Koalitionsvertrag So viele unbegründete Befristungen könnte die GroKo verhindern

Die Große Koalition will die Zahl unbegründet befristeter Jobs eindämmen. Für rund 400.000 Stellen müssten Arbeitgeber dann neue Regelungen finden, schätzen Forscher.

Mitarbeiter in der Autoproduktion (Symbolbild)
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Mitarbeiter in der Autoproduktion (Symbolbild)


Die Zahl der Arbeitsverträge mit sachgrundloser Befristung könnte um etwa 400.000 reduzieren, wenn die Pläne von Union und SPD im Koalitionsvertrag umgesetzt werden. Das schätzen Forscher vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Allerdings könne niemand seriös vorhersagen, wie viele dieser Arbeitsverhältnisse dann mit Sachgrund befristet werden, wie viele unbefristet vereinbart werden und wie viele gar nicht mehr zustande kommen, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf das IAB.

Die Forscher gehen demnach von insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten aus, die mit sachgrundlos befristeten Verträgen arbeiten. Rund 830.000 von ihnen sind in Unternehmen mit mehr als 75 Mitarbeitern tätig. Union und SPD wollen ab dieser Firmengröße Unternehmen gestatten, maximal 2,5 Prozent der Belegschaft ohne Grund nur befristet zu beschäftigen.

Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2013 liegt der Anteil solcher Befristungen in diesen größeren Unternehmen derzeit bei etwas mehr als fünf Prozent. "De facto würde sich diese Zahl ungefähr halbieren, wenn die 2,5-Prozent-Grenze greift", sagte IAB-Chef Joachim Möller.

Möller wertet auch die geplante Begrenzung begründeter Befristungen von Arbeitsverträgen als positiven Schritt. "Dass solche Kettenbefristungen jetzt fünf Jahre nicht überschreiten dürfen, hat zumindest die positive Seite, dass Arbeitnehmer nicht endlos hingehalten werden können. Da muss sich gerade auch der Öffentliche Dienst bewegen", sagte er. Allerdings entstehe die Gefahr einer Einstellungsblockade.

lov/dpa

insgesamt 63 Beiträge
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meinerlei 12.02.2018
1. Ex-Vorbild Öffentlicher Dienst
Lang ist's her, dass der Öffentliche Dienst mit gutem Beispiel voranging. Beispielsweise mit Gehaltszuschüssen für Eltern.Längst ist es normal geworden, insbesondere Geisteswissenschaftler an Unis von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hinzuhalten, bis sie in der Mitte ihrer Erwerbsbiographie plötzlich vor dem Nichts stehen. Oder Lehrer über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Von den sachgrundlosen Befristungen selbst an Bundesministerien zu schweigen. Huch, und plötzlich entdeckt die neue alte GroKo ihr Herz für diese Gruppe. Putzig.
whitewisent 12.02.2018
2.
Man sollte vieleicht auch als vermeintlich linker Wirtschaftspolitiker die heterogenen Verhältnisse des "Arbeitsmarktes" beachten. Einerseits gibt es Sektoren, wo ein offensichtlicher Fachkräftemangel besteht, und derartige Verhältnisse als Einstellungshinderung so gut wie kaum noch vorkommen. Anderseits gibt es einen großen Bereich von einfachen Tätigkeiten, in denen der gesetzliche und tarifliche Kündigungsschutz stark ausgebaut ist, und bleibt. Es ist absehbar, daß ein bestimmter Kreis von Arbeitnehmern, welche es eh schon auf dem Arbeitsmarkt wegen dem Alter oder Erkrankungen schwer hat, in Zukunft wieder eher gar nicht arbeiten wird, als durch Arbeitgeber angestellt. Wenn aber gerade dieser Kreis am stärksten von ALG-2 bedroht wird, ist es nicht wirklich sozial, eine funktionierende Lösung auf diese Weise zu schleifen. Wesentlicheres Problem sind die diversen Befristungen, wie sie im öffentlichen Bereich seit Jahrzehnten herschen, in manchen bereits seit Beginn der 80er Jahre. Und das sowohl in SPD-geführten Ländern und Kommunen, als auch bei Gewerkschaften selbst. Hier haben die zukünftigen Koalitionspartner selbst kräftigen Lobbyschutz betrieben, und sich mit der 5-Jahresregel ein weiter so geschaffen. Niemand will Sekretärinnen oder Krankenschwestern, die mehr als 8 Mal befristete Vertragsverlängerungen erhielten. Aber es gibt auch keinen Grund, Mitarbeiter von Bibliotheken und Universitäten einen befristeten Vertrag nochmals zu verlängern. Das mag bei projektbezogenen Verträgen sinnvoll sein, wenn ständig eine Zahl X von gleichwertigen Arbeitskräften auf diese Weise beschäftigt wird, ist es der Mißbrauch durch den Staat, der hier weiter forciert wird, und den auch die SPD im Wahlprogramm weiter kritisieren kann. "An ihren Taten soll man sie erkennen" . vieleicht schaut sich ein Medium wie SPON mal die Situatuion in Ländern wie MVP oder Hamburg etwas genauer an. Und wer da für was verantwortlich ist. Denn der Mißerfolg der SPD bei Wahlen hat auch etwas mit Bigotterie zu tun.
interessierter Laie 12.02.2018
3. Das Bild ist irreführend...
Das produzierende Gewerbe beschäftigt wenige Menschen befristet und schon gar nicht ohne Sachgrund. Spitzenreiter ist Bildung und Wissenschaft. An Unis und Forschungseinrichtungen ist nahezu jede Stelle befristet. Leute werden oftmals über 10 Jahre auf befristeten halben Drittel- und sogar Viertelstellen hingehalten, gelegentlich sogar auf Hiwi-Stellen geparkt. Dabei werden regelmäßig 100 % erwartet und das eigene akademische Fortkommen als Privatvergnügen deklariert. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz hat Aussicht auf eine feste Stelle. Auf sowas lässt sich keine Lebensplanung aufbauen. An Nachwuchs ist kaum zu denken. Die meisten müssen sich mit Mitte 30 was neues suchen, nachdem sie 10-15 Jahre für ein Butterbrot gearbeitet haben. Das ließe sich sofort beenden und es bräuchte nichtmal ein Gesetz dafür.
taschenorakel 12.02.2018
4. Notwendige Marktbereinigung
"Allerdings entstehe die Gefahr einer Einstellungsblockade" Ein Unternehmen, das nicht ausreichend vom eigenen Geschäftsmodell überzeugt ist, um benötigte Arbeitskräfte einzustellen, hat schlichtweg keine Geschäftsgrundlage. Gut, wenn diese Zombies verschwinden und Platz für vernünftig geführte Unternehmen machen.
ludna 12.02.2018
5. 400.000 Menschen
werden demnächst arbeitslos sein. Man kann die soiale Sicherheit nicht auf die Firmen abwälzen.
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