Freizeit und Beruf "Suchen Sie sich einen Job als Büropflanze"

"Und wann kriege ich Urlaub?" Beim Start in einen neuen Job sollte man diese Frage besser nicht als erste stellen. Trotzdem brauchen auch Berufseinsteiger einen Ausgleich zu ihrer Arbeit, auf Neudeutsch: Work-Life-Balance. Wer seinen Arbeitgeber richtig einschätzt, kann viel rausholen.

Wipp, wipp: Work-Life-Balance in der Praxis
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Wipp, wipp: Work-Life-Balance in der Praxis

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Na gut, der Name ist nicht eben großartig. Aber immerhin: Unilever kümmert sich. Der Hamburger Konsumgüterhersteller veranstaltet seit 2010 "We-Care-Workshops", in denen die 600 Führungskräfte im deutschsprachigen Raum lernen, was einen guten Chef auszeichnet: zuhören, hinschauen, helfen. Fühlen sich die Mitarbeiter wohl? Haben sie alles, um ihren Job richtig zu machen? Wo drückt der Schuh - beruflich oder privat? Ziel ist es, ungesundem Stress vorzubeugen.

Es geht um die Work-Life-Balance, ein sehr modischer Begriff, aber deswegen ja kein falscher. Gemeint ist, dass Leben und Arbeit in einem ausgeglichenem Maß zueinander stehen.

Unilever wirft eine Menge in die Life-Waagschale: Das Gesundheitsmanagement organisiert Vorträge und ärztliche Untersuchungen; im hauseigenen Fitness-Studio in Hamburg sowie in Partner-Studios an anderen Standorten wird eifrig geschwitzt; ein Coaching-Institut berät Mitarbeiter bei gesundheitlichen oder familiären Problemen; der Familienservice vermittelt Kinderbetreuungsplätze. Junge Eltern können sich aus einem Komplett-Programm an Arbeitszeitmodellen bedienen - Teilzeit, Telearbeit, Job Rotation, Job Sharing, Sabbatical. Fast alles geht.

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Vor allem große Unternehmen wie Unilever bemühen sich um Work-Life-Balance. Dies belegt eine Untersuchung der Managementberatung Kienbaum, nach der 80 Prozent der Konzerne, aber nur 46 Prozent der Mittelständler konkrete Maßnahmen eingeführt haben. Auch in der Initiative "Work-Life-Balance als Motor für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilität", die unter anderem von der Bundesregierung getragen wird, sind die Dickschiffe, etwa Bertelsmann und Deutsche Telekom, unter sich.

Die Initiative hat schon vor ein paar Jahren eine umfassende Prognos-Studie in Auftrag gegeben, um den volkswirtschaftlichen Nutzen von Work-Life-Balance zu beziffern. Bis 2020, so das Ergebnis, könnte das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um 248 Milliarden Euro zulegen, wenn sich Unternehmen nachdrücklich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzten.

Das Thema ist längst bei den Beschäftigten angekommen: arbeiten, aber nicht totarbeiten. Doch gerade in jungen Jahren erscheint die Balance schwierig. Berufliche Etablierung, Familienplanung und Karriere verdichten sich auf ein enges Zeitfenster. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob Einsteiger überhaupt guten Gewissens Work-Life-Balance einfordern dürfen.

Unternehmenskultur muss passen

Uta Glaubitz, Karriere-Coach in Berlin, rät zu Vorsicht in bestimmten Berufen: "Am Anfang der Karriere würde ich das Thema ganz hintenanstellen. Wenn jemand Journalist, Sternekoch, Filmregisseurin oder Wirtschaftsministerin werden will, dann heißt es zunächst erst mal: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Am besten die Nächte durch, an Heiligabend und an Silvester. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sich lieber einen Job als Büropflanze suchen."

Auch im klassischen Angestelltendasein ist die Frage, wie sich Arbeit und Leben beim Einstieg vertragen, nicht leicht zu beantworten. "Gefährlich wird es dann, wenn Work-Life-Balance nicht zu der gelebten Unternehmenskultur passt und dort eher den Eindruck von 'krank sein' oder 'faul sein' oder 'nicht leisten können oder wollen' vermittelt", sagt die Wiesbadener Karriereberaterin Ute Bölke.

Doch wie soll ein Absolvent das erkennen? Ein wichtiges Indiz ist das Engagement des Unternehmens bei Initiativen wie der der Bundesregierung oder wie "audit berufundfamilie" der Hertie-Stiftung. Das Abschneiden bei Image-Wettbewerben, etwa "Top-Arbeitgeber" der Corporate Research Foundation in Düsseldorf, liefert weitere Hinweise: Die Teilnehmer unterziehen sich einer standardisierten Bewertung ihrer Personalarbeit - ein Kriterium ist Work-Life-Balance.

Fragen kostet nichts

Ebenso lassen sich Leistungen des Unternehmens interpretieren, die - wenn auch nicht offiziell, so doch "gefühlt" - vor allem für Jüngere attraktiv sind. "Unternehmen, die sich mit dem Thema bereits bewusst auseinander gesetzt und Lösungen oder Angebote erarbeitet haben, werden sich freuen, dass ihr zukünftiger Mitarbeiter Interesse daran hat", erläutert Daniela Dirlenbach, Trainerin in Bad Nauheim.

Das Biotech-Unternehmen Qiagen beispielsweise hat auf dem Firmen-Campus in Hilden bei Düsseldorf das "Qia-Kindernest" eingerichtet. Wer seinen Nachwuchs dort nicht unterbringen will, erhält alternativ einen Zuschuss zu den Betreuungskosten. Auch das Fitnesstudio im Haus würde keinen Sinn ergeben, wären junge Mitarbeiter dort nicht gern gesehen. Nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit steht Qiagen-Mitarbeitern ein Sabbatical von bis zu 18 Monaten zu.

Ein solches Füllhorn schütten Unternehmen nicht grundlos aus. Es geht um ideelle Werte genauso wie um handfeste betriebswirtschaftliche Interessen: "Wenn Unternehmen im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter die Nase vorn haben wollen, müssen sie mehr bieten als ein gutes Gehalt und ein Firmenhandy", meint der Lothar Seiwert, Selbstmanagement-Experte in Heidelberg. "Deshalb können Sie Work-Life-Balance im Vorstellungsgespräch ruhig erwähnen. Allerdings sollten Sie das nicht gleich zu Beginn tun, sondern erst mal abwarten - die meisten Personalchefs kommen ohnehin von selbst darauf zu sprechen."

Kerstin Krüger
Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden. Sein Beitrag erschien zuerst auf Monster.de.

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