Junge Kollegen bei Daimler "Die wollen viel Feedback, aber nicht nur Lob"

Bei Daimler arbeiten fünf Generationen unter einem Dach - da prallen Lebenswelten aufeinander. Personalvorstand Wilfried Porth über WhatsApp im Dienst und die Auszubildenden aus der Generation Z.

Ein Interview von

Auszubildende im Autowerk (VW in Baunatal): "Die Generation will ihre Familie früh planen"
DPA

Auszubildende im Autowerk (VW in Baunatal): "Die Generation will ihre Familie früh planen"


Zur Person
  • Daimler AG
    Wilfried Porth (Jahrgang 1959) ist seit 2009 Personalvorstand bei Daimler. Seit seinem Abschluss 1985 als Maschinenbau-Ingenieur arbeitet er bei dem Autokonzern.
KarriereSPIEGEL: Herr Porth, vor Kurzem haben Sie etwas Neues probiert, um junge Bewerber anzusprechen: Einen Tag lang konnten sie per WhatsApp eine Daimler-Mitarbeiterin in ihrem Job-Alltag begleiten. Wie ist es dazu gekommen?

Porth: Das war die Idee von jungen Kollegen aus unserer Personalabteilung. Die erste Kandidatin für die Umsetzung kam dann aus dem Traineeprogramm CAReer. Sie hat tatsächlich den ganzen Tag detailliert berichtet, in welche Meetings sie gerade geht, was da passiert und wie sie sich darauf vorbereitet. Außerdem konnten die Bewerber Fragen stellen, von denen wir die meisten zentral beantwortet haben.

KarriereSPIEGEL: Reichen Stellenanzeigen nicht mehr aus?

Porth: Diese vielbeachtete Aktion ist kein Ersatz für Stellenanzeigen, aber wir wollen über alle Kanäle frühzeitig mit potenziellen Bewerbern in Dialog treten. Und Menschen der Generation Z…

KarriereSPIEGEL: …also die ganz jungen Azubis, die ab 1999 geboren sind…

Porth: …finden es ganz selbstverständlich, sich auf Kanälen wie WhatsApp auszutauschen.

KarriereSPIEGEL: Gerade wurde noch darüber geredet, wie die Generation Y die Firmen verändert. Treffen Sie die Generation Z schon so häufig bei Daimler?

Generation... wie bitte?
Talkin' 'bout my Generation
Selbstverständlich kann man nicht einfach eine ganze Generation über einen Kamm scheren. Aber gewisse Moden und Strömungen gibt es schon, die für eine Altersgruppe zumindest typisch sind.
Generation X
Damit sind - zumindest heute - alle gemeint, die zwischen den frühen Sechzigerjahren und frühen Achtzigerjahren geboren sind. Der Begriff wurde durch den gleichnamigen Roman von Douglas Coupland bekannt. Die Generation wuchs ohne Kriegserfahrung auf, aber auch ohne das Versprechen permanenten Wachstums, das noch die Entscheidungen der Vorgängergeneration geprägt hatte.
Generation Y
Auf X folgt Y, in der englischen Aussprache klingt Y aber auch wie "Why?", also die Frage: "Warum?" Dieser Generation, geboren zwischen den frühen Achtzigern und späten Neunzigerjahren, wird eine hinterfragende Haltung zugeschrieben. Sie ist in einer Wohlstandgesellschaft aufgewachsen, zu den ersten prägenden politischen Erfahrungen gehört der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001.
Generation Z
Geboren nach 1999, kommt bald die nächste Generation ins Erwachsenenalter. Sie prägt nach ersten Einschätzungen nicht nur der Wohlstand der Gesellschaft, sondern auch die Digitalisierung mit all ihren Umbrüchen. Außerdem könnte sie von der Unsicherheit beeinflusst sein, die seit der Finanzkrise von 2008 die Wirtschaft weltweit kennzeichnet.
Porth: Der Generation Z begegne ich vor allem zu Hause! Im Ernst: Etwa zwei Prozent unserer deutschen Belegschaft gehören der Generation Z an, rund 25 Prozent der Generation Y. Aber so wenige werden es ja nicht bleiben.

KarriereSPIEGEL: Wie ticken die Z-ler bei Daimler?

Porth: Mir fällt auf, dass sie einen sehr öffentlichen Umgang mit ihrem Privatleben pflegen, stärker noch als ihre Vorgänger. Sie sind immer im Netz unterwegs, nicht nur bei WhatsApp, sondern auch bei Snapchat oder Instagram, um sich dort darzustellen und mit Freunden auszutauschen.

KarriereSPIEGEL: Welche Rolle spielt das für die Arbeit?

Porth: Wir können sehr direkt mit diesen Mitarbeitern kommunizieren, weil sie den Austausch über Smartphones und Social Media gewohnt sind und beherrschen. Das ist beispielsweise bei jungen Kolleginnen und Kollegen in der Produktion ein Vorteil, weil wir nicht mehr warten müssen, bis sie am Schwarzen Brett vorbeikommen. Dieser Wandel ist auch in der Fertigung selbst angekommen. Wir verwenden viele Fertigungsmaschinen, die sich permanent selbst prüfen. Die Daten werden in Echtzeit auf Tabletcomputer übertragen, die die verantwortlichen Kollegen immer bei sich tragen. So sehen sie frühzeitig, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

KarriereSPIEGEL: Das ist aber schon etwas anderes als ein Foto und eine Statusmeldung bei Instagram.

Porth: Natürlich. Aber wer, wie diese jungen Leute, mit Informationstechnologie groß geworden ist, findet nichts dabei, sein Tablet immer dabei zu haben. Einige Vertreter der älteren Generationen fremdeln eher damit.

KarriereSPIEGEL: Bei diesem zwanglosen Umgang mit der Öffentlichkeit: Gibt das manchmal Ärger?

Porth: Ach, ich mache mir keine großen Sorgen um Partybilder, wenn Sie das meinen. Das ist zunächst einmal Privatsache, solange die Party nicht im Büro stattfindet. Die allermeisten wissen sich doch zu benehmen, gerade in der Generation Z. Viele Kollegen dieser Generation sehen Facebook eher kritisch. Snapchat ist so beliebt, weil der Dienst flüchtig ist: Die Videos, die sich die Nutzer schicken, werden nach dem Anschauen gelöscht.

KarriereSPIEGEL: Und das Betriebsgeheimnis?

Porth: Das ist tatsächlich eine viel größere Sorge. Bei uns fahren geheime Prototypen durchs Werk, unsere Mitarbeiter arbeiten mit Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wir setzen viel Energie daran, dass allen die Grenzziehung klar wird: Was ist privat, was ist dienstlich, wo werde ich als Unternehmensvertreter verstanden, wo äußere ich meine persönliche Meinung?

KarriereSPIEGEL: Der Personalmanagement-Experte Christian Scholz beschreibt in seinem Buch "Generation Z" folgende Situation: Es ist Freitag, das Wochenende steht kurz bevor. Der Chef bittet eine junge Mitarbeiterin länger zu bleiben, weil in der Produktion etwas schief gelaufen ist und ein Auftrag zu platzen droht. Doch die junge Frau erinnert ihn an die vereinbarte Arbeitszeit und fährt nach Hause.

Porth: Das ist keine Mitarbeiterin von Daimler (lacht).

KarriereSPIEGEL: Wenn Ihnen das vielleicht doch noch passiert: Wie sollen Führungskräfte bei Daimler damit umgehen?

Porth: Im Ernst: Von so einer Verweigerungshaltung habe ich noch nicht gehört. Wer weiß, was die junge Frau Unverschiebbares zu Hause hatte. Zur Not muss der Vorgesetzte selbst ran. Allerdings ist unser Unternehmen auch so groß, dass sich immer jemand findet, der mit anpacken kann. Das ist im Übrigen kein neues und kein Generationenthema, sondern eine Frage von Führung und Teamgeist. Wir haben fünf Generationen im Unternehmen und managen die damit verbundenen Themen seit fast 130 Jahren.

KarriereSPIEGEL: Wir haben bisher nur über Technik gesprochen. Wie erleben Sie den Nachwuchs sonst?

Porth: Viele Wünsche der Generationen Y und Z decken sich: Fairness, Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen, die Wertschätzung von Individualität, Selbstbestimmtheit bei der Arbeit.

KarriereSPIEGEL: Wo sehen Sie Unterschiede?

Porth: Typisch für die Generation X ist die Frage nach den Verdienstmöglichkeiten, die Ypsiloner betonen die Ausgewogenheit von Privat- und Berufsleben. Bei den Z-lern kommt ein ausgeprägter Wunsch nach Sicherheit hinzu. Da sind auffallend viele, die ihr Leben frühzeitig planen möchten, eine Familie gründen, ein Haus bauen. Allerdings ist das eine sehr deutsche Betrachtung: In Asien oder in den USA stellt sich das ganz anders dar.

KarriereSPIEGEL: Dann werden dort mehr Überstunden gemacht? Haben Sie deshalb vor zwei Jahren ein Entwicklungszentrum im indischen Bangalore eingerichtet?

Porth: Nein, so kalkulieren wir nicht. In Bangalore entwickeln wir vor allem IT-Systeme, dafür gibt es dort hervorragende Spezialisten. Außerdem brauchen wir bei der Entwicklung neuer Modelle auch zunehmend den Input aus Regionen, wo unser Geschäft künftig noch stärker wachsen wird. So lernen wir am besten, was die Kundschaft will.

KarriereSPIEGEL: Viele junge Mitarbeiter wollen regelmäßiges Feedback, älteren ist das oft zu viel Quasselei, nach dem Motto: Müssen die sich schon wieder ihr Lob abholen? Das hören wir aus anderen Betrieben - machen Sie ähnliche Erfahrungen?

Porth: Es stimmt, die Jungen fordern viel Feedback ein, ich glaube aber nicht, dass sie immer nur Lob erwarten. Das ist eine kulturelle Veränderung. Gerade für viele Ingenieure, die nicht gern große Worte machen, ist das neu. Wir haben deshalb verpflichtende Mitarbeitergespräche eingerichtet: Regelmäßig tauschen sich unsere Führungskräfte und Mitarbeiter darüber aus, was ihnen an der Arbeit gefällt und wo es Verbesserungspotenziale gibt - und zwar in beide Richtungen.

KarriereSPIEGEL: Das klingt harmloser, als es in der Realität vermutlich ist.

Porth: Glauben Sie mir, ich führe einige Personalgespräche - und zwar hauptsächlich schwierige, denn mit den einfachen muss man nicht zum Vorstand. Mein Eindruck ist, dass die meisten Mitarbeiter lieber ein konstruktiv kritisches, aber offenes Gespräch führen, als nicht nachvollziehbar bewertet zu werden.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Redakteur Matthias Kaufmann.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
ramuz 18.06.2015
1. Nur zur Sicherheit..
..... eine DAIMLER-Mitarbeiterin plaudert über WHATSAPP aus, was sie gerade tut? Interna? Wer mit wem wo worüber "meetet" ? Über Whatsapp??? Entweder hat sie da nur unwichtigen Klamauk rausgelassen ( also nicht ernst zu nehmen ), oder sie weiss nicht, was sie da tut - und ihre Chefs/innen auch nicht. Beides würfe keinerlei gutes Licht auf die Intelligenz der DAIMLERisti.
tutnet 18.06.2015
2. Generationen X, Y und Z sind im Anhang definiert,
wobei die Xer auch schon 55 Jahre alt sein können. Ich frage mich jetzt, wo sind die anderen beiden Generationen (wie immer die heißen mögen) und wo arbeiten die? X-1 kann ja noch arbeiten bis max. 67, aber X-2 können nur Rentner über 90 sein, die einmal im Jahr zur Weihnachtsfeier kommen dürfen.
_gimli_ 18.06.2015
3.
Zitat von ramuz..... eine DAIMLER-Mitarbeiterin plaudert über WHATSAPP aus, was sie gerade tut? Interna? Wer mit wem wo worüber "meetet" ? Über Whatsapp??? Entweder hat sie da nur unwichtigen Klamauk rausgelassen ( also nicht ernst zu nehmen ), oder sie weiss nicht, was sie da tut - und ihre Chefs/innen auch nicht. Beides würfe keinerlei gutes Licht auf die Intelligenz der DAIMLERisti.
Ob die Leute das nun über WhatsApp ausplaudern, bei der Disko oder auf dem Fußballplatz ist doch Wurscht. Die wenigsten Informationen bleiben intern. Ich kenne auch interessante Interna diverser Großkonzerne, weil ich privat mit Leuten aus diesen Firmen zu tun habe und die recht redselig sind.
Flying Rain 18.06.2015
4. Es
Die jüngere Generation will so finde ich (gehöre ja selbst dazu) weniger Feedback als das man uns zuhört wenn man eine Idee hatt oder sich einbeingen will. Ich habe das leider eher Negativ erfaren müssen. Vorschläge und Inovationen eingebracht und vorgeschlagen nur um gesagt zu bekommen dass das Quatsch ist und nicht machbar ist, nur um dann zu sehen das der Abteilungsvize genau diese Ideen 3 Monate später auf den Tisch bringt und alle Hurra! Schreien und er dazu noch die Kohle dafür absahnt.... Ich muss dazu sagen das Generation Z aber leider das Problem hatt das sie zu intensiv und früh mit Internet und Co. in Berührung gekommen sind und deswegen viel zu blind für die Risiken und Gefahren sind. Da sind wir aus der Gen. Y schon besser drann da wir erst ab einem gewissen Alter an Smartphone und Co herankahmen. Heutzutage hatt doch jeder 2te 6 -Jährige ein Tablet oder Smartphone....
ramuz 18.06.2015
5. Mit einem kleinen Unterschied.
Zitat von _gimli_Ob die Leute das nun über WhatsApp ausplaudern, bei der Disko oder auf dem Fußballplatz ist doch Wurscht. Die wenigsten Informationen bleiben intern. Ich kenne auch interessante Interna diverser Großkonzerne, weil ich privat mit Leuten aus diesen Firmen zu tun habe und die recht redselig sind.
Nein. Eine bierselige Aussage in der Disko+Kneipe ist Schall und Rauch von gestern, und sie wurde 1...2...3 Leuten gegenüber gemacht. Whatsapp-News stehen für immer nachlesbar auf Servern, auf die der Schreiber keinerlei Zugriff hat, und Tausende Interessierte können es lesen und - vor allem sehr übel! - können auch rausfinden, welche Adressen + Nummern + Daten Sie auf Ihrem Mobilteil hatten, als Sie kommuniziert hatten. Und wann Sie mit wem ... Sie wissen schon. Sind denn jetzt die Mitarbeiterin, deren Handy-Nummer, und alle ihre Handy-Kontakte auch NSA-Targets? Steht nicht DAIMLER auch auf der NSA-Liste von Bad Aibling?
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