Kosten der Haftpflicht Was wurde aus dem Hebammenstreit?

Geburten ohne freie Hebammen? Vor einem Jahr wurde die Versicherung für Geburtshelferinnen so teuer, dass viele den Job schmissen. Heute ist die Lage noch trostloser.

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Hebamme Aulbach: Monopoly der Versicherungen - das Problem ist nur vertagt
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Hebamme Aulbach: Monopoly der Versicherungen - das Problem ist nur vertagt


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Vor etwa einem Jahr schöpfte Ulrike Aulbach noch einmal Hoffnung. Damals wurden die horrenden Summen, die sie und andere freie Hebammen jährlich für ihre Berufshaftpflichtversicherung bezahlten, plötzlich ein großes Thema in den Medien. "Damals dachte ich, dass es nun endlich zu einer Einigung kommen wird", sagt die 58-Jährige, die als eine der letzten Hebammen im Raum Hamburg Hausgeburten begleitet.

Endlich - denn neu war der Streit schon damals nicht. Öffentlich geführt wurde er plötzlich, weil ein Versicherer angekündigt hatte, sich im Sommer 2015 aus dem Geschäft mit der Berufshaftpflicht für Hebammen zurückzuziehen. Damit blieb nur noch die Allianz, die Berufsrisiken von Hebammen versichert - allerdings kostet der Schutz dort noch mehr Geld.

Können sich Hebammen ihren Job noch leisten? Können werdende Mütter die Umstände der Entbindung noch frei wählen? So lauteten die Fragen damals. Aber was wurde daraus? Die kurze Antwort: Es gab eine Verschnaufpause, aber der Streit wird bald wieder aufflammen. Und die Lage der Geburtshelferinnen ist heute schlechter als vor einem Jahr.

Schon damals sahen sich die freiberuflichen Hebammen, die noch die klassische Geburtshilfe zu Hause, im Geburtshaus oder als Beleghebammen in Kliniken anbieten, vom Aus bedroht. Das betraf knapp 3500 der rund 21.000 Hebammen in Deutschland. Vor allem freie Hebammen, die nur wenige Geburten pro Jahr betreuen, können die jährlich über 5000 Euro teure Versicherung kaum stemmen, hieß es.

Versicherungsprämien vervierfacht

Viele hatten die Geburtshilfe deshalb bereits aufgegeben. Die Verbände warnten, dass die Betreuung von Schwangeren in ländlichen Gebieten generell eng werden könnte: Hier werden freiberufliche Hebammen oft von Krankenhäusern gebucht.

Ohne Versicherung dürfen Hebammen nicht arbeiten. 2004 kostete ihre obligatorische Berufshaftpflicht noch rund 1350 Euro, heute ist es knapp das Vierfache - obwohl die Zahl der Kunstfehler bei Hebammen nicht gestiegen ist. Dass die Summe trotzdem so hoch liegt, ist kalte Versicherungslogik: Geburtsgeschädigte Kinder leben heute durch den medizinischen Fortschritt länger, was aber für die Versicherer die Kosten erhöht. Zudem sprechen Gerichte den Familien höhere Entschädigungen zu.

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Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird
Zwischen Berufsverbänden und Krankenkassen war im Mai vergangenen Jahres keine Einigung in Sicht. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) schaltete sich ein, der Bundestag beschloss, die Kassen zu Ausgleichszahlungen zu verpflichten. Anfang August nahmen die Hebammen ein entsprechendes Angebot des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen an.

Glücklich waren die Geburtshelferinnen damit nicht, aber: "Es stand zu befürchten, dass bei weiteren Verhandlungen die Zeit davongelaufen wäre und immer mehr Hebammen den Beruf aufgegeben hätten", so Ruth Pinno vom Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands.

Und heute? "Da hat sich gar nichts verändert, das Problem wurde nur vertagt", so Pinno. Noch immer gebe es ein Monopol bei der Berufshaftpflicht - ein weiterer Versicherer sei nicht in Sicht. Zum 1. Juli 2015 werden die Prämien noch einmal um 20 Prozent steigen.

"Das muss Sache der Frauen bleiben"

Zudem ist neuer Ärger über Qualitätskriterien von Geburten entstanden: Der Spitzenverband will Geburten außerhalb der Krankenhäuser nicht ohne Weiteres zahlen, es müssen einige Auflagen erfüllt werden. Wird der errechnete Geburtstermin mehr als drei Tage überschritten, soll ein Arzt zu Rate gezogen werden, der über den Ort der Geburt entscheidet. Die Hebammen sehen darin ein unzulässiges Eingreifen. "Hier wird fachlich Einfluss genommen. Es wird versucht zu steuern, wie und wo in Deutschland geboren wird. Das muss Sache der Frauen und Eltern bleiben", so Pinno. Fast jede zweite Geburt liegt hinter dem errechneten Datum.

Die GKV argumentiert mit dem Schutz von Mutter und Kind: "Die Hebammenverbände fordern, den Wunsch der Versicherten über Qualitätskriterien zu stellen und damit auch medizinisch nicht angezeigte Hausgeburten zu erlauben", so eine Sprecherin. Zwar wolle man den Wunsch der Versicherten so lange wie möglich respektieren. "Er endet jedoch dort, wo es medizinische Kriterien gibt, die die Wunschbehandlung zum Sicherheitsrisiko werden lassen", hieß es.

Beide Seiten werfen sich bei den Verhandlungen vor, unwissenschaftlich zu argumentieren. Die Hebammen haben eine Studie zur Qualitätssicherung in Auftrag gegeben, die sie dem GKV vorlegen wollen, die Ergebnisse werden aber frühestens Anfang nächsten Jahres vorliegen. Daran aber knüpft der GKV den Zuschuss zur Berufshaftpflicht und einen Ausgleich für Hebammen mit jährlich wenigen Geburten. Schwer vorstellbar, dass bis zum 1. Juli 2015 noch eine Einigung erzielt wird. Dann müssen die Hebammen wieder ohne Zuschuss auskommen.

Aulbach dürfte der Ausgang der Gespräche nicht mehr direkt betreffen. Schon 2012 hatte sie mit SPIEGEL ONLINE über die hohe Belastung in ihrem Beruf geredet. Sie müsste zukünftig noch einmal 1000 Euro mehr für ihre Haftpflicht bezahlen. Das kann sie sich nicht leisten. Deshalb wird sie nach über 21 Jahren Geburtshilfe in Deutschland aufhören. "Ich habe jetzt bis Mitte Juni meine letzten drei Geburten vor mir", sagt sie, "dann läuft meine Versicherung aus."

Anfang Juli wird sie mit ihrem Lebensgefährten nach Katalonien in die Pyrenäen ziehen. Dort - im spanischen Gesundheitssystem - wird sie weiter Hausgeburten betreuen. In Deutschland aber findet der Streit kein Ende.

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 165 Beiträge
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Seite 1
infonetz 11.06.2015
1.
Wer einen freie Hebamme möchte kann diese ja gerne selber bezahlen. Aber da hört dann wohl der Spass auf wenn man das zahlen muss was nötig wäre damit die "freie Hebamme" davon leben kann.
hakmak 11.06.2015
2. die Preise der Versicherungen
sind nicht umsonst so angestiegen. Wir sind zur Entbindung unseres ersten Kindes ins Krankenhaus gegangen. Plötzlich verschlimmerte sich die Situation,so dass ein Kaiserschnitt nötig wurde. Alles war danach gut. Ich möchte aber nicht wissen, was bei einer Hausgeburt passiert wäre, wenn noch der halbstündige Zeitraum für den Transport in ein Krankenhaus dazu gekommen wäre. Vielleicht wäre unser Kind dann nicht gesund gewesen. In diesem Sinn sind die Versicherungen zu Recht so angestiegen, weil Hausgeburten ein riskantes Geschäft sind.
malhinterfragt 11.06.2015
3. Absolut erbärmlich
Das wird sich noch übel übel rächen. Hebammen sind unglaublich wichtig für die ganze (werdende) Familie!! Hier wird eine ganze Kultur zu Grabe getragen. Die sonst so pseudo-empathische Familienministerin muss hier den zuständigen Stellen endlich endlich mal die Köpfe gerade rücken
gumbofroehn 11.06.2015
4. Die sogenannte
... ist schlicht und ergreifend wirtschaftlich vernünftig. Wenn Prämien und Schadenaufwände eines versicherten Risikos in keinem gesunden Verhältnis stehen, zahlt die Zeche nicht irgendein anonymer Versicherer - dann zahlen das die anderen Versicherten mit ihren Prämien. Dass sich bis auf einen Versicherer alle Versicherungen aus der Berufshaftpflicht für Hebammen zurückgezogen haben, spricht auch Bände. Wer Geburten außerhalb des Krankenhauses will, der soll bitte schön auch dafür selbst aufkommen und nicht erwarten, dass die Allgemeinheit das Rundum-Sorglos-Paket schnürt.
Benjowi 11.06.2015
5. Eine kinderlose Lobbykratie wird das Ergebnis sein!
Nachdem dieses Land mit seiner merkwürdigen Haltung zu Kindern ja immer weiter sinkende Geburtenraten aufweist, stellt sich das Problem demnächst überhaupt nicht mehr. Man muss immer nur noch mehr Vorschriften und Regeln erfinden und immer spitzfindigere Juristen einsetzen, dann schafft man es schon endgültig, das Land in diesem Punkt noch weiter an die Wand zu fahren. Denn der Grund für diese immensen Haftpflichtbeiträge sind ja immer verücktere Ansichten zu sogenannten Schadensfällen. Aber wozu braucht diese Lobbykratie am Ende noch Kinder.......Letztlich kann man einer solch schändlichen Konstellation nur noch mit Zynismus begegnen.
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