Geschäft mit Brutzel-Luxus Mein Haus, mein Auto, mein Monstergrill

Billiggrills mit Wackelbein? Brutzler, die was auf sich halten, gönnen sich einen Bratrost zum Preis eines Kleinwagens - fernsteuerbar. Gut für Unternehmer, die sich aufs Grillen als Statussymbol spezialisiert haben.

Brennwagen

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Mit einem Ruck setzt sich der GT 1200i in Bewegung. Die Niederquerschnittsreifen gleiten nahezu geräuschlos über den Asphalt, in den Tiefbettfelgen kann man sich spiegeln. Dank Allradlenkung lässt sich der Bolide problemlos aus der Garage manövrieren. Besonders auffällig an dem Silberpfeil ist sein Grill. Das heißt, eigentlich "hat" er keinen Grill - er ist selbst einer.

Der GT 1200i ist kein Sportwagen, sondern ein Bratrost, auf dem man Würstchen und Steaks brutzelt. Der muss allerdings hin und wieder aus seinem Unterstand an den Bratort bewegt werden. Dafür haben seine Konstrukteure ihm Kamera und Fernsteuerung verpasst. So kann der geneigte Grillfreund ihn mit seinem Smartphone steuern, selbst wenn er außer Sichtweite ist. Kostenpunkt: knapp 5000 Euro für den nackten Grill, 2500 Euro für die optionale Videofernbedienung.

"Die Steuerung ist ein Spielzeug für Männer", sagt Florian Wagner, einer der Barbecue-Konstrukteure. "Mit der eigentlichen Grillfunktion hat das nichts zu tun. Aber man kann seine Gäste beeindrucken und zeigen, was man hat." Gemeinsam mit seinem früheren Kommilitonen Daniel Ernst gründete der studierte Maschinenbauer vor drei Jahren die Firma Brennwagen. Die Idee: Sie wollten hochwertige Grills für Hobbybrutzler und Gastronomen bauen. Nicht am Fließband in Asien, sondern in Handarbeit in der eigenen Werkstatt, einer Fabrikhalle in Köln-Mülheim.

Perfektionierung, kommerzielle Übersteigerung

Damit treffen sie einen Nerv. Grillen ist zum Lifestyle-Vergnügen geworden, zum Objekt männlicher Fachsimpelei und zum Statussymbol. Es reicht nicht mehr, ein paar Stücke Fleisch auf einem Rost zu schwärzen. Jedes Detail des Garvergnügens taugt zur Perfektionierung - und zur kommerziellen Übersteigerung. 2011 gaben die Deutschen knapp 1,1 Milliarden Euro für Grillgeräte, Brennstoffe und Zubehör aus, rechnet das Kölner Institut für Handelsforschung vor, 45 Prozent mehr als 2007.

Wagner und Ernst haben beste Voraussetzungen für so ein testosterongeladenes Geschäft, sie haben zuvor als Ingenieure bei der Formel 1 gearbeitet. Als ihr Arbeitgeber Toyota 2009 aus der Rennserie ausstieg, gründeten sie ein Konstruktionsbüro, wenig später bauten die Freizeitgriller ihren ersten Bratrost, "aus Spaß und weil wir gern tüfteln". Mit Bereifung und Sicherheitsbremssystem erinnerte der Grill-Bolide an ein Formel-1-Auto - einen Brennwagen eben.

45 Euro für ein Steak? Früher hätte man sich an die Stirn getippt

Auch Axel Kähne hat einen Brennwagen zu Hause, als Teil einer Barbecue-Flotte, die aus 16 Grills besteht. Kähne ist selbständiger Mietgriller, den man für Privatpartys und Firmenfeiern buchen kann. Der Amateur-Vizegrillmeister von 2008 bereitet für seine Kunden gern Ausgefalleneres wie Spareribs mit rauchiger Barbecue-Sauce oder Desserts wie Mini-Küchlein zu, er brutzelt aber auch Klassiker wie Nackensteaks und Würstchen. "Das Bewusstsein für gutes Essen und qualitativ hochwertige Lebensmittel ist gestiegen", sagt er. Heute ließen sich manche Kunden ein gutes Porterhouse-Steak schon mal 45 Euro das Kilo kosten. "Da hätte man sich früher an die Stirn getippt."

Auf seinen ersten Gasgrill hätte Kähne gern verzichtet. Als Informatik-Student bastelte er eine Homepage für ein Grillgeschäft. Für die Überstunden gab es statt Geld einen teuren Grill. "Erst mal konnte ich damit nichts anfangen, aber dann begann ich, Küchenrezepte nachzugrillen." Testesser waren die Mitbewohner. Sie attestierten ihm eine Quote von sieben zu zehn: "Von zehn Gerichten waren sieben Schrott. Aber mit dem Rest konnte man was anfangen, manche bereite ich bis heute zu."

Einige Jahre später und um zwei Grillmeisterschaftstitel reicher schmiss Kähne seinen Bürojob bei einer Logistikfirma und machte sich als "Mietkoch mit der Spezialisierung auf das gewerbliche Grillen" selbständig. Den Begriff Mietgriller kannte man beim Gewerbeamt nicht. Seine Dienstleistung war gefragt: "Das Umsatzziel, das ich mir fürs erste Jahr gesetzt hatte, habe ich schon nach sechs Monaten erreicht." Mittlerweile beschäftigt er drei 400-Euro-Kräfte, im Winter grillt er auf Betriebsfeiern oder gibt Barbecue-Kurse.

Marktmacht der US-Griller

Bis zu 75 Euro kostet es pro Person, wenn Kähne und sein Team samt Grills und Ausstattung wie Pavillons und Bierzeltgarnitur anrücken. "Im Gegensatz zu einem Caterer, der die Sachen nur hinstellt und dann wieder abrauscht, sind wir den ganzen Abend vor Ort." Deshalb gehört auch ein bisschen Show zum Job. "Wenn man den Mund nicht aufbekommt, wird's schwierig."

Dass Grillen so populär geworden ist, sagt Kähne, liege vor allem an einer Firma: dem Bratrosthersteller Weber. "Die haben den Grilltrend - auch in Deutschland - stark beeinflusst." 2004 öffnete das US-Unternehmen einen Standort im rheinland-pfälzischen Ingelheim und schmiss die Marketingmaschine an. Mittlerweile gibt es die Weber Grillacademy, Weber TV, eine Weber App und das Rezeptebuch "Weber's Grillbibel", die sich mehr als eine halbe Million Mal verkauft hat.

"Die Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause", sagt Marc Palm, Marketing Director Central Europe bei Weber. Die Bedeutung von Reisen und Autos nehme ab. "Dafür legt man mehr Wert auf einen schönen Garten." "Outdoor Living" nennt die Branche diese Lust am gepflegten Grillen. Und die lässt man sich was kosten: Das günstigste Weber-Modell, ein Kugelgrill für unterwegs, ist für knapp 90 Euro zu haben. "Unser Umsatzwachstum liegt konstant im zweistelligen Bereich", sagt Palm. Ansonsten mag man bei Weber nicht gern über Geld sprechen, konkrete Zahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht.

Brennwagen-Geschäftsführer Florian Wagner tut sich da leichter: 1,4 Millionen Euro will er in diesem Jahr mit seinen Brutzel-Boliden umsetzen. "Das werden wir wohl knapp schaffen", sagt er. 14 Mitarbeiter basteln derzeit an den Grills. Zu den Käufern zählen betuchte Kunden wie das Königshaus von Bahrain, die sich Sondermodelle bis zu 40.000 Euro kosten lassen. "Einer wollte seinen Grill passend zum neuen Sportwagen haben, in der gleichen Farbe wie die Autofelgen." Und ja, wenn der Kunde es wünscht, legt Wagner den Brennwagen auch tiefer.

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

insgesamt 70 Beiträge
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bronck 05.08.2013
1. Totaler Blödsinn
was heute für ein Gewese um Grillwürstchen gemacht wird. Aber so lange jeden Morgen ein Doofer aufsteht der so viel Geld für ein Ding ausgibt was niemand braucht...
james.kruess 05.08.2013
2. wirklich?
Zitat von bronckwas heute für ein Gewese um Grillwürstchen gemacht wird. Aber so lange jeden Morgen ein Doofer aufsteht der so viel Geld für ein Ding ausgibt was niemand braucht...
Ums Würstchen geht es da nicht mehr, eher um sogenannte Longjobs wie Pullpork, perfekte Rippchen, Flanksteaks oder dgl.. Klar man muss kein Vermögen fürs Equipment ausgeben, aber mit nem 10 EUR Grill von der Tanke wird es nichts. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das mal genießen dürfen......
udo255 05.08.2013
3. Da steht nicht nur ein Doofer auf ..
.. sondern viele. Ich traue mich schon gar nicht mehr unter Kollegen/Bekannten Kommentare über die total überflüssigen Grills loszuwerden. Weil ich genau weiß: Die warhscheinlichkeit, dass die so einen Grill haben, ist enorm hoch. Genauso wie die total überstylten Gartenmöbel in Sofaform.
zensorsliebling 05.08.2013
4. Scheinbar politisch korrekte Ersatzhandlung ....
Für Männer in der Midlife Crisis. Früher durfte es ein V8-Sportwagen oder eine Harley sein. Heute werden Unmengen fossiler Brennstoffe in bescheuerten Grills verbrannt um esoterische gereiftes Fleich zu garen. Ökologischer Fußabdruck? Ist doch gar kein Auto! Klar, dass so etwas aus dem Land der unbegrenzten Borniertheit kommen muss.
borzensen 05.08.2013
5.
Zitat von udo255.. sondern viele. Ich traue mich schon gar nicht mehr unter Kollegen/Bekannten Kommentare über die total überflüssigen Grills loszuwerden. Weil ich genau weiß: Die warhscheinlichkeit, dass die so einen Grill haben, ist enorm hoch. Genauso wie die total überstylten Gartenmöbel in Sofaform.
Es ist ein Hobby. Manche Leute geben tausende von Euro aus um ihre Autos zu tunen aus und unsere "Gemeinde" ist eben darauf versessen Lebensmittel auf offenem Feuer zu veredeln.
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