Aufstieg in Chefetagen Vorgesetzte bremsen Frauen

Frauen wollen gar keine Karriere machen, und wenn doch, halten Kinder sie auf. Solche Erklärungen sind einfach - und falsch, wie jetzt eine US-Studie sagt. Das größte Problem sind demnach: die Chefs.

Von Helene Endres

Corbis

Viele Frauen starten motiviert, selbstbewusst, voller Ehrgeiz ins Berufsleben - mit einem wesentlich stärkeren Wunsch als Männer, es bis ganz nach oben zu schaffen. Das ist die gute Nachricht der Studie "Moments of Truth" der Unternehmensberatung Bain & Company. Die schlechte Nachricht gibt es gleich dazu: Nach nur fünf Jahren im Job sind bei den Frauen nur noch Rudimente von Karriereambitionen und Selbstsicherheit zu finden. Die Männer hingegen bleiben unerschüttert überzeugt von sich und ihrem Weg.

43 Prozent der Berufsanfängerinnen möchten laut Bain-Untersuchung den Aufstieg ins Top-Management schaffen. Sie werden getragen von ihren Erfahrungen, gut und meist sogar besser zu sein als ihre männlichen Mitschüler und Kommilitonen. Doch nach fünf Jahren im Job haben sie einen Realitätsschock erlitten: Gerade noch 16 Prozent sehen sich als künftige Chefs. Bei den Männern hingegen hegt ein Drittel der Einsteiger Ambitionen auf eine Position im Vorstandsbereich - ein Wert, der auch mit zunehmender Berufserfahrung stabil bleibt.

Entsprechend ändert sich das Selbstvertrauen, für eine Top-Position geeignet zu sein: Trauen sich 27 Prozent der weiblichen Berufsstarter einen Job ganz oben zu, halbiert sich diese Zahl nach fünf Jahren. Bei den männlichen Einsteigern finden sich 28 Prozent der Einsteiger geeignet für höhere Weihen, nach rund fünf Jahren Berufserfahrung bleiben 25 Prozent.

Für die Studie wurden in den USA über tausend Männer und Frauen befragt, mit und ohne Kinder, aus unterschiedlichen Unternehmen, Alters- und Hierarchiestufen. Die Ergebnisse seien grundsätzlich auf Deutschland übertragbar, so die Herausgeber.

Drei Faktoren, die Frauenkarrieren bremsen

"Dass die Weichen so stark in den ersten Berufsjahren gestellt werden, hätte ich in dieser Dramatik nicht erwartet", sagt Henrik Naujoks, Partner bei Bain & Company und verantwortlich für Personalthemen. "Zudem wird das einfache Erklärungsmuster, dass Kinder verantwortlich sind für die mangelnden Frauenkarrieren, durch unsere Studie statistisch widerlegt und ist somit nicht länger haltbar. Denn die Befragten antworten ähnlich, nennen die selben Gründe - unabhängig vom Ehe- und Familienstatus."

Doch was stoppt die Frauen dann?

Die Studie identifiziert als Antwort auf die Frage drei Hauptfaktoren: männlich geprägte Rollenvorstellungen, mangelnde Unterstützung des Vorgesetzten und fehlende Vorbilder.

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Weiberwirtschaft: Männliche Macht, weiblicher Mumm
Glauben von zehn Berufseinsteigern vier, dass sie die Stereotypen des Aufsteigers erfüllen, sind es bei den berufserfahreneren Männern noch drei - bei den Frauen nur etwa jede vierte. Frauen bemerken dabei nicht nur, dass sie aus der Rolle des immer präsenten Siegertyps fallen, sondern auch, dass diese Rolle sie nicht anspricht. "Viele Top-Manager sind immer im Dienst und erreichbar, das empfinde ich als wenig erstrebenswert", so eine der Befragten. Eine andere sagt: "Ich möchte mein Privatleben nicht aufgeben, nur um die Ansprüche der Firma zu befriedigen."

Zudem vermissen viele Frauen die Wertschätzung und ehrliche Anerkennung ihres direkten Vorgesetzten. In einer Phase, in der erste Verantwortung übernommen wird und Karrieren gestartet werden, schaffen beide Seiten es oft nicht, erfolgreich miteinander zu kommunizieren. So fühlen sich 64 Prozent der Berufseinsteigerinnen von ihrem Vorgesetzten unterstützt, nach wenigen Jahren sinkt der Wert auf 44 Prozent.

Chefs wertschätzen weibliche Kolleginnen offenbar weniger

Bei Männern läuft es besser mit den Chefs: Hier fällt der Unterstützungsfaktor um lediglich drei Prozentpunkte von 59 auf 56 Prozent. Frauen sind frustriert über die fehlende Anerkennung: "Meine Chefs sind weder ermutigend noch erkennen sie meine Leidenschaft für die Arbeit an", so eine Teilnehmerin. Andere berichteten, dass negatives, unkonstruktives Feedback sie in ihrem Glauben an sich und ihre Fähigkeiten nachhaltig erschüttert hat. Eine fatale Entwicklung.

"Mich überrascht, wie wichtig die Unterstützung durch den direkten Vorgesetzten ist", so Naujoks. Er sieht jetzt die Führungskräfte in der Pflicht. "Die Bekenntnisse des Top-Managements zum Thema Frauenförderung haben wir alle gehört, jetzt sind die Ebenen darunter gefragt. Wie kommunizieren die? Wie besetzen sie eine neue Stelle? Transparent oder doch wieder durch die immer gleichen Buddies? Welche Fähigkeiten haben sie im Umgang mit weiblichen Mitarbeitern? Diversity ist kein Hobby der Personalabteilung, sondern eine zentrale Aufgabe der Führung."

In einem Punkt der Studie sind die Geschlechter sich jedoch einig: Es fehlen im Top-Management Vorbilder oder Rollenmodelle, die Identifikationsmöglichkeiten bieten. Frauen erkennen ihresgleichen kaum in Vorständen und Geschäftsführungen. Doch das Problem ist komplexer: Auch Männern fehlen Identifikationsfiguren - nach fünf Jahren in der Firma hat ein Drittel der Frauen wie Männer die Role Models verloren. Absolut gesehen kann sich weniger als jeder dritte Mitarbeiter mit einem der Leistungsträger im eigenen Unternehmen identifizieren. Beide Geschlechter brauchen also vor allem eines: neue Vorbilder.

  • Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.

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