Begrüßung im Job Es geht auch ohne Handschlag

Muslimische Schüler, die Lehrerinnen den Handschlag verweigern, erregten zuletzt mehrfach die Gemüter. Doch wie sieht es eigentlich im Berufsleben aus?

Das Händeschütteln ist in Deutschland üblich - aber nicht zwingend
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Das Händeschütteln ist in Deutschland üblich - aber nicht zwingend

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In Deutschland gibt man sich zur Begrüßung oft die Hand. Zumindest wenn es um offizielle Termine geht oder auch im Beruf. Wer es herzlicher mag, umarmt sich. Manche küssen sich auf die Wange - im Job aber eher selten. Wie sich Menschen in Deutschland im Alltag begrüßen, ist zum Teil Geschmackssache.

Doch eins geht offenbar nicht: Wenn ein Mann einer Frau nicht die Hand geben möchte. Schüler in Hamburg und in der Schweiz haben damit für Entrüstung gesorgt, ebenso wie ein Imam in Berlin und ein Grünen-Politiker in Schweden, der einer Journalistin den Handschlag verweigerte.

Die Fälle ähneln sich. Es geht stets um männliche Muslime, die es mit ihrer Religion begründen, dass sie Frauen nicht berühren möchten. Sie sagen, das sei nicht respektlos gemeint. Es zeuge im Gegenteil von Respekt, wenn sie fremden Frauen NICHT die Hand geben.

Die Empörung ist jedes Mal riesig. Wenn SPIEGEL ONLINE über einen verweigerten Handschlag berichtet, melden sich zahlreiche Leser, die das als frauenfeindlich empfinden. Viele fordern: Wer in Deutschland leben will, soll gefälligst Frauenhände schütteln.

Diese Forderung ist vor allem eins: bequem. Man formuliert Erwartungen ans Gegenüber - und Sanktionen, falls die Erwartungen nicht erfüllt werden. Besser wäre eine differenzierte Auseinandersetzung. Denn es gibt viele offene Fragen.

Händedruck: Nicht die einzige Form der respektvollen Begrüßung
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Händedruck: Nicht die einzige Form der respektvollen Begrüßung

Ist es frauenfeindlich, wenn ein muslimischer Mann einer Frau nicht die Hand gibt?

"Wenn Muslime bei der Begrüßung Körperkontakt vermeiden, haben sie in der Regel keine frauenfeindlichen Absichten", sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Man möchte Angehörigen des anderen Geschlechts keine Berührung aufdrängen, die er oder sie als unangenehm empfinden könnte. Kiefer nennt es unfair, das als abwertende Geste zu deuten. Manche muslimische Frauen geben ihrerseits fremden Männern übrigens auch nicht die Hand. Solche Episoden schaffen es allerdings nicht in die bundesweiten Schlagzeilen.

Müssen Frauen es sich gefallen lassen, anders behandelt zu werden als Männer?

Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz steht sinngemäß: Niemand darf aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden, wenn er einen Job, eine Wohnung und einen Studienplatz sucht, oder wenn er Verträge abschließt.

Wenn eine Frau also ein Konto eröffnen oder einen Kredit aufnehmen will, darf sie keine schlechteren Konditionen bekommen als männliche Kunden. "Wenn der Bankberater ihr allerdings nicht zur Begrüßung die Hand gibt, hat das keine rechtlichen Auswirkungen", sagt die Kölner Arbeitsrechtlerin Sonja Riedemann. "Es gibt kein Recht auf Händeschütteln."

Sind Frauen benachteiligt, wenn ihnen nicht die Hand gereicht wird?

Aus medizinischer Sicht sind sie sogar im Vorteil. Auch außerhalb der Grippesaison können viele Krankheitserreger von Hand zu Hand übertragen werden. Britische Forscher haben herausgefunden, dass die Gettofaust zur Begrüßung deutlich hygienischer ist.

Gettofaust zur Begrüßung: Deutlich hygienischer
imago/Westend61

Gettofaust zur Begrüßung: Deutlich hygienischer

Es gibt Firmen, Arztpraxen und Behörden, die deshalb ganz auf den Handschlag verzichten, darunter die Außenstelle München des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. "So vermindern wir das allgemeine Infektionsrisiko zumindest teilweise", heißt es zur Begründung.

Ist es akzeptabel, den Handschlag aus religiösen Gründen zu verweigern?

Im Grundgesetz steht, dass jeder seine Religion ungestört ausüben darf. Deswegen ist es grundsätzlich geboten, auf religiöse Empfindungen Rücksicht zu nehmen - es sei denn, jemand anderes wird dadurch belästigt oder gestört.

Ob gläubige Muslime dem anderen Geschlecht die Hand geben dürfen oder nicht, ist sehr umstritten. Viele Muslime haben damit gar kein Problem.

Aber fest steht: In Deutschland sind Staat und Religion nicht so streng getrennt wie etwa in Frankreich. Bei uns dürfen sich die Religionsgemeinschaften zum Beispiel in Schulen, in der Seelsorge und im Rundfunkwesen einbringen. Das Grundgesetz sieht also keine strikte Trennung zwischen Staat und Religion vor.

Frankreich hingegen versuche, alle religiösen Elemente aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, sagt Islamwissenschaftler Kiefer. "Das Land hat deswegen ein viel verkrampfteres Verhältnis zu Religion und mehr Probleme mit radikalen Gläubigen."

Kann eine Firma einem Mitarbeiter kündigen, der den Handschlag verweigert?

"Das Händeschütteln müsste eine massive Relevanz für seine Tätigkeit haben", sagt Arbeitsrechtler Thomas Becker. Wenn jemand also seinen Job nur ausüben kann, wenn er anderen Menschen die Hände drückt, könnte der Chef ihm womöglich kündigen. "Die Gerichte haben diese Frage aber noch nicht abschließend geklärt", sagt Becker.

Es stellt sich außerdem die Frage, für welche Jobs ein Handschlag unerlässlich sein mag. Ein Bankberater kann Kundinnen auch respektvoll begrüßen, indem er sich die Hand aufs Herz legt, ihnen zulächelt, ihnen einen Kaffee anbietet. Und die pädagogischen Qualitäten eines Lehrers stehen und fallen ebenfalls nicht mit einem Händedruck.

"Kein Arbeitgeber kann einfach sagen: Wer den Handschlag verweigert, fliegt raus", sagt Becker. Zuvor müsste auf jeden Fall auch eine mögliche Versetzung geprüft werden, zum Beispiel ins Backoffice ohne Kundenkontakt.

Oder die Kunden der Bank könnten informiert werden, dass das multikulturelle Beraterteam zwar verschiedene Begrüßungsformen praktiziert, aber dass alle Kunden dennoch gleichermaßen respektvoll behandelt werden.

Welche Regel könnte fürs soziale Miteinander gelten?

Viele Franzosen geben sich Küsschen, in Japan ist die Verbeugung üblich. Der Handschlag ist also nicht die einzige Art, um sich zu begrüßen. Und die deutsche Gesellschaft wäre freier, wenn sie sich nicht darüber streiten müsste, ob der Händedruck zur nationalen Identität gehört, sagt Imme Gerke.

Die Bremerin vermittelt in Kursen interkulturelle Fähigkeiten und sagt: "Wir sollten einander respektvoll begrüßen. Aber wie wir das tun, sollte egal sein." Die Deutschen seien in ihrer Kultur gefangen, wenn sie in einer so globalisierten Welt auf einer vermeintlich deutschen Geste wie dem Handschlag beharren.

Wie begrüßt man jemanden, der vielleicht keinen Handschlag erwidert?

Am besten entspannt bleiben - und authentisch. "Ich strecke immer meine Hand aus", sagt Islamwissenschaftler Kiefer. "Denn ich bin in einem Kulturkreis aufgewachsen, in dem sich viele Menschen die Hand geben." Doch wenn das Händeschütteln nicht erwidert wird, ist das für den 55-Jährigen kein Problem: "Ein Nicken und eine Hand aufs Herz sind schließlich auch okay."

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