FuckUp Nights Mist gebaut und stolz darauf

Wer im Job versagt oder die eigene Firma an die Wand fährt, hängt das nicht an die große Glocke. Bei den FuckUp Nights darf man hingegen aus seinen Tiefschlägen eine Show machen - mit Lerneffekt für andere.

Simon Michaelis

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Scheitern als Chance - ein romantischer Slogan, von dem Patrick Wagner nichts wissen will. Er schreibt gerade an einem Buch mit dem Arbeitstitel "Scheitern als Scheitern". "Damit will ich dem Scheitern das zurückgeben, was ihm Veranstaltungen wie diese hier genommen haben", sagt er. Denn scheitern darf man auch mal so, ohne erbaulichen Zugewinn.

In den Neunzigerjahren war Wagner Mitbegründer des Berliner Indie-Labels Kitty-Yo und Kopf der Band Surrogat. Heute steht er bei der dritten FuckUp Night Düsseldorf und erzählt seine emotionale Geschichte in ein Mikrofon. So laut, dass sich der Ton manchmal überschlägt.

Das Konzept der FuckUp Night kommt aus Mexiko. Ein paar Freunde unterhielten sich eines Abends über ihre unternehmerischen Erfahrungen - besonders über die Fehler. Dabei bemerkten sie, wie wertvoll und nachhaltig dieser Austausch war. Daraus entwickelte sich die Veranstaltungsreihe, die inzwischen 33 Städte und zehn Länder erreicht hat.

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Stilvoll straucheln: Und immer wieder aufstehen
Der Krefelder Ben Teeuwsen brachte die Idee von einer Mexikoreise mit nach Deutschland und veranstaltete mit Yvonne Firdaus, Geschäftsführerin des Coworking-Space GarageBilk, und Business-Coach Oliver Wüntsch im April 2014 die erste FuckUp Night Deutschlands.

Unternehmer berichten dabei von ihren beruflichen Rückschlägen und Misserfolgen. Das Motto: "Wenn du verlierst, verliere nie die Lektion."

In Düsseldorf gibt es für ein paar Euro Eintritt neben FuckUp-Vorträgen auch Freibier. Bei der ersten Auflage reichte der kleine Kühlschrank am Ende des Raumes aus. Heute kommt Teeuwsen mit dem Kühlen des Nachschubs kaum hinterher. Mehr als hundert Gäste hören Wagner zu.

Millionen in den Wind gehauen

"Mein Geschäftspartner und ich hatten damals in den Neunzigern keinen Businessplan, keine Anwälte, keine Verträge", erzählt er. Acht Jahre später hatte Kitty-Yo 18 Angestellte und einen weltweiten Vertrieb. Das Label war millionenschwer. "Aus dem Nichts", sagt der 44-Jährige, ballt die Faust und brüllt: "Geil! Die ganze Welt wollte uns." Doch die beiden wurden sich nicht einig. Wagner wollte expandieren, sein Geschäftspartner nicht. "Ein schlauer Mensch hätte seine Anteile verkauft", meint er. Wagner ging - von seinem einstigen Erfolg blieb ihm nichts.

Später gründete er mit seiner Frau die Plattenfirma "Louisville Records". 2010 war Schluss, das Label insolvent. Vier Wochen später war auch Wagners Ehe am Ende. Heute arbeitet der Berliner als Musikdozent, Berater und Fußballtrainer für Kinder.

Trotz seiner leisen Kritik genießt er die Show. Er finde die FuckUp Night "super", sagt er, schämt sich nicht für sein Scheitern. Die Kernbotschaft seiner Geschichte formuliert er so: "Jeder will jeden scheitern sehen. Es ist eine kranke Welt. Wenn ihr auf die Schnauze fallt, steht so schnell wie möglich wieder auf. Das ist die elementare Botschaft. Schaut nicht zurück!"

Eigentlich ist es gerade das, was das FuckUp-Konzept ausmacht. Neben Wagner schaut auch der Düsseldorfer Christian Paul Stobbe zurück. Sein Vortragstitel: "Wir zielen nur, das Schicksal steuert." 2006 wollte er mit Freunden einen Transfermarkt und ein soziales Netzwerk für die deutsche Amateurfußballszene entwickeln. Der Name: trafema. Die Idee ging auf. "Innerhalb kürzester Zeit hatten wir zehntausend Spieler aus Nordrhein-Westfalen in unserer Datenbank. Sogar eine Fernsehsendung haben wir gemacht. Die Produktionskosten pro Sendung: 150 Euro." Die Erfolge waren da, und auch ein Investor fand sich. Stobbe: "Wir waren euphorisiert und nahmen den Erstbesten."

Feiere deine FuckUps!

Dann kam die Lehman-Brothers-Pleite. "Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen. Letztendlich stellte unser Investor die Finanzierung ein. Nachdem wir gerade einmal ein halbes Jahr alt waren, legten wir eine saubere Insolvenz hin." Heute arbeitet er bei einer Düsseldorfer Werbeagentur in einer leitenden Position. Vieles, was er damals gelernt habe, helfe ihm heute. Sein FuckUp-Fazit: "Leere Taschen haben noch nie jemanden aufgehalten, nur leere Köpfe und leere Herzen können das."

Michael Gärtner ist im Herzen Handwerker. Schon mit zwölf Jahren hatte er ein eigenes Schweißgerät. 14 Jahre später ist er Unternehmer. Und bringt sein Publikum zum Lachen: "Wir arbeiten gerade noch auf den großen FuckUp hin, feiern aber täglich unsere kleinen FuckUps." Sein Unternehmen heißt Blitzbude und vermietet selbstgebaute, mobile Fotoautomaten. Den Prototyp bastelte Gärtner im eigenen Keller.

Inzwischen sind er und sein Team damit auf Messen wie der Gamescom oder Firmenfeiern vertreten. Nicht immer ohne Probleme. Ein zu langsamer Drucker, eine falsch herum eingebaute Kamera und eine Investition in fünfstelliger Höhe, die sich im Nachhinein als fragwürdig herausstellte - Start-up-Stolpersteine, die sein Unternehmen ins Straucheln, aber nicht zu Fall brachten.

"Scheißt auf euer Ego", ruft er und wird am Ende pathetisch: "Wir sollten jeden Morgen so offen angehen, dass wir am Ende des Tages eine neue Person sind."

  • Laura Engels
    KarriereSPIEGEL-Autor Simon Michaelis (Jahrgang 1980) ist freier Journalist und lebt in Essen. Für seine Geschichten pendelt er vor allem zwischen den Regionen Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Rhein-Neckar.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
solarfix 05.09.2014
1. Scheitern kann nur derjenige, der vorher den Mut hatte Unternehmer zu werden!
Um Unternehmer zu sein, bedarf es sehr viel Mut und Risikobereitschaft! Ohne diese Menschen gäbe es keine Arbeitsplätze und keinen Wohlstand, von dem der Staat überproportional profitiert. Insofern gebührt jedem Unternehmer Dank und Anerkennung, auch wenn er scheitern sollte. In diesem Fall sollte es eine Möglichkeit geben, den Gescheiterten wieder auf die Beine zu helfen, denn meist ist das private Scheitern damit auch vorprogrammiert. Als Unternehmer haftet man mit seinem Hab und Gut, anders als Vorstände in AG's. Die Klein- und Mittelstandsunternehmen sind die Stützen unserer Gesellschaft und schaffen den Grossteil aller Arbeitsplätze. Neid und Schadenfreude sind absolut fehl am Platz!
metalslug 05.09.2014
2. Kitty Yo
Gutes Label, gute Musik, danke für die schöne Zeit.
townsville 05.09.2014
3.
Das Motto: "Wenn Du verlierst, verliere nie die Lektion" -- Das ist genauso sinnfreier Quatsch, wie "scheitern als Chance" und nur weil ein paar Ex-Hipster das jetzt FuckUp nennen, hat dich an der spießigen Traurigkeit solcher Veranstaltungen nix gedreht. Allen noch Mal erzählen, wie cool man war und das man nichts bereut und das man "aufgestanden ist, um weiterzumachen". Jungs, erzählt das eurem Therapeuten, lernen kann von euren belanglosen Binsenweisheiten echt niemand mehr was.
mrotz 05.09.2014
4.
Zitat von solarfixUm Unternehmer zu sein, bedarf es sehr viel Mut und Risikobereitschaft! Ohne diese Menschen gäbe es keine Arbeitsplätze und keinen Wohlstand, von dem der Staat überproportional profitiert. Insofern gebührt jedem Unternehmer Dank und Anerkennung, auch wenn er scheitern sollte. In diesem Fall sollte es eine Möglichkeit geben, den Gescheiterten wieder auf die Beine zu helfen, denn meist ist das private Scheitern damit auch vorprogrammiert. Als Unternehmer haftet man mit seinem Hab und Gut, anders als Vorstände in AG's. Die Klein- und Mittelstandsunternehmen sind die Stützen unserer Gesellschaft und schaffen den Grossteil aller Arbeitsplätze. Neid und Schadenfreude sind absolut fehl am Platz!
In D ist doch die Wahrscheinlichkeit zu scheitern 1. Wer in D derzeit ein Unternehmen gründet kann nur verückt sein. mfg
activ8me 05.09.2014
5. Gute Idee
Mir gefällt das. Ich habe auch "geupfucked" in meinem Leben, stehe auch immer wieder auf und fange nochmal mit einer Idee an. Seine Erfahrungen so rauslassen, sich damit selbst freireden und Inspiration geben zum nicht Aufgeben finde ich cool. Endlich eine Idee, die auch in unseren Landen mit der innovationsmordenden Ansicht, "einmal Firma an die Wand gefahren, einmal Chance verpasst, einmal durch Risikofreude Konkurs/Schulden gemacht = immer ein Versager, ja nie mehr Aufstehen" auf. Danke!
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