Mein schlimmster Einsatz Feuerwehrmann muss zum Unfall seines Sohnes

Frank Schacht ist seit 38 Jahren bei der Feuerwehr. Am Wochenende muss er wegen eines Unfalls raus. Eigentlich Routine - bis ihm klar wird, dass es um seinen Sohn geht. Hier erzählt er von dem Einsatz.

Frank Schacht
Pressestelle Stadt Ennepetal

Frank Schacht

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"VU Klemm, mehrere Verletzte, 2 PKW frontal, Personen noch im Fahrzeug", steht auf meinem digitalen Meldeempfänger der Freiwilligen Feuerwehr. Für mich ist sofort klar, zwei Autos sind frontal zusammengeprallt - und es gibt Verletzte. Es ist 00:53 Uhr am Sonntagmorgen, klingt nach einem typischen Party- oder Discounfall, denke ich noch.

Ich weiß sofort, was zu tun ist: Raus aus dem Bett und rein in die Einsatzklamotten. Doch dann klingelt plötzlich das Handy meiner Frau. Ein Freund meiner Söhne ist dran und stammelt etwas von einem Unfall. Und von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr wie sonst.

Zur Person
  • Pressestelle Stadt Ennepetal
    Frank Schacht 51 Jahre, ist Leiter der Feuerwehr in Ennepetal (Nordrhein-Westfalen) und bei der Freiwilligen Feuerwehr in seinem Heimatort Hattingen. In der Nacht zum 28. Mai wurde er zu einem Unfall gerufen, bei dem auch sein Sohn verletzt wurde. Auf Facebook machte er seine Geschichte öffentlich, der SPIEGEL hat mit ihm gesprochen.

Die Zeit passt, die Straße passt und meine Söhne waren beide auf der Geburtstagsfeier. Seit Jahrzehnten habe ich vor nichts mehr Angst. "Gott, lass mich niemals meine eigene Familie retten müssen", habe ich oft gedacht. Sofort sehe ich die Bilder der Unfälle vor mir, bei denen ich im Einsatz war. Ich denke an die Jugendlichen, die nicht überlebt haben.

Ich will sofort zum Unfallort. Als ich losfahre, erhellt das Blaulicht die Dunkelheit, das Horn durchbricht die Stille. Ich fahre nicht erst zum Gerätehaus der Feuerwehr, sondern direkt zur Unfallstelle. Das ist vielleicht unvernünftig, aber es geht schließlich um meine Söhne. Ich kann meine Gedanken nur schwer unter Kontrolle halten. Ich erinnere mich an einen schrecklichen Verkehrsunfall, bei dem der Sohn eines guten Freundes - ebenfalls Feuerwehrmann - ums Leben kam. Auch er fuhr, so wie ich gerade, zur Unfallstelle.

"Da liegt er auf dem Boden"

Ich gehöre zu den Ersten am Unfallort. Ich ziehe meine Jacke an, setze den Helm auf und eile zum ersten Auto. Darin sitzt eine Frau, die bereits versorgt wird. Ich renne um das andere Fahrzeug herum. Und da liegt er auf dem Boden, mein 18-jähriger Sohn. Seine Freundin kniet neben ihm. Notfallsanitäter behandeln ihn bereits.

Auch ich beuge mich über ihn, sage, dass ich da bin, dass alles gut wird. Dann werde ich ganz ruhig, falle in die eingeübte Routine. Schnell stellen meine Kollegen und ich fest: Es gibt sechs Verletzte. Mein Sohn saß mit drei weiteren Jugendlichen in einem der Fahrzeuge. Ihn scheint es am schlimmsten erwischt zu haben. Mein zweiter Sohn ist nicht dabei, er ist noch auf der Party - eine Sorge weniger.

Es treffen immer mehr Rettungskräfte ein, die herumlaufen. Auf Laien mag das wie unkoordiniertes Chaos wirken, doch ich erkenne die Professionalität. Ich erkenne auch viele meiner Kollegen, Feuerwehr und Rettungsdienst sind eine große Familie. Dann kommt der zuständige Kommandodienst und tut das einzig Richtige: Er zieht mich aus dem Einsatz. Ich hätte es genauso gemacht, ich bin zu sehr emotional in den Unfall verwickelt und habe nichts unter den Rettenden verloren.

"Zum Abwarten verdammt"

Ruhig aber energisch schiebt mich der Einsatzleiter an die Leitplanke, meinen Sohn und die anderen Verletzten kann ich von dort nicht sehen. Ein Kollege bleibt bei mir. Und da stehe ich nun. Umgeben von zuckenden Blaulichtern. Völlig hilflos und zum Abwarten verdammt. Unzählige Male habe ich das Gleiche mit anderen Menschen gemacht. Es wirkt nicht real, jetzt auf der anderen Seite zu stehen.

Mittlerweile dürften es über 70 Menschen sein, die sich um die Unfallopfer kümmern. Sechs Rettungswagen, vier Notarzteinsatzfahrzeuge, drei Feuerwehrzüge, Polizei. Die Verletzten werden auf verschiedene Kliniken verteilt. Der Notarzt bringt unseren Sohn in die Wuppertaler Unfallklinik. Ich fahre hinterher, hole aber vorher meine Frau ab. Auch sie macht sich schreckliche Sorgen und wäre am liebsten selbst sofort mit zur Unfallstelle gefahren.

Bild vom Unfallort
Jens Herkstrter

Bild vom Unfallort

Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest: Der Unfall ist für alle Beteiligten halbwegs glimpflich ausgegangen. Mein Sohn hat zahlreiche Prellungen und ein gebrochenes Brustbein. Das ist zwar schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohlich. Nach zwei Tagen darf er das Krankenhaus wieder verlassen.

"Unendlich dankbar"

Ich habe aus dem Unfall mehrere Sachen gelernt: Kein Einsatz darf für uns Routine sein. Immer geht es um Menschen und Schicksale. Nie in 38 Jahren Feuerwehr und Rettungsdienst war mir das bewusster als in der vergangenen Sonntagnacht. Zugleich bin ich unendlich dankbar, dass wir auf ein dermaßen leistungsfähiges und professionelles Hilfeleistungssystem zurückgreifen zu können. Egal in welcher Uniform: Es sind großartige Menschen, die Dienst am Nächsten leisten.

In der letzten Zeit gibt es immer wieder Berichte, dass Rettungskräfte angegriffen werden. Das stimmt, ich habe es selbst erlebt. Aber die allermeisten Menschen sind uns sehr dankbar. Und sie sind es, für die ich jeden Tag arbeite.

Eine einzige Sekunde kann unser Leben dauerhaft verändern. Bei dem Unfall mit meinem Sohn ist es mal wieder gut gegangen, wir sollten uns aber nicht darauf verlassen.

Video: Retter im Brennpunkt

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