Blackout eines Fußballreporters "Viele haben mir den Schlaganfall nicht abgenommen"

Mitten in der Fußball-Liveübertragung redete er wirr - und merkte zunächst gar nicht, was passiert war. Neun Jahre danach spricht Sportreporter Frank Schmettau über seinen Schlaganfall, Spott im Internet und den Karriereknick.

Ein Interview von Hendrik Steinkuhl

SPIEGEL ONLINE

KarriereSPIEGEL: Herr Schmettau, was machen Sie gerade beruflich?

Schmettau: In den letzten vier Wochen gar nichts, denn ich hatte einen Herzinfarkt, als ich mir hier in München einen Auftritt meiner Tochter mit einer Akrobatikgruppe anschaute - auf einmal dachte ich, mir fährt ein Panzer über die Brust. Das war wirklich brutal, ich hatte Schmerzen, habe keine Luft mehr bekommen und geschwitzt wie ein Schwein. Zum Glück war dort ein Rotes-Kreuz-Zelt. Nach einem EKG sagte der Notarzt: Herzanfall.

KarriereSPIEGEL: Wie geht es Ihnen jetzt?

Schmettau: Körperlich eigentlich gut. Man hat mir zwei Stents eingesetzt, danach war ich zwei Wochen zur Reha. Aber psychisch nimmt mich das Ganze sehr mit. Mir ging es schon vorher nicht gut, das wird sicher zum Infarkt beigetragen haben. Ich hatte große familiäre Probleme, und vor dem Infarkt habe ich sehr ungesund gelebt, viel geraucht, mich schlecht ernährt. Und ich leide schon lange an viel zu hohem Cholesterin.

Zur Person
  • privat
    Sportjournalist Frank Schmettau (Jahrgang 1966) startete beim Radio und wechselte 2002 zum Fernsehen. Er moderierte und kommentierte Bundesligaspiele für DSF, Sport1, Arena, Sat1. Nach dem Schlaganfall 2006 erhielt der freie Journalist deutlich weniger Aufträge. Schmettau lebt in München und sucht jetzt nach einer neuen beruflichen Perspektive.
KarriereSPIEGEL: Knapp zehn Jahre vor dem Herzinfarkt hatten Sie einen Schlaganfall - mitten in einer Live-Übertragung. Was ist damals genau passiert?

Schmettau: Für den Sender Arena habe ich 2006 das Zweitligaspiel TuS Koblenz gegen Carl Zeiss Jena kommentiert und konnte mich plötzlich an kein Wort mehr aus dem Vorgespräch mit dem Koblenz-Trainer erinnern. Sonst ist mir nichts aufgefallen. Erst später erfuhr ich, dass ich alle möglichen Namen vertauscht habe.

KarriereSPIEGEL: TuS Koblenz bezeichneten Sie abwechselnd als Eintracht Braunschweig, Werder Bremen oder die deutsche Nationalmannschaft, Jenas Trainer Heiko Weber wurde zu Heiko Bauer...

Schmettau: ...ja, und das alles habe ich wirklich nicht gemerkt. Erst als ich am Ende sagte: "Ich gebe jetzt ab zu Dirk Seveneick", der Reporter aber recht patzig antwortete: "Ich bin Dirk Seemann" - da dachte ich: Oh, hast du wohl Scheiße gebaut.

KarriereSPIEGEL: Die Kollegen haben Sie während des Spiels nicht auf die Aussetzer hingewiesen. Nehmen Sie ihnen das übel?

Schmettau: Schwierige Frage. Später habe ich einen Kollegen aus dem Ü-Wagen gefragt, warum sie nichts gesagt oder mich zur Halbzeit durch den Kollegen Seemann ersetzt haben. Er meinte, sie waren so überrascht, dass sie einfach nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Ich kann das irgendwo verstehen… Aber an ihrer Stelle hätte ich wohl wenigstens den Kommentator gefragt, was er da gerade für ein Zeug redet.

KarriereSPIEGEL: Und nach dem Spiel?

Schmettau: Ich habe erst mal drei Weizenbier getrunken und bin mit dem Zug nach Hause gefahren. Erst Tage später hat man mich bei Arena einbestellt und mir gesagt, was ich bei dem Spiel alles erzählt habe. Sie meinten, entweder sei ich betrunken gewesen, hätte eine Wette verloren - oder es sei etwas Medizinisches. Also bin ich sofort ins Krankenhaus. Dort hat man festgestellt, dass ich einen Schlaganfall hatte, der die linke Gehirnhälfte betraf und eine Sprachstörung ausgelöst hat. Was den Schlaganfall verursacht hat, konnte jedoch niemand sagen.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie danach Angst vor einem weiteren Schlaganfall?

Schmettau: Ja, ständig. Sobald mir mal schwindelig wurde, das Bein oder die Finger auch nur ein bisschen gekribbelt haben, habe ich gleich zum Handy gegriffen und mich gefragt, ob ich jetzt mit meinem Leben spiele, wenn ich den Notarzt nicht anrufe. So ging das etwa zwei Jahre lang, eine ganz schlimme Zeit. Drei Jahre nach dem Schlaganfall wurde eine Nachuntersuchung gemacht, bei der aber wieder alles durchblutet war.

KarriereSPIEGEL: Wie ging es beruflich weiter?

Schmettau: Arena hat sich vorbildlich verhalten, die haben sich großartig um mich gekümmert und mir nicht das Gefühl gegeben, ein Risiko für sie zu sein. Auf eigenen Wunsch habe ich deutlich weniger Live-Spiele kommentiert, dafür häufiger moderiert. Andere berufliche Anfragen wurden allerdings direkt nach dem Schlaganfall deutlich weniger.

KarriereSPIEGEL: In Internetforen wurden Sie damals für Ihre Live-Reportage geschmäht. Bis heute findet man viele solcher Einträge, wenn man Ihren Namen googelt. Hat Ihnen das geschadet?

Schmettau: Mit Sicherheit. Ich selbst habe diese Einträge erst ein halbes Jahr später gelesen und war ziemlich schockiert. Es ist doch klar: Wenn jemand in der Medienbranche in Erwägung zog, mir irgendein Projekt anzubieten, wird er in den meisten Fällen vorher meinen Namen gegoogelt haben. Ich denke übrigens auch, dass mir viele Leute in diesem Geschäft den Schlaganfall nicht abgenommen haben. Man hat mir nichts angesehen, und wer mich kennt, könnte mir durchaus zutrauen, dass ich tatsächlich eine Wette verloren und deshalb die Namen vertauscht habe.

KarriereSPIEGEL: Was passierte, nachdem Arena die Fußballsenderechte verloren hatte?

Schmettau: Ich habe frei für das DSF gearbeitet und bekam später noch das Angebot, einfacher Ablaufredakteur bei der Bundesliga-Sendung von "Liga Total!" zu werden. Früher hatte ich solche Sendungen geleitet, deshalb kam ich mir etwas kaltgestellt vor. Ein Problem war auch, dass plötzlich junge Leute meine Arbeit bewertet haben, die ein paar Jahre vorher noch Praktikanten bei mir waren. Irgendwann hat sich niemand mehr bei mir gemeldet, ich musste aktiv werden - was mir schwergefallen ist, das gebe ich zu.

KarriereSPIEGEL: Womit haben Sie in den letzten Jahren Ihr Geld verdient?

Schmettau: Ich habe so gut wie gar kein Geld verdient, sondern einige Versicherungen aufgelöst und von diesem Geld gelebt. Zuletzt habe ich mich vor allem um meine Tochter gekümmert, höchstens ein, zwei kleine Projekte pro Jahr gemacht. Erst vor ein paar Wochen hatte ich wieder einen größeren Job und habe für den Sender ServusTV eine Auto-Rallye begleitet. Kurz bevor ich den Beitrag schneiden wollte, bekam ich den Herzinfarkt. Dadurch habe ich einige Tausend Euro verloren. Jetzt wird es finanziell wirklich langsam eng.

KarriereSPIEGEL: Sie erzählen bewundernswert offen - aber ist es Ihnen überhaupt recht, dass das alles an die Öffentlichkeit kommt? Das Wissen um Ihren kürzlich erlittenen Herzinfarkt könnte ja mögliche Auftraggeber abschrecken.

Schmettau: Ach wissen Sie, ich glaube, das macht den Kohl auch nicht mehr fett. Mein Schlaganfall hat mich ja beruflich schon gekillt. Im Moment denke ich, dass ich wahrscheinlich umschulen werde und vielleicht als Erzieher arbeite. Obwohl es wehtut, mir das einzugestehen: Dem Druck, dem man als freier Journalist ausgesetzt ist, bin ich - Stand jetzt und heute - wohl einfach nicht mehr gewachsen.

  • Jette Golz
    Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl, freier Journalist in der Nähe von Osnabrück.

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Seite 1
gumbofroehn 05.10.2015
1. Das wirft ein Schlaglicht ...
... auf die grundsätzlichen Gefahren freiberuflicher Tätigkeit. Eine BU (sofern vorhanden) hätte hier nicht gezahlt. Und gegen Reputationsschäden kann man sich nicht versichern. Gut, dass Herr Schmettau jetzt in einen Bereich umsattelt, der wächst und auch einigermaßen gut bezahlt wird. Alles Gute!
s_v_l 05.10.2015
2.
Bewundernswert, wie offen Herr Schmettau mit dem Thema umgeht. Ein kleinerer Schlaganfall (TIA), der zunächst "nur" mit Sprachstörungen einhergeht, wird ja häufig genug einfach übersehen oder als irrelevant abgetan. In seinem Fall hat es ihn auf der exponierten Sprecherrolle leider die berufliche Karriere gekostet. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute!
Jöel L. 05.10.2015
3. Beste Wünsche
Ich wünsche Herrn Schmettau alles Gute und viele kleine und grosse Momente der Freude, in denen das Leben so richtig Freude macht. Ich bewundere die Offenheit und wie Herr Schmetteu frei von Selbstmitleid über seine Schicksalsschläge berichtet. Leider kann ich nicht mehr geben als Sympathie und Respekt.
chameleon2000 05.10.2015
4. Gute Besserung und viel Erfolg
Die besten Wünsche für Gesundheit und Beruf an Herrn Schmettau! Ich hoffen, ein potenzieller Arbeitgeber liest diesen Artikel und erkennt, wie reflektiert und überlegt er ist und dass sein Schicksal ihm mit zusätzlichen Qualitäten zu seiner Fachkenntnis ausgestattet ist. Ich hoffe, unsere Gesellschaft kann ein solches Potenzial auch erkennen und ihm das Vertrauen schenken, dass es für den Weg zurück braucht.
axcoatl 05.10.2015
5. Alles Gute!
Als ebenfalls Betroffener kann ich das alles bestätigen, und obwohl es bei mir bald drei Jahre her ist, nimmt mich das noch immer mit, und bei jedem kleinen unangenehmen Gefühl sind sofort alle Antennen nach innen gerichtet. Das deckt sich exakt mit meinen Erfahrungen: "Aber psychisch nimmt mich das Ganze sehr mit." Umso mehr, als eben für die Umwelt nichts 'Sichtbares' passiert ist - niemand nimmt Rücksicht, jeder denkt, es ist doch wieder alles ok, man möge bitte weiter funktionieren. Dass man fortan mit der konkreten Sorge zurecht kommen muss, dass man jederzeit und aus heiterem Himmel einfach umkippen und sterben kann, weil sich das wiederholt, das ist für viele Mitmenschen nur schwer vorstellbar. Solange man nicht mit dem Kopf unter dem Arm durch's Leben geht, sind doch einige sehr schnell dabei eine mitunter sehr verletzende Ignoranz an den Tag zu legen. Für die Zukunft alles Gute, und trotz dieser schrecklichen Erlebnisse wünsche ich Ihnen ein schönes, ausgefülltes Leben.
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