Sexuelle Übergriffe in Behindertenwerkstätten Wo Frauen besonders viel Schutz brauchen

Behinderte Frauen werden viel öfter sexuell belästigt als andere - vor allem am Arbeitsplatz. Seit Kurzem sind deshalb Frauenbeauftragte in Behindertenwerkstätten Pflicht. Was können sie ausrichten?

Elbe-Werkstätten in Hamburg
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Elbe-Werkstätten in Hamburg

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Sechs Jahre lang kam er immer wieder in ihr Zimmer. Er wollte Sex, wollte sie dabei fesseln. Die geistig Behinderte lebte mit ihm in einer Wohngruppe zusammen und konnte ihm keine klaren Grenzen setzen. Sie konnte sich nicht verständlich machen, nicht sagen, dass sie auf diese Weise nicht mit ihm schlafen wollte. Auch ihr Zimmer konnte sie nicht abschließen - aus Sicherheitsgründen.

Erst als sie mit Marion Blohm, der Frauenbeauftragten an ihrem Arbeitsplatz, ins Gespräch kam, konnte sie sich überwinden, von den Übergriffen zu erzählen. Blohm arbeitet in den Elbe-Werkstätten in Hamburg und setzt sich bereits seit acht Jahren für die Rechte und Sicherheit der Mitarbeiterinnen ein. Pflicht sind Frauenbeauftragte in Behindertenwerkstätten erst seit vergangenem Herbst.

Tabuthema Gewalt

Verena Bentele, die Behindertenbeauftragte der Bundesrepublik, bezeichnet diese Neuerung im Bundesteilhabegesetz als großen Erfolg. Es sei ein Ausdruck dafür, die Gleichstellung und Selbstbestimmung von Frauen mit Behinderungen weiter voranzutreiben. Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen werde nach wie vor gesellschaftlich tabuisiert, sagt Bentele. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2011 werden sie zwei bis dreimal häufiger Opfer von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt als nicht behinderte Frauen.

Hohe Dunkelziffer

Gerade jetzt, da viele Fälle sexueller Belästigungen im Zuge der #MeToo-Debatte an die Öffentlichkeit geraten, wirkt die Zahl umso erschreckender. Nur selten wird darüber berichtet, dass Menschen mit Behinderung Opfer von sexuellen und physischen Übergriffen werden. Dem Hamburger Anwalt Oliver Tolmein zufolge, der sich auf Behindertenrecht spezialisiert hat, ist die Dunkelziffer enorm hoch.

Zu bedenken sei auch, dass es sich bei den Tätern sowohl um Menschen mit Behinderungen als auch um Nichtbehinderte handele - oftmals Beschäftigte in entsprechenden Einrichtungen. Und Letztere hätten eine besondere Machtstellung gegenüber Menschen mit Behinderung.

Tolmein empfiehlt den Betroffenen, sich rechtlichen Beistand zu holen. Ob juristische Schritte folgen könnten, müsse aber im Einzelfall entschieden werden. Er rät in vielen Fällen davon ab, die Täter anzuzeigen. "Es kommt selten zu Verurteilungen, weil es oft schwer ist, einen Tatnachweis zu führen, der Gerichte überzeugt." Das liegt daran, dass die Taten oft nicht direkt gemeldet werden, dass es wenig objektive Beweismittel gibt und die Geschädigten oft nur schwer einen genauen Tatablauf schildern können.

Werkstätten für Menschen mit Behinderung
    In Deutschland gibt es ungefähr 700 Werkstätten für etwa 310.000 behinderte Menschen. Mehr als 263.000 von ihnen erhalten eine Arbeits- und Berufsförderung, 30.000 Beschäftigte erhalten eine berufliche Qualifizierung. Etwa 17.000 Menschen sind so schwer behindert, dass sie in Tagesförderstätten, die den Werkstätten angegliedert sind, besonders betreut und gepflegt werden.

Zu sexuellen Übergriffen kommt es aber nicht nur in Wohnheimen, sondern vor allem am Arbeitsplatz. Dort gebe es mehr Freiräume, sagt die Hamburger Sozialpädagogin Astrid Klusmann. "Die Werkstätten sind viel größer als Wohngruppen oder das häusliche Umfeld, wo die Menschen mit Behinderung enger begleitet werden. Hier gibt es immer Ecken und Schlupfwinkel, in denen niemand ist." Mitunter versuchten Beschäftigte, die Frauen zu küssen, unsittlich zu berühren oder durch obszöne Gesten zu schockieren.

"Wenn ich so etwas sehe, gehe ich sofort dazwischen", sagt Marion Blohm, die Frauenbeauftragte aus Hamburg. Blohm hat selbst eine Lernschwierigkeit, von einer geistigen Behinderung möchte sie nicht sprechen. Dass die Amtsinhaberinnen selbst behindert sind, ist so vorgesehen. Das sei wichtig, sagt Verena Bentele, denn so könnten die Frauenbeauftragten im Werkstattalltag durch eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen eine gute Ansprechpartnerin und Beraterin sein.

Wenn Blohm in ihrem Betrieb über die Flure geht, grüßen sie die anderen Beschäftigten und rufen ihren Namen. Blohm fragt, wie es geht, schüttelt Hände, macht Smalltalk. Sie arbeitet schon seit 43 Jahren in den Elbe-Werkstätten, früher hat sie Elektroteile montiert und Kabel zusammengeschraubt, nun kümmert sie sich unter anderem darum, dass es den Frauen, die in der Werkstatt arbeiten, gut geht.

Marion Blohm: "Wenn ich so etwas sehe, gehe ich sofort dazwischen"
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Marion Blohm: "Wenn ich so etwas sehe, gehe ich sofort dazwischen"

Es käme immer wieder vor, dass sich Männer Frauen annähern, die ihnen geistig weit unterlegen seien, sagt Sozialpädagogin Klusmann. "Vielen Menschen mit geistiger Behinderung fehlt das Gespür dafür, wo die Grenze des anderen beginnt." Die Schwächeren begriffen kaum, was vor sich gehe.

"Sexualität von Menschen mit Behinderung wird noch viel zu wenig thematisiert", mahnt Sozialpädagogin Klusmann. "Selbst Erwachsene mit Behinderung bleiben für ihre Eltern immer noch Kinder ohne Sexualität. Sie sind oft überrascht und schockiert, wenn sie merken, dass ihre Kinder auch sexuelle Bedürfnisse haben."

Gerade deswegen sei es so wichtig, Frauenbeauftragte zu haben, die die Mitarbeiterinnen informieren und stärken, sagt Ricarda Kluge von Weibernetz, einem bundesweiten Zusammenschluss von Frauen mit Behinderungen. So könne über sexuelle Themen aufgeklärt und damit zum Schutz vor Übergriffen, Mobbing und Gewalt beigetragen werden. "Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen wird schnell unter den Teppich gekehrt."

Lernen, sich selbst zu behaupten

Marion Blohm kämpft nicht allein. Sie hat ihre Betreuerin Claudia Kasper an ihrer Seite. Die beiden Frauen haben ihre eigenen Strategien, um das Vertrauen der Mitarbeiterinnen zu gewinnen. "Wirkungsvoll ist es, wenn wir die Frauen in kleinen Gruppen zum Frühstück oder Kaffeetrinken einladen", sagt Kasper. In einem solchen Rahmen würden sie sich eher öffnen als bei Vollversammlungen. Sie haben auch eine feste Sprechzeit, zu der die Frauen kommen können.

Claudia Kaspar: "In kleinen Gruppen zum Frühstück oder Kaffee einladen"
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Claudia Kaspar: "In kleinen Gruppen zum Frühstück oder Kaffee einladen"

Blohm und Kasper achten im Betrieb zudem auf Grenzüberschreitungen, veranstalten Frauenvollversammlungen, fragen bei den Frauen regelmäßig nach, wie es ihnen geht. Einmal im Jahr gibt es zudem einen WenDo-Kurs, in dem die Frauen lernen, sich selbst zu behaupten und auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie in Gefahr geraten.

Beobachten oder erfahren sie von sexuellen Belästigungen oder Mobbing, helfen sie den Frauen mit all ihren Mitteln: Sie sprechen mit der Betriebsleitung und den zuständigen Sozialpädagogen. Übergriffige Kollegen werden verwarnt, beurlaubt, versetzt oder als letztes Mittel sogar gekündigt. Sie setzen sich auch dafür ein, dass Frauen neue Betreuer bekommen, wenn sie mit den alten nicht klar kommen.

Auch der Frau, die im Wohnheim von einem Mitbewohner belästigt worden ist, konnten sie helfen: Der Mitbewohner wohnt inzwischen auf einer anderen Etage. Mit Hilfe der zuständigen Sozialpädagogen schlossen die beiden einen Vertrag darüber, sich voneinander fernzuhalten. Die Polizei wurde nicht eingeschaltet.



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