Sprachpanscher in Konzernen "Autobauer können einfach kein Deutsch"

Seit 14 Jahren flöht Geert Teunis Geschäftsberichte großer Konzerne. Der Ingenieur und Sprachpedant stöhnt vor allem über Denglisch-Sünden bei VW und Juristen-Kauderwelsch bei Siemens.

Ein Interview von Silvia Dahlkamp

Geht's denn vielleicht auch auf Deutsch? Konzerne verlernen die Sprache
DPA

Geht's denn vielleicht auch auf Deutsch? Konzerne verlernen die Sprache


Zur Person
  • Geert Teunis arbeitete als Ingenieur bei Volkswagen und ist Mitglied im Verein Deutsche Sprache. Seit 14 Jahren durchforstet er Geschäftsberichte, Bedienungsanleitungen und andere Dokumente von Unternehmen nach Angliszismen, etwa bei Siemens, Volkswagen, Deutsche Bank, Tui und Telekom. Dabei findet er immer neuen sprachlichen Unfug, den Kunden nicht verstehen.
KarriereSPIEGEL: Volkswagen, Siemens, Deutsche Bank, eine Hauptversammlung jagt die nächste. Danke, Herr Teunis, dass Sie Zeit für mich haben - wo Sie doch im Dauereinsatz für die deutsche Sprache unterwegs sind.

Teunis: In diesem Jahr lege ich mal eine Pause ein.

KarriereSPIEGEL: Wie, haben Sie etwa auf der VW-Aktionärsversammlung Anfang Mai keine flammende Rede gegen den Niedergang der Sprachkultur gehalten?

Teunis: Leider nein. Meine Frau hat mir zu Hause die Leviten gelesen - wir kamen gerade aus dem Urlaub.

KarriereSPIEGEL: Bestimmt sind die Konzerne froh, wenn ihnen einmal niemand auf die Finger schaut. Seit vielen Jahren schon durchforsten Sie Geschäftsberichte und Bedienungsanleitungen nach Anglizismen, spießen sprachlichen Unfug auf.

Teunis: Natürlich habe ich die Geschäftsberichte studiert - jeweils circa 400 Seiten bei Siemens und Volkswagen. Es war ein bisschen frustrierend...

KarriereSPIEGEL: ...sicher sehr langweilig.

Teunis: Nein, das meine ich nicht. Man hat den Eindruck, dass die Automobil-Industrie nichts lernt. Auf jeder Aktionärsversammlung rede ich mir den Mund fusselig und mache Verbesserungsvorschläge, doch die Konzerne produzieren weiter Stilblüten am Fließband. Aus dem VW-Geschäftsbericht 2014 habe ich schon wieder zwölf dicke Klopse gefischt.

KarriereSPIEGEL: Vielleicht sind die Volkswagen-Mitarbeiter genervt? Die arbeiten ja weltweit, viele Begriffe sind genormt, können also gar nicht einfach geändert werden.

Teunis: Ich rede nicht über Selbstverständlichkeiten wie Computer, Handy oder Airbag. Niemand sagt in einer Werkstatt: Mein Luftsack ist nicht in Ordnung. Aber es werden zum Beispiel immer neue kuriose Worte erfunden, die eigentlich nichts bedeuten und die auch kein Kunde versteht. Oder können Sie mir sagen, was coming home und leaving home bedeutet?

KarriereSPIEGEL: Ja klar. Ich komme nach Hause und gehe wieder.

Teunis: Völlig daneben. Das ist die Umschreibung für eine verzögerte An- und Abschaltung von Licht beim Auto. Wenn's Sie tröstet: In einer Umfrage unter VW-Kunden hat es auch keiner gewusst. Aber vielleicht können Sie Tire Mobility Set erklären?

KarriereSPIEGEL: Ähm... keine Ahnung. Ich bin nur ein einfaches Mädchen vom Land.

Teunis: Na und? Haben Sie nie eine Panne? Das ist nämlich ein Reifen-Reparatur-Satz. Wer so was liest, muss sich doch einfach aufregen. Genauso über den Doppeltuner mit Phasen-Diversity.

KarriereSPIEGEL: Was ist das jetzt wieder?

Teunis: Ein Radioteil für bestmöglichen Empfang. Irre, nicht? Wenn ich meckere, heißt es bei Volkswagen nur, die Kunden können doch in der Bedienungsanleitung nachschlagen. Oder Keyless Access und Kessy - das automatische Schließ- und Startsystem, versteht kein Mensch.

KarriereSPIEGEL: Und was finden Sie alles in den Siemens-Jahresberichten?

Teunis: Unerträgliche Bandwurmsätze, meist von Juristen geschrieben. Einer hatte 178 Wörter - grauenhaft.

KarriereSPIEGEL: Sind die Münchener denn lernfähig?

Teunis: Im vergangenen Jahr hatte der längste Kauderwelsch-Satz immerhin nur 64 Wörter. Ich zitiere aus dem Finanzbericht von Siemens, Seite 150:

"Zur Gewährung von Aktien an die Inhaber beziehungsweise Gläubiger von Wandel- / Optionsschuldverschreibungen, die aufgrund der Ermächtigung des Vorstands durch die Hauptversammlung vom 25. Januar 2011 von der Gesellschaft oder durch eine Konzerngesellschaft bis zum 24. Januar 2016 ausgegeben werden, wurde das Grundkapital um bis zu 270 Mio. € durch Ausgabe von bis zu 90 Mio. auf Namen lautenden Stückaktien bedingt erhöht (Bedingtes Kapital 2011)."

KarriereSPIEGEL: Sie sind ganz schön pingelig.

Teunis: Sagen Sie nicht, dass Sie das auf Anhieb verstanden haben. Ein Satz sollte höchstens 20 Worte haben, selbst in Geschäftsberichten für Aktionäre.

KarriereSPIEGEL: Das sehen die Schreiber sicher anders. Schließlich müssen die Berichte auch rechtlich wasserdicht sein.

Teunis: Bei Siemens bin ich aber auf viel Verständnis gestoßen. Schauen Sie mal auf der Internetseite: Da steht nicht mehr Headquarter, sondern Konzernzentrale, Product groups sind wieder Produktgruppen, Quick access heißt ganz altmodisch Schnellzugriff.

KarriereSPIEGEL: Glückwunsch, ein Erfolg für Sie.

Teunis: Und ob. Der Kommunikationschef der Deutschen Bank hat sich mal bei einem Treffen entschuldigt und gesagt: Manchmal schlittern wir in Anglizismen rein und merken gar nicht, dass wir sie verwenden.

KarriereSPIEGEL: Sie sind jetzt 79 Jahre alt. Wird es da nicht langsam Zeit für Ruhestand und Ahnenforschung?

Teunis: Warum soll ich aufhören? Es macht viel Spaß. Gerade habe ich wieder neue Fehlerdateien angelegt, nächstes Jahr steige ich wieder aufs Podium…

KarriereSPIEGEL: …und geben den Oberlehrer?

Teunis: Nein, ich bin weder Oberlehrer noch Purist. Aber ich möchte, dass möglichst viele möglichst viel verstehen. Und ich will vermitteln, dass es für die meisten Anglizismen schöne deutsche Wörter gibt. Aber wo ich demnächst piekse, das werde ich Ihnen jetzt nicht verraten.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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insgesamt 310 Beiträge
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Seite 1
jpsjever 03.06.2015
1. Jeder, der sich mit Autos beschäftigt...
und sei es auch nur, dass er ein Netto-Jahresgehalt dort rein investiert, kennt diese Begriffe. Sie sind Teil der Ausstattungsliste und sind im Konfigurator meistens mit einem Ausrufezeichen versehen. Ein Klick darauf bringt die Erleuchtung. Und einen Doppeltuner hatte mein Blaupunkt Bremen bereits vor 20 Jahren. Die Coming-Home-Funktion gibt es bei verschiedenen Marken bereits ebenfalls seit ca 15 Jahren; Keyless Access ist ebenfalls ein alter Hut. Ich habe eher den Eindruck, dass Herr Teunis nicht mehr wirklich in der Materie steckt - aber das Internet ist ja auch für unsere Politiker "Neuland".
oldeagle 03.06.2015
2. Gebrochenes Rückgrat!
Die Ursache der Anglifizierung der deutschen Sprache liegt im Minderwertigkeits-Komplex der Deutschen nach dem verlorenen Krieg. Hierzu eine Begebenheit, die sich tatsächlich so zugetragen hat: Ein deutscher Privatpilot meldet sich über Funk bei der Flugleitung München auf Deutsch, weil er nur das deutsche Funksprechzeugnis hat und deshalb nicht auf Englisch funken darf. Er bekommt eine Antwort auf Englisch und versucht es erneut auf Deutsch. Wieder erfolgt die Antwort auf Englisch. Da platzt dem Flieger der Kragen: "Ich fliege in einer deutschen Maschine über deutschem Staatsgebiet einen deutschen Flugplatz an und funke auf Deutsch! Warum erhalte ich keine Antwort auf Deutsch? Da meldet sich ein anderer Pilot: "Weil wir den Krieg verloren haben!"
Carl Ranseier 03.06.2015
3. Schade
dass im Artikel nicht auf die Psychologie dieses verbalen Wichtigtuens eingegangen wird. Denn das "warum", weshalb man diese sprachliche Distanz und gewollte Unverständlichkeit überhaupt herstellt, wäre doch mal zu klären. Vieles erinnert doch sehr stark an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Nicht nur die Feigheit, nicht zu sagen, "was soll das denn heißen", sondern auch noch mitzumachen - aus welchen Gründen auch immer - bei diesen sprachlichen Nebelbomben sollte stärker kritisiert werden.
Inuk 03.06.2015
4. Denglisch
Als in unserem Konzern Englisch als "Amtssprache" eingeführt wurde, man agierte schließlich auch international, war es für mich ein guter Trost, dass auch von Chefs und Kollegen, nicht alle Anglizismen verstanden wurden. Es gab Begriffe, die auch nicht im Business-English durchgenommen wurden. Sogar hier, im örtlichen Krankenhaus sind Türschilder mit englischen Begriffen angebracht, wie beispielsweise Care-Center. Übrigens: Im Artikel wurde Angliszismen geschrieben. Laut Duden steht vor dem z jedoch kein s. Hat sich hier die Autorin vertan?
dersüdler 03.06.2015
5. Unsinn geht auch deutsch formuliert....
VW schafft auch sprachlichen Unfug, ohne Fremdsprachen zu benutzen. Wenn mein Golf kaputt ist, muss ich zur "Dialogannahme". Lieber Herr Winterkorn: Ich möchte keinen wie auch immer gearteten "Dialog" bei Ihnen richten lassen, sondern mein Auto....
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