Mythen der Arbeit Die Agenda 2010 hat gar keine neuen Jobs geschaffen - stimmt's?

Die Agenda 2010 belebte den Arbeitsmarkt, aber vor allem im Teilzeitbereich. War sie deshalb ein Misserfolg? Arbeitsforscher Joachim Möller vom IAB findet, dass sich die Reformen unterm Strich ausgezahlt haben - benennt aber auch ihre Schwächen.

Altkanzler mit Agenda: Das Reformpaket von Gerhard Schröder ist umstritten
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Altkanzler mit Agenda: Das Reformpaket von Gerhard Schröder ist umstritten


Haben die Arbeitsmarktreformen Gerhard Schröders zum Rückgang der Arbeitslosigkeit und dem Aufbau der Beschäftigung beigetragen? Zum zehnten Jahrestag der Agenda-2010-Rede am 14. März sahen das die meisten Kommentatoren so. Andere Stimmen behaupten dagegen, die höhere Erwerbstätigkeit heute sei kein wirklicher Erfolg: Das Arbeitsvolumen - die Summe der insgesamt in der Wirtschaft gearbeiteten Arbeitsstunden - habe nämlich nicht zugenommen, es seien nur Stellen aufgespalten worden. Wer hat recht?

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Das Arbeitsvolumen lag 2012 mit 58,12 Milliarden Stunden um gut vier Prozent über dem Stand von 2003 mit 55,88 Milliarden Stunden. Man muss fast 20 Jahre, bis ins Jahr 1994, zurückgehen, um einen ähnlich hohen Wert zu finden. Der Arbeitsmarkterfolg der letzten Jahre ist also auch am Arbeitsvolumen ablesbar. Gleichzeitig ist richtig, dass sich die Verteilung der Arbeitszeit strukturell verändert hat. Teilzeitjobs haben besonders zugelegt. Ihr Anteil an der Beschäftigung ist kontinuierlich gestiegen. Das geht aber offenbar nicht zwangsläufig zu Lasten der Vollzeitbeschäftigung.

Zwar lag die Zahl der Personen mit einem Vollzeitjob 2012 noch minimal niedriger als 2003 (24,30 versus 24,32 Millionen). Den aktuellen Prognosen zufolge wird aber bereits 2013 die Zahl der Vollzeitbeschäftigten den Wert von 2003 übersteigen. Das ist das Ergebnis eines Trendbruchs: Bis 2006 gab es einen langanhaltenden Rückgang von Vollzeitjobs, seitdem legen sie wieder zu.

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Das trifft übrigens in ähnlicher Weise für die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse insgesamt zu. Für das Jahr 2013 ist noch einmal eine Zunahme um 320.000 auf knapp 29,31 Millionen zu erwarten. Das ist der höchste Stand seit 1992. Das vierte Jahr in Folge übertrifft der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung den der Erwerbstätigkeit insgesamt.

Keineswegs die einzige Ursache für die gute Arbeitsmarktentwicklung

An der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen lässt sich manches kritisieren, und sie sind auch keineswegs die einzige Ursache für die erfreuliche Arbeitsmarktentwicklung der letzten Jahre. Die Stärke der deutschen Exportindustrie, die viele Jahre sehr moderate Lohnentwicklung, die steigende internationale Nachfrage nach den hierzulande hergestellten Produkten - das sind beispielsweise einige weitere Faktoren, die eine Rolle spielen. Wie stark welcher Faktor im Einzelnen zur Gesamtentwicklung beigetragen hat, lässt sich nicht präzise beziffern. Es ist aber nicht ernsthaft zu bestreiten, dass die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder einen relevanten Beitrag geleistet haben.

Heute gilt es, ist die Balance zwischen Fördern und Fordern besser auszutarieren und noch fehlende Leitplanken zum Schutz sozialer Standards zu ergänzen. Die Lohn- und Vermögensungleichheit ist nach den Hartz-Reformen weiter angestiegen. Für viele gilt es als ausgemacht, dass die Agenda 2010 im Paket mit den Hartz-Reformen dafür verantwortlich ist. Was dabei aber häufig übersehen wird: Nicht erst seit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen erleiden Geringqualifizierte Reallohnverluste. Der Trend zu mehr Lohnungleichheit und atypischen Erwerbsformen begann bereits lange vorher.

Vollzeitbeschäftigung schützt nicht vor Armut

Richtig ist aber auch, dass Schröders Reformen bestehende Trends teilweise noch verstärkt haben. Derzeit schützt selbst Vollzeitbeschäftigung nicht immer vor Armut. Hier wäre ein Mindestlohn in vernünftiger Höhe hilfreich. Zudem hätte man die Deregulierung der Zeitarbeit mit besseren Schutzmechanismen gegen unerwünschte Nebeneffekte verbinden können. Die mittlere Dauer der Arbeitsverhältnisse dort ist sehr kurz, der Lohnnachteil von Zeitarbeitern ist zumindest teilweise ungerechtfertigt. Mittlerweile wurde da immerhin durch die stufenweise Angleichung der Löhne von Leiharbeitern und Stammkräften etwas nachgebessert.

Bei aller Kritik im Detail: Sieht man sich die Situation am deutschen Arbeitsmarkt unvoreingenommen an, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass sich Schröders Arbeitsmarktreformen unterm Strich ausgezahlt haben.

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rainbowman1 01.05.2013
1. optional
"Bei aller Kritik im Detail: Sieht man sich die Situation am deutschen Arbeitsmarkt unvoreingenommen an, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass sich Schröders Arbeitsmarktreformen unterm Strich ausgezahlt haben." Stimmt. Fragt sich nur, für wen? Gewinner sind vor allem die Arbeitgeber deren Anteile am Einkommen rasant wachsen, während die Anteile der Arbeitnehmer ebenso rasant abnehmen.
amuseemanc 01.05.2013
2. Immer dasselbe.
Zitat von sysopDPADie Agenda 2010 belebte den Arbeitsmarkt, aber vor allem im Teilzeitbereich. War sie deshalb ein Misserfolg? Arbeitsforscher Joachim Möller vom IAB findet, dass sich die Reformen unterm Strich ausgezahlt haben - benennt aber auch ihre Schwächen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/hat-die-agenda-2010-neue-jobs-geschaffen-a-897492.html
Das ist eben das Problem mit der Agenda 2010: reduziert man alles allein auf die Tatsache, wie viele Menschen einen Arbeitsplatz bekommen haben, dann ist sie natürlich ein Erfolg. Zwar spricht man auch im Artikel von gewissen negativen Faktoren, aber so richtig bedauern scheint man es nicht. Sonst würde man auch nicht zu dem Ergebnis kommen, dass sie doch insgesamt gesehen erfolgreich war. Gerade für die Betroffenen hat sich nämlich durch die Agenda 2010 nichts gebessert. Aber was zählt das schon? Vor allem für Leute, die nicht in geringster Weise von den negativen Effekten betroffen sind. Die Agenda 2010 hat klar gemacht um was es wirklich geht: Die Arbeitslosenstatistik! Nichts anderes interessiert die Ökonomen und erst recht die Politiker. Die Menschen spielen überhaupt keine Rolle. Dabei gibt es kaum etwas frustrierendes für einen Menschen in der Arbeitsgesellschaft, wenn er trotz Arbeit kein selbstbestimmtes Leben führen und meist auch noch auf Unterstützung des Staates angewiesen ist. Und die Politik? Sie nimmt es in Kauf mittlerweile Millionen Jobs zu subventionieren. Hauptsache die Statistik sieht gut aus. Die langfristigen Folgen werden dabei nebenbei auch noch ausgeblendet. So wird sich das alles schöngeredet. Nein, ein Erfolg ist die Agenda 2010 für die breite Masse nicht.
Modest 01.05.2013
3. Euro-Konzern Agenda
Die AGENDA 2010 wird immer noch mit Lobeshymnen überschüttet, warum weil hier jene Konzerne und Eurolbbysiten den größten Deal seit der Nachkriegszeit zu gesprochen bekommen haben. Was nun Realität ist, dass Millionen Menschen ihren Beitrag bitter bezahlen mussten, ohne sich zur Wehr zu setzen. Aber es waren auch über 5 Millionen Einzelfirmen, der Existenz mit System ruiniert wurde. Es ist eine einfache Rechnung: wo es Verlierer gibt sind auch schon die Gewinner zur Stelle. Der Euro führt uns im großen Stil vor, was die Agenda im nationalen Bereich vollzog. Eine Umverteilung, aber keine sinnvolle Verteilung, denn mit Subventionen die auf Schulden beruhen kann einer auf mittel-langfristig schrumpfenden Volkswirtschaft nur negative Auswirkungen haben. Dazu brauchen wir keine Tausende von Verwaltungsakademien, tausende Aufsichtsratsakademien, tausende von Politikerbehörden, denn keiner von diesen arbeitet mit einem Mindestlohn laut AGENDA 2010 und AGENDA 2020. Alle träumen sie vom Nockerberg und lachen noch, wenn sie derbläckt werden. Basta-Prost!
rolarndt 01.05.2013
4. ausgezahlt? Für wen?
natürlich hat sich die Agenda 2010 ausgezahlt. Der Schreiberling vergaß zu erwähnen für wen. Die Beschäftigten und auch die Arbeitslosen waren es sicher nicht. Die Gewinner der Agenda verstecken ihr Geld heute gerne in der Schweiz und auf den Kanalinseln.
gesell7890 01.05.2013
5. vor allem für den staat
haben sich die reformen des putin-kumpels ausgezahlt. die sozialleistungen runtergefahren, die steuern hoch - und nun in der eurokrise kommt eine feine inflation dazu: merkt keiner der herrschenden, daß ihnen dieser kessel bald um die ohren fliegt? sorry, warum sollten sie es merken - kümmern sich ja nur um sich selbst: und da ist die welt ok... - aber das wird sich ändern!
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