Gerüchte im Büro Klatsch hat auch was Positives

Ob Chefin, Lieferant oder Sekretärin - vor Klatsch im Büro ist kaum jemand sicher. Sich da komplett rauszuhalten ist keine gute Lösung. Denn das Tratschen ist wichtig fürs Team.

Hast du schon gehört?
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"Du, ich glaube, die Sabine ist schwanger. Die streicht sich im Meeting ständig über den Bauch."

"Sag mal, der Sören hat was mit der Carolin, oder?"

Klatsch raubt Zeit. Klatsch kann verletzen. Aber er kann auch dabei helfen, in stressigen Situationen Druck abzulassen und sich von eher langweiligen Routineaufgaben abzulenken. "Klatsch ist etwas Böses, das Gutes tut", sagt Soziologe Christian Schuldt.

Das Reden über Dritte schweiße zusammen. Und nebenbei würden bei solchen Gesprächen auch Werte ausgehandelt, so Schuldt. Werde beispielsweise über eine Affäre im Büro getuschelt, werde damit auch deutlich, dass diese vom Team nicht akzeptiert werde.

Sich beim Tratschen ganz herauszuhalten, sei deshalb häufig keine gute Idee. Man isoliere sich im Team, bekomme viele Informationen nicht mehr mit - und werde auch selbst leichter zum Gegenstand von Klatsch.

Souveräner Umgang mit Klatsch
1. Wie schütze ich mich vor Klatsch?

Wer weiß, worüber die Kollegen im Büro klatschen, wird selbst seltener zum Klatschopfer, sagt der Frankfurter Soziologe Christian Schuldt. Flurfunk sei ein wichtiges Instrument der Information: Beschäftigte großer Unternehmen beziehen fast zwei Drittel ihres des Jobwissens aus Gerüchten. Auch der berufliche Erfolg beruht nur zu 10 Prozent auf Fachkompetenz, aber zu 90 Prozent auf Beliebtheit und Bekanntheit - also letztlich auf Klatsch.

2. Wann wird man selber zum Klatschopfer?

Wem erzähle ich was? Wer kann Geheimnisse für sich behalten? Wer gibt vertrauliche Informationen ungefiltert weiter? Klatsch ist eine "diskrete Indiskretion" und darf nicht in jedem Fall weitergeleitet werden, sagt Schuldt. Es sei wichtig, immer informiert zu sein. Aber es sei auch gleichzeitig gefährlich, wahllos in alle Richtungen zu plaudern. Dann läuft man Gefahr, selbst zum Klatschthema zu werden.

3. Wann wird die Grenze zum Mobben überschritten?

Böse Gerüchte, üble Verleumdungen, Bettgeschichten - solche Themen haben in Bürogesprächen nichts zu suchen. Damit wird die Grenze zum Mobbing überschritten, das ist verboten. Es gibt klare Klatschregeln, und die haben immer etwas Versöhnliches, so Schuldt. Jede Klatschgeschichte will den Kollegen sanft anstupsen, aufzeigen: So ticken die Chefs und die Kollegen, so sind die kulturellen Werte des Teams oder des Unternehmens.

4. Warum sind Chefs solche Klatschmäuler?

An der Spitze ist es einsam, und mit Klatsch kann man Verbündete finden und gleichzeitig Feinde abwehren. Schuldt: Deshalb ist Klatsch oft ein beliebtes Mittel, um die eigene Macht im Unternehmen zu festigen. Besonders Vorgesetzte lästern gern über die Missgeschicke hochrangiger Kollegen und Konkurrenten.

5. Warum ist ein angenehmes Klatschklima wichtig?

Damit die Mitarbeiter ein Ventil haben, um Dampf abzulassen. Schuldt: Wer Gerüchte verbietet, produziert nur noch mehr Getuschel. Er ist sicher: Wenn die Mitarbeiter frei reden können, steigt die Motivation, steigen gleichzeitig der Teamgeist und das Wir-Gefühl.

Das Wort stammt aus dem 18. Jahrhundert. Damals wuschen Frauen auf öffentlichen Plätzen ihre Wäsche und während Hemden und Hosen auf das Waschbrett klatschten, tauschten sie den neuesten Tratsch aus. Aus dieser Zeit stammten auch Redewendungen wie "schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen" oder "jemanden durchhecheln" oder "Klatschbasen" und "Klatschtanten", wie Birgit Althans von der Leuphana Universität Lüneburg erklärt.

Sie hat eine Kulturgeschichte des Klatsches veröffentlicht - und hebt ebenfalls die positiven Aspekte hervor: Wenn es bei der Arbeit stressig wird, sorge Klatsch für Entspannung.

Wie heißt der neue Chef? Sind Kündigungen geplant? Bevor die Geschäftsleitung es verkündet, wabern erste Gerüchte über den Flur - und darüber reden, das beruhigt die Nerven, haben Forscher der University of California erkannt. Und Evolutionsforscher sagen: Die Neigung, Gerüchte zu verbreiten, ist angeboren.

Trotzdem ist auch klar: Die Grenze zwischen Klatsch und Mobbing ist schmal. Klatsch diene auch dazu, sich über andere zu erheben, sagt Psychologin Juliane Dreisbach. Und in Zeiten, in denen immer mehr Privates in sozialen Netzwerken veröffentlicht wird, taugten nur noch sehr intime Informationen als Klatsch.

Um Gerede zu vermeiden, sollten gerade Berufseinsteiger, die neu in eine Firma kommen, ruhig ein bisschen aus ihrem Privatleben erzählen, rät Coach Regina Michalik. Außerdem sollten sie beim Gerede über Kollegen genau hinhören. Wer gut im Beobachten sei, werde schnell heraushaben, was in der Gruppe toleriert werde und welche Werte in der Abteilung gelten.

vet/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
stevens. 20.03.2017
1. Büro, warum immer Büro?
Wenn man mache Artikel hier über das Berufsleben in Deutschland liesst. Könnte man denken alle Menschen arbeiten im Büro! Was ist mit Polizei, Krankenhaus Personal und Pflege allgemein, Feuerwehr, Müllabfuhr, Handwerker, usw.... Finde ich seltsam.....
gammoncrack 20.03.2017
2. Sie meinen also allen Ernstes,
dass die von Ihnen angesprochenen Berufsgruppen kein Büro haben? Ich empfehle: Heute 18.50 Uhr "Großstadtrevier" im Ersten.
t_mcmillan 20.03.2017
3. Es lebe Photoshop
Ich sehne mich danach, mal wieder unbearbeitete Fotos zu sehen.
almeo 20.03.2017
4.
Bei meinem letzten Arbeitgeber, einer kleinen Firma in einer alten Villa mit vorrangig Zwei-Mann-Büros war die Stimmung sehr angenehm. Man hat sich im Aufenthaltsraum erzählt was man sich erzählen wollte und hat ansonsten eben seine Arbeit gemacht. Mittags ist man gemeinsam was essen gegangen und abends auch mal was trinken, aber alles ungezwungen und unaufdringlich. Mein aktueller Arbeitgeber mit fast zehnmal so vielen Arbeitnehmern, Büros mit 6-8 Personen und einem Frauenanteil von sicher 80+% ist beim Thema Klatsch und Tratsch leider ein Rückschritt was das angeht. Persönlich kann ich nicht bestätigen, dass Klatsch am Kaffeeautomat zusammenschweißen würde. Tatsächlich wird - meiner Erfahrung nach - hier über jeden getratscht der gerade nicht im Büro ist, die Grenze zwischen Gerücht, Indiskretion und "Maul zerreißen" ist leider fließend. Ich habe das selbst auch schon mehr als einmal erlebt, das tiefpersönliche Dinge durchs ganze Haus gequatscht werden, bar jeden guten Menschenverstandes. Und ob das förderlich für das Arbeitsklima ist, wage ich doch sehr zu bezweifeln. Meine Erfahrung ist, dass in der Kaffeeküche jeder jeden in die Pfanne haut, sobald der ihm den Rücken zukehrt. Kommt das auf Umwegen dann heraus, ist die Stimmung gereizt, aber ganz sicher nicht zusammengeschweißt. Möchte man keine Auskunft über die neue Freundin, die Gründe der letzten Krankschreibung, das Seminar mit den Führungskräften oder mit Details über den Kurzurlaub rausrücken, wird man direkt schief angeschaut. Und ja, es tut mir Leid, meine Erfahrung ist zumindest, dass dies in Unternehmen mit sehr hohem Frauenanteil ein größeres "Problem" ist. Nicht falsch verstehen, es muss nicht jeder grummelig und eigenbrötlerisch in seinem Büro versauern, es gibt viel worüber man sich unterhalten kann. Hobbys, Freizeittipps, durchaus auch persönliches. Aber das dann nicht mit jedem. Spätestens wenn einen Kollegin aus einem anderen Stockwerk, mit der man sonst keine fünf Worte wechselt peinliche Details zur Krankheitsgeschichte des Bürokollegen wissen will, dann hört bei mir das Verständnis echt auf. Ähnlich bei Leuten, die gefühlt stundenlang von Büro zu Büro durchs Haus laufen statt zu arbeiten, nur um zu quatschen.Da frage ich mich dann schon, wie schmerzbefreit manche Leute sind.
MADmanOne 20.03.2017
5. Arbeit
Zitat von stevens.Wenn man mache Artikel hier über das Berufsleben in Deutschland liesst. Könnte man denken alle Menschen arbeiten im Büro! Was ist mit Polizei, Krankenhaus Personal und Pflege allgemein, Feuerwehr, Müllabfuhr, Handwerker, usw.... Finde ich seltsam.....
Na, weil der Rest wirklich was arbeitet und keine Zeit für derartige Spinnereinen hat, ist doch klar ;)
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