Knibbeln mit Klammern und Stiften "Freut mich, dass ich nicht allein damit bin"

Manche Menschen friemeln ständig an etwas herum - und schießen dabei schon mal einen Dosenverschluss quer durchs Büro. SPIEGEL-ONLINE-Leser zeigen, womit sie am liebsten bei der Arbeit spielen.

Martin Domnick

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Friemeln, knibbeln, nesteln, bosseln, polken, klütern - der Duden listet mehr als ein halbes Dutzend Wörter auf, die dasselbe beschreiben, nämlich "sich mit den Fingern an etwas zu schaffen machen". In vielen Büros könnte man diese Verben jeden Tag verwenden, denn manche Menschen müssen scheinbar immer etwas in der Hand haben: Sie verbiegen Büroklammern, reiben Magnete aneinander, brechen die Clips von Stiften ab.

US-Informatiker Michael Karlesky sammelt Fotos dieser "Fummeldinger". Seine These: Herumspielen hilft beim Konzentrieren. Aber ist das wirklich so? Wir haben bei deutschen Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstituten nachgefragt. Zahlreiche Psychologen und Neurologen haben zugegeben, dass sie selbst gern bei der Arbeit mit Klammern, Radiergummis und Stiften spielen. Aber wissenschaftlich erklären konnten sie das Phänomen nicht.

"Kognitive und motorische Fähigkeiten wurden bislang hauptsächlich getrennt voneinander untersucht, deshalb gibt es wenig Forschung zu diesem Thema", sagt Kognitionspsychologin Andrea Kiesel, die an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zum Thema Multitasking forscht. Ihr fallen spontan Studien ein, in denen bewiesen wurde, dass Kinder beim Kaugummikauen besser lernen oder Menschen beim Vorwärtslaufen besser addieren und beim Rückwärtslaufen besser subtrahieren können, aber das Thema Friemeln am Arbeitsplatz scheint die Wissenschaft bislang tatsächlich übersehen zu haben, wie Fummeldinger-Sammler Karlesky im SPIEGEL-ONLINE-Interview behauptet hatte.

Mit seiner Sammlung scheint er bei vielen Lesern einen Nerv getroffen zu haben, Dutzende haben uns Fotos ihrer Lieblings-Gegenstände zum Herumspielen geschickt. "Freut mich, dass ich nicht allein damit bin", schreibt eine Leserin. Sie verbiegt gern Büroklammern. Andere spielen mit Haargummis, Schrauben oder Münzen. "Das tollste Spielzeug ist der Öffner einer Red-Bull-Dose", schreibt ein Disponent einer Spedition. "Den kann man perfekt in die Tastatur klemmen und wie mit einem Katapult gegen den Bildschirm schießen."

Die Erklärungen der Leser ähneln sich: Mit einem Fummelding in der Hand könne man sich besser konzentrieren. Psychologin Kiesel ist dennoch skeptisch: "Nur, weil viele Menschen denken, das Herumspielen mit Gegenständen helfe ihnen bei der Arbeit, heißt das nicht, dass es auch so ist." Wissenschaftlich gesehen handele es sich dabei um "eine automatische, motorische Beiaufgabe". Die störe nicht, aber ob sie helfe, sei auch fraglich. "Es mag sein, dass so der Blutfluss im Gehirn angeregt wird und das die kognitiven Fähigkeiten verbessert, aber ich kenne keine Studie, die das belegt", so Kiesel.

Die These von Karlesky, dass Friemeln einen Sinn haben müsse, weil Menschen keine Energie verschwenden, sieht die Psychologin skeptisch: "Es kann sich dabei auch einfach um eine Gewohnheit handeln, einen Tick, den sich Menschen angewöhnt haben." Um sich bei der Arbeit besser zu konzentrieren, empfiehlt sie: "Einfach mal zwischendurch aufstehen. Und wenn möglich, frische Luft schnappen. Das hilft garantiert."

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Knibbeln im Büro: Ich schwöre, ich bin nicht verrückt!

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insgesamt 3 Beiträge
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maxg68 04.01.2016
1. Irgendwie beruhigend
Vielen Dank für ihren gewissermaßen "beruhigenden" Artikel. Da ich ständig mit irgendwelchen, greifbaren Büroartikeln herumspiele und sie zwischen den Fingern drehe, dachte ich bisher, ich sei übernervös.
Rido 04.01.2016
2.
Zitat von maxg68Vielen Dank für ihren gewissermaßen "beruhigenden" Artikel. Da ich ständig mit irgendwelchen, greifbaren Büroartikeln herumspiele und sie zwischen den Fingern drehe, dachte ich bisher, ich sei übernervös.
Ich ebenfalls. Mir hilft das beim Nachdenken.
k70-ingo 04.01.2016
3.
Zitat von RidoIch ebenfalls. Mir hilft das beim Nachdenken.
Mich regt das auf. Interessanterweise mucken die Herumspieler nie auf, wenn ich denen das Fummelzeug mit einem kurzen Griff entziehe und in die Ecke schmeiße.
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