Gleichstellung Warum Frauen selbst bei der Uno seltener Karriere machen

Die Vereinten Nationen kämpfen international für Frauenrechte. Doch in den eigenen Reihen tun sie sich mit der Gleichstellung schwer. Auch anderen globalen Organisationen misslingt sie. Warum?

Sitz des Uno-Sekretariats in New York
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Sitz des Uno-Sekretariats in New York

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Inga Meyerhoff hatte um eine Versetzung gekämpft. Mehrfach habe sie Gespräche in der Zentrale in Genf gesucht, sagt die 44-Jährige, bei der Personaldirektion, beim Betriebsrat, bei einer Ombudsperson. Sie wollte weg von ihrem Chef, von dem sie sich ausgebremst und gemobbt fühlte.

Doch erst drei Jahre später versetzte man sie - auf eine Stelle in einem afrikanischen Land, in das sie nicht wollte. "Ich nahm trotzdem an, ich konnte nicht mehr", erzählt Meyerhoff, die ihren richtigen Namen nicht preisgeben möchte.

Meyerhoff arbeitet für die Internationale Organisation für Migration (IOM). Sie gehört zum System der Vereinten Nationen und ist eine von vielen Organisationen, in denen etliche Staaten zusammenwirken, um die Welt gemeinsam voranzubringen. Sie wollen nach außen hin Standards setzen, auch was die Gleichstellung und Förderung von Frauen betrifft. Doch intern genügen sie den eigenen Ansprüchen oft nicht.

Von Männern geprägte Arbeitskultur

Bei IOM sind verschiedene Abteilungen und Einheiten damit beauftragt, die Gleichstellung voranzutreiben und Mitarbeiter vor Diskriminierung zu schützen. Wer sich benachteiligt fühlt, kann das etwa beim Ethik- und Verhaltensbüro melden, einen formellen Antrag auf Überprüfung bei der Personalabteilung stellen oder sich an eine Ombudsperson wenden.

Meyerhoff hat das getan - und fühlte sich dennoch alleingelassen. Jahrelang musste sie weiter unter einem Chef arbeiten, mit dem sie anfangs ein unangenehmes Erlebnis hatte. "Es gab da eine Szene bei ihm im Büro", erinnert sie sich. Ihr Chef habe sich zu ihr auf ein schmales Zweiersofa gezwängt. Ihre Knie berührten sich, sie rückte von ihm ab, so gut es ging. Das Gespräch war schnell vorbei, es drehte sich um die Arbeit. "Danach fing er an, mich zu schneiden", sagt sie. Er habe sie von Konferenzen ausgeschlossen und ihre Projekte kurzfristig platzen lassen.

Uno-Sekretariat, Sicherheitsrat, UNDP, UNHCR, Unesco, IOM: Das System der Vereinten Nationen besteht aus einem solch weitläufigen Geflecht an Haupt- und Nebenorganen, Unter- und Sonderorganisationen, dass es unmöglich ist, eine pauschale Aussage darüber zu treffen, wie sie mit dem Thema Gleichstellung umgehen.

Zudem ist es kaum möglich, Meyerhoffs Vorwürfe zu überprüfen, ohne ihre Identität preiszugeben - und das möchte sie auf keinen Fall. Doch ihre Schilderungen klingen plausibel, denn auch andere Frauen fühlen sich in internationalen Vorzeigeinstitutionen diskriminiert.

Eine Deutsche, die seit mehreren Jahren für das Uno-Sekretariat in New York arbeitet, moniert: "Frauen haben es in der Uno wesentlich schwerer, sich zu behaupten." Die Arbeitskultur sei von Männern geprägt, die sich untereinander Jobs zuschanzten. "Ich habe jüngere Kolleginnen, die nach einem Meeting gebeten werden, die Kaffeetassen wegzuräumen. Solche Geschlechterklischees begegnen mir hier ständig."

Vor Kurzem berichteten fast zwei Dutzend Frauen dem Onlinemagazin "PassBlue", dass sie sich von männlichen Kollegen und Chefs in der Uno benachteiligt oder belästigt fühlten - und sich nicht trauten oder keinen Sinn darin sahen, deren Verhalten an höherer Stelle zu melden. Im Januar veröffentlichte der "Guardian" einen ähnlichen Artikel.

Die eigenen Ziele verfehlt

Dass es mit der Gleichberechtigung trotz früherer Richtlinien, Aktionsplänen und anderen Bemühungen vielerorts hapert, ist auch der Uno-Spitze bewusst. Die Generalversammlung hatte bereits in den Neunzigerjahren gefordert, dass alle Uno-Jobs bis 2000 zur Hälfte von Frauen besetzt sein sollten. Nun soll es bis 2028 so weit sein.

Im vergangenen Herbst stellte Generalsekretär António Guterres ein Strategiepapier für mehr Gleichstellung in der gesamten Uno vor. Er will das System endlich reformieren - und er kann Erfolge vorweisen: Seit Jahresbeginn sei zumindest die Senior Management Group, in der 45 Führungs- und Schlüsselpersonen über die Geschicke der Uno beraten, zur Hälfte weiblich besetzt, lobt Phumzile Mlambo-Ngcuka, Direktorin von UN Women.

Das steht im Strategiepapier:
    - Wegen mangelndem politischen Willen und Verantwortlichkeit, unzureichender Reformmaßnahmen und dem Widerstand verschiedener Schlüsselpersonen hinke die Uno mit der internen Frauenförderung 17 Jahre hinterher, heißt es in dem Bericht.

    - Je höher die Karriereebene, desto weniger Frauen sind dort in der Regel vertreten. Das gilt besonders fürs UN-Sekretariat, der mit rund 38.000 Mitarbeitern größten Uno-Einrichtung. Dort haben Frauen derzeit etwa jeden dritten Führungsposten inne.

    - Frauen, die aus dem System ausscheiden, steigen beruflich schneller auf als die, die weiter für die Vereinten Nationen arbeiten. Männer machen hingegen schneller Karriere, wenn sie bei der Uno blieben. "Das unterstreicht die Vorurteile, die unseren Entscheidungen und Praktiken sowie unserer Organisationskultur innewohnen."

Auf den Ebenen darunter sieht es bei der Uno jedoch weniger rosig aus. Wenn der Weg zu mehr Gleichberechtigung auf der Karrierestufe P3 (mehrjährige Berufserfahrung und ein Jahresgehalt von 70.000 bis 95.000 Dollar brutto) so wie bisher verlaufe, dauere es bis zur Gleichstellung noch 23 Jahre. "P3-Stellen besetzt nicht der Generalsekretär, dort hängen wir von Entscheidungsträgern in den jeweiligen Uno-Einrichtungen ab", sagt Mlambo-Ngcuka. "Und dort haben wir noch einen langen Weg vor uns."

Gleichaltrige männliche Kollegen seien auf der Gehaltsleiter deutlich schneller aufgestiegen, sagt eine langjährige Mitarbeiterin einer Uno-Organisation, die sich für internationale Sicherheit einsetzt. Auch sie möchte anonym bleiben, weil sie um ihre Karriere fürchtet. "Ich habe nur einen Direktorenposten bekommen, weil ich bereit war, nach Nigeria zu ziehen", erinnert sie sich. "Dort wollte niemand hin. Und selbst dann hat es noch einmal eineinhalb Jahre gedauert, bis ich auf den Rang befördert wurde, den man mir vor meinem Umzug versprochen hatte."

Der Weg zu einem gleichberechtigteren Umgang in Uno-Organisationen dürfte steinig bleiben, aus verschiedenen Gründen:

Viele Jobs, die Frauen besetzen, liegen im sozialen und kulturellen Bereich. UN Women hat eine überdurchschnittliche Frauenquote, auch Unesco, die Tourismusorganisation UNWTO und UNAids. In vielen anderen Organisationen, etwa in den Bereichen Forschung, Logistik, Sicherheit und Wirtschaft, sind Männer besonders auf den höheren Karrierestufen deutlich in der Überzahl.

Und: Die Uno verzeichnet auch manche Rückschritte bei der Gleichstellung. Neben dem Sekretariat gibt es mehr als 30 Uno-Organisationen. Ende 2017 wurde jede fünfte von einer Frau geführt - und diese verfügten insgesamt nur über etwa zehn Prozent des Gesamtbudgets. In früheren Jahren stand laut UN Women an der Spitze jeder vierten Uno-Organisation eine Frau.

Intransparente Jobvergabe

Kritiker monieren, dass die bedeutenderen Jobs in der Uno intransparent vergeben werden. Das gelte nicht nur für intern besetzte Führungsposten, sondern auch für Kandidaten, die von Mitgliedstaaten gewählt werden, etwa für die Uno-Sonderberichterstatter, sagt Viviana Krsticevic. Sie hat vor zweieinhalb Jahren die Initiative GQual mitgegründet, die die Vergabe von Posten unter anderem an internationalen Gerichten und in internationalen Arbeitsgruppen untersucht.

"Staaten schachern untereinander mit ihren Stimmen", sagt Krsticevic. "Dabei geht es oft um politische Interessen, das Thema Gleichstellung kommt viel zu kurz." So seien Richterinnen am Internationalen Strafgerichtshof, am Internationalen Seegerichtshof oder am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte deutlich in der Unterzahl. 17 der 56 Mandate für Uno-Sonderberichterstatter seien noch nie an eine Frau gegangen.

Nienke Grossman von der University of Baltimore hat das Thema ebenfalls erforscht. "Wenn die Kriterien für die Auswahl nicht offen sind, gibt es wenig Notwendigkeit, über das eigene, männerdominierte Netzwerk hinauszugehen", sagt die Juraprofessorin.

Zu wenige Bewerberinnen

Die Open Society Justice Initiative beklagte im vergangenen Jahr in einem Bericht, dass viele Staaten an Nominierungen für die internationale Richterbank niedrigere Standards anlegten als an ihre nationalen Topjuristen. Verbindliche und einheitliche Vorgaben gebe es nicht.

In der Uno-Strategie für Gleichstellung heißt es, dass sich häufig zu wenige Frauen auf offene Stellen bewerben würden. Das liegt womöglich auch daran, dass die Arbeitsbedingungen oft als wenig familienfreundlich gelten. Viele internationale Uno-Mitarbeiter wechseln häufig den Job. Das macht es schwerer, dem Beruf und gleichzeitig auch dem Privatleben gerecht zu werden.

Das gilt zwar für Männer und Frauen gleichermaßen. Doch viele Männer seien eher bereit, ihre Kinder und ihren Partner in einem anderen Land zurückzulassen, glaubt Meyerhoff. "Für Stationen wie Afghanistan bekommt man relativ viel Geld und alle paar Wochen einen Auslandsflug bezahlt", sagt sie. "Ich kenne männliche Kollegen, die solch einen Job deshalb gern annehmen."

Angst vor einer Versetzung

Bei IOM ist der Generaldirektor befugt, weltweit fast 1500 Mitarbeiter jederzeit in ein anderes Land zu versetzen. Sie können Präferenzen angeben. Doch die würden oft nicht berücksichtigt, kritisiert Meyerhoff. Offiziell heiße es, dass jeder Erfahrungen in schwierigen Einsatzorten sammeln müsse. Doch manche Mitarbeiter rotierten nur innerhalb von Westeuropa. Andere würden in mehrere Entwicklungsländer nacheinander geschickt. "Es ist furchtbar, gar keine Kontrolle darüber zu haben, wo es als Nächstes hingeht."

Diese Hilflosigkeit führt offenbar dazu, dass sich Frauen bei den Vereinten Nationen häufig lieber nicht zu sehr wehren, wenn sie sich von Vorgesetzten oder Kollegen übergangen oder unangemessen behandelt fühlen. "Viele haben Angst vor den Konsequenzen", sagt Krsticevic. "Sie glauben, dass sie schneller aufsteigen, wenn sie sich anpassen."

In welcher Stadt Meyerhoff nun arbeitet, möchte sie nicht geschrieben sehen. Nur so viel: Mit ihrem neuen Chef habe sie keine Probleme. Die Unsicherheit ist geblieben: Es könnte jederzeit ein Versetzungsbescheid in ihr Postfach flattern.

Video: Frauenbilder - Kochtopf oder Karriere? (SPIEGEL TV 2012)

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fraenki999 04.08.2018
1. Vielleicht....
....haben Frauen auch nur ganz andere Lebensziele?? Frauen und Männer sind nun mal verschieden, daran werden auch keine Vorgaben und Gesetze etwas ändern.
fraenki999 04.08.2018
2. Noch einer:
Ein Grund für die gering Präsens von Frauen in Führungspositionen könnte wäre vielleicht auch die Indentifikation mit Unternehmenszielen sein: Heute wird alles dem Gewinn untergeordnet, egal was es kostet.
m.m.s. 04.08.2018
3. Globale Gleichstellung und Gleichberechtigung
Richtig, die rechtliche Gleichstellung aller Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Rasse, Religion, politischer Ansicht, Alter, usw. muss global gelten. Dafür gibt es die Magna Charta, das Grundgesetz, etc. Zum besseren Verständnis: das betrifft das Recht. - Davon völlig unabhängig ist die Befähigung und Qualifikation einen bestimmten Beruf zu machen, die nachgewiesen und erarbeitet werden kann. Diese Gleichberechtigung hat jeder Mensch das nachzuweisen, oder im Ausüben eines Berufes diese Befähigung bereits zu zeigen. - Die rechtliche Gleichstellung kann jedoch niemals eine Befähigung (Gleichberechtigung) im Berufsleben erzielen. Würde das gebietsfremd staatlich erzwungen, käme es zu einem Abfall der Produktion, der Verschlechterung der Qualität und würde die Zivilisation gefährden. - Deshalb ist es auch völlig in Ordnung, wenn man beruflich nach Qualifikation die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auswählt.
dasfred 04.08.2018
4. Die Frauen wurden aufgefordert, die Kaffeetassen abzuräumen
Nicht mal das kriegen die selbständig auf die Reihe. Würde ich als Chef in diesem System sagen. Wenn eine Frau in eine Struktur einsteigt, die von Männern gegründet und ausgebaut wurde, muss sie sich nicht wundern, dass dort Männer-Regeln herrschen. Diese haben sich in Revierkämpfen in der Hackordnung selbst hochbeißen müssen und sehen natürlich nicht ein, auch nur ein Fünkchen Macht und Einfluss aus reinem guten Willen abzugeben. Wer dieses Spiel nicht beherrscht, egal ob Mann oder Frau, hat verloren. Sieht man sich Frauen in Spitzenpositionen an, so unterscheiden sie sich doch deutlich von ihren Geschlechtsgenossen. Persönliche Ziele werden anders definiert und das Auftreten signalisiert jedem Mann, dass auch nur der Versuch der Annäherung zu einem persönlichen Waterloo führt. Frauen müssen ihre eigenen Netzwerke schaffen, mit eigenen Regeln, um sich zu verwirklichen. Männer geben freiwillig nichts ab.
bammbamm 04.08.2018
5.
Solche Berichte sind doch absolut wertlos so lange nicht auch gleichzeitig Zahlen präsentiert werden die die geschlechtliche Zusammensetzung des betroffenen Bereichs abbilden. Nach oben zu kommen ist harte Arbeit ganz egal welches Geschlecht man hat und auch viele Männer bleiben auf der Karriereleiter stecken, die Frage ist ob es im Verhältniss wesentlich mehr Frauen sind denen es so ergeht. Aber ja das es Sexismus gibt von wegen" Mäusschen räum mal die Tassen weg" bezweifle ich nicht. Soziale Empathie und Rücksichtsnahme sind nunmal nicht die Eigenschaften die einen nach oben bringen. Ich bin sicher es gibt auch viele anständige Politiker, das sind aber nunmal nicht diejenigen die in Spitzenpositionen landen
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