Mindestlohn in der Ausbildung Diese Azubis profitieren von der GroKo

Wer mag schon Fleischer werden, bei 310 Euro Monatsgehalt in der Ausbildung? Die Große Koalition will einen Mindestlohn für Lehrlinge einführen. Welche Wirkung das hätte, hat der DGB ausgerechnet.

Junger Fleischer
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In knapp zwei Jahren soll es für Azubis eine Art Mindestlohn geben, das hat die Große Koalition vereinbart. Heute muss ein Fleischer in einem Ost-Bundesland im ersten Lehrjahr mit 310 Euro auskommen, eine Friseurin mit 406 Euro - damit soll dann Schluss sein.

Die entscheidende Passage findet sich im Koalitionsvertrag auf Seite 30 und ist einer der Punkte, die die Jusos von der erneuten Zusammenarbeit mit der Union überzeugen sollen:

"Im Rahmen der Novelle des Berufsbildungsgesetzes werden wir eine Mindestausbildungsvergütung im Berufsbildungsgesetz verankern. Das Gesetz soll bis zum 1. August 2019 beschlossen werden und zum 1. Januar 2020 in Kraft treten."

Das liest sich sehr konkret. Wer sich an die Debatten erinnert, die vor der Einführung des Mindestlohns für Arbeitnehmer geführt wurden, ahnt aber, dass die Details noch heftigen Streit auslösen werden. Immerhin gibt es in Deutschland 1,34 Millionen Auszubildende, es geht ums liebe Geld. Die Auswirkungen hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nun berechnet, die Studie liegt dem SPIEGEL exklusiv vor.

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Azubi-Löhne: Tops und Flops bei der Bezahlung

Die Gewerkschaft unterstützt den Plan: Er schaffe ein "Mindestmaß an Absicherung" heißt es in einem Vorstandsbeschluss. Dort steht auch eine Empfehlung für die Höhe des Mindestlohns für Azubis: 80 Prozent der durchschnittlichen Tarifvergütung aller Berufe sollten es schon sein. Das wären:

  • im ersten Lehrjahr 635 Euro,
  • im zweiten Jahr 696 Euro,
  • im dritten 768 Euro
  • und im vierten 796 Euro.

Warum 80 Prozent? Matthias Anbuhl, zuständig für die Bildungspolitik bei der Gewerkschaft, erklärt das mit der Rechtsprechung. Die Ausbildungsvergütungen in Betrieben ohne Tarifbindung liegen oft deutlich niedriger, "ein Minus von maximal 20 Prozent sehen die Gerichte noch als angemessen an", erklärt er. Daran habe man sich orientiert.

Um den Effekt abzuschätzen, hat Anbuhl die Ausbildungsberufe zusammengestellt, die nach den aktuellen Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) unter dem 80-Prozent-Wert aller Berufe liegen. Außerdem hat er die Aufstellung durchgerechnet für den Fall, dass sich die Koalition auf eine niedrigere Mindestvergütung einigt - etwa 600 Euro, 550 Euro oder 500 Euro im ersten Lehrjahr.

Mindestlohn für Azubis - diese Berufe profitieren
Beruf Vergütung erstes Jahr Azubis gesamt Gehaltsgruppe Order
Automobilkaufmann/-frau (IH/HW) - Ost 623 Euro 1452 ab 600 1
Bauten- und Objektbeschichter/-in 600 Euro 1242 ab 600 1
Elektroniker/-in alle Fachrichtungen (Ost) 610 Euro 4287 ab 600 1
Elektroniker/-in Maschinen- und Antriebstechnik (Hw/Ost) 610 Euro 84 ab 600 1
Fachkraft für Agrarservice (West) 611 Euro 519 ab 600 1
Fahrzeuglackierer/-in (Ost) 616 Euro 657 ab 600 1
Forstwirt/-in (Ost) 612 Euro 465 ab 600 1
Gärtner/-in (alle Fachrichtungen) Ost 618 Euro 1404 ab 600 1
Gebäudereiniger/-in (Ost) 605 Euro 801 ab 600 1
Glaser/-in (West) 604 Euro 987 ab 600 1
Hauswirtschafter/-in (lw) 622 Euro 132 ab 600 1
Industriekeramiker/-in (alle vier Berufe) - Ost 612 Euro 78 ab 600 1
Informationselektroniker/-in (Ost) 610 Euro 123 ab 600 1
Kaufleute Büromanagement (Hw) - Ost 628 Euro 1128 ab 600 1
Kaufleute Spedition und Logistik (Ost) 605 Euro 1137 ab 600 1
KfZ-Mechatroniker (IH/Hw) - Ost 623 Euro 9792 ab 600 1
Landwirt/-in (West) 611 Euro 7263 ab 600 1
Maler und Lackierer/-in (alle Richtungen) 600 Euro 14418 ab 600 1
Pferdewirt/-in (West) 622 Euro 1263 ab 600 1
Systemelektroniker/-in (Ost) 610 Euro 36 ab 600 1
Tiermedizinische/-r Fachangestellte/-r 630 Euro 5178 ab 600 1
Tierwirt/-in (West) 622 Euro 156 ab 600 1
Buchhändler/-in (Ost) 594 Euro 138 ab 550 2
Fachkraft für Agrarservice (Ost) 556 Euro 180 ab 550 2
Fachkraft im Gastgewerbe 585 Euro 3192 ab 550 2
Florist/-in (West) 574 Euro 2154 ab 550 2
Hotelfachmann/-frau 585 Euro 20533 ab 550 2
Hotelkaufmann/-frau 585 Euro 1050 ab 550 2
Koch/Köchin (Ost) 585 Euro 4215 ab 550 2
Land- und Baumaschinenmechatroniker/-in (West) 571 Euro 663 ab 550 2
Landwirt (Ost) 556 Euro 2226 ab 550 2
Pferdewirt/-in (Ost) 556 Euro 285 ab 550 2
Tierwirt/-in (Ost) 556 Euro 681 ab 550 2
Tischler/-in (West) 573 Euro 14595 ab 550 2
Bäcker/-in 500 Euro 6096 ab 500 3
Bodenleger/-in 537 Euro 474 ab 500 3
Fachkraft Schutz und Sicherheit (Ost) 500 Euro 546 ab 500 3
Fachverkäufer/-in Lebensmittelhandwerk (West) 528 Euro 14517 ab 500 3
Feinwerkmechaniker/-in (Ost) 520 Euro 183 ab 500 3
Florist/-in (Ost) 539 Euro 426 ab 500 3
Metallbauer/-in (Ost) 520 Euro 1896 ab 500 3
Parkettleger/-in 537 Euro 612 ab 500 3
Raumausstatter/-in 545 Euro 1794 ab 500 3
Schilder- und Lichtreklame­hersteller/-in 540 Euro 885 ab 500 3
Steinmetz/-in und Steinbildhauer/-in 530 Euro 840 ab 500 3
Fachverkäufer/in im Lebens­mittelhandwerk (Ost) 473 Euro 1605 unter 500 4
Fleischer/-in (Ost) 310 Euro 3321 unter 500 4
Friseur/-in 406 Euro 22182 unter 500 4
Schornsteinfeger/-in 450 Euro 2028 unter 500 4
Tischler/-in (Ost) 490 Euro 2331 unter 500 4

Monatsvergütungen, brutto
Quelle: DGB/Bundesinstitut für Berufsbildung

Eine Mindestlohn-Regelung würde auf einen Schlag die Tarifgehälter in diesen 50 Berufen erhöhen. Im besten Fall würden 162.250 Jugendliche eine Gehaltserhöhung bekommen, das ist mehr als jeder zehnte Auszubildende. In der billigsten Variante beträfe es noch 31.467 Jugendliche. Profitieren würden zusätzlich all jene, die gar nicht nach Tarif bezahlt werden. Über ihre Zahl gibt es keine verlässlichen Informationen.

Die Gewerkschafter haben ein Argument in petto, um Arbeitgebern die zusätzlichen Kosten schmackhaft zu machen. Im Schnitt liegt die Abbrecherquote bei 24 Prozent, in den schlecht bezahlten Bereichen oft eher bei 30 Prozent. "Dort wo die Vergütung besonders niedrig ist, sind die Abbrecherquoten extrem hoch", sagt Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende.

Im Friseurhandwerk starten pro Jahr im Schnitt etwas mehr als 10.000 Jugendliche ihre Ausbildung, gut 5000 Azubis halten bis zur Prüfung durch: "Viele steigen aus, da sie mit der kargen Vergütung nicht über die Runden kommen", so Hannack. "Damit ist weder Betrieben noch Jugendlichen geholfen." Eine bessere Entlohnung könnte mehr junge Menschen in der Ausbildung halten.



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spon_3516021 12.02.2018
1. Was ist mit schulischen Ausbildungen?
Erzieher zum Beispiel müssen bis zu 5 Jahre selbst finanzieren uns starten hoch verschuldet ins Berufsleben.
nic 12.02.2018
2.
Poroschenko droht, dass Putin profitiert falls keine Groko. Auszubildende gehen weiterhin am Krückstock ohne Groko. Mal gespannt, was sich der SPON noch einfallen lässt, um die SPD Basis zu einem JA umzubiegen.
drasberg 12.02.2018
3. Wo bleiben die sozialen Berufe?
Natürlich freue ich mich für die jungen Leute, die dann über ein vernünftiges Ausbildungsgehalt verfügen und keine Ausbildungsbeihilfen in Anspruch nehmen müssen. Allerdings frage ich mich als Mutter von einer angehenden Physiotherapeutin ( Ausbildungskosten alleine durch Schulgeld in 3 Jahren 14000€) und einer angehenden Erzieherin ( immerhin kein Schulgeld, aber auch kein Einkommen), wo diese Berufe finanziell endlich auch mal anerkannt werden. Wir zahlen diese Ausbildungen vollständig alleine, kein Bafög, keine Ausbildungsbeihilfen, und die Gesamtgesellschaft hat danach den Nutzen! Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
mr-mucki 12.02.2018
4. Das wird die Ausbildung in manchen Berufen einfach abschaffen
Wer denkt sich so einen Mist aus? Entschuldigen sie meine harten Worte, aber ich habe selten so einen Schwachsinn gesehen. Hintergrund: Eine Fleischerei Fachbetrieb oder ein Friseur haben kaum die Erloese um diese Gehaltserhoehung von bis zu 210 Euro/ Monat fuer eine 2/3 Arbeitskraft (Berufsschule) zu verkraften. Der Betrieb wird einfach nicht mehr ausbilden. Und das gilt fuer sehr viele kleine Betriebe. Und zur Begruendung des DGB: Es wird abgebrochen aus zwei Hauptgruenden: 1. Die Auzubis merken, dass der Job komplett anders ist als sie sich diesen vorher vorgestellt haben und 2. Die Auzubis merken, wie schlecht auch spaeter im Beruf die Verguetung ist. Und ein letzter Punkt: Fuer all diese niedrig vergueteten Berufe werden meistens Hauptschueler genommen. Wenn diese Berufe in Zukunft nicht mehr ausgebildet werden (Betrieb kann es sich nicht mehr leisten), werden die niedrig Qualifizierten kaum noch Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Darum liebe Politik, lasst diese Regelung sein. Auzubis koennen jetzt schon BAfoeG und Ausbildungsbeihilfen beantragen. Belasst es dabei.
MartinS. 12.02.2018
5. ...
Zitat von mr-muckiWer denkt sich so einen Mist aus? Entschuldigen sie meine harten Worte, aber ich habe selten so einen Schwachsinn gesehen. Hintergrund: Eine Fleischerei Fachbetrieb oder ein Friseur haben kaum die Erloese um diese Gehaltserhoehung von bis zu 210 Euro/ Monat fuer eine 2/3 Arbeitskraft (Berufsschule) zu verkraften. Der Betrieb wird einfach nicht mehr ausbilden. Und das gilt fuer sehr viele kleine Betriebe. Und zur Begruendung des DGB: Es wird abgebrochen aus zwei Hauptgruenden: 1. Die Auzubis merken, dass der Job komplett anders ist als sie sich diesen vorher vorgestellt haben und 2. Die Auzubis merken, wie schlecht auch spaeter im Beruf die Verguetung ist. Und ein letzter Punkt: Fuer all diese niedrig vergueteten Berufe werden meistens Hauptschueler genommen. Wenn diese Berufe in Zukunft nicht mehr ausgebildet werden (Betrieb kann es sich nicht mehr leisten), werden die niedrig Qualifizierten kaum noch Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Darum liebe Politik, lasst diese Regelung sein. Auzubis koennen jetzt schon BAfoeG und Ausbildungsbeihilfen beantragen. Belasst es dabei.
Vielleicht sollten sie sich einmal besinnen, warum das Handwerk überhaupt ausbildet. Das ist natürlich nicht die Wohltätigkeit, einem Lehrling eine Grundlage für den späteren Lebensunterhalt zu liefern - aber es ist auch nicht die Idee, sich eine billige (2/3) Arbeitskraft zuzulegen. Die Ausbildung findet doch statt, um für die Zukunft einen weiteren qualifizierten Mitarbeiter heranzuziehen. Ja, richtig - der wird im 1. Lehrjahr noch nichtmal annähernd 2/3 der Arbeitsleistung eines vollen Mitarbeiters bringen... aber SIE wollen ihn doch haben. Und zwar in vier oder fünf Jahren. Wenn der Müller-Schorsch in Rente gehen muss, wenn "der Laden brummt", und man die Anzahl der Mitarbeiter vergrößern muss. Dann suchen sie sich doch mal ausgebildete Leute auf dem Arbeitsmarkt. Momentan siehts da mager aus... das ist reines Glücksspiel, überhaupt noch gute zu finden. Natürlich - es ist eine Ausbildung, und man kann sich nicht leisten, jemanden voll zu bezahlen, der größtenteils kaum wertschöpfend tätig sein kann. Aber wenn man nicht darin investiert, gute Leute auszubilden, dann muss man eben mit denen vorlieb nehmen, die woanders nicht unterkommen, oder keinen Bock haben, oder irgendwo rausgeworfen wurden. Suchen sie sich aus, was für sie teurer kommt. Ein gut ausgebildeter Mitarbeiter, der sich in seinem Betrieb wohl fühlt ist Gold wert - vor allen Dingen im Handwerk. Der Verweis auf die Möglichkeit zur Aufstockung durch Ausbildungsbeihilfe ist eher unsozial. Im Endeffekt sagen sie damit ja, dass die Allgemeinheit dafür aufkommen soll, wenn sie schon so gnädig sind, überhaupt einen dieser Taugenichtse aufzunehmen.
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