Hebammenstreit Geburten leider nur zwischen 7 und 17 Uhr

Stellen Sie sich vor, die Wehen setzen ein - und der Kreißsaal hat Feierabend. Das kann derzeit im Krankenhaus von Bruchsal passieren, weil es an Hebammen fehlt. Schuld daran sei auch die hohe Berufshaftpflicht, sagt Direktorin Susanne Jansen.

Ein Interview von Anja Tiedge

Neugeborenes: War das noch zur Geschäftszeit?
Corbis

Neugeborenes: War das noch zur Geschäftszeit?


Zur Person
  • Kliniken des Landkreises Karlsruhe
    Susanne Jansen (54) ist Regionaldirektorin in den Kliniken des Landkreises Karlsruhe.
KarriereSPIEGEL: Frau Jansen, seit Mai werden Geburten im Bruchsaler Krankenhaus nur zwischen 7 und 17 Uhr durchgeführt. Was, wenn die Wehen außerhalb der üblichen Geschäftszeiten einsetzen?

Jansen: Wenn eine Schwangere abends um zehn zu uns kommt, bei der bereits die Presswehen eingesetzt haben, kann sie auch bei uns entbinden. Wir haben einen Rufdienst für unsere Hebammen, können also jederzeit eine Kollegin holen. Außerdem sind immer Gynäkologen im Haus, die auch Geburten durchführen.

KarriereSPIEGEL: Und wenn es nachmittags losgeht?

Jansen: Dann raten wir dazu, gleich ein anderes Krankenhaus mit Entbindungsstation anzusteuern. Kommt eine Schwangere tagsüber zu uns und wir stellen fest, dass es bis zur Geburt noch dauert, verweisen wir sie an eine andere Klinik. Die nächste ist 15 Kilometer von uns entfernt.

KarriereSPIEGEL: Wofür brauchen Sie dann tagsüber überhaupt noch Hebammen?

Jansen: Von 7 bis 17 Uhr können Schwangere zu uns kommen, sich beraten und untersuchen lassen. In der Zeit machen wir aber auch geplante Entbindungen.

KarriereSPIEGEL: Also Kaiserschnitte?

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Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird
Jansen: Ja, überwiegend. Hin und wieder gibt es tagsüber auch natürliche Entbindungen. Das sind meist Zweit- oder Drittgeburten, bei denen man den Geburtsverlauf und damit den Zeitpunkt besser abschätzen kann als bei Frauen, die ihr erstes Kind bekommen.

KarriereSPIEGEL: Warum haben Sie sich für die Öffnungszeiten entschieden?

Jansen: Weil uns schlichtweg die Hebammen fehlen. Von unserem kleinen Team sind einige wegen Krankheit ausgefallen, oder weil sie selbst schwanger waren. Wir konnten nicht schnell genug nachbesetzen, weil Hebammen Mangelware sind. Deshalb konnten wir den Kreißsaalbetrieb nicht mehr rund um die Uhr aufrechterhalten, die Sicherheit der Schwangeren geht vor.

KarriereSPIEGEL: Ist die teure Berufshaftpflicht für Hebammen ein Grund für den Mangel an Geburtshelferinnen?

Jansen: Natürlich, dadurch wird der Beruf unattraktiv. Viele Hebammen sind frustriert und geben ihren Job auf. Alle unsere Hebammen sind neben ihrer Arbeit bei uns auch freiberuflich tätig und deshalb von den hohen Versicherungskosten betroffen. Deshalb überlegen wir, uns an ihren Versicherungskosten zu beteiligen. Das ist aber noch reine Theorie und nur eine Überlegung von vielen, um mehr Hebammen zu uns zu locken.

KarriereSPIEGEL: Wie haben die Hebammen auf den Schritt reagiert?

Jansen: Gut, weil sie in die Entscheidung eingebunden waren. Wir haben uns den Schritt nicht leicht gemacht - auch, weil wir wussten, dass es Kritik hageln würde.

KarriereSPIEGEL: Und, kam es so?

Jansen: Ja, das war ein regelrechter Shitstorm. Werdende Mütter reagierten enttäuscht, Lokalpolitiker schrieben mir wütende Mails. Ich bekam auch einen ungehaltenen Anruf vom Chefarzt einer umliegenden Klinik - schließlich müssen sie jetzt einen Teil der Geburten durchführen, die wir ablehnen. Ich kann das alles auch verstehen. Aber wir haben das nicht gemacht, um unsere Kollegen zu ärgern, sondern weil es nicht anders ging. Außerdem handelt es sich nur um eine Übergangslösung, ab 1. Juli gehen wir wieder zum 24-Stunden-Betrieb über, dann haben wir den Engpass behoben.

KarriereSPIEGEL: Das Bruchsaler Krankenhaus hat 2013 die Auszeichnung "Babyfreundliche Geburtsklinik" erhalten. Sind Öffnungszeiten für den Kreißsaal babyfreundlich?

Jansen: Vielleicht nicht, aber Risiken für Schwangere einzugehen, erst recht nicht.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.



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insgesamt 273 Beiträge
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izra_l. 15.06.2015
1. Absoluter Skandal!
Und dann spricht man von Teuerung fürs volk?!? Wo ist sie denn? Das Problem ist ja deutschlandweit! Lieber Milliarden um Banken zu retten als Mutter und Baby?
pille! 15.06.2015
2. an allem
sind doch wie so oft nur die raffgierigen Versicherungen schuld! Da pulst mir die Carotis wenn ich mir nur an diese Frakträger denke!
infonetz 15.06.2015
3.
Es ist eben nicht billig Kinder zu bekommen! Aber "wir" sparen ja wo es nur geht also alles im grünen Bereich.
dialogischen 15.06.2015
4. Dankenswerte Ehrlichkeit
Das segensreiche Wirken unserer Beihilfeberechtigten Parteibeauftragten zum Missbrauch von Krankenkassenbeiträgen strahlt hell. Im weltweiten Vergleich höchste Kassenbeiträge und Gesundheitsausgaben, für die man unsere Autobahnen sechs Mal jährlich komplett erneuern könnte .. und es gibt keine Bananen. Wir sind die Bundesrepublik Deutschland und haben Mangel an Hebammen, Fachärzten und zeitgemäßer Medizin???? Werte CDUCSUSPDFDPGRÜNELINKE Welche Taschen habt ihr mit unseren Beiträgen gefüllt ?
trader_07 15.06.2015
5. Unverständlich...
Das Ganze ist mir wirklich unverständlich. Es ist richtig, dass die Kosten für die Haftpflicht auf rund 5000 Euro gestiegen sind. Aber die Hebammen haben nur geringe Kosten für den administrativen Bereich und nur einen geringen Wareneinsatz. Was ist das bitteschön für eine "Selbständigkeit", wenn nicht einmal 5000 Euro pro Jahr für die Versicherung drin sind? Das ist doch lachhaft. Und man darf sich auch mal fragen, ob die Hebammen-Verbände, die massgeblich an der Festsetzung der Gebührensätze beteiligt sind, im letzten Jahrzehnt geschlafen haben.
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