Mindestlohn für Praktikanten Die Großen zahlen's aus der Portokasse

8,50 Euro pro Stunde - viele kleine und mittlere Unternehmen finden den Mindestlohn fürs Praktikum zu hoch. Deutsche Großkonzerne dagegen werden sich Praktikanten weiter leisten: Weil sie's können. Und wollen.

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Studenten im Praktikum: Knallhartes strategisches Ermessen
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Studenten im Praktikum: Knallhartes strategisches Ermessen


Wer ein Praktikum beim börsennotierten Konzern BASF ergattert, muss sich nicht wie viele Altersgenossen über schlechte Bezahlung ärgern: Zwischen 500 und 2200 Euro verdienen Studenten und Doktoranden, die für einige Wochen am Standort Ludwigshafen mitarbeiten. Pro Jahr stellt der Chemiegigant dort 1400 Praktikanten ein. Daran wird auch der Mindestlohn nichts ändern. "Eine Verpflichtung zur Zahlung von Mindestlohn an Praktikanten ist aus Sicht der BASF nicht nötig", teilt eine Sprecherin mit. Den Mindestlohn bezahlt das Unternehmen meist ohnehin schon. Oder mehr.

Aber BASF ist eine Ausnahme: Überall in Deutschland warnen Wirtschaftsverbände, kleinere und mittlere Arbeitgeber vor dem Ende von Betriebspraktika. In Zukunft wollen sie keine oder deutlich weniger Praktikanten beschäftigen. Das verengt die Chancen von Schulabgängern, Studenten und Hochschulabsolventen, Praxiserfahrung zu sammeln. Denn der Gesetzentwurf zum Mindestlohn, der derzeit in der großen Koalition für Streit sorgt, sieht vor: Auch Praktika, die länger als sechs Wochen dauern und nicht zum Studium oder zur Ausbildung gehören, müssen ab 2015 mit 8,50 Euro pro Stunde bezahlt werden.

So will es Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), um als Praktika getarnte monatelange Arbeitseinsätze zum Hungerlohn auszuschließen. In den letzten Jahren waren mehrere Initiativen gescheitert, Eckwerte für "faire" Praktika festzulegen, etwa für die Bezahlung oder Dauer. Nun soll es über den Mindestlohn gelingen.

Ein zu diesem Tarif beschäftigter Praktikant dürfte den Betrieb allerdings bis zu 1400 Euro im Monat kosten. Viele kleine und mittelständische Unternehmen können sich das kaum leisten und drohen deshalb damit, solche Stellen gleich ganz zu streichen. Längere und freiwillige Praktika etwa in den Semesterferien oder nach dem Studienabschluss dürften seltener werden.

"Chance auf eine stabile und faire Entlohnung"

Während die Union im Bundestag dafür kämpft, dass Praktikanten von der Neuregelung ausgenommen werden, reagieren deutsche Großkonzerne gelassen auf die Neuregelung: Man werde "weiterhin Praktikanten einstellen, um ihnen die Chance zum Erwerb praktischer Berufserfahrung zu geben", heißt es etwa aus der Personalabteilung des Softwareherstellers IBM. Ein Unternehmen, das im Jahr 2013 einen weltweiten Jahresumsatz von knapp 100 Milliarden Euro erwirtschaftete, bezahlt seine Praktikanten offenbar aus der Portokasse. Ähnlich wie IBM äußern sich auch der deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp und der Edelgasfabrikant Linde.

Es klingt wie ein großzügiges Ausbildungsangebot, tatsächlich planen die Unternehmen knallhart strategisch. Lautstark klagen sie über den Fachkräftemangel, der den Wettbewerb um die besten Talente verschärft. Praktika bieten Arbeitgebern die Möglichkeit, vielversprechenden Nachwuchs frühzeitig zu entdecken. Auch wenn ein Monatssalär von 1400 Euro sich betriebswirtschaftlich nicht sofort rechnet - es ist eine Form des Probearbeitens. Chefs können kluge Köpfe finden und binden. Wer sich in Zukunft diese Form der Rekrutierung trotz Mindestlohn leisten kann, ist klar im Vorteil.

Auch unter großen Unternehmen in Deutschland können oder wollen nicht alle mithalten. So erklärte die deutsche Lufthansa, der Mindestlohn bedeute eine "Erschwernis" bei der Einstellung von Praktikanten. Hier bekommen Studenten im Monat bislang zwischen 650 und 750 Euro. Ebenso denke der Waschmittelhersteller Henkel über eine "Reduzierung der angebotenen Praktikumsstellen" nach, wie eine Sprecherin des Unternehmens mitteilte.

Trotzdem bleiben Gewerkschaften und SPD hart: Die von CDU/CSU geforderten Ausnahmen vom Mindestlohn lehnen sie kategorisch ab. "Die Union sollte aufhören, über gemeinsame Entscheidungen zu jammern, sondern zum Mindestlohn stehen", sagte die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi SPIEGEL ONLINE. "Der Mindestlohn ist der Ausgangspunkt und die Chance auf eine stabile und faire Entlohnung. Ohne Mindestlohn wird uns der Billiglohnwettbewerb nach unten reißen. Für unsere gesamte Wirtschaft ist das auf Dauer nicht tragfähig." Auch die Gewerkschaft Ver.di und die der Deutsche Gewerkschaftsbund sprechen sich seit Wochen gegen Ausnahmen beim Mindestlohn aus.

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PeterPan95 12.06.2014
1. Ich versteh das nicht
Die großen Konzerne kalkulieren "knallhart" und bezahlen ihre Praktikanten - dabei bezahlen große Firmen ihren Angestellten doch auch (teils deutlich) mehr als kleinere Firmen. Wenn also ein Arbeitnehmer hauptsächlich aufs Geld aus ist, hat der kleine Betrieb eh keine Chance. Ich versteh auch nicht ganz warum jetzt so getan wird, als wenn der Mindestlohn Chancen vernichtet - im Artikel wird doch klar, dass Ausbildung und Praktika im Interesse der Firmen liegen. Dann kann das ja auch was kosten. Das gilt auch für kleinere Firmen. Oder sollen kleine Firmen ihre Praktikanten ausnutzen dürfen, während die großen das nicht nötig haben? Das wäre unfair! Ich bin auch weiterhin der Meinung: Ein Geschäftsmodell, welches nur mit Hungerlöhnen (oder scheinbar ganz ohne Lohn) funktioniert, hat keine Existenzberechtigung. Dann wird der Putzdienst halt teurer - das bezahlen ja dann die Auftraggeber, gilt ja für alle Anbieter.
Laurel Wreath 12.06.2014
2.
Unternehmen finden generell jeden Lohn zu hoch. Die hätten am liebsten Leibeigene und in den "Praktikanten" haben sie die ja auch. Man darf halt nicht die Frösche fragen, wenn man den Teich trockenlegen will.
ralle89 12.06.2014
3. Sinnvolle Regelung
also ich hab als Schüler nie länger als 6-8 Wochen Praktika in Unternehmen gemacht. Macht auch wenig Sinn da man ja auch mal mehr als ein Unternehmen sehen will und in den Ferien auch nicht mehr Zeit hat. Daher ist das Gejammer unverständlich... Die die 5Monate irgendwo im Praktikum sind werden eh nur geknechtet. Und Studienpraktika die oft so lange dauern sind davon ausgenommen bzw. die Firmen zahlen eh schon 7-8 eu die Stunde an Studenten.
max-mustermann 12.06.2014
4.
Zitat von sysopDPA8,50 Euro pro Stunde - viele kleine und mittlere Unternehmen finden den Mindestlohn fürs Praktikum zu hoch. Deutsche Großkonzerne dagegen werden sich Praktikanten weiter leisten: weil sie's können. Und wollen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/grosskonzerne-bezahlen-praktikanten-den-mindestlohn-a-974412.html
Natürlich, weil es immer noch ein Schnäppchen ist gut Ausgebildete Leute mit lächerlichen 8,50 im Endlospraktikum zu beschäftigen als einen ordentlichen Lohn zu zahlen.
die_physiker 12.06.2014
5. Unterscheidung
Man muss eventuell zwischen kurzfristigen Praktika (bis 2 Monate) und langfristigen unterscheiden, im langen Fall leistet man meistens Arbeit, bei kurzen Praktika ist man meist nur Belastung, dafür noch bezahlt zu werden wäre denk ich zuviel
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