Frauen als Hauptverdiener Geld ist Macht, auch in der Beziehung

Wenn seine Frau Karriere macht und mehr Geld nach Hause bringt, erlebt mancher Mann das als persönliches Fiasko. Es kann die Lunte an eine Beziehung legen, sagt Ingrid Müller-Münch. Wie können Paare verhindern, dass sie in der Falle alter Rollenmuster landen?

Ein Interview von

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Zur Person
  • Annika Fußwinkel/ WDR
    Ingrid Müller-Münch war Redakteurin beim "Stern" und arbeitet heute vor allem für den WDR. Die Journalistin und Autorin lebt in Köln.

KarriereSPIEGEL: Frau Müller-Münch, in Ihrem Buch "Sprengsatz unterm Küchentisch" geht es um Frauen als Hauptverdiener der Familie. Die Große Koalition hat eine Frauenquote für Aufsichtsräte vereinbart. Hilft das auch Frauen in anderen Führungspositionen?

Müller-Münch: Selbstverständlich. Langfristig werden Frauen in den Chefetagen die Atmosphäre in den Unternehmen verändern. Und zwar so, dass sich nicht mehr nur Männer hier wohlfühlen. Sondern auch gut ausgebildete Karrierefrauen, die dennoch gern Kinder und Familie hätten und dafür das entsprechende Umfeld brauchen. Die anders Entscheidungen treffen, anders auftreten, anders miteinander umgehen, als dies Männer tun. Aber dass Frauen bislang oft im oberen Management aufgeben, ist kein Wunder: Die Arbeitszeiten sind nicht auf Familien zugeschnitten. Frauen in Spitzenjobs haben meist niemanden zu Hause, der dafür sorgt, dass abends das Essen auf dem Tisch steht.

KarriereSPIEGEL: Was hat sich verändert, seit Sie vor sechs Jahren mit der Recherche begannen?

Müller-Münch: Zumindest ist es jetzt ein Thema. Damals existierte dieses Phänomen offiziell gar nicht. Erst seit drei Jahren werden auch Haushalte statistisch erfasst, in denen Frauen die Ernährerinnen sind: Immerhin bringen Frauen in 20 Prozent der Haushalte den größten Teil des Verdienstes, wenn nicht gar alles Geld nach Hause. Das sind ungefähr sechs Millionen Frauen. Sie erobern die Jura- und Medizinfakultäten und die Dax-Vorstände. Dabei stelle ich fest: Debattiert wird zwar über die Frauenquote, aber nicht über ihre Auswirkungen auf ein Paar, eine Familie. Was dies auslöst, nenne ich eine Beziehungsrevolution.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Müller-Münch: Beide Partner haben nach wie vor traditionelle Bilder im Kopf: Männer sind die Ernährer, Frauen dürfen etwas dazuverdienen und haben angeblich einen Instinkt für Hausarbeit. So das traditionelle Bild. Aber Top-Verdienerinnen wollen eben abends nicht das Frühstücksgeschirr wegräumen. Ich rede übrigens nicht über Paare, bei denen er Hausmann ist. Diese Rolle füllt er für eine Weile aus, hat sie sich ausgesucht, geht dann meist zurück in seinen Beruf.

KarriereSPIEGEL: Sondern über wen?

Müller-Münch: Ich rede von Männern, für die es keine Bezeichnung gibt. Wären sie eine Frau, dann würde man sie Hausfrau nennen. Die Männer, die ich meine, sind keine Hausmänner. Sie sind ein Nichts. Nehmen Sie die Opel-Mitarbeiter, die Kohlekumpel, die vielen aus der Stahlindustrie, die ihre Arbeit verloren haben - das sind keine Hausmänner. Die meisten von ihnen waschen nicht, bügeln nicht, kochen nicht, sie machen nichts. Sie schämen sich und werden depressiv. Aber wenn ein Mann seinen Job verliert, bleibt den Frauen nichts anderes übrig als vorzupreschen. Und da sie im Schnitt 23 Prozent weniger verdienen als die Männer, brauchen sie oft mehrere Teilzeitjobs, um die Familie zu ernähren.

KarriereSPIEGEL: Wollen Frauen diese Verantwortung überhaupt?

Müller-Münch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein tolles Gefühl ist, arbeiten zu müssen, um vier Personen ernähren zu können. Und das noch bei meist viel geringerem Verdienst als dem der Männer. Aber das Problem ist nicht die Verantwortung. Das Problem ist, dass die Männer mit dieser Situation nicht klarkommen. Ich habe Freundinnen, die ihrem Mann Geld zustecken, wenn sie essen gehen, damit er zahlen kann. Männer empfinden den Erfolg ihrer Frau als persönlichen Misserfolg, ergab eine Studie der University of Florida. Ein Mann, der den Haushalt macht, fühlt sich oft sozial deklassiert. Die Hierarchien haben sich ja doppelt verschoben, denn in unseren Köpfen besteht ein erfolgreiches Paar immer noch aus einem Professor und, möglicherweise gesellschaftlich anerkannt, einer Frau mit 450-Euro-Job. Selbst Internetkontaktbörsen verkuppeln nie einen Pfleger mit einer Oberärztin, sondern ganz traditionell Krankenschwester mit Chefarzt.

KarriereSPIEGEL: Wie geht man damit um, dass ein Job immer auch Statussymbol ist?

Müller-Münch: Wir wollen nun mal lieber erfolgreiche Menschen an unserer Seite als solche, die zu Hause rumhängen. Frauen müssten lernen, sich zu sagen: Ich bin eine tolle Type, mein Image hat mit meinem Mann nichts zu tun. Was Paare daraus machen, ist auch milieuabhängig. In Künstler- und Intellektuellenkreisen sagt man dann etwa: "Mein Mann schreibt ein Buch" oder "er ist Fotograf", "er ist Architekt". Das klingt immerhin gut. Jedenfalls besser als: "Er arbeitet im Baumarkt und verkauft Kacheln."

KarriereSPIEGEL: Wenn ein Paar in diese Situation kommt - was können die beiden machen?

Müller-Münch: Sie sollten sich beraten lassen und ganz grundsätzlich klären, welche Rolle Geld in ihrer Beziehung spielt - denn Geld ist Macht. Sie müssen die Situation akzeptieren und versuchen, sich von alten Rollenmustern zu lösen. Und die Frauen sollten mit dem Haushaltsgeld großzügig sein: Ein Mann ist einfach nicht sexy, wenn er um jeden Euro betteln muss. Ein Paar, mit dem ich sprach, hat es geschafft, aber es war ein langer Kampf. Jetzt arbeitet er drei Tage, sonst kümmert er sich um die Autos, das Haus und den Garten.

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KarriereSPIEGEL: Wie war die Rollenverteilung bei Ihren Eltern?

Müller-Münch: Meine Mutter war Hausfrau, das war ja die Normalität. Ein Mann musste es sich leisten können, dass seine Frau nicht arbeiten geht. Aber heute sind zehn Millionen Frauen mehr berufstätig als noch vor 20 Jahren. Bei meinen Großeltern waren die Rollen ebenso klar verteilt: Mein Großvater bekam immer das größte Stück Fleisch - und genau darum geht es auch heute: Wer bekommt das Fleisch?

KarriereSPIEGEL: So verkrustet ist das unter Mittdreißigern doch längst nicht mehr.

Müller-Münch: Ja, junge Leute handeln die Rollen neu aus. Ideal wäre, wenn beide eine Dreiviertelstelle haben, die Kinder gut versorgt sind und man sich den Rest teilt. Aber das ist Wunschdenken. Immerhin: Junge Männer fangen an, sich dem Karrierestress zu verweigern. Und das ist gut, schon aus Eigeninteresse: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen, haben doppelt so häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Liste ist lang - das liegt auch an dem Druck als Alleinernährer.

KarriereSPIEGEL: Frauen in Spitzenpositionen sagen oft: Am besten gleich einen Mann suchen, der es aushält, wenn sie Karriere macht. Gute Idee?

Müller-Münch: An sich ja. Nur so jemanden zu finden ist nicht leicht. Viele dieser Frauen, die weiterhin nach einem bessergestellten Partner Ausschau halten, werden allein bleiben. Schon deshalb muss sich dringend etwas ändern. Denn der Preis, den Frauen ansonsten zahlen, ist einfach zu hoch. Doch das alles muss wachsen. Schauen wir mal, was draus wird.

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frank1980 18.12.2013
1. 23 Prozent weniger
Hier wird mal wieder suggeriert Frauen würden für den gleichen Job 23% Prozent weniger verdienen. Das ist nicht so. Frauen verdienen bei gleicher Arbeitszeit und Qualifikation maximal im niedrigen einstelligen % Bereich weniger.
felisconcolor 18.12.2013
2. Ganz doofe Frage
wieviele Frauen in "Toppositionen" haben einen Mann der bei Opel am Band arbeitet oder Zechenkumpel ist oder im Stahlwerk arbeitet. Das würde mich interessieren. Aber diese Frage bleibt die werte Dame schuldig. Denn ich schätze so etwas gibt es nur in Prozentsätzen
haltetdendieb 18.12.2013
3. Frau Münch träumen Sie weiter
In Norwegen, wo das Gendermaistreaming über dreißig Jahre wissenschaftlich vorangetrieben wurde, stellen jetzt die Frauen fest, am liebsten hätten sie wieder die althergebrachte Rollenverteilung. Der Mann verdient, die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt und verdient - wenn nötig - nebenbei etwas dazu. Wenn man alles neue benennt ändert sich aber nicht das grundsätzliche Rollenverständnis. Warten wir die nächsten dreißig Jahre ab, ob nicht dann auch in Deutschland die gleichen Ergebnisse erzieltr werden, wie in den neuesten Umfragen in Norwegen. Ich glaube ja!
waterman2 18.12.2013
4. Der Artikel sagt's doch schon
>>Und da sie im Schnitt 23 Prozent weniger verdienen als die Männer, brauchen sie oft mehrere Teilzeitjobs, um die Familie zu ernähren.>> Frauen können in kfm., juristischen oder medizinischen Berufen, wo i.d.R. keine physischen schweren Belastungen auftreten, die gleiche Arbeit verrichten, wie Männer. Da sie 23% weniger verdienen, werden sie zunehmend eingestellt. Die Firmen nehmen natürlich gerne gleiche Arbeit zu niedrigeren Preisen. Sobald die Löhne für Frauen steigen, steigt reziprok auch deren Arbeitslosigkeit und die Probleme (Depression), wie sie teilweise auch bei Männern auftritt. Der Grund ist die viel zu hohe Produktivität. Heute will jeder arbeiten, aber es gibt nicht genug Arbeit. Sonst hätten wir nicht Jugendarbeitslosigkeiten in Südeuropa von 60% und mehr. Die wollen auch alle noch in Lohn und Brot. Wieviele verzweifelte Praktikanten und Studiumsabsolventen bieten Firmen kostenlose Probearbeit, notfalls auch über mehrere Monate an, nur damit sie irgendwo unterkommen? Deswegen halte ich es für sehr naiv zu glauben, dass Frauen jetzt die Männer überholen. Das ist im Prinzip derselbe Trugschluss wie zu glauben, China hole gegenüber dem Westen gewaltig auf. Sobald in China die Löhne steigen, ziehen ganze Heerscharen westlicher Konzerne ihre Niederlassungen dort ab und verlagern nach Bangladesch und Thailand. Zurück bleiben gigantische Überproduktivitäten in China. Denselben Effekt sehen wir schon bei Rumänien (Nokia). Das Land ist zu teuer geworden, noch bevor es überhaupt ansatzweise auch nur geringfügig Aufschwung nehmen konnte.
Impuls2a 18.12.2013
5. Nach
....und Frauen muessen lernen, nach unten zu heiraten
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