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02. Januar 2015, 15:14 Uhr

Alltag in einem Jobcenter

"Ich habe Kollegen, da möchte ich nicht Kundin sein"

Ein Interview von Franziska Reif

Blick hinter die Kulissen eines Jobcenters: Martina Haase will Arbeitslosen helfen, doch kommt vor lauter Bürokratie kaum dazu. Verzweifelt steckt sie Menschen in Maßnahmen - auch wenn die sinnlos sind.

KarriereSPIEGEL: Sie sind Vermittlerin in einem Jobcenter, wie wird man das?

Haase:* Eher zufällig. Eigentlich bin ich Soziologin, habe vorher Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Als das Arbeitsamt irgendwann Arbeitsvermittler gesucht hat, habe ich mich beworben, Schulungen gemacht und, tja, jetzt bin ich hier.

KarriereSPIEGEL: Von der Gute-Laune-Tante der PR in die Arbeitsvermittlung - das ist ein weiter Weg.

Haase: Ja, aber dieser Job ist nicht weniger abwechslungsreich. Ich betreue Akademiker, die nach der Uni keinen Job finden, aber auch Langzeitarbeitslose, die schon seit 20 Jahren zu Hause sitzen. Einige Kunden stehen kurz vor der Rente. Die kann ich gar nicht mehr vermitteln, weil sie ihr Leben lang körperlich gearbeitet haben und kaputt sind. Und dann gibt es noch die Aufstocker, die im Beruf so wenig verdienen, dass ihnen Unterstützung zusteht.

KarriereSPIEGEL: Das hört sich nach einem eng getakteten Arbeitstag an.

Haase: Das kann man wohl sagen. Offiziell liegt der Betreuungsschlüssel bei 150 Kunden pro Vermittler. Tatsächlich bin ich aber für 350 bis 380 Leute zuständig. Wenn Kollegen krank oder im Urlaub sind, verdoppeln sich die Zahlen.

KarriereSPIEGEL: Es gibt einen offiziellen und einen tatsächlichen Schlüssel?

Haase: Ja, denn um dem Schlüssel, den das Bundesarbeitsministerium vorgibt, zu entsprechen, werden die Kunden auf alle Mitarbeiter verteilt. Also auch auf die, die am Empfang, im Sekretariat oder anderswo sitzen - also nichts mit Vermittlung zu tun haben.

KarriereSPIEGEL: Kennen Sie dann überhaupt alle Ihre Kunden persönlich?

Haase: Richtig kennen? Eigentlich nur die Problemfälle oder Arbeitslose, mit denen ich gerade eine Umschulung plane. Aber die Masse, die wischt an mir vorbei. Das sind die Unauffälligen, die brav ihre Bewerbungen nachweisen und wieder gehen. Da mache ich einen Haken und vergesse sie wieder, weil mir einfach die Zeit fehlt.

KarriereSPIEGEL: Und wenn die mal einen Termin verpassen?

Haase: Sie meinen, ob ich sie bestrafe? Ich mag keine Sanktionen. Die motivieren nicht. Und Motivation ist doch der Schlüssel zum Erfolg. Es ist doch klar, dass einer, der immer nur Absagen erhält, irgendwann die Energie verliert.

KarriereSPIEGEL: Also drücken Sie schon mal ein Auge zu?

Haase: Laut Gesetz muss ich sanktionieren, das heißt, bei einem vergessenen Termin drei Monate lang zehn Prozent vom Arbeitslosengeld II abziehen. Gott sei Dank kann die Teamleiterin nicht immer so genau hinschauen.

KarriereSPIEGEL: Und ihre Kollegen?

Haase: Da gibt es sicherlich einige, die sich sogar freuen, wenn sie Strafen aussprechen können. Das muss auch nicht in jedem Fall schlecht sein. Manchmal kommt man nur so mit einem Menschen ins Gespräch. Einer erzählte mir erst dann, dass er drogenabhängig ist und sein Vermieter ihn aus der Wohnung schmeißen will. Dann geht es nicht mehr um die Bewerbungen, dann geht meine Arbeit mehr in Richtung Sozialarbeit.

KarriereSPIEGEL: Wie erklären sie sich den schlechten Ruf von Arbeitsvermittlern?

Haase: Ich habe Kollegen, bei denen ich nicht Kundin sein möchte. Für die ist das hier einfach nur ein Job, die könnten auch im Lager arbeiten und Milchkästen zählen. Außerdem sind alle im Jobcenter überlastet. Und dann ist da noch die Angst, dass ein Arbeitsloser uns plötzlich angreifen könnte. Wir haben alle einen Alarmknopf unterm Schreibtisch.

KarriereSPIEGEL: Haben sie den schon mal gedrückt?

Haase: Bisher ging immer alles gut. Es gibt wohl niemanden, der aus heiterem Himmel ausrastet. Neulich wollte ein Kunde zu mir. Er stand zunächst im Empfangsbereich in der Schlange. Dort ist es heiß und stickig. Kinder schreien, Alkoholisierte pöbeln, es riecht nicht gut. Vor meiner Tür musste er wieder warten. Schließlich trafen ein Gestresster und eine Entnervte aufeinander. Da sind die Fetzen geflogen. Gott sei Dank ist es bei Worten geblieben.

KarriereSPIEGEL: Sie haben viel Verständnis.

Haase: Na klar. Niemand ist gerne Bittsteller beim Jobcenter. Und kaum einer weiß, wie schnell man hier landet: Arbeit verloren, ein Jahr keinen neuen Job gefunden, und schon sitzt man vor meiner Tür. Ich kriege einen Hals, wenn ich höre, dass alle Arbeitslosen faul sind.

KarriereSPIEGEL: Das muss doch frustrierend sein, wenn Sie wissen, dass Sie auch nichts mehr tun können.

Haase: Ja. Hier sagt auch niemand: "Das ist der tollste Job der Welt". Dabei könnten die Vermittler so viel Gutes bewirken. Doch sie werden ja leider nicht unterstützt. Stattdessen werten ganze Abteilungen den lieben langen Tag Tabellen mit unserer Arbeitsleistung aus.

KarriereSPIEGEL: Wie?

Haase: Jedes Jobcenter hat nur bestimmte Mittel zur Verfügung. Deshalb steht schon zu Jahresbeginn fest, wie viele Maßnahmen und Weiterbildungen es geben wird, wie viele Fahrtkosten ich erstatten darf und wie viele Bildungsgutscheine ich ausstellen muss.

KarriereSPIEGEL: Aber man kann doch unmöglich schon am Anfang des Jahres sagen, wie viele Menschen bis zum Ende des Jahres auf den Arbeitsmarkt wechseln werden?

Haase: Natürlich nicht, deshalb gehen die Pläne auch nie auf. Aber das interessiert niemanden. Wenn also am Ende des Jahres noch Weiterbildungen offen sind, muss ich krampfhaft Leute suchen, die ich in eine Fortbildung stecken kann. Egal ob das sinnvoll ist oder nicht. Manchmal möchte ich nur noch schreien: "Lasst uns doch einfach unseren Job machen!"

KarriereSPIEGEL: Wie gehen Sie mit Ihrem Frust um?

Haase: Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Aber viele Kollegen sind schon abgestumpft und resigniert. Sie lassen nicht mehr alles an sich heran, um sich selber zu schützen. Nach dem Prinzip: "Kunde rein, Kunde raus". Kein Wunder, dass viele Kunden glauben, niemand kümmere sich um sie. Aber das ist nicht böse Absicht, so ist das System.

*Anmerkung der Redaktion: Um die Interviewte vor Repressalien zu schützen, haben wir ihren Namen hier geändert.

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