schließlich nach Hamburg.

Manche verdienen unter Hartz-IV-Niveau

Anders als Heimken haben viele seiner Kollegen keine Ausbildung, Autodidakten sind in der Branche weit verbreitet. Kein Nachteil, findet er. Denn Bildaufbau, Schärfe und alles Weitere, was ein gutes Foto ausmacht, könne jeder lernen. Auch weil die Fototechnik heute digital leichter zu beherrschen ist als noch zu Analog-Zeiten. Ohne eines könne allerdings niemand Fotojournalist werden: "Das Wichtigste ist Neugier."

Die verschlug ihn auch in Kriegsgebiete. In Afghanistan traf er auf Anja Niedringhaus, die deutsche Kriegsfotografin, die vor wenigen Tagen in Ostafghanistan von einem Polizisten erschossen wurde. Sie gab Heimken Tipps zu seinem Aufenthalt, ein paarmal tauschten sie sich über die Lage vor Ort aus. "Sie war eine der erfahrensten, besten und beliebtesten Kolleginnen in dem Geschäft." Doch hundertprozentigen Schutz werde es in Kriegs- und Krisengebieten nie geben. "Es gibt immer ein Risiko, das man eingehen muss, wenn man berichten will." Heimken ist dieses Risiko zu groß geworden, ins Kriegsgebiet will er so schnell nicht mehr. "Das machen auf Dauer nur Adrenalin-Junkies", sagt er.

Mit 3500 Euro brutto im Monat verdient Heimken vergleichsweise gut. "Ich kenne freiberufliche Fotografen, die unter Hartz-IV-Niveau verdienen", sagt er. Nur wer Ausdauer mitbringt und sich lange im Geschäft behauptet, hat eine Chance. Sein wichtigster Auftraggeber ist die dpa, für einen Achtstundentag bekommt er dort 210 Euro. Aber auch Fotos für Vereine, Unternehmen oder Hochzeitspaare tragen zum Einkommen bei. Am besten ist die Situation für festangestellte Fotojournalisten, von denen es wegen der Medienkrise aber immer weniger gibt. Trotzdem findet Heimken: "Es ist der beste Beruf der Welt."

Er steht nun oben in der St. Pauli Kirche neben dem Gekreuzigten und erklärt, wie er sein preisgekröntes Foto gemacht hat. Mit einem sogenannten Fischaugenobjektiv, das besonders weitwinklige Bilder ermöglicht. Obwohl ihm ein renommiertes Magazin deutlich mehr Geld dafür bot, sagt der Fotograf, habe er es an die dpa verkauft. "Sie beliefert alle Redaktionen im Land und ich wollte, dass so viele Menschen wie möglich vom Schicksal der Flüchtlinge erfahren." Klar freue er sich über Auszeichnungen, sagt er. "Aber viel wichtiger ist, dass für die Flüchtlinge endlich eine Lösung gefunden wird." Sie könnten schließlich nicht ewig auf dem Kirchhof bleiben.

  • Markus Huth (Jahrgang 1982) ist Chefredakteur von "Weltseher", einem digitalen Magazin für Reportagen. Daneben arbeitet der studierte Archäologe und ausgebildete Nachrichtenredakteur als Autor und Fotograf für renommierte Print- und Online-Medien. Gerade lebt er im bulgarischen Plovdiv und schreibt ein Buch für den Random House Verlag.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
fotograf-ffm 09.04.2014
1. Gelaber...
Der Mann hat so recht: "Für mich war das nur Gelaber am Bild. Der Einzige, der dort wirklich etwas draufhatte, war der Werkstattleiter unten im Keller."
spon-facebook-10000781524 10.04.2014
2. Fotojournalist = Billige Arbeitskraft?!
Wie heißt es so schön in dem Artikel: "Manche verdienen unter Hartz-IV-Niveau". Wie wahr! (...) "Sein wichtigster Auftraggeber ist die dpa, für einen Achtstundentag bekommt er dort 210 Euro." ... Nennt sich das nicht Ausbeutung? 210 Euro für einen ganzen Tag? Unglaublich! Nach MFM-Liste sollte ein Fotojournalist für 8 Stunden zwischen 385 und 550 Euro erhalten; bei PR-Arbeiten gar 1.100 Euro. Ich frage mich, warum die dpa so schlecht zahlt?
spon-facebook-10000781524 10.04.2014
3. Fotojournalist = Billige Arbeitskraft?!
Wie heißt es so schön in dem Artikel: "Manche verdienen unter Hartz-IV-Niveau". Wie wahr! (...) "Sein wichtigster Auftraggeber ist die dpa, für einen Achtstundentag bekommt er dort 210 Euro." ... Nennt sich das nicht Ausbeutung? 210 Euro für einen ganzen Tag? Unglaublich! Nach MFM-Liste sollte ein Fotojournalist für 8 Stunden zwischen 385 und 550 Euro erhalten; bei PR-Arbeiten gar 1.100 Euro. Ich frage mich, warum die dpa so schlecht zahlt?
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