Ungewöhnliche Weltreise Lehrer bereist 14 Länder, um Heimat seiner Schüler kennenzulernen

Seine Schüler kommen aus der ganzen Welt, und sie machten ihn neugierig - auf Albanien, den Kosovo, Iran oder Kuba. Ausgerüstet mit Tipps startete Jan Kammann eine einjährige Reise. Hier erzählt er, was er gelernt hat.

Jan Kammann / Luisa Wolff

Ein Interview von Maren Jensen


Es ist ein wenig schwül, als Jan Kammann in Hamburg auf den Bus nach Bulgarien wartet. Drei Tage wird er unterwegs sein - so wie seine Schülerin zu Beginn jeder Ferien. Er will nacherleben, was er in der Schule von seinen Schützlingen erzählt bekommt, das ist sein Ziel.

Kammann unterrichtet Erdkunde und Englisch an einem Hamburger Gymnasium, unter anderem in sogenannten "internationalen Vorbereitungsklassen". Dort werden Schüler, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen, ein Jahr lang fit für die Schule gemacht. Nach dem Jahr wechseln sie in eine Klasse, die ihrem Alter entspricht.

Es sind Kinder dabei, die mit ihren Familien vor Krieg geflüchtet sind, aber auch Kinder von Eltern, die von ihren Arbeitgebern nach Deutschland versetzt wurden. Sie kommen aus Nicaragua und Kuba, Italien und Polen, Albanien, dem Kosovo, Armenien, Iran oder Ghana. Kammann ist von der Vielfalt der Länder fasziniert - so fasziniert, dass er beschließt, sie zu bereisen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kammann, Sie sind ein Jahr lang um die Welt gereist, um die Herkunftsländer Ihrer Schüler kennenzulernen. Hat das Ihr Verhältnis zu ihnen verändert?

Kammann: Ich habe mal zwei Jahre in China gelebt, deshalb wusste ich schon vor meiner Reise, wie es ist, in einem fremden Land stark auf seine Mitmenschen angewiesen zu sein. Aber wie hart es für manche Schüler sein muss, einen Abschluss in einer völlig fremden Sprache zu machen, ist mir nun noch deutlicher geworden. Dazu kommt: Ich habe die Reise freiwillig angetreten und musste mich nicht an einer Schule bewähren. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte in dem Alter an ihrer Stelle gestanden - ich wäre wohl gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Wie meistern denn Ihre Schüler die Situation?

Kammann: Erstaunlich gut! Die Schüler, die mich zu der Reise inspiriert haben, haben mittlerweile fast alle das Abitur. Zu den meisten habe ich noch Kontakt. Sie waren von Anfang an sehr neugierig auf die Erfahrungen, die ich in ihren Heimatländern machen würde. Ich möchte sie aber nicht darauf reduzieren. Klar, sie kommen von dort, sprechen die Sprachen und verfügen dadurch über ein Wissen, dass sie hoffentlich in Deutschland einbringen können. Aber sie sind ganz normale Absolventen, die nun mit ihrem Abschluss ihren Weg finden werden.

Zur Person
  • Timo Neuscheler
    Jan Kammann, Jahrgang 1979, ist in der Nähe von Bremen aufgewachsen und arbeitet als Lehrer für Englisch und Erdkunde am Gymnasium Hamm in Hamburg. 2016 machte er ein Sabbatjahr und bereiste 14 Länder, aus denen seine Schüler stammen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Schüler denn reagiert, als Sie sich für ein Jahr verabschiedet haben?

Kammann: Für meine Schüler war mein Plan schwer zu fassen. Je näher das Ende des Schuljahres rückte, desto weniger konnten sie glauben, was ich vorhatte. Aber der Zeitpunkt passte ganz gut: Sie beendeten die zehnte Klasse mit einem mittleren Schulabschluss, und ich machte mich auf in die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich für jedes Land einen Reiseführer von Ihren Schüler basteln lassen. Konnte der Ihnen helfen?

Kammann: Ja, sehr sogar. Meine Schüler haben Sätze in ihrer Muttersprache reingeschrieben, die ich am Anfang gut gebrauchen konnte, um mich wenigstens mit dem Nötigsten zu versorgen. Außerdem bin ich durch die Reiseführer schneller mit Einheimischen ins Gespräch gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie es nicht ein wenig seltsam, die Schüler zum Basteln zu zwingen für Ihre Reiselust?

Kammann: Ja, ich hatte schon ein bisschen das Gefühl, sie auszunutzen. Aber die Kids hatten ihren Spaß daran, ihr Wissen mit mir und vor allem mit ihren Mitschülern zu teilen, und haben das freiwillig gemacht. Es sind es alles kleine Kunstwerke geworden, gespickt mit wertvollen Informationen. Eine Schülerin aus dem Kosovo hatte mir zum Beispiel geraten, immer auf meine Kleidung zu achten. Also habe ich mich in Pristina direkt neu eingekleidet, weil ich in einem ziemlich abgerissenen Zustand dort ankam.

Fotostrecke

12  Bilder
Fotostrecke: Ungewöhnliche Weltreise

SPIEGEL ONLINE: Haben die Schüler Ihnen sonst noch bei der Vorbereitung der Reise geholfen?

Kammann: Ja, viele haben mir Kontakte gegeben, um die Sprache besser zu lernen oder Unterkünfte zu finden. Die Mutter einer Schülerin vermittelte mir zum Beispiel auf Kuba eine Spanischlehrerin. Sie hatte weder Internetzugang noch Kopierer, wir haben alles per Hand gemacht. Alles immer wieder neu aufzuschreiben, anstatt es einfach 20-mal auszudrucken, ist extrem mühselig. Vor der Frau und ihren Kollegen ziehe ich wirklich meinen Hut - zumal sie extrem schlecht verdienen. Da wurde mir meine privilegierte Stellung sehr bewusst. Sie macht die gleiche Arbeit wie ich, kann aber kaum ihren Lebensunterhalt finanzieren, während ich um die Welt gondele.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Sie überrascht?

Kammann: Eigentlich nicht. Mir ist schon klar, dass es auf der Welt ein großes Einkommens- und Reichtumsgefälle gibt. Die unmittelbare Konfrontation damit war aber sehr beeindruckend. Noch viel größere Überraschungen erlebte ich im Kosovo und im Iran - dort waren die Menschen so unglaublich herzlich und gastfreundlich, wie ich das nicht erwartet hatte. Aufgebrochen war ich mit Bildern im Kopf, die deutsche Medien meistens transportieren: Ayatollah-Staat und ehemaliges Bürgerkriegsland. Das sind zweifellos auch Realitäten der Länder, aber das Gesamtbild ist viel facettenreicher und vor allem schöner.

ANZEIGE
Jan Kammann:
Ein deutsches Klassenzimmer

30 Schüler, 22 Nationen, 14 Länder und ein Lehrer auf Weltreise

Malik; 304 Seiten; 18,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Die Hälfte der Zeit wurden Sie von Ihrer Freundin begleitet. Hat sich dadurch am Reisen etwas für Sie verändert?

Kammann: Nein. Wir waren schon immer viel zusammen unterwegs. Wir haben uns auf Reisen angewöhnt, schwierige Entscheidungen, bei denen wir leicht unterschiedlicher Meinung sind, durch das Schere-Stein-Papier Verfahren zu lösen. Das funktioniert im Übrigen auch zu Hause sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Schere-Stein-Papier hat viel mit Glück zu tun. Meinen Sie, darauf beruht auch Ihr Leben in Deutschland?

Kammann: Ja, doch, als Lehrer lebt es sich schon recht sorgenfrei. Mir ist klar, dass viele meiner Kollegen im Ausland deutlich schlechter dran sind, sich zum Teil sogar mit Zweitjobs über Wasser halten müssen. Ich bin in das deutsche System hineingeboren worden, als kleiner Fisch unter vielen. Aber Neuankömmlinge verstehen viele Dinge hier noch nicht und brauchen auch ein wenig Zeit, um manche Sachen wirklich zu begreifen. Zeit, die die Schüler in ihrem eigenen Empfinden oft nicht haben. In der Schule versuche ich, ihnen all das beizubringen, was für uns selbstverständlich ist. Sie sollen abgesehen vom inhaltlichen Wissen ein gutes Urteilsvermögen entwickeln können.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das im Unterricht?

Kammann: Ich versuche, Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, und ermuntere die Schüler, ihre Gedanken dazu zu teilen. Und ich berichte von meinen Erlebnissen auf der Reise.

SPIEGEL ONLINE: In Agbobloshie in Ghana haben Sie die "Toxic City" besucht, eine riesige Elektromülldeponie. In Ihrem Buch schreiben Sie, "das kommt dem Vorhof der Hölle ziemlich nah". Was hat Sie dorthin getrieben?

Kammann: Im Geografieunterricht hatte ich mit meinen Schülern Handelskreisläufe untersucht und den Weg einer Jeans nachvollzogen. Die Baumwolle kommt aus Indien, gefärbt wird in Marokko - und aus Ghana beziehen viele Hosenfabrikanten das Metall für Knöpfe und Reißverschlüsse. Das hat mich verblüfft. Ein Schüler berichtete mir dann, wie dort unter anderem Metall gewonnen wird. Das musste ich mir ansehen. Als ich dem Taxifahrer gesagt habe, wo ich hin will, war er schockiert, dabei liegt der Ort mitten in der Stadt, keine vier Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt. Ich bin eigentlich vorsichtig mit Metaphern, aber es stank einfach bestialisch. Meine Augen haben gebrannt, ich habe Kopfschmerzen bekommen. Menschen haben Autoreifen verbrannt, und ein Zwiebelhändler hat nur ein paar hundert Meter entfernt sein Gemüse verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jetzt erst einmal genug gesehen, oder planen Sie schon die nächste Reise?

Kammann: Ich hatte im letzten Jahr wieder einen internationalen Vorbereitungskurs, mit Kids aus 17 verschiedenen Nationen. Die meisten werden das Abitur locker schaffen, wage ich zu prognostizieren. Damit habe ich nun auch wieder viele neue Reiseziele.



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ekel-alfred 04.09.2018
1. Lehrermangel + Unterrichtsausfall + Sabbatjahr?
Da berichtet Spon über den Urlaub eines Pädagogen und in China fiel eben in der Provinz Honan ein Sack Seide um. Haben wir keine dringenderen Probleme? Siehe meine Überschrift?
corny2 04.09.2018
2. Eine tolle Idee!
Man/Frau lernt ein Leben lang - auch als Lehrer kann man noch viel neues lernen! Eine gute Idee von Jan Kammann.
cobaea 04.09.2018
3.
Zitat von ekel-alfredDa berichtet Spon über den Urlaub eines Pädagogen und in China fiel eben in der Provinz Honan ein Sack Seide um. Haben wir keine dringenderen Probleme? Siehe meine Überschrift?
Sicher gibt es dringendere Probleme. Dazu finden Sie jede Menge Informationen in anderen Artikeln - niemand hat Sie gezwungen ausgerechnet den Beitrag zu lesen, den Sie behaupten, so unwichtig zu finden. Abgesehen davon: Es tut jeder Lehrkraft gut, mal ein halbes Jahr oder Jahr das Schulbiotop zu verlassen und zu erleben, wie woanders gelebt und gearbeitet wird. Das kann sowohl auf solch einer Reise geschehen, als auch durch Arbeit in einem Betrieb. Für einen Lehrer, der Schüler aus allen möglichen Ländern unterrichtet, ist es sinnvoll, das Leben in den Herkunftsländern auch mal direkt kennen zu lernen. Unterricht muss deshalb nicht ausfallen - in der Zeit der Abwesenheit dieses Lehrers, übernimmt jemand anders dessen Unterricht. In anderen Ländern gibt es solche Sabbatjahre institutionalisiert (z.B. in der Schweiz).
tigrerayado 04.09.2018
4. @1... Ihr Name ist ja Programm...
... und Respekt vor dem Engagement der Lehrers, der offensichtlich keinen schlechten Job gemacht hat wenn er einen Großteil der Kids aus einer Integrationsklasse zum Abitur führt.
mēdèn ágān 04.09.2018
5. So sieht
Interesse am menschlichen Gegenüber aus. Mehr davon ....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.