Gladiatorenschule Ave, die Sandalenfilmfans grüßen euch

Existenzgründung auf Römisch: Schauspieler Jan Krüger lernte als Darsteller des antiken Helden Commodus das Kämpfen in der Arena - und baute in Trier eine Gladiatorenschule auf. Jetzt macht er Steuerberater und Bankangestellte zu Kämpfern. Armin Himmelrath hat's ausprobiert.

Imke Limpert

Viel Staub, mächtige steinerne Tribünen und nackte Waden, die unter einfachen Leinenkitteln hervorlugen: Wenn Jan Krüger mit seinen Schülern ins Trierer Amphitheater einzieht, fühlen sich nicht nur die zufällig herumstehenden Touristen ins alte Rom zurückversetzt. "Ein intensives Hineinschnuppern in die Vergangenheit", sagt Fritz, der sich als Teilnehmer der Gladiatorenschule "einen Kindheitstraum verwirklicht": "Das macht wahnsinnig Spaß, auch wenn es wirklich hartes Training ist."

Anwälte, Steuerberater, Bankangestellte haben sich zu diesem Kurs angemeldet - zum Glück bin ich als Journalist also nicht der Einzige, der im normalen Leben eher selten mit Helm, Schwert und Schild unterwegs ist. Für Kursleiter Jan "Animus" Krüger ist das kein Grund, uns besonders zu schonen: Zum Aufwärmen an diesem eh schon warmen, sonnigen Herbsttag gibt's erst mal ein paar Runden über die steilen Ränge des alten römischen Theaters, dazu noch etliche Hampelmänner, Kniebeugen, Liegestütze. Es folgen Übungen im Speerwurf und Schwertkampf, mit Dolch und Wurfnetz, Schild und Schwert.

"Am Anfang nehmen wir zwar nur Holzwaffen. Aber auch die sorgen schon mal für blaue Flecken und gequetschte Fingerknöchel", sagt Jan Krüger seinen Schützlingen. Erst Fortgeschrittene dürfen auch mit - stumpfen - Metallwaffen kämpfen, "da entsteht dann wirklich das Gefühl, dass es darum geht, deine Haut zu retten".

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Gladiatorenschule Trier: Existenzgründung auf Römisch
Als der Schauspieler vor drei Jahren in der Trierer Open-Air-Produktion "Brot und Spiele" die Rolle des Gladiators Commodus angeboten bekam, musste er auch selbst so ein Anfängertraining durchlaufen. "Ich bin zwar seit 20 Jahren Kickboxer, aber mit der Gladiatur hat das eher wenig zu tun", so Krüger. In einer Schule in Italien ließ er sich unter realistischen Bedingungen ausbilden: "Da bin ich auf den Geschmack gekommen."

Training im gut 2000 Jahre alten Amphitheater

Seither übt er das Kämpfen mit der bis zu 25 Kilogramm schweren Rüstung und trat Anfang des Jahres erstmals in einem "echten" Gladiatorenkampf an. "Adrenalin pur" sei das gewesen, "der intensivste Moment überhaupt", als er seinem italienischen Gegner zeigen konnte, dass auch ein deutscher Gladiator den unbedingten Willen zum Siegen haben kann.

Dass er mit der Gladiatorenschule überhaupt zum Existenzgründer werden konnte, sei von den Hürden her fast genau so hart wie ein Gladiatorenkampf gewesen, so Krüger. In Trier fand er gute Bedingungen: Die Stadt, mit dem Namen Augusta Treverorum vor über 2000 Jahren gegründet, pocht auf den Titel als "älteste Stadt Deutschlands", wie etwa auch Worms. In Trier gibt es eine ganze Reihe von römischen Baudenkmälern, darunter das städtische Wahrzeichen Porta Nigra und das Amphitheater, das einst Platz für 18.000 Besucher bot.

Wo so viel altes Gestein aus Römerzeiten so dekorativ herumliegt, sind die Touristen nicht fern. Die Stadt tut einiges, um neue Besucher zu locken - und Jan Krüger brauchte für seine Gladiatorenschule unbedingt das passende Ambiente. Seit der Gründung seines kleinen Unternehmens darf er für die Trainingseinheiten das historische Amphitheater nutzen; möglich machte es die Unterstützung durch die Tourist-Information Trier und die Generaldirektion für Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

"So etwas wie historische Porno-Stars"

Zuvor hatte sich Krüger - als Teil seiner Ausbildung - lange mit der Geschichte und Theorie der Gladiatorenkämpfe auseinandergesetzt. "Für die Kämpfer war das eine grausame Zeit", erzählt er, "viele wurden zum Kampf auf Leben und Tod gezwungen, und auch die, die sich freiwillig in Gladiatorenschulen begaben, verloren mit dem Eintritt in die Schule alle Rechte." Andererseits seien erfolgreiche Kämpfer auch "so etwas wie die Porno-Stars Roms" gewesen: "Viele kannten sie, aber kaum jemand hat auf der Straße seine Bewunderung offen gezeigt."

Das Gladiatorenhaus "Ars Dimicandi", in dem Krüger lernte, ist eine der bekanntesten Schulen für die antike Kampfkunst im heutigen Italien. Jan Krüger immer noch beeindruckt: "Die Männer dort kämpfen nicht nur wie echte Gladiatoren, sie leben auch die uralte Philosophie." Seit über 20 Jahren werde dort die Gladiatur erforscht. Die Gründer setzen sich mit den Kämpfen in der Arena nicht nur in zahlreichen Büchern auseinander, sondern versuchen auch, mit angewandter experimenteller Archäologie den Geheimnissen der Kämpfe auf die Spur zu kommen - ein Ansatz, den Jan Krüger auch nach Deutschland importieren möchte.

Nicht überall stoßen Krüger und seine Trierer Mitkämpfer auf Verständnis. "Wir werden manchmal auch belächelt", sagt der Schauspieler. Und immer wieder gebe es den Vorwurf, durch den spielerischen Umgang mit dem Gladiatorenthema werde die brutale Vergangenheit verharmlost. "In der Antike ist genug Blut geflossen", so Krüger, "genau daran und an die elenden Lebensbedingungen wollen wir erinnern, aber auch an die Philosophie, Strategien und Techniken der Kämpfer." Das wöchentliche Training sei für alle, die - anders als wir - mehr als nur einen Schnupperkurs buchen, ein echter Sport jenseits aller Spielerei, bei dem es schnell an die eigenen Leistungsgrenzen gehe.

Harte Arbeit am größten Muskelkater des Lebens

Uns Schülern in der Gladiatorenschule gibt der Lehrer theoretisches Hintergrundwissen mit auf den Weg - auch wenn er natürlich weiß, dass viele den Tageskurs vor allem wegen der körperlichen Aktivitäten und wegen der Kämpfe buchen. "Ich war immer schon ein großer Fan von Sandalenfilmen", sagt Michael, deutlich gezeichnet von den Anstrengungen des Trainings.

Im normalen Leben ist er Rechtsanwalt, den Kurs als Gladiator hat ihm seine Frau zum Geburtstag geschenkt. Mitmachen wollte sie aber nicht - nur zuschauen, wie wir uns quälen und zügig auf den größten Muskelkater unseres Lebens hinarbeiten. "Ein Schreibtischtäter" sei er sonst, sagt sie und filmt genüsslich, wie ihr Michael sich mit der schweren Ausrüstung aus Helm, Schwert und Schild gegen einen hin und her rasenden Angreifer zu wehren versucht.

Michaels Selbsteinschätzung ist angesichts seiner Erfahrungen in der Trierer Arena realistisch: "Als Gladiator hätte ich wohl keine lange Karriere vor mir", sagt der Jurist mit breitem Grinsen. "Macht nix", findet Jan Krüger. Gerade Manager und andere Büromenschen seien auf die körperlichen Anstrengungen des Trainings nur selten richtig vorbereitet - und genau das biete ihnen die Chance, Gladiatorentugenden zu stärken: Willenskraft, Kampfgeist und die Bereitschaft, über die eigenen Grenzen hinauszugehen.

Seine Familie unterstützt den Existenzgründer nach Kräften. Wenn Jan "Animus" Krüger mit den Schülern in der Arena schwitzt, sorgen seine Frau und seine Schwiegermutter in der Mittagspause für stilechte Verpflegung: Römische Fleischklöpse und ein Hülsenfruchtbrei werden gereicht, dazu ein hochprozentiger Honigwein. "Den tranken die Gladiatoren auch", sagt Krüger. Und warnt uns: "Aber auch damit hatten sie mehr Erfahrung als ihr - haltet euch also lieber zurück!"

  • Sel
    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967), freier Journalist in Köln, läuft gern und regelmäßig auch längere Strecken. Trotzdem holte sich "Arminius Colonius" in der Trierer Gladiatorenschule heftigen Muskelkater: Einen Tag lang ließ er sich als Gladiator-Azubi in die Kunst des Kämpfens einweisen. Die bis zu 25 Kilo schwere Rüstung und die ungewohnten Ausweich- und Angriffsbewegungen machten daraus eine echte Tortur - aber eine mit hohem Spaßfaktor.

insgesamt 2 Beiträge
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Tom Joad 06.12.2011
1. Ich hätte gerne das alte Forum zurück
Das "neue Forum" sieht blöd aus, das alte war viel übersichtlicher. Der Gag mit den Sprechblasen bläht die Seite nur unnötig auf. Das ist insgesamt so gar keine Verbesserung, im Gegenteil.
Crom 07.12.2011
2.
Zitat von Tom JoadDas "neue Forum" sieht blöd aus, das alte war viel übersichtlicher. Der Gag mit den Sprechblasen bläht die Seite nur unnötig auf. Das ist insgesamt so gar keine Verbesserung, im Gegenteil.
Das sehe ich ähnlich. Es wäre schon viel geholfen, würde man die Breite des Monitors für das Forum sinnvoll ausnutzen. Auf meinem Full-HD-Monitor wird gerade die Hälfte genutzt und links steht ja auch noch was. 2.Problem: Ich werde dauernd automatisch aus meinem Forums-Account ausgelogt und bin nur noch über "Mein Spiegel" online. Das nervt!
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