Girls-und-Boys-Day Jetzt trägt die Tochter einfach mal Helm  

Mädchen schrauben an Autos, Jungs pflegen Kranke: Darum geht es am Donnerstag beim Girls-und-Boys-Day. Doch später schlüpfen die meisten Kids wieder in alte Rollenklischees. Die wichtigsten Fakten zur Berufswahl von Jungen und Mädchen.

Rollentausch: Am Girls' Day trägt Suheda, 13, für einen Tag einen Feuerwehrhelm
DPA

Rollentausch: Am Girls' Day trägt Suheda, 13, für einen Tag einen Feuerwehrhelm


Wie wäre es, wenn eine Tochter mal für einen Tag mit Papa auf den Bau geht - Steine schleppt, Beton mischt, auf ein Gerüst klettert? Und im Gegenzug der Sohn die Mutter in den Friseursalon begleitet - Haare wäscht, Locken dreht, Kaffee kocht? Das ist die Idee des Girls' Day. Seit 15 Jahren gibt es den Schnuppertag für Mädchen in Männerberufen. Vor vier Jahren kam das Mini-Praktikum für Jungs in Frauenberufen dazu.

Am Donnerstag öffnen dazu über 7000 deutsche Unternehmen, Behörden und Hochschulen ihre Tore. Ganz vorn dabei die Autoindustrie: Bei Daimler können 600 Schülerinnen schrauben, hämmern, basteln. Und Volkswagen erwartet 1300 Tagespraktikantinnen an zehn deutschen Standorten.

Die Hoffnung der Autobauer: Sie wollen schon Fünftklässler für technische Berufe begeistern, in denen bisher vorwiegend Männer arbeiten. Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Daimler AG: "Betriebliche Frauenförderung fängt bei uns damit an, viele begabte und engagierte junge Frauen für die Ausbildung an unseren Standorten zu gewinnen."

Die Chancen stehen gut: "Junge Frauen sind als Auszubildende in männlich dominierten Berufen genau so zufrieden mit ihrer Ausbildung wie die jungen Männer", sagt Florian Haggenmiller, Bundesjugendsekretär des DGB. Laut einer DGB-Studie bewerten 79 Prozent der weiblichen Azubis ihre Ausbildungssituation mit sehr gut und gut, bei den jungen Männern sind dies 74 Prozente.

Nach dem Girls' Day könne sich jede dritte Teilnehmerin vorstellen, später einmal in ihrem Praktikumsunternehmen zu arbeiten, so die Macher des Girls' Day.

Doch der Effekt hält nicht lange an, noch immer gibt es eine geschlechtsspezifische Berufswahl. Ganz besonders schleppend geht es bei den nicht-akademischen Berufen voran. Eine Bestandsaufnahme:

Typisch Azubine

Obwohl es mehr als 300 duale Ausbildungsberufe gibt, konzentriert sich mehr als die Hälfte der Mädchen bei der Lehrstellensuche auf nur zehn Berufe. Naturwissenschaftliche oder technische Berufe sucht man in der Top-Ten-Liste vergeblich: An der Spitze steht die Einzelhandelskauffrau (8,1 Prozent der jungen Auszubildenden begannen 2013 diese Lehre). Es folgen weitere Berufe im kaufmännischen und Dienstleistungsbereich. Dazu zählen Friseurinnen und Hotelfachfrauen.

Typisch Azubi

Männliche Bewerber entscheiden sich ebenfalls häufig für eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann (4,5 Prozent), an der Spitze der meist gewählten Ausbildungsberufe steht allerdings der Kraftfahrzeugmechaniker (6,1 Prozent). Beliebt ist neben einer kaufmännischen Tätigkeit auch eine Lehre zum Industriemechaniker (4 Prozent) oder Elektroniker (3,6 Prozent). Unter den 20 häufigsten Ausbildungen ist kein sozialer Beruf. Nur rund ein Viertel aller Schüler in der Alten- und Krankenpflege ist männlich.

Technik bleibt bei Frauen ein rotes Tuch

Eine aktuelle Datenauswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu Frauen in sogenannten MINT-Berufen (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zeigt: In dieses Berufsfeld drängen überproportional viele Frauen. Aber: Im Technikbereich, wo es besonders viele Jobs gibt, ist die Geschlechterverteilung in den vergangenen 20 Jahren nahezu unverändert geblieben. Der Frauenanteil hat sich laut DGB auf knapp unter 12 Prozent eingependelt.

Tiefsitzende Rollenklischees verunsichern

Junge Menschen, die sich gegen den Trend entscheiden, müssen immer noch mit negativen Reaktionen aus ihrem Umfeld rechnen, sagt Ulrike Graff, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld. Sie hätten häufig die diffuse Sorge, dass sie keine 'richtigen' Jungen oder Mädchen mehr sein könnten. Für Jungen spiele zusätzlich eine Rolle, dass in vielen frauendominierten Berufen die Verdienstmöglichkeiten schlechter sind. So kommt es, dass Frauen immer noch viel häufiger die Zuverdienerrolle spielen.

Aufholjagd im Schneckentempo

Einer Auswertung des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit aus dem Jahr 2014 zufolge holen die weiblichen Fachkräfte jedoch in manchen Bereichen auf. Im Jahr 2000 waren lediglich 3,1 Prozent aller Elektro-Lehrlinge weiblich. Zwölf Jahre später waren es schon 5,7 Prozent. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der Frauen, die ihren Abschluss in einem Maschinenbau- und wartungsberuf absolvierten, auf 798 - bei insgesamt 16.275 erfolgreichen Prüflingen.

sid / dpa

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unglaeubig 22.04.2015
1. Was für ein toller Name!
...aber kann mir mal jemand erklären, was an "Kindertag", "Nachwuchstag" oder von mir aus auch "Mädels- und Jungs-Tag" so viel schlimmer ist als an dem schrecklich schludrigen "Girls- und Boys' Day in der Über-Überschrift? Die Kritik der Reihe nach: 1) Es ist unnötigerweise großenteils englisch 2) Es ist unverständlicherweise teilweise deutsch 3) Irgendwas ist da mit den Apostrophen komisch... Entweder beide (mein Favorit) oder keins. 4) Es fehlt der Bindestrich nach den Boys' (oder da ist einer zu viel nach dem "Girls") Ich habe überhaut gar nichts gegen Anglizismen, aber was so ein Blödsinn soll, den nicht mal die Journalisten, die darüber berichten richtig schreiben können und die Kinder - die es betrifft - teilweise wahrscheinlich nicht mal verstehen, das soll mir mal jemand triftig erklären...
lorn order 22.04.2015
2. der erste Girls Day 2001
Beim ersten Girls Day 2001 war ich Führungskraft in einer großen IT-Beratung. Eine engagierte Kollegin organisierte den Girls Day und es wurden mir vier Mädchen vorgeführt, für die ich mir eine Stunde Zeit genommen hatte. Leider war das ein totales Fiasko! Meine Schilderung unseres Arbeitsalltags mit dem hohen permanenten Reiseaufwand und der Notwendigkeit, alles zur Zufriedenheit der Kunden zu erledigen, und keine Fehler zu produzieren, ging vollständig an der Vorstellungskraft der Mädchen vorbei. Mein Beispiel, das wäre so, wie in allen Schulfächern eine 1 anzustreben und zu erreichen, tat ein Übriges. Meine Lehre daraus: Ich bin dafür vollkommen ungeeignet!! :-((
felsen2000 22.04.2015
3.
Meine Söhne machen diesen Berufs-Schnuppertag auch mit, aber auf die denkbar einfachste Weise: einer geht bei meiner Frau mit ins Büro und einer bei mir. Und so machen es fast alle Kinder an unserer Schule. Diese Gender-Quatsch ist mal wieder ein Paradebeispiel für die verdrehte, missionarische Denkweise von selbsternannten Weltverbesserern. Zum ersten ist es eine völlig absurde Vorstellung, man könnte die Lebensziele eines jungen Menschen verändern, in dem er oder sie (böser, böser Fehler: ich habe den männlichen Part zuerst genannt) EINEN TAG gezwungen würde, in einem "geschlechtsuntypischen Beruf" rumzulaufen. Wer glaubt, dass das irgendeine Wirkung hätte, der glaubt auch den Weihnachtsmann, Globuli und die Weltrevolution. Zum zweiten ist völlig unklar, warum man einen jungen Menschen so manipulieren sollte. Diese Ideologie, man müsse einen "neuen Menschen" [ (c) by linke Weltverbesserer] produzieren, ist unmenschlich, potentiell gefährlich und zum Scheitern verurteilt. Es ist richtig, dass man junge Menschen nicht daran HINDERN sollte, untypische Wege einzuschlagen. Aber diese Art von Benachteiligung ist seit Jahrzehnten aus unserer Gesellschaft verschwunden - wiewohl die geschlechtsspezifische Trennung und Erziehung gerade wieder hunderttausendfach in unser Land einwandert. Aber das scheint niemanden zu stören. Wie auch immer; in einem freien Land sollte es genügen, dass junge Menschen eine freie Entscheidung treffen. Niemand kann alle Ausbildungen, Berufe und Studiengänge prüfen; es ist völlig normal, dass Jungen und Mädchen bereits in der Vorauswahl selektieren. Also bei der Frage, welche Lebenswege überhaupt in die engere Wahl kommen. Und? Wo ist denn überhaupt das Problem? Freier Wille ist wohl für manche Weltverbesserer so was von old school.... weg damit, sozialistische... äh, nein, das heisst jetzt genderistische Erziehung ist angesagt! Den Genderismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf...
tdi-meister 23.04.2015
4. Norwegen machts vor:
Norwegen hat wegen dieses Filmes https://www.youtube.com/watch?v=2Rzd2UmpkZs die Gener-Ideologie als Uninn erkannt und die Finanzierung gestoppt! Weiter so,am Besten auch bei uns!
swamp_thing 23.04.2015
5.
Vor einigen Tagen veröffentlichte SPON einen Artikel, nach dem 50% aller Azubis nach Ende der Ausbildung den Beruf wechseln. Nach der hier erwähnten DGB-Studie sind auf einmal 75% der Azubis mit der Ausbildung zufrieden. Den Herrn Haggenmiller würde ich gern mal kennenzulernen. Ausgerechnet heute, kam eine meiner weiblichen Azubis mit verheulten Augen und wollte hinschmeißen. Sie wäre nicht die Erste. Ihr ist völlig klar das sie diesen Beruf nicht ein Leben lang schaffen wird. Also musste ich (mal wieder) beschwichtigen und trösten. Hinterm Schreibtisch lässt sich leicht jungen Frauen weismachen, sie könnten jeden Beruf ergreifen und tagaus tagein Beton oder sonstwas mischen. Aus Sicht der Gleichstellungswahnsinnigen ist der "Girls-Day" die kontraproduktivste (dämlichste[im doppelten Sinn]) Idee, die die je hatten, denn: die Mädchen kommen in die Betriebe, bekommen große Augen, tippen sich mit dem Finger an die Stirn und drehen sich wieder um. Die Genderfeministin merken das anscheinend nicht. Die bejammern nur irgenwelche "Geschlechterrollen". Über diesen weltfremden Artikel, samt der dahinterstehenden Doktrin kann ich nur noch den Kopf schütteln. Diese Geschlechterpolitik ist entweder unehrlich oder dumm. Den oben erwähnten Azubi, werde ich schon durch die Prüfungen bringen. Und dann sucht sie sich einen Beruf der besser passt.
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