Graffiti-Künstlerin Ich darf das!

Leinwand statt Hauswand: Graffiti ist im klassischen Kunstmarkt angekommen. Wie man sich als Sprayerin neu erfindet, macht Claudia Walde vor. Ihre Bilder kosten mehrere tausend Euro. Nur ihren Künstlernamen wird sie nicht mehr los.

MadC/ Reno Roessel

Von Anne Haeming


Eine riesige Hauswand. Der Himmel ist grau. Ganz oben in der Ecke, im Korb einer kleinen Hebebühne, steht jemand und sprüht die Wand gelb an. Greift eine neue Dose, schüttelt sie, pffft. Ein Stück weiter links wird es rosa. Der Lift-Arm ist so weit ausgeklappt, dass man denkt: Das hält nie! Aber die Frau im Korb hangelt sich weiter an der Fassade entlang, hin und her, von oben nach unten, von Cadillac-Pink über Apfelgrün zu Marineblau und zurück zu Dottergelb.

Claudia Walde ist Künstlerin. Graffiti-Künstlerin. Und deswegen kennt man sie in der Szene eigentlich nur als MadC: So nannte sie sich, als sie als Teenager mit dem Sprühen anfing. Das wurde ihr "tag", ihre Signatur, ihre Sprayer-Identität. Damals, in dem kleinen Dorf bei Bautzen, kurz nachdem sie mit zwei Dosen vom Baumarkt erstmals ihre Künste an der Rückwand einer Garage im Nirgendwo ausprobiert hatte. Der Ottifant mit dem grünen Kleid von damals sei da immer noch, erzählt sie.

Inzwischen ist MadC 33 Jahre alt und sagt: "Ehrlich gesagt, würde ich mittlerweile am liebsten nur noch unter meinem wirklichen Namen auftreten", aber auf dem Markt ist sie nun einmal unter ihrem Graffiti-Namen bekannt. Dabei verdient sie ihr Geld mittlerweile in erster Linie mit Leinwandbildern.

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Das geht auch deshalb, weil sich der Markt in den vergangenen fünf Jahren sehr gewandelt hat, viele Galerien sind entstanden, die sich auf diese Art von Kunst spezialisiert haben. Was ein wenig absurd ist: Schließlich verstanden sich Streetart-Macher und Graffiti-Artists traditionell als diejenigen, die außerhalb des "White Cube", also außerhalb des normalen Kunstbetriebs mit seinen Museen und Galerien, arbeiteten. Das brachte jedoch immer auch eine Hierarchie mit sich: Künstler - und echte Künstler. "Mittlerweile wird man als Streetart-Künstler ernst genommen", sagt Walde.

Kommerzieller Erfolg als Zeichen des Scheiterns

Man muss nur an Banksy denken, der immer noch ein Phantom ist, aber dessen Werke, wenn sie unverhofft in New York oder London oder Berlin an irgendwelchen Mauern auftauchen, auch schon mal von raffgierigen Sammlern abgemeißelt werden, ein paar seiner Stücke kamen sogar schon beim Auktionshaus Sotheby's unter den Hammer. Banksys Marktwert wird derzeit auf etwa 20 Millionen Dollar geschätzt. Wie sehr er die Branche verachtet, die er mit seinen Arbeiten immer wieder subversiv attackiert, zeigte sein Dokufilm "Exit Through the Gift Shop" vor vier Jahren, im Herbst sagte er in einem seiner raren Interviews: "Kommerzieller Erfolg ist ein Zeichen des Scheiterns für jeden Graffiti-Künstler."

Walde hängt wohl irgendwo dazwischen, die Grenzen sind für sie fließend. Sie hat den Geist von Graffiti in eine neue Form übertragen. Ein Bild von ihr im Format 1 x 1,20 Meter kostet derzeit etwa 5500 Euro, die meisten verkauft sie im Ausland: "In Deutschland ist Kunst als Anlageform immer noch nicht so weit verbreitet."

Morgens um sieben steht sie in ihrem Atelier in Halle, setzt die Kopfhörer auf, macht eine Folge "Drei Fragezeichen" an und packt die Acrylfarbe aus. Vor zehn Jahren begann sie damit, Graffiti auf dieses klassische Künstlermaterial zu übertragen. Sie probierte lange rum, musste den Ausdruck verändern, um die Dynamik von der Wand an der Straße zu transportieren. "Aber letztlich mache ich das Gleiche wie an der Wand: Ich male Buchstaben - nur so verfremdet, dass man sie kaum erkennt", sagt sie.

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Künstler ist erst seit zwei Jahren ihr Hauptberuf. "Es war ein langer Prozess", sagt sie. Schon mit 15 Jahren hatte sie erste Ausstellungen mit Kohlezeichnungen und arbeitete bei einem Bildhauer in Dresden. Als sie 16 war, besprühte sie ein Jahr lang nachts verlassene Brückenpfeiler, feilte danach immer mit offizieller Genehmigung an ihrer Graffiti-Technik, aber: "Ich habe mich nicht getraut, Kunst zu studieren: Ich habe so viele gesehen, die vor lauter Jobs, etwa an der Volkshochschule, keine Zeit hatten, ihre eigene Kunst zu machen."

Also schrieb sie sich für ein Designstudium in Halle ein. Der Plan: Die Designaufträge sollten ihre Kunst finanzieren. Um keinen Druck zu haben, Bilder verkaufen zu müssen. Aber diesen Plan musste sie dann doch über Bord werfen. Sie bekam immer mehr Anfragen für Großprojekte, seit März ist sie etwa mehrere Wochen in Norwegen, um ein paar jener Busse zu besprühen, mit denen dortige Schüler traditionell nach ihrem Abi wochenlang von Party zu Party gondeln.

Oder sie wird beauftragt, wie im vergangenen Jahr jene Riesenwand in Leipzig zu gestalten, zuletzt war sie auch in Hongkong, London und Mexiko. "Meist lasse ich mir nur die Reise, die Unterkunft und das Material bezahlen", sagt Walde. "So riesengroß im öffentlichen Raum präsent zu sein, ist für mich auch Werbung, das öffnet mir Türen, Galerien werden auf mich aufmerksam."

Gerade arbeitet sie an ihrer nächsten Einzelausstellung. Bis September braucht sie dafür 40 neue Werke, 33 sind fertig, aber sie will eine Auswahl haben. Meist sitzt sie an mehreren Werken parallel, trägt Acrylschicht um Schicht auf die Leinwände auf, ganz dünn. Deswegen arbeitet sie mittlerweile auch nicht mehr nachts. "Ich arbeite mit feinen Nuancen, ich brauche einfach das Tageslicht", sagt Walde. Dann leuchtet auch ihre Lieblingsfarbe am besten: Kirschrot.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
kommodenmaus 03.04.2014
1. keinen Cent wert
Für die Graffiti der Künstlerin würde ich keinen Cent zahlen, das ist ja noch viel schlimmer, als die "Kunst" der irregulären Graffiti-Sprayer.
susuki 03.04.2014
2.
Auf Leimwand? Igitt! Wie langweilig. Graffiti ist schnelle Performance-Kunst. Die Dame soll sich überlegen ob Airbrush nicht bei Studioarbeiten empfehlenswerter ist. Graffiti ist das nicht, was die Dame macht.
Altesocke 03.04.2014
3. Stellt sich doch die Frage:
"Ihre Bilder kosten mehrere tausend Euro." Fuer die Bilder, die sie vorher, 'kostenlos' anfertigte, und die entfernt wurden, weil sie dem 'Beschenkten' nicht gefallen haben, hat sie jetzt im Nachhinein die Kosten der Entfernung dieser Sachbeschaedigungen uebernommen? Nur mal so am Rande gefragt!
slava grof 03.04.2014
4.
hier in berlin sind die tagger eine pest. schön für madc, daß sich ihre "kunst" angeblich jetzt auch verkauft. da kann sie mit ihren einnahmen ja den hausbesitzern, deren gebäude sie verschandelt hat, eine entschädigung bezahlen.
franz8 03.04.2014
5. Wo sind Beispiel-Bilder von MadC ?
Ganz sicher nicht auf spiegel.de Also wer Arbeiten von MadC sehen will muss wohl oder üble googlen.
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