Debatte zur Grundrente Der Ärger der Frauen

Mit einer Grundrente will Arbeitsminister Hubertus Heil sich vor allem für Frauen stark machen. Was sagen Betroffene dazu?

Rentnerin (Symbolbild)
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Rentnerin (Symbolbild)

Aufgezeichnet von , und Katharina Koerth


Am Ende ihres Lebens liegt viel Arbeit hinter ihnen, aber finanziell zahlt sich der Fleiß im Alter nicht immer aus: Viele Menschen müssen mit Minirenten auskommen, weil sie über Jahrzehnte zu Niedriglöhnen geschuftet haben. Oder weil sie nur Teilzeitjobs hatten, um daneben Kinder großzuziehen oder Angehörige zu pflegen. Das betrifft vor allem Frauen.

Ungerecht sei dieses System, findet Arbeitsminister Hubertus Heil und will Abhilfe schaffen. Der Vorschlag des SPD-Ministers: ein neues Modell für eine Grundrente. Wer mindestens 35 Beitragsjahre angesammelt hat, kann einen Zuschlag bekommen.

Die Rente wird nach Entgeltpunkten berechnet, die von der Höhe des Einkommens abhängen. Wer weniger als 0,8 Entgeltpunkte pro Beitragsjahr hat, bekommt diese für die Grundrente verdoppelt - auf höchstens 0,8 Entgeltpunkte. Der maximale Rentenzuschlag würde damit bei 448 Euro pro Monat liegen, unabhängig von der Bedürftigkeit der Betroffenen.

Zu 75 Prozent sollen von der Neuregelung laut Heil Frauen profitieren. Gerade an dieser Frauenfrage spalten sich in der Debatte allerdings die Gemüter:

  • Befürworter loben Heils "Respekt-Rente", die Geringverdiener und auch typisch weibliche Erwerbsbiografien stärker würdige als bisher.
  • Kritiker dagegen bemängeln das "Gießkannen-Prinzip". Sie argumentieren mit dem Beispiel der gut abgesicherten Zahnarztgattin mit Teilzeitjob und kritisieren, dass diese auch einen Rentenzuschlag bekäme.
  • Wieder andere monieren: Millionen Rentner würden gar nicht von Heils Grundrente profitieren, weil sie unterhalb der Grenze von 35 Beitragsjahren bleiben. Auch das gilt für viele Frauen.

Was sagen Betroffene am Ende ihres Erwerbslebens zu dieser Debatte? SPIEGEL-Redakteure haben mit vier Frauen gesprochen - und sind auf viel Wut über die jetzigen Regeln gestoßen.

Friseurin, 78, ein Kind, geschieden: "Es wäre gerecht, wenn die Fleißigen endlich mal belohnt würden"

Friseurin (Symbolbild)
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Friseurin (Symbolbild)

"Ich habe mehr als 40 Jahre gearbeitet und war gesetzlich rentenversichert. Nach meiner Lehre war ich 25 Jahre bei einem Friseur angestellt, später hat meine Tochter ihren eigenen Friseursalon eröffnet. Dort habe ich gearbeitet, bis ich 72 Jahre alt war. Manchmal, wenn sie zum Beispiel krank ist, helfe ich immer noch aus.

Ich habe ein Einkommen von rund 1000 Euro pro Monat, aber davon sind 400 Euro Unterhaltszahlungen von meinem Ex-Mann. Darüber bin ich sehr froh, denn wie sollte ich von 600 Euro Rente leben?

Ich finde es nicht richtig, dass gerade Friseure so schlecht bezahlt werden. Sogar unser Trinkgeld wird besteuert. Allein zu leben, könnte ich mir kaum leisten. Dabei habe ich genauso hart gearbeitet wie andere. Mein zweiter Mann und ich kommen über die Runden. Aber es wäre schön, mal in den Urlaub zu fahren zum Beispiel.

Den Grundrentenvorschlag finde ich gut, davon würde ich profitieren. Es wäre gerecht, wenn die Fleißigen, die nicht von Hartz IV gelebt haben, endlich mal belohnt würden. Bisher hat die Pflegeversicherung noch jede Rentenerhöhung aufgefressen."

Einzelhandelskauffrau, 62, verheiratet, ein Kind: "Die finanzielle Abhängigkeit wird vergessen"

Ehepaar (Symbolbild)
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Ehepaar (Symbolbild)

"Ich bin seit mehr als 40 Jahren in meiner Firma angestellt, all die Jahre habe ich in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Wenn ich 2021 in Rente gehe, werde ich knapp 900 Euro im Monat bekommen. Ich finde das mehr als unfair.

Ich war nie arbeitslos, habe ein Kind großgezogen und es mit allen meinen Möglichkeiten auf seinem Lebensweg unterstützt. Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr bis zu meiner Schwangerschaft mit 38 Jahren Vollzeit gearbeitet und bin seitdem in Teilzeit angestellt. Warum werden meine Arbeit und meine Erziehungsleistung so wenig gewürdigt?

In meinem Bekanntenkreis wurden in den vergangenen Jahren einige Ehen geschieden, in anderen hat es gekriselt, nachdem die Kinder gerade aus dem Haus waren. Die meisten Paare hatten bis dahin folgende Rollenverteilung: Während die Männer den Lebensunterhalt verdienten, haben die Frauen in Teilzeit gearbeitet und die Kinder großgezogen.

Jetzt, einige Jahre vor der Rente, stehen die Frauen vor der Wahl: Lasse ich mich scheiden und akzeptiere, im Alter weniger von der Rente meines Mannes zu profitieren und im Zweifel sogar in die Grundsicherung abzurutschen? Oder lebe ich weiter mit einem Mann, der mich finanziell absichert, aber den ich nicht liebe? Ich kenne eine Frau, die sich aus Angst vor Altersarmut nicht getrennt hat. Diese finanzielle Abhängigkeit wird vergessen, wenn über die Bedürftigkeit der 'Zahnarztgattin' diskutiert wird.

Ich finde Heils Vorstoß zur Grundrente deshalb absolut richtig und halte es nur für fair, dass auch ich einen kleinen Zuschlag bekäme."

Akademikerin, 72, verheiratet, ein Kind: "Diese Ungerechtigkeit tut weh"

Seniorin am Handy (Symbolbild)
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Seniorin am Handy (Symbolbild)

"Ich erfülle das Klischee der Zahnarztgattin. Mein Mann hat eine, wie ich finde, recht üppige monatliche Rente von rund 3800 Euro. Ich selbst bekomme eine kleine Rente: rund 700 Euro. Zusammen geht es uns finanziell also sehr gut, trotzdem ärgere ich mich oft. Ich verlange keineswegs mehr Geld, aber diese Ungerechtigkeit tut weh. Meine eigene Leistung wird nicht gewürdigt.

Mein Werdegang: Realschulabschluss, Fachschule, Ausbildung, Beamtenlaufbahn. Eigentlich hätte ich gerne Abitur gemacht und studiert. Aber das war damals auf dem Land selten vorgesehen, für Mädchen noch weniger als für Jungen.

In den ersten Jahren unserer Ehe habe ich das Geld verdient und meinem Mann das Studium finanziert. Als ich 26 Jahre alt war, kam das Kind. Damit war beruflich erstmal Schluss. Nach dem Erziehungsurlaub hätte ich nur Vollzeit wieder einsteigen dürfen. Das ging aber nicht, weil es weit und breit keine Ganztags-Kitaplätze gab. Mein Kind besuchte einen Spielkreis: ein Mal pro Woche, drei Stunden.

Ich war kurz Hausfrau und Mutter, dann habe ich in Abendkursen meine Hochschulreife nachgeholt und danach angefangen zu studieren. Daneben habe ich mich viele Jahre um meine kranken Schwiegereltern und meine Mutter gekümmert. Mit 44 Jahren habe ich wieder angefangen, zu arbeiten, mal Vollzeit, mal Teilzeit.

Bei meiner Arbeit in einer Beratungsstelle war ich oft mit menschlichem Elend konfrontiert: Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt, Flucht. Auch aus gesundheitlichen Gründen bin ich deshalb mit 62 Jahren in den Ruhestand gegangen. Neben meiner eigentlichen Rente von rund 700 Euro habe ich noch eine Betriebsrente von 247 Euro pro Monat. Davon bleibt mir fast nichts, weil ich etwa diese Summe für die private Krankenversicherung zahle. Meine übrige Rente muss ich noch versteuern. Weil das Einkommen meines Mannes dabei mitzählt, bleiben mir netto rund 600 Euro pro Monat. Mich macht das wütend.

Wer eine typisch männliche Erwerbsbiografie vorlegen kann, wird in unserem Rentensystem stark bevorzugt. Viele Frauen dagegen werden schlecht behandelt. Dass wir uns um andere Menschen gekümmert und gearbeitet haben, würdigt niemand. Viele Frauen, wie ich, sollen sich damit trösten, dass der Ehemann sie mitversorgt. Wenn sich das mit Heils Grundrente zumindest etwas ändert, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung."

Ehemalige Lehrerin, 75 Jahre, vier Kinder, verwitwet: "Ich habe öfter unbezahlt gearbeitet"

Drei Generationen (Symbolbild)
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Drei Generationen (Symbolbild)

"Ich war Volksschullehrerin, bin also für die Klassen eins bis acht ausgebildet worden. Gearbeitet habe ich aber nur zwei Jahre lang, dann bekam ich 1967 mein erstes Kind. Meine Stelle als Lehrerin habe ich damals aufgegeben und bin danach auch nicht mehr in den Beruf zurückgekehrt. Statt dessen habe ich meine vier Kinder zu Hause betreut, während mein Mann als städtischer Verwaltungsangestellter gearbeitet hat.

Ich war Hausfrau und Mutter, habe mich aber auch viel ehrenamtlich engagiert, etwa bei der Betreuung der Schulbücherei im Gymnasium meiner Kinder. Später habe ich außerdem als Freiwillige eine Zeitlang in der Hausaufgabenhilfe einer Grundschule als Betreuerin gearbeitet. Und irgendwann kamen dann die ersten Enkelkinder, auch da bin ich wieder unbezahlt als Tagesmutter eingesprungen und habe so meine Tochter und meine Schwiegertochter entlastet.

Um mit meinen wenigen Berufsjahren überhaupt Rentenansprüche zu erwerben, habe ich irgendwann einmal freiwillig ein Jahr in die Rentenversicherungskasse nachgezahlt. Denn erst mit mindestens drei Jahren Berufstätigkeit war es für mich möglich, überhaupt eine eigene Rente zu bekommen. Die ist allerdings nicht besonders hoch:

Brutto bekomme ich 267,40 Euro. Davon gehen noch 21,93 Euro für die Krankenversicherung und 6,82 Euro für die Pflegeversicherung ab, so dass mir netto 238,65 Euro bleiben. Daran würde auch die Grundrente nach dem Modell von Arbeitsminister Heil nichts ändern. Denn ich komme nicht auf mindestens 35 Beitragsjahre.

Wenn ich nicht noch zusätzlich die Witwenrente meines Mannes hätte, der vor 13 Jahren verstorben ist, wäre ich auf die Grundsicherung angewiesen. Dadurch bekomme ich etwas mehr als 1070 Euro und wegen der Beamtentätigkeit meines verstorbenen Mannes dann noch einmal 436,40 Euro aus der Zusatzversorgungskasse des öffentlichen Dienstes.

Er hat mit 16 Jahren angefangen zu arbeiten. Wenn man bedenkt, dass das der Ertrag seines gesamten Berufslebens von fast 50 Jahren ist, dann ist das schon wenig. Meine eigene Leistung wird noch viel weniger gewürdigt. Andererseits sage ich aber auch: Es reicht für mich, ich kann damit gut leben."



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