Ungewöhnliche Stellenanzeige "Fünfmal die Woche arbeiten, ohne gleich an Burn-out zu erkranken"

Schon in der Stellenanzeige richtig lässig rüberkommen: Vielleicht bringt das mehr Bewerber, trotz Fachkräftemangel? Zwei Unternehmen haben es ausprobiert.

Konzentrieren statt alle drei Minuten Facebook checken: geht das?
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Konzentrieren statt alle drei Minuten Facebook checken: geht das?

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Mitarbeitern kündigen zu müssen, weil der Laden pleite ist, das ist das eine. Wie hart aber muss es sein, wenn man mehr Arbeitsplätze als Bewerber hat? Über Fachkräftemangel klagen viele Betriebe in Deutschland. Der Trocken- und Innenausbau Neuseddin in Brandenburg hat reagiert: Mit einer aktuellen Stellenanzeige, die ganz anders ist als alles, was das Unternehmen bisher veröffentlicht hat.

"Du kannst mit Werkzeug umgehen, musst nicht alle drei Minuten eine WhatsApp schreiben, Facebook checken, beherrscht die Grundrechenarten und kannst dich gut verständigen."

So stand es in der Lokalzeitung in Seddiner See. Eine Gemeinde, drei Ortsteile, 4600 Einwohner. Und ein paar offene Stellen - weil der Ort nicht unbedingt als heißer Tipp für arbeitssuchende Fachkräfte im allgemeinen Bewusstsein ist. Vielleicht, dachte sich der Chef beim Trocken- und Innenausbau Neuseddin, vielleicht lässt sich das ja ändern.

Stellenanzeige aus Seddiner See
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Stellenanzeige aus Seddiner See

Klar ist: Die Firma hat zu viel Arbeit und zu wenige Mitarbeiter. In letzter Zeit hätten sich immer mehr von ihnen selbstständig gemacht, sagt Chef Uwe Heinrich. Einige wären auch umgezogen, sagt er. Weg aus dem Osten. Er brauche fähige Leute, habe sich was einfallen lassen müssen für die Anzeige. Besonders und irgendwie anders sollte es klingen. Jetzt klingt es zumindest nach dem nicht weit entfernten Berlin:

"Du kannst dir vorstellen, fünfmal die Woche zu arbeiten, ohne gleich an einem Burn-out-Syndrom zu erkranken."

Zugegeben: Nach Einblasdämmung und Bodenbelagsarbeiten hört sich das nun wirklich nicht an, sondern irgendwie cool. Facebook, WhatsApp, Burn-out: die Keywords der Zielgruppe. Den Leuten erst mal das Du anbieten. Estrich und Kühldecken kommen später.

Ein Anruf vor Ort: Wie kommt man auf so eine Idee? Na ja, sagt der Chef aus Seddiner See, um ehrlich zu sein: Die coole Sprache aus der Anzeige habe er sich von einem anderen Unternehmen abgeguckt. Er habe gehofft, so endlich die Aufmerksamkeit zu bekommen, die er dringend brauche. Leider gab es bisher nur drei Bewerber.

Bewerbung ohne Absender

Was möglicherweise am fehlenden Bekanntheitsgrad des Ortes Seddiner See liegen könnte. An dessen geografischer Lage. Oder an dem Eindruck, dass es vielleicht vor allem darum gehen könnte, möglichst wenig in sozialen Medien unterwegs zu sein und möglichst viel zu arbeiten. Arbeiten und das Smartphone kaum nutzen - keine so attraktive Vorstellung für einen Bewerber.

Beworben haben sich jedenfalls: eine Dame, 57. Ein Herr, 53. Und einer, der hatte nicht mal den Absender auf dem Umschlag, der war nicht zu gebrauchen, sagt Uwe Heinrich. Dann diktiert er die Nummer von dem Laden, bei dem er die Formulierungen abgeschrieben hat. Ein Handwerksbetrieb aus dem Norden, der aber anonym bleiben will. Sieben Mitarbeiter sind hier angestellt.

Hier hatte man dasselbe Problem wie in Brandenburg, fehlende Fachkräfte. Im vergangenen Sommer kam jemand auf den Gedanken, dass man einfacher an Nachwuchs käme, wenn man in dessen Sprache nach ihm suche. Das Unternehmen aus Schleswig-Holstein inserierte. "Einfach mal anders", erzählt ein Mitarbeiter am Telefon. Außerdem stimme es: Immer mehr Kollegen schauten während der Arbeit aufs Mobiltelefon - Facebook und WhatsApp statt Hammer und Meißel.

Aufträge statt Bewerber

Die Anzeige hatte Erfolg, der kleine Betrieb erlebte eine regelrechte Welle, erzählt der Mitarbeiter: 15 bis 20 Bewerber! Nicht nur aus Schleswig-Holstein. "Das ging über die Landesgrenzen hinaus", sagt er, "das ging bis in den Ruhrpott runter".

Drei Leute stellte man sofort ein. Mit dem Bearbeiten der Unterlagen kam man kaum hinterher, deswegen will der Betrieb auch nicht, dass sein Name im Internet steht. Die Situation habe sich gerade erst beruhigt.

Beim Trocken- und Innenausbau in Seddiner See war der Erfolg der Anzeige dagegen überschaubar. Man brauche Arbeiter, stattdessen hätten sich bisher hauptsächlich Architekten und Bauherren gemeldet, sagt Chef Uwe Heinrich. Die netten Formulierungen in der Anzeige nutzten sie nur als Anlass für die Frage, ob in nächster Zeit mal jemand vorbeikommen könnte, für den ein oder anderen Auftrag.

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AdK 13.11.2018
1.
Ich habe selbst im Handwerk gelernt und zwischen den Zeilen gelesen will der Mann eigentlich Sklaven halten wie die meisten Betriebe dieser Branche. Die Jobs im Handwerk sind in den aller meisten Fällen dreckig, schlecht bezahlt, gesundheitsschädlich und/oder langweilig. Wieso wundert es jemanden das kein Nachwuchs kommt? Schreib in die Anzeige 17€/h Startlohn dann hast du deine Bewerber. Die Betriebe sollten mit der Zeit gehen, nicht einfach WhatsApp oder Facebook erwähnen sondern ehrlich sagen: „ ok das ist ein Scheis Job aber ich kompensiere das mit deutlich mehr Lohn als in beliebten Jobs!“ - Fachkräftemangel gelöst.
tonhalle 13.11.2018
2. Es bleibt ein Rätsel.....
Warum steigen bei steigender Nachfrage die Preise nicht? Wenn es doch einen lokalen Mangel an Fachkräften gibt, sollte ein Anheben der Vergütung schließlich zum Marktgleichgewicht (Vertragsabschluss) führen. Viele Arbeitnehmer (sicherlich nicht alle) würden für eine bessere Vergütung oder wenigstens ein besseres Umfeld oder bessere Perspektiven den Job wechseln. Offenbar gibt es nur extrem vereinzelt einen echten Leidensdruck bei Arbeitgebern, der Rest liest das nur gerne in der Zeitung und überrascht dann Bewerber mit unzureichenden Angeboten. Die Elastizität des Arbeitsmarktes könnte also doch funktionieren und die Presse (s. VDI Nachrichten) lediglich den Tenor der Arbeitgeber aus Imagegründen "verteilen"?
ohne_mich 13.11.2018
3. *Mindestens* fünf Mal pro Woche
Schön, wie das "mindestens" geflissentlich übergangen wird. Wie dumm kann man als Arbeitgeber sein, um in die Stellenanzeige durch die Blume zu schreiben: "Sechstagewoche bzw. massiv Überstunden sind bei uns Standard"? Und sich dann wundern, daß sich niemand bewirbt? Ohaueha...
monro 13.11.2018
4. Cool oder überheblich
Solche Anzeigen strotzen doch nur vor Vorurteilen, das Bild, das vom Unternehmen gegeben wird ist ein negatives. Kreativ ist was anderes!
widower+2 13.11.2018
5. Drei Bewerber
Eine Frau, 57, ein Mann, 53, und ein Bewerber ohne Absender, der deshalb nicht zu gebrauchen war. Das klingt, als wären die anderen Beiden allein wegen ihres Alters als unbrauchbar eingestuft worden. Dann kann es mit dem Fachkräftemangel ja nicht so weit her sein.
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