Erlebnisbericht einer Hebamme "So eine schlimme Geburt hatte ich noch nie erlebt"

Es ist der Albtraum werdender Eltern: Was, wenn es Komplikationen gibt bei der Geburt? Kommt ein Baby geschädigt auf die Welt, ist das auch für die Geburtshelfer traumatisch. Eine Hebamme berichtet.

Weg in den Kreißsaal
U. Baumgarten via Getty Images

Weg in den Kreißsaal

Aufgezeichnet von


"Ich hatte schon seit zwei Jahren als Beleghebamme in einem kleinen Krankenhaus gearbeitet. Alles lief gut, bis zu der einen Nacht vor mehr als 20 Jahren, die mein Leben verändert hat. Gegen ein Uhr morgens nahmen wir eine Frau stationär auf, die ihr erstes Kind erwartete. Alles schien in Ordnung.

Zwei Stunden später rief sie nach mir, weil die Wehen so stark geworden waren. Ich habe sie untersucht und stellte fest, dass die Herztöne des Kindes ziemlich schwach waren. Ich habe sofort den Belegarzt angerufen. Weil er nicht kam, rief ich ihn nochmal an. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er endlich da war. Ich weiß nicht, warum er so lange gebraucht hat. Der Arzt untersuchte die Frau und ordnete an, sie an den Wehentropf zu hängen. Damit wollte er erreichen, dass das Kind schneller kommen kann. Dann ging er wieder.

Weil die Frau wirklich sehr starke Wehen hatte und der Muttermund vollständig geöffnet war, trennte ich sie nach einer Weile vom Wehentropf. Doch sie konnte das Kind nicht auf natürlichem Wege auf die Welt bringen. Ich setzte einen Notruf ab, um den Arzt so schnell wie möglich in den Kreißsaal zu holen - schon wieder ließ er auf sich warten. Er hatte sich offenbar hingelegt, aber niemand wusste, wo er war. Die Krankenschwestern suchten überall erfolglos nach ihm.

Videoreportage von Sylt: "Zur Geburt musst du aufs Festland"

SPIEGEL ONLINE

Erst eine Stunde später, gegen sieben Uhr morgens, stand er plötzlich im Kreißsaal. Er ordnete einen Kaiserschnitt an. Aber es dauerte ewig, bis alles vorbereitet war. Dann holte er das Kind. Wir sahen gleich, dass es dem Neugeborenen sehr schlecht ging. Es war blass und schlapp. Das Baby litt an einem Sauerstoffmangel - wie später auch die Untersuchung der Nabelschnur ergab. Die Ärzte schlossen es sofort an die Sauerstoffversorgung an. Wir bestellten den Babynotdienst dazu, der allerdings von der sechs Kilometer entfernten Kinderklinik kommen musste. Dorthin wurde das Baby dann auch verlegt.

Nachdem ich an diesem Vormittag dokumentiert hatte, was passiert war, ging ich völlig fertig nach Hause. So eine schlimme Geburt hatte ich noch nie erlebt. In den kommenden Tagen stellte sich heraus, dass das Kind bleibende Schäden davontragen würde, weil das Gehirn zu lange nicht genügend Sauerstoff bekommen hatte.

Seit dieser Nacht gehe ich im Kopf immer und immer wieder durch, was gewesen wäre, wenn der Arzt rechtzeitig gekommen wäre oder wenn ich etwas anders gemacht hätte. Warum war er eine Stunde lang nicht erreichbar?

Wieso habe ich nicht darauf bestanden, dass er bleibt? Das Arbeitsverhältnis war sehr hierarchisch, der Arzt war autoritär und duldete keinen Widerspruch. Ich mache mir bis zum heutigen Tag schwere Vorwürfe und schäme mich, weil ich keinen anderen Arzt angerufen habe. Doch bis dahin hatte ich mich immer auf den Arzt verlassen können. Er war zuverlässig und kam sofort, wenn ich ihn rief.

Als der Arzt schließlich da war, hätte ich mehr Druck machen sollen. Ich hätte ihm sagen sollen, dass er sich mit dem Kaiserschnitt beeilen müsse. Doch das hätte er wohl nicht geduldet, dann hätte ich am nächsten Tag meine Kündigung abholen können. Ich hatte damals extreme Existenzängste, ich brauchte diesen Job.

Bei der Arbeit konnte ich mit niemandem über den Vorfall reden. Das Vertrauen in die Kolleginnen fehlte mir. Der Arzt war im Krankenhaus der Platzhirsch, gegen den wäre ich nie angekommen. Immer wenn ich später mit ihm Dienst hatte, war ich sehr verunsichert. Ich stand unter Strom, war total angespannt. Einmal habe ich ihn gefragt, ob die Geburt für uns Konsequenzen hätte - da hat er mich einfach stehen lassen.

Zwei Jahre habe ich das noch ausgehalten, dann habe ich gekündigt und mir ein anderes Arbeitsfeld gesucht. Die Geburtshilfe hat mir keinen Spaß mehr gemacht, ich hatte solche Angst, einen Fehler zu machen. Ich habe mir nichts mehr zugetraut.

Die Mutter habe ich erst Jahre später vor Gericht wiedergesehen. Zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon 15 Jahre alt. So lange hat es gedauert, bis ein Prozess angestrengt wurde. Sie hatte ihren Sohn dabei. Er wird immer im Rollstuhl sitzen müssen und rund um die Uhr auf Pflege angewiesen sein. Er wird nie sprechen können. Im Gericht bin ich gleich zur Mutter hingegangen und habe ihr gesagt, wie leid mir alles tut. Sie hat mir zugehört und konnte annehmen, was ich sagte.

Während des Prozesses ging es natürlich um die Frage, wo der Arzt war, warum er nicht rechtzeitig kam. Erst erzählte er, er sei auf Visite gewesen, dann gab er zu, dass er sich hingelegt hatte. Er sagte aus, er habe gedacht, dass er sich auf mich verlassen könne. Es gab viele Untersuchungen, Befragungen und medizinische Gutachten. Wieder und wieder wurde ich gefragt, warum ich keinen anderen Arzt habe kommen lassen. Dem Belegarzt wurde zur Last gelegt, dass er weggegangen war und nicht gesagt hatte, wie er zu erreichen war, obwohl klar war, dass die Geburt problematisch also regelwidrig werden würde.

Video: Alltag auf der Geburtsstation - Willkommen im Leben

SPIEGEL TV

Knapp zwei Jahre nach der Gerichtsverhandlung kam das Urteil. Das Gericht hat dem Arzt und mir die Gesamtschuld zugesprochen. Im Namen des Volkes. Das war ein Albtraum. Ich fühlte mich, als hätte mich jemand an den Marterpfahl gebunden. Ich hatte das Gefühl, alle urteilen über mich: "Warum hat diese dumme Henne keinen anderen Arzt gerufen?" Ich konnte nicht mehr schlafen, habe darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen. Mit so einer Situation kann man nicht umgehen. Ich habe das nicht ausgehalten. Seit dem Urteil streiten die Versicherer, wer wie viel Geld zu zahlen hat. Die Akte ist also immer noch nicht geschlossen. Das Kind ist inzwischen über 20 Jahre alt.

Ich habe zum Glück einige Menschen in meinem Leben, mit denen ich über das reden kann, was passiert ist. Das hat mir über die Jahre geholfen. Nur ein Psychologe hat mich sehr enttäuscht, er war völlig überfordert mit mir und sagte, er könne mir nicht weiterhelfen. Ich habe schließlich viel mit mir selbst ausgemacht. Nun vermeide ich es, darüber zu reden. Alles kocht ja wieder hoch, wenn ich davon erzähle.

Anderen Hebammen kann ich nur raten, alles ganz genau zu dokumentieren und sich vor allem über sämtliche Hierarchien hinwegzusetzen, wenn sie das Gefühl haben, es läuft etwas falsch. Das Wichtigste ist das Wohl von Mutter und Kind. Das sollte man niemals vergessen."



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.