Keine Lust auf Karriere Banker? Berater? Och nö

Deutschlands Top-Absolventen wenden sich ab von den einst hochbegehrten Jobs bei Banken und Beratungen. Sie wollen mehr Bodenständigkeit - und hoffen, sie in der Industrie zu finden.

Von Eva Buchhorn

Olivier Hess für manager magazin

Nein, es ist kein besonders glamouröser Job, den Victoria Spies, 30, sich da ausgesucht hat. Vor den Fenstern ihres Großraumbüros im Londoner Industrievorort Hammersmith donnern Lastwagen über eine vierspurige Schnellstraße. Drinnen, im vierten Stock der Zentrale von GE Capital International, sitzt Spies am Rechner und analysiert Kundendaten für das Sales-Team.

Mit glamourösen Jobs hat sie so ihre Erfahrungen. Spies gehört zu den Triple-A-Kandidaten, die Unternehmensberatungen und Investmentbanken nur zu gern für sich gewinnen würden. Sie kann einen Bachelor von der European Business School in Oestrich-Winkel (EBS) vorweisen, hat in Peking und Südafrika studiert, Praktika bei Allianz, McKinsey und Barclays absolviert und einen MBA an der Esade in Barcelona draufgesattelt. Doch Spies will nicht ins Investmentbanking. Sie war schon mal dort.

2007, direkt nach dem Bachelor, heuerte sie bei Morgan Stanley in London an. "In meinem Jahrgang wurden fast alle Banker oder Berater", sagt sie. Work hard, play hard: Die Nächte wurde durchgearbeitet, das Gehalt war üppig, der Bonus ebenfalls. Und wenn gefeiert wurde, dann laut und krachend.

Bis die Finanzkrise die Branche über Nacht entzauberte. Morgan Stanley warf binnen kurzer Zeit mehrere tausend Mitarbeiter hinaus; Investmentbanker galten nicht mehr als coole Typen, sondern als arrogante, unmoralische Zocker. Spies zog die Notbremse und stieg aus, wie der Großteil ihres Jahrgangs. Im Nachwuchsführungskräfteprogramm von GE Capital fängt sie wieder unten an.

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Karriereverweigerer: Aufstieg? Ohne mich
Vom Traumjob zum Alptraum - und noch mal ganz von vorn. Ob Investmentbanking oder Unternehmensberatung: Deutschlands Top-Nachwuchs wendet sich ab von den einst hochbegehrten Trophy-Jobs. In weiten Teilen der akademischen Elite macht sich Ernüchterung breit: Haben sich all die Bachelors und MBAs überhaupt gelohnt? Was kann man damit schon bewegen? Und wie sinnvoll und angesehen ist das eigentlich, was man da tut?

Jung und schon desillusioniert: Anders als in Amerika, wo das Silicon Valley massenweise Talente absaugt, sind die Alternativen hierzulande begrenzt und echte Fünfsternejobs rar gesät. So arrangieren sich viele mit Positionen, die wenig Glamour zu bieten haben, dafür umso mehr Bodenständigkeit. Ganz nach dem Motto: Normal ist das neue Cool.

Das belegen auch die Alumni-Statistiken der Business Schools. Gingen 2001 noch 75 Prozent aller EBS-Absolventen zu einer Investmentbank oder einer Consultingfirma, ist es heute nur noch jeder Dritte. Auch bei den Absolventen der WHU in Koblenz hat die Begehrlichkeit deutlich nachgelassen.

Victoria Spies startete ihre zweite Karriere - wie schon die erste - in London. Ihr neuer Arbeitgeber, der Finanzdienstleister GE Capital, zahlt klammen Baufirmen, Schweinebauern, Mittelständlern und Kleinunternehmern Kredite und treibt dafür deren Forderungen ein, Factoring nennt sich das. Es gibt Sicherheitsanweisungen, die Neulinge darüber aufklären, dass sie keine Leitern herumstehen lassen sollen und in Gefahrenbereichen einen Helm zu tragen haben. Victoria Spies findet das gut: "Ich bin ein bodenständiger Typ. GE passt zu mir."

"Einmal rekrutiert, ist Köpfchen nicht mehr gefragt"

Benedikt Herles, 29, hat dem Big Business ganz den Rücken gekehrt. Er fand Unterschlupf in der nach wie vor sehr übersichtlichen deutschen Wagniskapitalszene. Im August 2013 heuerte er als Associate beim Hamburger Geldgeber Eventures an und jettet durch Europa, ständig auf der Suche nach vielversprechenden Start-ups, die sich mit Big Data in der mobilen Welt beschäftigen.

Herles sagt von sich selbst, er habe einen "klassischen High-Potential-Lebenslauf". Seine erste Firma hat er mit 16 gegründet, ein Jahr später war er jüngster Aussteller auf der Computermesse Systems. Nach Abitur und Zivildienst startete er ein BWL-Studium an der WHU und vollendete es dann als Diplomvolkswirt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Der erste Job sollte Herles' perfekten Lebenslauf krönen - und wurde zur großen Enttäuschung. Er stieg bei einem internationalen Consultant in München ein und konnte es kaum glauben: "Einmal rekrutiert, ist Köpfchen nicht mehr gefragt. Junge Berater müssen Excel und Powerpoint beherrschen, sonst nichts."

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Banker machen Schluss: Raus aus dem Job!
Niederschmetternd für einen, der Jahre in enggetakteten Stundenplänen zwischen Hörsaal und Bibliothek verbracht hat, um sich "Porter's 5 Forces", die BCG-Matrix und pfundweise höhere Mathematik einzubimsen. Der seinen Abschluss in VWL schließlich als einer der drei Besten seines Jahrgangs gemacht und mit Summa cum laude promoviert hat.

Wer das Studium an der WHU komplett durchzieht, hat bis zum Bachelor zudem mehr als 30.000 Euro investiert.

Die Aufnahme in die von Erstsemestern noch angehimmelte Beraterwelt wirkte auf den ehrgeizigen Herles wie ein Platzregen nach einer durchfeierten Nacht: Statt an Mandaten mit steiler Lernkurve mitarbeiten zu dürfen, bestand seine Mission oft genug in nichts anderem als dem Anhübschen von Unterlagen: "Nach zwei Monaten war ich der Herr der Folien. Eine komplett inhaltsfreie Arbeit."

Die ihm vorgesetzten Projektleiter forderten bedingungslosen Einsatz, notfalls rund um die Uhr. Ungeliebte Aufgaben wurden nach unten delegiert, die Neulinge durften sich im Tippen und Formatieren profilieren. "Trainierte Affen" seien sie gewesen, resümiert Herles. Ein Jahr hielt er durch, dann warf er hin.

In einem Buch über die Beraterzeit ("Die kaputte Elite") hat sich Herles seinen Frust von der Seele geschrieben. Bei Eventures fliegt er nur noch Easyjet, dafür wird er intellektuell wieder gefordert. Aus ambitionierten Businessplänen muss er funktionierende Geschäftsmodelle herauslesen, muss passende Co-Investoren auftreiben und wasserdichte Verträge verhandeln.

So wie Herles empfänden inzwischen etliche Nachwuchsstars, sagt Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung und -entwicklung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Zum Unmut über die mitunter sinnentleerte Plackerei gesellt sich die bittere Erkenntnis, dass aus einer endlosen Reihe von Überstunden und Hotelübernachtungen noch lange keine Karriere wird.

Denn die Aufstiegswege sind weitgehend verstopft: Anders als in den glorreichen neunziger Jahren, als das Consulting-Geschäft allerorten auf- und ausgebaut wurde und Wachstumsraten unterhalb von 20 Prozent einem Stillstand gleichkamen, sind Strategieberater heute schon mit mickrigen 5 Prozent glücklich. Wer langsamer wachse, könne auch den Partnerkreis nicht mehr so ausdehnen wie früher, sagt Fink. "Das übliche Versprechen an den Nachwuchs, in sechs bis acht Jahren in die Partnerriege aufzusteigen, lässt sich nicht mehr halten."

"Das Niveau der internen Ausbildung sinkt"

Hinzu kommt: Nur noch ein Viertel der Aufträge stammt aus dem klassischen Strategiegeschäft, also dem Bereich, für den man die brillantesten Köpfe braucht. Statt Vorstände bei globalen Expansionsplänen zu unterstützen, müssen Neulinge immer öfter ins operative Dickicht von IT-Optimierung und Supply-Chain-Management eintauchen.

Den Grad der Enttäuschung kann Fink an den Ergebnissen seines jüngsten Alumniprojekts ablesen: "Die Besten fühlen sich nicht mehr ausreichend wertgeschätzt, das Niveau der internen Ausbildung sinkt, einfaches Durchschleusen nimmt zu." In den Rankings der beliebtesten Arbeitgeber landen selbst angesehene Häuser wie Boston Consulting, Roland Berger und Bain inzwischen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen:

Imageprobleme: Berater und Banken sacken in Rankings ab
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Imageprobleme: Berater und Banken sacken in Rankings ab

Es war ein unausgesprochener Vertrag, den High Potentials mit ihren Traumarbeitgebern abzuschließen pflegten: harte Arbeit gegen gutes Geld, eine Ausbildung on the Job, mit der man später problemlos auf die Kundenseite wechseln kann. Dieses Versprechen können heute nicht einmal mehr die selbsternannten Masters of the Universe einlösen: die Investmentbanken.

Der nahezu obszöne Geldregen, den die Institute bereits über 23-jährigen Berufsanfängern auszugießen pflegten, ist Geschichte. Ebenso wie die Chance, ein Festgehalt mittels Bonus zu verdoppeln. "Heute gibt es zwar höhere Fixgehälter, aber die wiegen die Einbuße nicht auf", sagt die aufs Investmentbanking spezialisierte Personalberaterin Sabrina Tamm in Frankfurt. Dass es kaum noch milliardenschwere Megamerger gibt, trübt die Aussichten zusätzlich ein. Stattdessen stehen die Banker heute landauf, landab als gierig da. Das schrecke junge Talente ab. Für die sei Nachhaltigkeit immer wichtiger bei der Jobauswahl, so Tamm.

Selbst Wall-Street-Ikonen wie Goldman Sachs und Morgan Stanley müssen um den Nachwuchs kämpfen. Nur noch jeder vierte Harvard-Business-School-Absolvent ging 2013 in den Finanzsektor, bei der MIT Sloan School of Management in Boston ließ sich nur mehr jeder Sechste dazu herab, an der Wall Street anzuheuern, berichtet das "Wall Street Journal". Goldman Sachs sah sich gezwungen, für Einsteiger die Arbeitszeiten am Wochenende zu verkürzen.

Während Amerikas junge Elite ihr Glück in der boomenden Internetindustrie sucht, wo die Start-ups mit Aktienoptionen, lässigen Lofts und weltbewegenden Visionen locken, bleiben den Deutschen wenige Optionen. Nur weil einer an der WHU studiert hat, ist er noch lange nicht für Google interessant. Und Heldengeschichten wie die von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sucht man hierzulande vergebens.

Jobs in der Industrie sind die Alternative

Die deutsche Gründerszene ist klein, Firmen mit Milliardenbewertung existieren nicht. Einzig Rocket Internet, der Inkubator der Samwer-Brüder (Zalando), liefert einigermaßen vergleichbare Erfolgsgeschichten. Tausend Bewerbungen gehen bei Rocket Internet pro Monat ein, ein Viertel davon kommt nach Unternehmensangaben von Triple-A-Kandidaten. Wenige haben das Glück, als Co-Founder im Topmanagement eines Samwer-Start-ups ihren Platz zu finden.

Till Schicke, 28, wollte sich die Gründerfabriken im E-Commerce nicht antun. Der WHU-Absolvent mit einem Master in International Management ist lieber volles Risiko gegangen und hat alles auf ein blaues Plastikgehäuse mit ein paar Platinen und Mikrochips gesetzt. Präsentiert worden war ihm das Gehäuse von einigen akademischen Bastlern in einer spärlich möblierten Büroetage in München-Sendling: der Prototyp für Tado, ein Thermostat zur Steuerung von Heizungen über das Internet. Kein Glamour-Ding, kein Copycat, sondern ehrliche deutsche Wertarbeit. Schicke hörte eine halbe Stunde lang zu, stellte Fragen, "dann war alles entschieden".

Heute verkauft Tado mehrere tausend Geräte pro Monat, Schicke verantwortet den kompletten Vertrieb und die europäische Expansion. Und Bain hat einen Mitarbeiter weniger. Auf seine drei Jahre als Berater lässt Schicke trotzdem nichts kommen, "die Ausbildung war erstklassig, das Klima auch". Sogar ein Sabbatical wurde umstandslos genehmigt. Doch von einem Projekt zum nächsten, das hat ihn irgendwann nicht mehr erfüllt.

Nicht jeder ist gleichermaßen gemacht für das unplanbare und unsichere Leben in einem Start-up. Die Mehrheit der Desillusionierten entscheidet sich mittlerweile für eine Anstellung in dem Segment, in dem die deutsche Wirtschaft bis heute die größte Strahlkraft entfaltet: der Industrie. "Corporates erleben ein Comeback", sagt Klaus Töpfer, Geschäftsführer von Access KellyOCG in Köln.

  • Eva Buchhorn ist Redakteurin beim manager magazin.



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penie 27.04.2014
1. Sehr erfreuliche Entwicklung!
Weder Investmentbanken noch Beratungshäuser schaffen Werte. Geschweige denn dauerhafte, also nach haltige Werte. Allerdings gehört die Autorin offensichtlich genau dieser Spezies an, wie man an der Unzahl mehr oder minder sinnvoller Worthülsen sieht.
RainerCologne 27.04.2014
2.
Zitat von sysopOlivier Hess für manager magazinDeutschlands Topabsolventen wenden sich ab von den einst hochbegehrten Jobs bei Banken und Beratungen. Sie wollen mehr Bodenständigkeit - und hoffen, sie in der Industrie zu finden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/generation-y-jobs-als-banker-oder-berater-sind-wenig-gefragt-a-964992.html
Ich gehöre nicht zur Triple A Riege, kann die Herrschaften jedoch gut verstehen. Ich verdiene dieses Jahr 45.000€ und bin absolut zufrieden. 38 Stunden Woche, 30 Tage Urlaub, mit Überstundenabbau 40-45 Tage frei. in ein paar Jahren bin ich bei 55-60Tsd. angekommen. Wofür soll ich mehr verdienen?
spon-facebook-10000110374 27.04.2014
3. Finde mich hier irgendwie wieder
Nicht dass ich von den Beratungen, für die ich gearbeitet habe enttäuscht worden wäre (bis auf einige Projekte, hatte aber mehr mit den Projektleitern zu tun). Ich hatte aber das Gefühl, dass mein Job ziemlich von jedem erledigt werden könnte. Zumal ich Chemie studiert habe und mich zurückgezogen fühlte. Hatte dann entschieden doch eine Promotion zu absolvieren (unter anderem wegen Ehrgeiz). Fühle mich hier irgendwie sehr bestätigt: Habe mittlerweile 6 Erstautorveröffentlichungen und darf für einen der genialsten Wissenschaftler weltweit arbeiten. Der Gehalt ist zwar halb so groß als der Eintstiegsgehalt bei der Beratung (und ich bin mittlerweile ein Postdoc), doch erfüllt mich das echt, etwas zu machen, was außer mir vielleicht ein Dutzend Personen weltweit machen könnte. Und am Hungertuch muss ich auch nicht nagen. Tja, man muss wohl sich irgendwann entscheiden.
mischamai 27.04.2014
4. schon lange Geschichte
Schon seit einigen Jahren zeigt sich eine Bankausbildung eher von Nachteil.Ganz offensichtlich hat man den Werteverfall hier so eingestuft wie er zu bewerten ist,nämlich als ein Weg konstruktiver Rücksichtslosigkeit.Aber es gibt zum Glück viele anerkennende Wege mit Achtung eine Berufsausbildung vorzuzeigen,der des Bankers ist Geschichte.
mainzelmännchen 1 27.04.2014
5. Banker und Berater versperren den Weg...
...auch für sich selbst - sie könnten einem fast leid tun, wie schwarze Vögel im Morgengrauen über die Themsebrücken huschend in Bataillonsstärke - traurige Gestalten.
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