Arbeitsvermittler Good Cop und Bad Cop in einer Person

Viele Mitarbeiter der Jobcenter haben Angst vor Arbeitslosen: Schreit ihr Gegenüber gleich los? In Mannheim gibt es deshalb eine besondere Fortbildung. Die Jobvermittler sollen den Umgang mit psychisch labilen Hartz-IV-Empfängern lernen.

  Erwerbslose: Unmündige, defizitäre Bürger?
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Erwerbslose: Unmündige, defizitäre Bürger?

Von Maike Rademaker


Nur wenige Jobs sind so verschrien wie der des Arbeitsvermittlers im Jobcenter. Kein Wunder, wer dort auf die Erwerbslosen losgelassen wird, soll Good Cop und Bad Cop in einem sein: Einerseits die Klienten beraten und ihnen helfen; andererseits für Druck sorgen bei Leuten, die lieber zu Hause sitzen und die Stütze einfach so kassieren. Soweit die Theorie vom "Fördern und Fordern", die mit den Hartz-Gesetzen umgesetzt werden sollte.

"In Deutschland herrscht - im Gegensatz zu anderen Ländern - das Bild des Arbeitslosen als eines unmündigen, defizitären Bürgers vor", sagt Hermann Genz, Leiter des Mannheimer Sozialamtes. "Davon will ich weg." Darum hat er zusammen mit der Hochschule der Wirtschaft für Management einen Kurs entwickelt, der die Jobcenter-Mitarbeiter seiner Stadt besser auf die Wirklichkeit am Arbeitsmarkt vorbereiten soll. Denn: "Das ist kein Job für Deppen."

410 Jobcenter gibt es bundesweit, bei knapp zwei Millionen Hartz-IV-Arbeitslosen. Täglich treffen in den Büros rund 56.000 Mitarbeiter auf ihre hilfsbedürftigen Klienten. Dabei geht vieles schief, das zeigen rund 229.000 Widersprüche und 55.000 Klagen vor Sozialgerichten - allein im Jahr 2013.

"Ich hatte Panik vor dem Beratungsgespräch"

Viele Arbeitsvermittler sind unsicher, können die Sorgen ihrer Klienten schlecht nachvollziehen. Die sind im Umgang nicht immer einfach. Wer von Hartz IV lebt, muss Zurückweisungen ertragen und fühlt sich in seiner Existenz bedroht, Langzeitarbeitslose sind frustriert. Ein Drittel der Betroffenen hat handfeste psychische Probleme, ergab jüngst eine Studie.

Die Ausbildung der Bundesagentur reicht in Genz' Augen nicht. "Soziale Kompetenz und einen Hochschulabschluss" soll mitbringen, wer Arbeitslose betreuen will, so die Formulierung in den Ausschreibungen. Die meisten der bundesweit 22.000 Jobvermittler sind Verwaltungswirte, Betriebswirte und Sozialpädagogen, im besten Fall kurz geschult und guten Willens.

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So kommt es, dass die meisten von ihnen schon Angst vor dem Klienten hatten, der ihnen gegenübersitzt. "Ich hatte mal Panik, dass jemand losschreit, wenn ich ihn berate", sagt Margareta Gilik. Die studierte Juristin ist Arbeitsvermittlerin und durchläuft gerade den Mannheimer Kurs mit 16 anderen Teilnehmern. In Rollenspielen lernen sie, die andere Seite zu verstehen: Wer nach langer Arbeitslosigkeit ohnehin kaum Perspektiven sieht, reagiert gereizt auf Paragrafen und Amtsdeutsch. "Wir müssen das runterbrechen. Und man muss Menschen eine Alternative lassen, nicht nur einen einzigen Weg vorschreiben", erklärt Gilik.

Nicht jeder Berater ist für die Ausbildung geeignet

Statt mit der nächsten Sanktion zu drohen, sollen Alternativen besser erklärt werden. Statt, wie der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, Arbeitslose aufzufordern, sich zu waschen und zu rasieren, werden kleine Schritte gelobt; notfalls gibt es einen Gutschein für den Friseur, damit jemand beim Bewerbungsgespräch besser auftreten kann.

"Fallmanager müssen keine Therapeuten sein oder eine medizinische Ausbildung mitbringen", sagt Dorothee Karl, Vizepräsidentin der Hochschule, die die Mannheimer Jobvermittler schult. "Aber sie müssen die richtigen Strategien anwenden." Wer von den Vermittlern danach noch Hilfe braucht, kann sich coachen lassen.

Nicht jeder darf die 4500 Euro teure Ausbildung machen, die Fallmanager müssen sich dafür bewerben. "Wir brauchen Leute mit Empathie, mit einer positiven Einstellung", so Joachim Burg, Geschäftsführer des Jobcenters. Wer all das mitbringt, bekommt alternative Bewerbungsformen und Gesundheitsmanagement beigebracht. Vor allem aber geht es in den Kursen um Kommunikation - den Fallmanagern soll ihre Unsicherheit genommen werden.

Der Arbeitslose, der Stimmen hörte

Corinna Unger wendet den Stoff aus dem Kurs bereits an. Sie arbeitet seit fast fünf Jahren als Arbeitsvermittlerin, "Probleme hatte ich noch nie". Als vor ihr ein Arbeitsloser saß, der Stimmen hört, konnte sie ihn von einer Therapie überzeugen. Andere haben alles Mögliche gemacht, aber keinen Abschluss. "Die können oft sehr viel" - außer ihre Fähigkeiten verkaufen: "Da hilft bessere Selbstvermarktung."

Trotzdem sagt Unger nicht jedem gern, wo sie arbeitet - am schlechten Ruf der Arbeitsvermittler ändert die Mannheimer Fortbildung bisher nichts, dafür sind es zu wenige Teilnehmer. Von derzeit 350 Fallmanagern im Mannheimer Jobcenter haben 50 den Kurs absolviert.

Die Bundesagentur für Arbeit bietet für Hartz-IV-Berater zwar zertifizierte Kurse an. Doch die dürfen nur hochspezialisierte Fallmanager durchlaufen. Von diesen bundesweit 3800 Spezialisten haben bislang knapp 900 einen Kurs ganz absolviert, andere in Teilen. Pflicht sind die Programme nicht, so wenig wie das neue Beratungskonzept, das derzeit für alle Vermittler in den Jobcentern angeboten wird.

Dabei würden andere Jobcenter ihre Leute gern so ausbilden wie Mannheim, doch sie scheuen die Kosten. Ihre Strategie ist eine andere, und Hermann Genz ist darauf stolz: "Die Kollegen werben uns ständig unsere Fallmanager ab."

  • MARCO-URBAN.DE
    Maike Rademaker ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie ist spezialisiert auf Themen aus den Bereichen Arbeitsmarkt, Tarifpolitik und Innenpolitik.

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