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Ausgabe 15/2014

Haftpflicht-Problem Kassen springen bei Hebammen-Versicherung ein

Der Haftpflichtschutz von Hebammen ist bis 2015 gesichert. Nach SPIEGEL-Informationen wollen die gesetzlichen Krankenkassen für die Mehrkosten von knapp 6,5 Millionen Euro aufkommen. Danach ist die Zukunft der Geburtshelfer ungewiss.

Hebamme und Baby: Wird es für Geburtshelferinnen bald zu teuer, zu arbeiten?
DPA

Hebamme und Baby: Wird es für Geburtshelferinnen bald zu teuer, zu arbeiten?


Weil die Tarife für ihre Haftpflichtversicherungen enorm gestiegen sind, sehen viele Hebammen ihren Beruf in Gefahr. Jetzt können die Geburtshelferinnen in ihrem Kampf um eine ausreichende Versicherung erstmal durchatmen: Der Haftpflichtschutz für Geburtshelferinnen ist nach SPIEGEL-Informationen zumindest bis Mitte des nächsten Jahres gesichert. Der Deutsche Hebammenverband hat demnach Ende März einen neuen Gruppenversicherungsvertrag unterzeichnet, der bis Ende Juni 2015 laufen soll.

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Allerdings bestätigt die Vereinbarung alle Befürchtungen der Zunft: So ist jetzt offiziell, dass die Jahresprämie für freiberufliche Geburtshelferinnen ab Juli 2014 von derzeit 4240 auf dann 5090 Euro steigen wird. Für die Mehrkosten wollen nun die gesetzlichen Krankenkassen aufkommen: Ihr Spitzenverband hat den Hebammen in der vergangenen Woche angeboten, dafür von Juli an 6,48 Millionen Euro für ein Jahr bereitzustellen - das wären gut 50 Prozent mehr, als die Kassen noch 2013 für die Übernahme der Prämien zahlten.

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Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird
Den Hebammen reicht das Angebot aber nicht aus. Vollkommen ungeklärt bleibt ihre Zukunft ab Juli 2015. Die Nürnberger Versicherung hatte bereits angekündigt, dann aus dem Konsortium auszusteigen. Ohne Haftpflichtschutz droht den Geburtshelferinnen faktisch ein Berufsverbot. "Die Politik ist aufgefordert, endlich zu handeln", sagt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands.

Laut Deutschem Hebammenverband stiegen die Haftpflichtprämien für die Geburtshilfe in zehn Jahren von 453 auf bisher 4242 Euro pro Jahr. Der Grund sind höhere Schadenssummen nach Fehlern bei der Geburt. Eine Online-Petition, in der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe um Hilfe angerufen wird, fand bereits mehr als 350.000 Unterstützer.

Geburtsorte
Hausgeburt
Zu einer Hausgeburt können sich gesunde Schwangere entscheiden, bei denen keine Komplikationen erwartet werden. Eine Hebamme, die die Frau mitunter schon mehrere Monate während der Schwangerschaft begleitet, kommt zur Geburt nach Hause - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Vorteil: Die Hebamme kennt die Familie sowie die Wünsche und Ängste der Frau und kann individuell auf sie eingehen. Einen Schichtwechsel gibt es nicht, Schmerzmittel werden seltener gegeben und es kommt seltener zu Verletzungen des Damms. Der Nachteil: Bei starken Schmerzen kann keine Schmerzblockade durch PDA (Periduralanästhesie) erfolgen. Verschlechtert sich der Zustand des Kindes während der Geburt oder treten starke Blutungen auf, muss die Schwangere in ein Krankenhaus verlegt werden.
Geburtshaus
In einem Geburtshaus entbinden Schwangere ihre Kinder unter der Leitung von Hebammen. Ärzte sind nicht anwesend. Die Idee dahinter: Die Frau soll Vertrauen in sich und den Vorgang der natürlichen Geburt gewinnen und zu jedem Zeitpunkt mit entscheiden, was gut ist für sie. Einige Geburtshäuser arbeiten in enger Kooperation mit Kliniken, so dass im Notfall der Weg in einen Kreißsaal bereits gebahnt ist.
Hebammenkreißsaal
Hier führen Hebammen das Regiment - allerdings in einem Krankenhaus. Ein Hebammenkreißsaal ist für Frauen mit niedrigem Schwangerschafts- und Entbindungsrisiko geeignet, die sich möglichst wenige Interventionen erhoffen wie einen Dammschnitt oder die Gabe von Schmerzmitteln. Im Notfall kann die Frau in den herkömmlichen Kreißsaal mit allen medizinischen Möglichkeiten verlegt werden.
Krankenhauskreißsaal
In einem Krankenhaus begleiten Hebammen eine Schwangere von der Ankunft bis zum Verlassen des Kreißsaals. Dauert die Geburt länger als acht Stunden, erfolgt ein Schichtwechsel. Alternativ arbeiten einige Kliniken auch mit sogenannten Beleghebammen. Sie betreuen die Schwangere nicht nur vor und nach der Geburt sondern leiten auch die Entbindung. In einem Krankenhaus sollte bei jeder Geburt ein Arzt anwesend sein. Verfügt das Krankenhaus nicht über eine Kinderklinik, so muss ein krankes oder schwaches Kind nach der Geburt verlegt werden.
Krankenhaus der Maximalversorgung
In diesen Häusern gibt es nicht nur Kreißsaal, OP, Hebammen und Gynäkologen, hier stehen auch Kinderärzte und Intensivmedizin für die Versorgung von schwachen Babys bereit. Für einen Notkaiserschnitt etwa gelten strenge Richtlinien: Nicht mehr als 20 Minuten dürfen vom Zeitpunkt der Entscheidung bis zur Geburt vergehen. Kommt ein Kind zu früh oder krank zur Welt, kann es je nach Bedarf sofort auf die Intensivstation oder zur Beobachtung auf die Neugeborenenstation verlegt werden. Die Geburt in einer Klinik der Maximalversorgung ist für Frauen mit einer Hochrisiko-Schwangerschaft sinnvoll. Aber auch gesunde Schwangere können solche Kliniken wählen.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
meinung2013 06.04.2014
1. und wieder einseitige
Belastung der Versicherten in den gesetzlichen Krankenkassen. Benötigen Beamtinnen, Parlamentarierinnen, Selbständige keine Hebammen?
boeseHelene 06.04.2014
2.
Zitat von sysopDPADer Haftpflichtschutz von Hebammen ist bis 2015 gesichert. Nach SPIEGEL-Informationen wollen die gesetzlichen Krankenkassen für die Mehrkosten von knapp 6,5 Millionen Euro aufkommen. Danach ist die Zukunft der Geburtshelfer ungewiss. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/haftpflichtversicherung-fuer-hebammen-geburtshilfe-bis-2015-gesichert-a-962856.html
die springen mit meinen Beiträgen für die Hebammen ein, die haben doch den Knall nicht gehört. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hausgeburt-eine-mutter-verliert-ihr-kind-a-889615.html
007er 06.04.2014
3. eine Frechheit
..fuer alles ist in diesem Land Geld da, das auch ganz fix bewilligt und ausgezahlt werden kann, Gesetze koennen binnen Tagen durch Btag u Brat gejagt werden....aber bei einem so wichtigem Thema, das uns alle mal betroffen hat und event wird, bekommt der Staat (wir) nix zu Wege. Hier geht es nicht ums Haendchen halten und Globuli geben oder riskante Hausgeburten, hier geht es die fachliche, hochprofessionelle, unumgaengliche Geburts-vor-nach-betreung, die ein Arzt oder Krankenschwester schon aufgrund ihres breitgeschaefferten Arbeitsgebietes nicht stemmen koennen. Fuers Auto die Vertragswerkstatt fuer Frau u Kind die Hobbybastler....zum k....!! und an alle die meinen keine Hebammen zu brauchen, da kein Kinderwunsch: mit wessen Hilfe sind sie denn gesund zur Welt gekommen?!
Foul Breitner 06.04.2014
4. Wußte ich auch
Zitat von boeseHelenedie springen mit meinen Beiträgen für die Hebammen ein, die haben doch den Knall nicht gehört. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hausgeburt-eine-mutter-verliert-ihr-kind-a-889615.html
nicht. Ich dachte immer, daß auch privat versicherte Hebammendienstleistungen in Anspruch nehmen dürfen !
Kiki73 06.04.2014
5. Wichtig auch bei Geburten nach Kaiserschnitt(en)
Ich bin sehr froh, dass zumindest vorläufig für die Hebammen eine Lösung gefunden wurde. Als Mutter, die nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt erleben durfte, weiß ich, was frau an einer guten Hebamme hat. (kleine Empfehlung am Rande: das Buch "meine wunchgeburt-Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt" hilft ungemein, auch bei der Auswahl der richtigen Hebamme) Was mit immer wieder in den Artikeln zur Haftpflichtproblematik der Hebammen fehlt: es ist keine Problematik der Hebammen, sondern der gesammten Geburtshilfe. auch Belegärzte zahlen exorbitante Haftpflichträmien, wobei dagegen die Prämien der Hebammen Peanuts sind. Ärzte zahlen im 5-stelligen Bereich. Das nur mal an all die Leute, die immer wieder schreiben, dass es die Schuld der Hebammen sei, wenn sie so verantwortungslos sind und Hausgeburten betreuen würden. Auch Kliniken mit geburtshilflichen Abteilungen haben schon längst Probleme, ihre Haftpflicht zu zahlen. Teils sind Kliniken schon gar nicht mehr versichert, siehe Artikel in der Badischen Zeitung http://www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/viele-kliniken-finden-keine-haftpflichtversicherung--68036638.html
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