Umsturz in der Hamburger Handelskammer "Es war mehr als eine Rebellion"

Eine Gruppe kleiner und mittelständischer Unternehmer hat das Establishment aus der mächtigen Hamburger Handelskammer vertrieben. Der künftige Präses Tobias Bergmann gilt als Rebell. Hier erklärt er, wie er den Laden umkrempeln will.

So schick logiert die Handelskammer in Hamburg
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Zur Person
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    Tobias Bergmann, 45, ist Geschäftsführer des Hamburger Beratungsunternehmens Nordlicht Management Consultants. Bei der Wahl des Handelskammer-Plenums hat seine "Die Kammer sind WIR!" überraschend 55 der 58 Sitze gewonnen. Bergmann soll als Präses die kommenden drei Jahre an der Spitze der Organisation stehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben durch Ihren Wahlerfolg ein Bollwerk konservativ-hanseatischer Wirtschaftspolitik eingenommen - und gelten jetzt als Rebell. Wie fühlt sich das an?

Bergmann: Ich habe den Begriff mittlerweile akzeptiert. Allerdings war es sogar mehr als eine Rebellion. Das Wahlergebnis bedeutet eine friedliche Revolution der Hamburger Kaufleute. Und was wir jetzt anstoßen wollen, sind konsequente Reformen.
Vor der Wahl haben wir grundsätzliche Forderungen aufgestellt, die mit der Tradition der Handelskammer brechen, wie etwa die Abschaffung der Zwangsbeiträge. Das wollen wir weiterhin. Und ein solches Wahlergebnis bedeutet auch Verantwortung. Denn die Handelskammer ist ja die Vertretung aller Hamburger Unternehmer, nicht nur einzelner Gruppen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Erfolg hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Steht im Mai bei den Wahlen zur Berliner Industrie- und Handelskammer womöglich die nächste Rebellion an?

Bergmann: Ich habe nicht vor, die Revolution nach Berlin zu tragen. Aber ich glaube, dass es sehr wertvoll ist, wenn sich alle anschauen, was in Hamburg passiert ist. Ich kenne die Situation von anderen Industrie- und Handelskammern nicht. Aber es ist immer gut, bestehende Strukturen zu überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Kollegen aus anderen Städten Sie schon um Tipps für den Umsturz gebeten?

Bergmann: Vor allem braucht man langen Atem. Hier in Hamburg war das eine Arbeit von sechs Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie denn in der Handelskammer umstoßen?

Bergmann: Das ist vergleichbar mit der Einführung der Marktwirtschaft in ein System der Planwirtschaft. Bisher konnte die Kammer durch Zwangsbeiträge selbst die Höhe ihrer Einnahmen bestimmen und dann überlegen, wie sie die ausgibt. Mit dem neuen System müssen wir uns nun vor den Hamburger Unternehmern beweisen und ihnen zeigen, dass es sich lohnt, freiwillig Beiträge zu zahlen und mitzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE Was ist denn in der "Planwirtschaft" schiefgelaufen?

Tobias Bergmann (3.v.l.) und der Sprecherrat vom Bündnis "Die Kammer sind wir!"
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Tobias Bergmann (3.v.l.) und der Sprecherrat vom Bündnis "Die Kammer sind wir!"

Bergmann: Die Unternehmerinnen und Unternehmer hatten keine Möglichkeit, die Kammer zu sanktionieren, wenn sie mit den Dienstleistungen nicht zufrieden waren. Und das führt zu einem verkrusteten System.

SPIEGEL ONLINE Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Bergmann: Nehmen wir die Positionierung zur Energiewende. Da hat die Handelskammer ganz lange die traditionellen Energieunternehmen unterstützt. Aber mittlerweile sind ganz viele Unternehmen der regenerativen Energien entstanden, und die haben kein Gehör gefunden. Und da die Handelskammer keine normale Mitgliederorganisation ist, konnten sie auch nicht einfach austreten.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind die Großunternehmen in der Minderheit. Einzig die Hamburger Sparkasse hält noch einen Sitz. Nicht so leicht, dennoch alle Gruppen von Unternehmen zu vertreten.

Bergmann: Es war schon immer schwierig, alle abzubilden und mitzunehmen. Vor drei Jahren gab es zum Beispiel keinen einzigen Unternehmer mit Migrationshintergrund im Plenum der Handelskammer, obwohl sie 30 Prozent der Hamburger Unternehmer stellen. Nun ist die besondere Herausforderung, dass Unternehmen wie Airbus nicht vertreten sind. Wir suchen jetzt nach Wegen, wie diese Unternehmen sich weiterhin einbringen können.

So funktioniert die Handelskammer
Aufgaben
Die deutschlandweit 79 Industrie- und Handelskammern sind öffentlich-rechtliche Körperschaften, die die Interessen der gewerblichen Wirtschaft vertreten. Die Kammern nehmen staatliche Aufgaben wahr, wie etwa die Abnahme von Berufsprüfungen.
Sie sind regional ausgerichtet und fördern die Wirtschaft vor Ort. Sie werden unter ihrem Dachverband gebündelt, dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. Dieser vertritt das Gesamtinteresse seiner Mitglieder auf internationaler und Bundesebene.
Mitglieder
Alle gewerblichen Unternehmen sind zur Mitgliedschaft in den IHKs verpflichtet (außer Landwirtschafts- und Handwerksbetriebe) und müssen einen Beitrag zahlen – was unter den Mitgliedern umstritten ist.
In den Vollversammlungen der Kammern werden die Interessen der verschiedenen Branchen berücksichtigt und gegeneinander abgewogen. Dort findet auch die Wahl der ehrenamtlichen Präsidenten statt. Diese wiederum nehmen an der Vollversammlung des DIHK in Berlin teil und wählen aus ihren Reihen den DIHK-Präsidenten, der die gesamte Organisation repräsentiert.
Geschichte
Die Handelskammern blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Zu den ältesten Kammern gehören die in Bremen (1451) und Hamburg (1665) – die einzigen Vereinigungen, die sich traditionell nur „Handelskammern“ nennen. Sie vertreten aber wie die anderen IHKs auch die Industrie.

SPIEGEL ONLINE: Dem Hauptgeschäftsführer der Kammer wollen Sie das Jahresgehalt von rund 500.000 Euro auf 150.000 Euro kürzen.

Bergmann: Wir halten ein Gehalt für den Hauptgeschäftsführer für angemessen, das dem des Wirtschaftssenators entspricht. Wie das möglich ist, wird sich zeigen, sobald wir die Verträge kennen.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter stellen Sie infrage.

Bergmann: Es ist nicht unser Ziel, Personal abzubauen, sondern die Zwangsbeiträge abzuschaffen. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass die Einnahmen durch freiwillige Beiträge sinken werden. Deshalb kann es sein, dass die Kammer mit heute 280 Mitarbeitern in drei oder vier Jahren weniger Personal hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld fordern Sie für sich?

Bergmann: Ich kriege nichts, das ist ein Ehrenamt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich Ihre neue Position mit ihrem bisherigen Job als Co-Geschäftsführer Ihres Unternehmens vereinbaren?

Bergmann: In der Vergangenheit war es so, dass ein Präses der Handelskammer ein Großunternehmen im Hintergrund hatte und bereits im Abklingbecken seiner beruflichen Karriere war. Dieses Ehrenamt kann sehr schnell zum Hauptamt werden. Ich arbeite deswegen nur in Teilzeit in meinem Unternehmen. Das ist persönlich zwar ein finanzieller Abstrich, aber meine Firma gewinnt dadurch an Kompetenz. Denn bisher haben wir Veränderungsprozesse nur beratend begleitet, jetzt bekomme ich einen neuen Blick darauf. Ich verantworte einen Veränderungsprozess einer 352 Jahre alten Organisation.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
nolabel 23.02.2017
1. sehr erfreulich
Ich habe nie geglaubt, dass ich das noch mit erleben werde. Was habe ich mich in 15 Jahren als Unternehmer aufgeregt über diesen selbstherrlichen Klüngel - und die Zwangsmitgliedschaft nebst Beiträgen.
B!ld 23.02.2017
2.
Super. Vielleicht werde ich ab 2020 wieder Hamburger Kleinunternehmer.
Don Lucio 23.02.2017
3. Unverhofft kommt oft ...
Ich habe viele Jahre in Hamburg gelebt und gearbeitet und die Stadt kennengelernt. Hamburg ist wunderschön und lebenswert. Vieles wurde offenbar von der Stadtverwaltung (Bürgerschaft und Senat) richtig gemacht. Vielleicht liegt darin der Grund für die andere Seite dieser Stadt: Nirgendwo sonst in meinem 5 Jahrzehnte langen Berufsleben habe ich einen derartig hartnäckigen Widerstand gegen Veränderungen aller Art erlebt. Umso mehr freue ich mich, zu lesen, dass es doch noch (oder wieder) diesen mutigen Geist gibt: Neues zu wagen und die Zukunft anzupacken. Vielleicht muß die gegenwärtige Generation der satt-zufriedenen Nachkriegsrentner erst einmal restlos wegsterben, damit Hamburg zu seinem historischen "Tor zur Welt"-Verständnis zurückfindet.
rolandharry 23.02.2017
4. Träume ich? Oder erlebt Hamburg das, was für Berlin der 9.11.1990 war?
Wo soll das hinführen? Etwa in eine demokratische Leistungsgesellschaft, in der Parteifunktionäre nicht mehr die Macht haben, ihren Claqueuren hoch bezahlte Posten zuzuschieben?
Spiegelwahr 23.02.2017
5. Weg mit allem Zwangsmitgliedschaften
In Deutschland dürfte keiner Zwangsmitglied einer Gesellschaft werden. Ich habe nichts gegen die freiwillige Mitgliedschaft in einer Intressenvertretung. Freiheit oder Zwang. Ich wähle die Freiheit.
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