Guildo Horn "Ich hab's nicht so mit Autoritäten"

Er nennt sich "Unterhaltungskünstler" und sang für Deutschland beim ESC, er ist gelernter Pädagoge und arbeitet gern mit geistig Behinderten. Guildo Horn ist eine erstaunliche Karriere gelungen - aber so würde er das nie nennen.

Guildo Horn (beim ESC 1998): "Was falsch ist, bestimme am Ende ich selbst"
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Guildo Horn (beim ESC 1998): "Was falsch ist, bestimme am Ende ich selbst"

Ein Interview von


KarriereSPIEGEL: Guildo Horn, Sie haben... nein, erst mal: duzen oder siezen wir uns?

Horn: Wir machen das wie beim Golf und nehmen das Runden-Du.

KarriereSPIEGEL: Gern. Wir treffen uns hier bei der Einstiegmesse in Köln, nach einem "Date your career"-Gespräch der Hochschule Fresenius. Was kannst ausgerechnet du Studenten über Karriere erzählen?

Horn: Das hab ich mich auch gefragt. Ich habe nie viele Pläne gemacht, bin immer so durch mein Leben gestolpert und da gelandet, wo ich jetzt bin. Und damit total zufrieden.

Zur Person
  • Hochschule Fresenius
    Für Guildo Horn ist "Schlager die schönste Droge der Jetztzeit". Geboren wurde er 1963 als Horst Köhler in Trier, Furore machte er mit seiner Band Die Orthopädischen Strümpfe und belegte 1998 beim Eurovision Song Contest den 7. Platz. Den Song "Guildo hat euch lieb!" schrieb angeblich "Alf Igel" - dahinter steckte Entertainer Stefan Raab.
KarriereSPIEGEL: Du stellst dich gern als "Unterhaltungskünstler" vor. Ab wann wolltest du das werden?

Horn: Ich habe früh angefangen, Musik zu machen - mit neun Jahren zuerst Gitarre, mit 13 Schlagzeug, in einer Band mit diesem Traum: Ich werde Profimusiker. Die Weltkarriere hat auf sich warten lassen. Zweimal bin ich sitzen geblieben, habe nach 15 Jahren doch noch mein Abi gemacht und nicht gewusst, wohin mit mir.

KarriereSPIEGEL: Wie kam es zum Studium der Sozialpädagogik?

Horn: Beim sozialen Jahr in einer Trierer Behindertenwerkstatt bin ich zum ersten Mal richtig in Kontakt gekommen mit geistig behinderten Erwachsenen und durfte auch noch mit ihnen musizieren. Mich hat's voll erwischt, als ich merkte, was für eine unglaubliche Erweiterung meines Spektrums das bedeutet. Meine nächste Traumvorstellung wurde geboren: ein Pädagogikstudium machen, mit geistig Behinderten arbeiten. 1994 habe ich mein Diplom abgelegt und als Musiklehrer gejobbt. Auch parallel zum Studium hatte ich immer Kontakt mit der Lebenshilfe und zu den Menschen dort, diesen anders normalen Normalen.

KarriereSPIEGEL: Also ist Zweigleisigkeit dein Erfolgsrezept - ein solides Studium plus die Offenheit für Musik?

Horn: Ich mag's mehrgleisig, bin vielseitig interessiert und will überall mal schnuppern. Die andere Seite ist dieser Gedanke: Junge, lern was Vernünftiges! Ich hätte nicht einfach so eine Musikerkarriere angefangen, ohne noch einen anderen Beruf zu lernen. Dazu hängt Musik viel zu sehr von Trends ab und ist zu fragil. Mir gab das unglaubliche Freiheit: Ich konnte es mir als Newcomer leisten, einen Auftritt in der "ZDF-Hitparade" abzusagen, weil ich nach Pakistan in den Urlaub gefahren bin.

KarriereSPIEGEL: Ist deine heutige Freiberuflichkeit die logische Folge?

Horn: Ich könnte es gar nicht anders. Auch bei meiner Arbeit in der Lebenshilfe war ich als freiberuflicher Musiklehrer immer auf mich selbst gestellt. Was richtig und falsch ist, das bestimmte am Ende ich selbst. Ich hab's nicht so mit Autoritäten. Ab dem Alter von sieben Jahren bin ich ohne Vater aufgewachsen, meine Mutter, eine ziemlich entspannte Persönlichkeit, hat mich einfach machen lassen und nur ein bisschen aufgepasst. Da wäre es schwer, im Job auf die Autorität eines Chefs zu hören, der vielleicht gar keine Ahnung hat.

KarriereSPIEGEL: Entspannte Eltern kennen viele Studenten und Schüler heute kaum. Sie fühlen sich wahnsinnig unter Effizienzdruck: Was soll bloß aus dir werden? Wähl den richtigen Beruf, werd schnell fertig!

Horn: Es ist heute deutlich schwieriger, sich so frei zu entwickeln. Mein Sohn ist 19, da kann ich das beobachten: Es gibt kaum Freizeit. Aber erst, wenn du mal richtig Langeweile hast, wirst du kreativ, dann entsteht etwas. Stattdessen der Schwachsinn mit dem Abitur nach zwölf Jahren, und dann wirst du durch die Ausbildung geprügelt. Ein guter Käse muss einfach reifen. Ich wäre dafür, die Schulzeit um ein halbes Jahr zu verlängern, und in dieser Zeit sollte jeder etwas Soziales tun: in einer Behinderteneinrichtung, im Seniorenheim oder im Umweltbereich. Danach hat man verstanden, was Gesellschaft ist, man kommt viel gefestigter wieder heraus.

KarriereSPIEGEL: Kannst du mit dem klassischen Karrierebegriff gar nichts anfangen?

Horn: Ich bin nicht auf der Welt, um viel Geld zu verdienen, sondern um eine entspannte und tolle Zeit zu haben. Heute heißt das ja Work-Life-Balance, die halte ich für total wichtig. Wenn man sich selbst treu bleibt, kommen Zufriedenheit und Erfolg von selbst. Dafür braucht man auch Zeit, um mal auf das Gefühl zu hören und nicht immer nur dem Mammon hinterherzulaufen. Vielleicht klinge ich jetzt wie ein labernder Philosoph - aber es geht nicht allein um größer, schneller, weiter.

KarriereSPIEGEL: Vielen Dank, Guildo, für dieses Gespräch.

Horn: Jetzt wieder "Herr Horn", bitte. Die Golfrunde ist zu Ende.

  • Claudia Adolphs

    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.

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