Junger Wirt übernimmt Dorfkneipe Komm her, du altes Haus

Mehr als tausend Wirtshäuser machen Jahr für Jahr in Deutschland dicht. Fabian Pätzold hat in einem Dorf in Niedersachsen trotzdem eines übernommen, das fünfmal so alt ist wie er selbst. Und der Laden brummt.

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Hänschen ist 68 Jahre alt. Seine Gäste haben ihn nie zum Hans reifen lassen. Auch jetzt, wo Johannes Weiterer in Rente ist und längst sein Nachfolger hinter der Theke steht, halten sie an dem Namen fest. "Wir treffen uns bei Hänschen", sagen sie, wenn sie in die Kneipe von Fabian Pätzold wollen.

Der 32-Jährige hat ein Wirtshaus in Algermissen übernommen, einem 4600-Einwohner-Örtchen in Niedersachsen. Schon vor 160 Jahren kamen Menschen hierher, um Bier und Schnaps zu trinken, Sauerfleisch und Gänsebraten zu essen, Neugeborene zu feiern und Verstorbene zu betrauern.

Wirtshäuser wie dieses waren mal der Mittelpunkt eines jeden Dorfes. Doch das sind sie schon lange nicht mehr. Im Schnitt machen jedes Jahr mehr als tausend zu.

Das Gasthaus Weiterer gibt es schon seit 160 Jahren
Fabian Pätzold

Das Gasthaus Weiterer gibt es schon seit 160 Jahren

Knapp 54.000 Schankwirtschaften zählte das Statistische Bundesamt noch im Jahr 1995. 20 Jahre später sind es nur noch 31.100. Als 1972 Johannes Weiterer alias Hänschen das Erbe seines Vaters antrat, gab es allein in Algermissen elf Kneipen. Heute sind es drei.

Den Kegelklub "Fidele Pumpe" gibt's nicht mehr

Die "Eintracht Blasmusiker" und den Kegelklub "Fidele Pumpe" gibt es nicht mehr, was aus der Faustballmannschaft geworden ist, weiß keiner so genau, und wenn heute die Jägerschaft im Gasthaus Weiterer einen Tisch reserviert, dann für 35 Leute statt 70. Erst sterben die Vereine, dann die Wirtshäuser. Oder?

"Lass' die Finger von der ollen Kaschemme!", wurde Pätzold gewarnt, als er von seinen Pachtplänen erzählte. Nun, ein Jahr später, kann er darüber lachen. Denn das Geschäft läuft prächtig.

Sein Erfolgsrezept: Er setzt auf Familienfeiern. Vom Spargelessen für vier Personen im Jägerzimmer bis zum Hochzeitsbüfett für 240 Gäste im Festsaal. Die eigentliche Kneipe macht er nur noch einmal in der Woche auf. "Mit dem klassischen Ausschank kann man nicht überleben", sagt er. "Aber unsere Rettung ist der große Festsaal."

In den Festsaal passen mehr als 200 Menschen
Fabian Pätzold

In den Festsaal passen mehr als 200 Menschen

Früher wurde das Feierabendbier in der Kneipe getrunken und ein runder Geburtstag zu Hause gefeiert. Heute ist es genau umgekehrt. Pätzold hat sich darauf eingestellt und das Leben im Gasthaus Weiterer verlagert, von der Schenke in die Scheune.

Die erste Reservierung für 2020 steht schon

Der Saal, den der Großvater von Johannes Weiterer 1906 als Turnhalle und für Feste hatte bauen lassen, ist so begehrt, dass Pätzold schon die erste Reservierung für 2020 notiert hat, eine Diamanthochzeit.

60 Jahre Ehe, "da lassen sich die Leute nicht lumpen", sagt Johannes Weiterer. Er ist auf einen Kaffee vorbeigekommen, das macht er häufiger. Den Haustürschlüssel hat er noch, allerdings nur noch den für die untere Eingangstür.

Die Wohnung im ersten Stock des Gasthauses hat er für Pätzold, dessen Frau und die kleine Tochter geräumt. Für sich und die Gattin hat er ein Haus am Ortsrand gekauft. Mit seinem dichten blonden Schopf und den Lachfältchen um die Augen sieht er aus wie ein Fotomodell, Typ glücklicher Rentner.

Johannes Weiterer
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Johannes Weiterer

Fabian Pätzold hat dunkle Haare. Man könnte ihn trotzdem für Weiterers Sohn halten, so vertraut, wie die beiden zusammen in der Wirtsstube sitzen. "Wir passen einfach zueinander wie Topf und Deckel", sagt der Jüngere, und der Ältere lacht.

Pätzolds Mutter hat sie einander vorgestellt. Sie leitete das Altenheim in Algermissen und kehrte mit Freundinnen aus dem Chor im Wirtshaus ein. Als sie hörte, wie Weiterer über die viele Arbeit klagte, sagte sie: "Da muss ich dir mal meinen Sohn vorbeischicken."

Haarscharf am Stern dran

Fabian Pätzold ist gelernter Koch. Im Schloss Marienburg bei Hannover hatte er sich vom Azubi bis zum Küchenchef hochgearbeitet. "Ich habe keine Sterneküche, aber ich komme haarscharf ran und gebe mein Bestes", sagt er selbstbewusst.

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Wirtshaus auf dem Land: Alles so schön alt hier

Drei Jahre arbeitete er Seite an Seite mit Weiterer. Dann startete er in die Selbstständigkeit - mit 1000 Euro Startkapital. "Mehr hatte ich nicht", sagt er. "Aber es hat gereicht, um die Lebensmittel für die erste Bestellung zu kaufen."

Sein Fazit nach einem Jahr: Er verdient nun mehr als früher und sieht seine Familie häufiger.

"Ich kann viel besser planen als in einem A-la-carte-Restaurant", sagt er. "Und auf so einen sterilen Laden hätte ich auch gar keine Lust mehr. Hier hat alles eine Geschichte, eine Seele. Das ist doch großartig."

Änderungen mögen die Gäste nicht

Auf der Theke in der Wirtsstube steht noch immer die Registrierkasse von Hänschens Großvater. Aber nun kriegt sie hin und wieder einen Sonnenstrahl ab: Pätzold hat die gelben Butzenscheiben gegen Klarglas getauscht. Sonst hat er kaum etwas verändert. "Das würden die Gäste nicht mitmachen, weil dann der Charme weg wäre", sagt er.

Die alten Butzenscheiben sind weg, sonst sieht alles aus wie früher
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Die alten Butzenscheiben sind weg, sonst sieht alles aus wie früher

Sie brauchen die alte Pendeluhr an der Wand, um auf ihr die Spielkarten zu deponieren. Die vertäfelte Eckbank, weil sie so gemütlich ist. Und die dunkelgrünen Sitzpolster, weil sie immer schon da waren.

In der Küche lässt Pätzold Sätze mit "immer schon" nicht gelten.

"Immer schon" wurde im Wirtshaus Weiterer die Suppe samt Einlage in einem großen Topf gekocht. Wer zuerst bestellte, bekam viele Frittaten. Wer Pech hatte, keine. Pätzold ordnete an, dass die Einlage vor der Suppe in jede Tasse kommt. Die Empörung der Aushilfen, allesamt gestandene Hausfrauen, war groß. Aber er hat sich durchgesetzt.

Auch das Rezept für den über die Ortsgrenzen hinaus berühmten Gänsebraten von Großmutter Sophie hat er verbessert. Behutsam, versteht sich.

Weiterer findet das großartig. Sein Wirtshaus ist schon immer mit der Zeit gegangen.

Der Opa installierte im Flur eines der ersten Telefone. Vor der Tür stand die erste Zapfsäule des Ortes. Und er selbst war es, der erst den Montag als Ruhetag einführte, dann den Mittwoch und Donnerstag - und irgendwann nur noch dienstags öffnete.

Postkarten und Fotos zeigen, wie sich das Gasthaus verändert hat
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Postkarten und Fotos zeigen, wie sich das Gasthaus verändert hat

Am Niedergang der Wirtshäuser hätten auch die Brauereien Schuld, sagt er. "In den Siebzigern war das Bier vom Fass günstiger als das Flaschenbier aus dem Supermarkt. Heute ist es genau umgekehrt."

Ein anderes Problem: die überbordende Bürokratie. Von der Mindestlohn-Dokumentationspflicht über die Allergenkennzeichnung bis hin zu Brandschutz-, Lebensmittel- und Hygienevorschriften - bundesweit stöhnen Wirte über die vielen Regularien. Fabian Pätzold muss die Küche bald umbauen. Die Holzschränke entsprechen nicht mehr den Standards, Edelstahl muss es sein.

Kein kostenloser Nachschlag mehr

Per Handschlag lässt sich heute auch auf dem Dorf nichts mehr regeln. Für Johannes Weiterer ein ungewohnter Gedanke. Das Grundstück, auf dem die Herrentoilette hinter der Gaststube steht, gehört eigentlich dem Nachbarn. Weiterer gab ihm dafür was von der Auffahrt ab. Vertraglich festgehalten wurde das nie.

Auch fürs Essen habe er grob kalkuliert, sagt Weiterer: "Ich habe immer alles über den Daumen geschätzt." Wenn jemand noch hungrig war, gab es kostenlos einen Nachschlag.

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Fabian Pätzold hat die Preise erhöht, das hat nicht allen im Dorf gefallen. Aber seine Gerichte schmecken, da ist man sich einig. Auch im Internet wird sein Essen gelobt. Der Google-Eintrag verlinkt allerdings auf eine Seite für Landmaschinen. Das Gasthaus selbst hat nur eine Facebook-Seite, aber für die haben weder Pätzold noch Weiterer einen Zugang.

Wahrscheinlich habe sie seine Tochter eingerichtet, vermutet Weiterer. Sie arbeitet in Berlin bei einer Kreativagentur und hat ihm schon vor Jahren angeboten, eine Website zu gestalten. Aber er wollte nicht. Und auch Pätzold sieht keinen Bedarf. Denn eines funktioniert heute noch wie vor 160 Jahren: Mundpropaganda.



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