Helferkrankheiten "Schwäche ist tabu"

Ob Arzt, Krankenschwester, Altenpfleger oder Therapeut: Menschen in helfenden Berufen leiden besonders häufig unter stressbedingten Krankheiten. Das liegt an Mängeln im Gesundheitssystem, aber auch an den Helfern selbst.

Von Felix Zeltner

dapd

Der Tag, an dem Maria Weber ihre Beine verliert, ist der 31. Juli 2010. Sie hat eine unruhige Nacht hinter sich, erst in den frühen Morgenstunden ist sie tief eingeschlafen. Als sie die Augen aufschlägt, zeigt der Wecker kurz nach halb neun. Sie blickt auf den Kastanienbaum vor dem Fenster, er hat ihr oft Kraft gegeben in letzter Zeit.

Maria Weber, klein und robust, die schwarzen Haare kurz geschnitten, setzt sich auf. Sie will aus dem Bett steigen. Aber es geht nicht. Ihre Beine tun nicht, was sie will.

Ihr wird mulmig. Sie tastet nach unten. Ihr Oberschenkel ist taub, das Knie, die Waden. Sie spürt sich nur noch bis zur Hüfte, dann wieder die Füße. Alles dazwischen fühlt sich in ihrer Hand an wie ein fremder Körper.

Sie packt die tauben Beine, hebt sie aus dem Bett, zieht sich hoch, hält sich am Bettgestell fest, an der Wand, schafft irgendwie die fünf Meter zum Waschbecken. Dreht den Hahn auf und klatscht sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, auf die Arme, in den Nacken. Es hilft nichts. Sie hat keine Schmerzen, ist klar bei Bewusstsein, aber ihre Beine sind weg. Maria Weber, 50 Jahre alt, seit neun Jahren Pflegehilfe in einer bayerischen Klinik, fühlt sich wie ein Geist.

Fünf Monate später sitzt sie im Therapieraum 446 der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Diagnose: Bewegungsstörung, mittelschwere Depression. Ihre Lähmung ist psychisch bedingt.

"Es fehlte ein System, da war die Hölle los"

Maria Weber, die in Wirklichkeit anders heißt, hat einen Rollstuhl bekommen. In der psychosomatischen Klinik, die auf die Behandlung von Burnout und Depressionen spezialisiert ist, kommt das selten vor.

Es ist drei Tage vor Weihnachten, beim Einzeltermin mit der Psychologin spricht Maria Weber zum ersten Mal über das, was sie krank gemacht hat: ihre Arbeit. Im Sommer 2009, erzählt sie, sei in ihrem Krankenhaus eine neue Station eröffnet worden.

Ein Modellprojekt: Alte, schwerkranke Menschen sollen gemeinsam essen, Gymnastik machen, töpfern. Es klingt nach einer Herausforderung, Maria Weber meldet sich freiwillig.

Sie schiebt Frühdienst von 7.30 Uhr bis 14 Uhr. Eigentlich ist sie nur für das Essen zuständig. Zwei Mahlzeiten, Aufdecken, Abdecken, dazwischen die Patienten füttern. Doch das Projekt soll schnell profitabel werden. Immer mehr alte Menschen landen auf der Station, ohne dass Personal eingestellt wird. "Es fehlte ein System", sagt sie. "Da war die Hölle los."

Sie beginnt, bei der Pflege mitzuhelfen, bleibt an Wochenenden und Feiertagen auf der unterbesetzten Station. In den ersten drei Monaten häuft sie 100 Überstunden an. Für sich selbst hat die allein lebende Frau keine Zeit mehr, auch nicht für ihre drei erwachsenen Kinder. Doch bei der Arbeit wird alles nur schlimmer.

Aus Versehen Medikamente vertauscht

"Ich habe Misshandlungen an Patienten mitbekommen." Maria Weber flüstert, ihre Hände zittern, während sie erzählt. "Ich habe gesehen, wie man alte Menschen an Händen und Beinen mit Gurten festgemacht hat. Es ging über das hinaus, was erlaubt war. Grauenhaft." Maria Weber ist selbst misshandelt worden, von ihrem Ex-Mann. Die Bilder der Leidenden lassen sie nicht mehr los. Nachts kommen die Alpträume.

Dann passiert ein tödlicher Pfusch: Zwei Patienten sterben, weil zwischen Spät- und Frühschicht aus Versehen Medikamente vertauscht werden. Die Verantwortlichen werden gefunden und entlassen. Maria Weber ist unschuldig. Dennoch macht sie sich Vorwürfe. Sie beschließt, die Arbeit ihrer Kollegen noch stärker zu beobachten und zwingt sich, regelmäßig früher auf die Station zu kommen und später zu gehen.

Kurz vor Silvester 2009 bricht sie während der Frühschicht zusammen. Sie meldet sich krank, der Hausarzt schickt sie in eine Kurklinik. Dort lernt sie, wieder durchzuschlafen.

Im Mai 2010 versucht sie den Wiedereinstieg - und scheitert schon am ersten Tag. "Obwohl ich die Station mit aufgebaut hatte, war alles fremd. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Kollegen haben auf mich eingeredet, aber ich konnte gar nicht folgen. Die Stationsleiterin hat gesagt: 'Du bist noch nicht so weit, geh nach Hause.' Das war hart. Ich musste mir eingestehen, dass ich es nicht schaffe."

"Die Altenpflege ist eine Brutstätte für Burnout"

Zwei einsame Monate später kommt der Tag, an dem ihre Beine streiken. Sie kriecht zurück ins Bett, ruft ihre Töchter an, die ihr aufhelfen. Einen Arzt holt sie nicht. Stattdessen reißt sie sich zusammen, hievt sich Tag für Tag aus dem Bett, schlurft und hangelt sich durch ihre kleine Wohnung, setzt sich Ziele: bis zur Mülltonne in den Hof, bis zum Bäcker um die Ecke. Sie stürzt mehrmals.

Erst als Wochen später auch ihr rechter Arm taub wird, lässt sie sich untersuchen. Sie vermutet eine Multiple Sklerose, doch der Neurologe diagnostiziert: Die Psyche ist schuld.

Maria Weber sei ein medizinscher Extremfall - und doch "hochsymbolisch", sagt Andreas Hillert, Chefarzt in der Klinik Roseneck. Bei der Patientin hätte genau das aufgehört zu funktionieren, was sie am dringendsten zum Arbeiten braucht: ihre Beine, und - als Rechtshänderin - der rechte Arm.

"Die Altenpflege ist eine Brutstätte für Burnout", sagt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. "Die Leute sind eher schlecht ausgebildet, haben oft sehr hohe ethische Ansprüche und ein sehr hohes Liebesbedürfnis. Sie pflegen alte Leute in der Hoffnung, es komme ganz viel zurück, aber dann erleben sie, dass alte Leute gekränkt sind, dass sie frustriert sind, weil sie vieles nicht mehr können. Und der, an dem sie das auslassen können, ist eben die Pflegerin oder der Pfleger."

Schmidbauer beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit den Problemen von Pflegern, Ärzten und Therapeuten. In seinem Buch "Die hilflosen Helfer" attestierte er seiner Branche bereits 1977 das "Helfersyndrom", eine Art Sucht, zu helfen.



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Snapscan200, 29.05.2011
1. Keine neuen Erkenntnisse
Der Artikel beschreibt nur Ansatzweise die bestehende Situation in der Pflege. Da das Gesundheitwesen auf Profit getrimmt ist, wird selbstverständlich am Kostenfaktor Arbeitskraft gespart. Das führt schon seit langer Zeit zur einer extremen Überlastung des Pflegepersonals sowohl in den Krankenhäusern als auch in der Altenpflege. Alle Jahre wieder kommt dann kurz vor den Wahlen das Thema Pflegnotstand auf die Tagesordnung um kurz danach im Nirvana des Vergessens zu verschwinden. Wie in vielen gesellschaftlichen Themenbereichen wird hier nicht an das Wohl der Menschen sondern nur an den Gewinn gedacht. Änderungen der Strukturen sind unerwünscht. Ich selbst arbeite seit 1994 in der Altenpflege und kenne die Situation aus erster Hand. Zu empfehlen ist aus meiner Sicht auch das Buch von Christof Lofert, weil du Arm bist mußt du früher Sterben oder von Dina Michels über die Korruption im Gesundheitswesen.
boam2001, 29.05.2011
2. Kann Ihnen nur beipflichten !
Zitat von Snapscan200Der Artikel beschreibt nur Ansatzweise die bestehende Situation in der Pflege. Da das Gesundheitwesen auf Profit getrimmt ist, wird selbstverständlich am Kostenfaktor Arbeitskraft gespart. Das führt schon seit langer Zeit zur einer extremen Überlastung des Pflegepersonals sowohl in den Krankenhäusern als auch in der Altenpflege. Alle Jahre wieder kommt dann kurz vor den Wahlen das Thema Pflegnotstand auf die Tagesordnung um kurz danach im Nirvana des Vergessens zu verschwinden. Wie in vielen gesellschaftlichen Themenbereichen wird hier nicht an das Wohl der Menschen sondern nur an den Gewinn gedacht. Änderungen der Strukturen sind unerwünscht. Ich selbst arbeite seit 1994 in der Altenpflege und kenne die Situation aus erster Hand. Zu empfehlen ist aus meiner Sicht auch das Buch von Christof Lofert, weil du Arm bist mußt du früher Sterben oder von Dina Michels über die Korruption im Gesundheitswesen.
Solange die gegenwärtige, extreme Profitorientierung im Gesundheitswesen weiter existiert, wird sich daran auch nichts ändern. Ich kann nur jedem raten, der eine Ausbildung zum Gesundheits- bzw. Altenpfleger anstrebt: Lasst es bleiben ! Ihr werdet unter den oben genannten Voraussetzungen und Bedingungen im Gesundheitswesen nicht glücklich werden.
astro72, 29.05.2011
3. Warum?
Bleibt die Frage, warum man dort bleibt? Andererseits ist nicht jeder für diesen Beruf geeignet. Ich kann mich noch gut an eine Medizinstudentin erinnern, mit der ich auf Station gearbeitet habe. Bei ihrem ersten Todesfall ist sie zusammengebrochen und konnte zwei Tage nicht arbeiten.
AKI CHIBA 29.05.2011
4. Es sind die Leistungsträger!
Zitat von boam2001Solange die gegenwärtige, extreme Profitorientierung im Gesundheitswesen weiter existiert, wird sich daran auch nichts ändern. Ich kann nur jedem raten, der eine Ausbildung zum Gesundheits- bzw. Altenpfleger anstrebt: Lasst es bleiben ! Ihr werdet unter den oben genannten Voraussetzungen und Bedingungen im Gesundheitswesen nicht glücklich werden.
Es ist Ausbeutung übelster Art und Weise, wie die wirklichen Leistungsträger geknechtet und mit einem lächerlichen Hungerlohn abgespeist werden. Das "leistungstragende" obere Management kassiert ab und hilft nicht einem einzigen armen Teufel aus dem Bett.
dborrmann, 29.05.2011
5. Das Gesundheitssystem ist mörderisch
Die Krankenhäuser werden zu zertifizierten, von Controllern gecheckten, qualitätsgemanagten Produktionsstätten. So verstieg sich ein Krankenhauschef zur Aufforderung an die Orthopädie: Ihr müsst mehr Hüften und weniger Knie machen. Als wenn sich Krankheiten generieren liessen und der Bedarf an Hüft- oder Knieprothesen vom Zahlungsverhalten der Krankenkassen abhängig wären. Wenn Indikationen für Operationen schon von Verwaltungsdirektoren gefordert werden, dann kann man doch sagen, hier stimmt was nicht mehr. Krankenkassen und Verwalter müssen die Mittel organisieren, damit Medizin funktioniert; Medizin kann nicht das sein,was sich Verwaltungsdirektoren und krankenkassen wünschen. Das ist unglaublich verrückt. Der Niedergelassenenbereich ist nicht minder durchgeknallt. Da wird vorgeschrieben, wieviel Euro pro Fall ein Arzt zur Verfügung hat und wieviele Fälle anfallen dürfen. Diese Zahlen sind übrigens auch noch von Regionen abhängig. Neurologie in BW ist doppelt soviel wert wie in NRW. Kein Wunder, dass Ärzte und Pfleger schreiend wegrennen.
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