Schaufenster vs. Onlinehandel Windows in echt

Wenn der Internethandel wächst, wird Schaufensterdeko unwichtig, könnte man denken. Das Gegenteil ist der Fall: Gestalter für visuelles Marketing erleben einen Aufschwung. Aber warum?

DPA

Karin Wahl stülpt einen Stoffschutz über ihre Schuhe und setzt sich ein Nadelkissen auf den Unterarm. Wer sie so sieht, könnte denken, sie sei eine Schneiderin. Doch schon im nächsten Moment stapft die Frau mit der dunklen Bob-Frisur Richtung Schaufenster. Wahl ist Schaufensterdekorateurin oder Gestalterin für visuelles Marketing, wie der Beruf korrekt heißt.

Drei Kunststoffpuppen sollen in einem Kleidungsgeschäft in der Düsseldorfer Innenstadt neu angezogen werden. Lange seien Schaufenster vernachlässigt worden, sagt die 52-Jährige. "Heute haben wir Nachwuchsprobleme und suchen händeringend nach mehr Personal."

Immer mehr Kaufhäuser stecken viel Aufwand in die Ladengestaltung - auch weil der Onlinehandel sie unter Druck setzt. Das beschert den Gestaltern für visuelles Marketing einen deutlichen Aufschwung. 2008 haben 599 Azubis einen Ausbildungsvertrag als Gestalter unterschrieben, 2013 waren es laut Handelsverband Deutschland (HDE) 741. Neu ist seit dem vergangenen Wintersemester auch ein Studiengang für Retail Design an der FH Düsseldorf.

Zehn Leute für ein Schaufenster

"Die Optik im Handel wird wichtiger. Die Ansprüche der Kunden sind gestiegen", sagt HDE-Sprecher Stefan Hertel. Der stärker werdende Onlinehandel erhöhe den Druck auf kleine und mittelständische stationäre Händler. Die versuchen mit der Ladengestaltung dagegenzuhalten.

"Schaufenster können die Vorstellungskraft oder sogar ein ganzes Lebensgefühl von Konsumenten wecken. Zum Beispiel durch Strand- oder Urlaubsszenen", sagt Andrea Gröppel-Klein vom Institut für Konsum- und Verhaltensforschung an der Universität des Saarlandes. "Beim Onlinekauf steht eher das nützlichkeitsorientierte Einkaufen im Vordergrund."

Der wächst rasant: 33,1 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete die E-Commerce-Sparte 2013 - ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für 2014 wird laut HDE sogar ein Wachstum von 17 Prozent erwartet.

Um mithalten zu können, investieren die Kaufhäuser kräftig in ihre Gestaltung: Der Europäische Verband für Visuelles Marketing/Merchandising (VMM) schätzt, dass Unternehmen in den vergangenen Jahren durchschnittlich zehn Prozent des gesamten Marketingbudgets für visuelles Marketing ausgeben. Bei einer Galeria-Kaufhof-Filiale kann der Aufbau eines aufwendigen Schaufensters in der Weihnachtszeit schon mal 14 Tage in Anspruch nehmen. Ein zehnköpfiges Deko-Team werkelt dort.

Konkurrenz in den Innenstädten

Neben dem Boom des Onlinegeschäfts sei allerdings auch der steigende Wettbewerbsdruck in den Innenstädten ein Auslöser dafür, dass Geschäfte wieder mehr in ihre Einrichtung und Warenpräsentation investieren, sagt Gröppel-Klein. "Große Marken haben überall ihre Filialen, die Städte wirken austauschbar. Da kann das Fachgeschäft mit einer individuellen Präsentation den Einheitsbrei aufmischen."

Auch Karin Wahl versucht, sich bei ihren Dekorationen von anderen abzusetzen. Vor zwei Jahren tat sie das besonders erfolgreich: 2012 gewann sie den Branchenpreis für das beste visuelle Marketing. Dekorierte Schaufenster mag sie nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern auch aus Käufersicht. Sie sei ein haptischer und visueller Mensch, der sich im Geschäft inspirieren lassen will. "Ich kann nicht im Internet bestellen, wenn ich zum Beispiel gar nicht weiß, wie sich ein Kleidungsstück auf der Haut anfühlt."

Katharina Hölter/dpa/pas



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Seite 1
mac4ever2 12.09.2014
1. Wenn so ein Landei wie ich...
...schon mal in die Stadt fährt, dann möchte es, was den Präsenzhandel betrifft, auch etwas erleben, sei es Eventshopping oder einfach eine hohe Verkaufskultur - Preisvergleiche auf den letzten Cent kann man dagegen ja im Internet erledigen. Insofern haben jetzt schon Händler die Nase vorn, die genau das bieten: z.B. Apple-Stores oder Einkaufstempel wie das KDW in Berlin.
mrsa 12.09.2014
2.
Zitat von mac4ever2...schon mal in die Stadt fährt, dann möchte es, was den Präsenzhandel betrifft, auch etwas erleben, sei es Eventshopping oder einfach eine hohe Verkaufskultur - Preisvergleiche auf den letzten Cent kann man dagegen ja im Internet erledigen. Insofern haben jetzt schon Händler die Nase vorn, die genau das bieten: z.B. Apple-Stores oder Einkaufstempel wie das KDW in Berlin.
Unter Eventshopping verstehe ich eher etwas anderes als die durchgestylten Glastempel, die es in jeder Stadt gibt. So gibt es z.B. in manchen Städten, die sich eher mittelalterlich geben, Glasgeschäfte mit echtem Glasbläser. Das macht Eindruck und man kann die Produkte direkt kaufen. Ein Eventshopping der anderen Art hatte ich vor einiger Zeit, als ich mit meinen Sohn einen Tornister für die erste Klasse kaufen wollte. Ich dachte mir, Ausprobieren und Beratung können nicht schaden, weshalb ich den Einzelhandel anstelle des Internets wählte. Und wie es so kommt, musste der Kleine auf die Toilette, die es aber laut Verkäufer in dem Geschäft nicht gab. Das Ende vom Lied: Mein Sohn stellte sich an einen Baum vor dem Geschäft in der Fußgängerzone und ich habe im Internet die Hälfte des Preises für denselben Tornister bezahlt.
rumpelstilzchen1980 13.09.2014
3.
Schaufenster sind nett. Aber ich nehme die gar nicht wahr. Überlege gerade was wo gestaltet ist und kann es nicht sagen...
Blaue Fee 14.09.2014
4.
Zitat von rumpelstilzchen1980Schaufenster sind nett. Aber ich nehme die gar nicht wahr. Überlege gerade was wo gestaltet ist und kann es nicht sagen...
Sie sind keine Frau... Wir waren gestern in einer Mall und schon meine sechsjährige Tochter zeigte begeistert zur Schaufensterdekoration, egal ob Haushaltsgeräte oder Spielzeug. Gut gemachte Bilder, und nichts anderes sind gut gemachte Schaufenster, setzen sich auch unbewusst fest, heben die Stimmung und somit auch den Verkauf.
criticalsitizen 15.09.2014
5. So lange durch Korruption und Gesetzlosigkeit und Gehirnwäsche bei Konsumenten und Politik
der onlinehandel quasi gesetz- und steuerbefreit und sozialstaats-Aufstockung mit illionen subventioniert wird, wird eko das Laden-Sterben und Vernichten von Arbeitsplätzen nicht stoppen
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