Gesundheitspolitik Die Existenzängste der Landärzte

Sie fühlen sich von den Krankenkassen bedroht und bestraft: Landärzte in Osthessen drohen, ihre Praxen für immer zu schließen. Ein Ortsbesuch in Sickels und Hosenfeld-Hainzell.

Silvia Steinebach, Haus- und Landärztin in Hosenfeld-Hainzell bei Fulda (Hessen)
Simone Brenke, Augenklick

Silvia Steinebach, Haus- und Landärztin in Hosenfeld-Hainzell bei Fulda (Hessen)

Aus Hosenfeld berichtet


"Wir lieben unseren Job!" Silvia Steinebach sagt das insgesamt viermal an diesem Nachmittag - fast so, als müsste sie sich für ihre Berufswahl rechtfertigen. Ihr Beruf macht der Hausärztin im Umland von Fulda Spaß, das merkt man ihr an: Wenn die 40-Jährige gut gelaunt auf den letzten Patienten des Vormittags wartet, der sich verspätet hat. Wenn sie dessen Blutprobe auf dem Heimweg selbst beim Labor vorbeibringt, "damit wir schnell wissen, wie es weitergeht". Wenn sie den nächsten Notdienst bespricht und hinterher schwärmt: "So eine tolle Kollegin!"

Silvia Steinebach strahlt viel, wenn man sie ein paar Stunden in ihrem Praxisalltag begleitet. Im Bürgerhaus Hosenfeld allerdings strahlt sie nicht. Ein knappes Dutzend Landärzte ist im Tagungsraum zusammengekommen, aus Frankfurt sind Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung und von zwei Krankenkassen angereist. "Ich wusste ja gar nicht, wie weit draußen das hier ist", sagt einer von ihnen.

Steinebach und ihre Kollegen wollen an diesem Nachmittag ihre Sorgen loswerden: den Frust über zu viel Bürokratie, die sie an den Schreibtisch zwingt und ihnen Zeit bei den Patienten raubt. Das Gefühl der Benachteiligung hier draußen auf dem Land, weil die Patienten weiter auseinander wohnen, aber trotzdem häufiger zu Hause aufgesucht werden müssen als in der Stadt - was beim Honorar jedoch keine Rolle spielt. Der Ärger über den Generalverdacht, dem sie sich ausgesetzt sehen, weil sie angeblich nicht wirtschaftlich mit dem Geld der Versicherten umgehen.

"Mein Traumberuf"

Als "Rebellengruppe" bezeichnen sich Steinebach und ihre Mitstreiter ironisch selbst. Dabei besteht ihr Rebellentum vor allem darin, für die Patienten da sein zu wollen. Sie alle kennen Kollegen, die schon aufgegeben und sich Jobs in Kliniken oder im Ausland gesucht haben. Die Rebellen wollen bleiben - noch.

Immer wieder diskutieren sie, wie die Hausarztversorgung hier in der Provinz langfristig gesichert werden kann. "Auf jeden Fall nicht so, wie es im Moment läuft", sagt Silvia Steinebach. Denn es gebe derzeit zu viel Enttäuschung und Frust. "Ob ich diesen Beruf noch lange machen werde, weiß ich nicht", sagt die 40-Jährige. Eigentlich würde sie das gerne, "schließlich ist Hausärztin mein Traumberuf".

Aber die Umstände lassen sie zweifeln: Jeden Tag stundenlange Arbeit am Schreibtisch, um alle formellen Vorschriften erfüllen. Dazu wochenlange Prüfverfahren ihrer Abrechnungen, die zum Teil mehrere Jahre zurückreichen und mit viel Aufwand rekonstruiert werden müssen. Viele aus der Rebellengruppe durchlaufen gerade solche Prüfverfahren.

Wenn in einem Jahr keine Besserung in Sicht sei, sagt die Ärztin, dann werde sie ihre Praxis zumachen. Als er das hört, verdunkelt sich die Miene von Peter Malolepszy. Malolepszy ist Bürgermeister hier in Hosenfeld, eine halbe Stunde von Fulda entfernt: 4700 Einwohner, mehrere ziemlich verstreute Ortsteile, zwei Hausarztpraxen - noch. Eine davon, in Hosenfeld-Hainzell, betreibt Silvia Steinebach.

Hinweisschild zur Landarztpraxis von Silvia Steinebach
SPIEGEL ONLINE

Hinweisschild zur Landarztpraxis von Silvia Steinebach

Die hat sie 2013 übernommen, mittlerweile einen zweiten Standort im Örtchen Sickels aufgemacht und sechs weitere Ärztinnen angestellt - so groß ist der Bedarf an Hausärzten hier. Mit ihren Kolleginnen betreut die Internistin und Kardiologin rund 4000 Patienten im Quartal, an manchen Tagen kommen 300 Menschen in die Sprechstunde. "Die Patienten sind toll, für die will ich da sein", sagt Silvia Steinebach.

Belastend und teilweise skandalös sind für sie jedoch die Regelungen und Vorschriften, mit denen den Landärzten das Leben schwer gemacht werde. "Regress - wenn ich das höre, dann geht bei mir der Puls hoch", sagt Silvia Steinebach, und ihre Kollegen nicken.

Regress bedeutet, vereinfacht gesagt, dass Ärzte nicht nur für die medizinische Qualität ihrer Leistungen bürgen, sondern auch für deren Wirtschaftlichkeit. Wird einem Arzt vorgeworfen, er habe Beiträge veruntreut, kann er auch mehrere Jahre rückwirkend überprüft werden - und muss, wird der Vorwurf bewiesen, dieses Geld zurückzahlen. Da geht es oft um fünfstellige Eurobeträge.

Das sei ja, sagt Silvia Steinebach, bei nachgewiesener Verschwendung auch gar nicht zu beanstanden. Aber um sich ein Regressverfahren einzuhandeln, reicht es schon, wenn ein Arzt in seinen Verordnungen vom Durchschnitt der hessischen Hausärzte abweicht. Geprägt wird dieser Durchschnitt von Ärzten in Städten. Wer eine Praxis auf dem Land hat, fällt da statistisch schnell auf, weil es hier mehr ganz junge und mehr sehr alte Patienten gibt und natürlich mehr Hausbesuche.

Die Folge: monatelange Auseinandersetzungen mit der Prüfstelle um jahrelang zurückliegende Abrechnungen. Silvia Steinebach befürchtet, "dass hier durch wirtschaftlichen Druck Patienten gefährdet und nicht mehr adäquat und auf hohem Niveau behandelt werden".

Im Video: Silvia Steinebach über Druck auf Landärzte

Wie hoch dieser Druck ist, erzählt einer der Ärzte. "Mir wurde ein Regress von 90.000 Euro angedroht, weil ich zu häufig Krankengymnastik als Heilmittel verschrieben hatte", berichtet er. Seine Praxis hatte er kurz zuvor gekauft und eingerichtet, die Tochter war noch klein - massive Existenzängste waren die Folge, bevor das Verfahren nach etlichen Briefwechseln und Stellungnahmen schließlich doch eingestellt wurde.

Auch Fabian Tölle ist Hausarzt, seine Praxis hat er in Flieden. "Ich habe einen Patienten mit einem Polytrauma nach einem Motorradunfall", sagt der Mediziner, "der besteht derzeit zu wesentlichen Teilen aus Metall." Noch sei der junge Mann nicht in der Lage, eine Reha zu beginnen - bis dahin müsse er zu Hause versorgt werden, auch von einem Physiotherapeuten. "Da habe ich jetzt schon Angst vor dem Regressverfahren", sagt Fabian Tölle. "Warum gehen so wenig junge Ärzte in die Selbständigkeit? Die haben einfach Angst."

Im Moment sei das Abrechnungssystem ein Malussystem, sagt Silvia Steinebach: "Da geht es vor allem um Drohen und Bestrafen." Sie hofft, dass Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen neue Kriterien für Landärzte finden, damit die Zahl der Prüfverfahren zurückgeht.

Bald keine Ärzte mehr auf dem Land?

Tatsächlich wird darüber, zumindest in Hessen, gerade verhandelt. Und das sei auch dringend nötig, sagt Peter Malolepszy, der Bürgermeister. Zusammen mit Kollegen aus anderen Dörfern fordert er einen Bonus für Mediziner außerhalb der Ballungsgebiete. Denn wenn sich nichts ändere, fürchte er, "in einiger Zeit keine Ärzte mehr auf dem Land zu haben".

Viel Zeit bleibt nicht, das wissen alle Beteiligten. Bis 2023 geht in Hessen jeder dritte Hausarzt in den Ruhestand. Deshalb will die Rebellengruppe mit ihren Berichten aus erster Hand ein bisschen Druck machen.

Später, auf dem Weg zurück nach Hause, strahlt Silvia Steinebach wieder. "Hier kann man schon toll leben", schwärmt die 40-Jährige und blickt über die osthessischen Höhenzüge, die an diesem Sommernachmittag in sattem Grün leuchten. "Ich will hier nicht weg", sagt die Ärztin. "Aber ich will auch wissen, dass ich mich in den nächsten 25 Jahren in meiner Praxis nicht dauernd mit unsinnigen Prüfverfahren herumschlagen muss."

Landärzte - Vom Aussterben bedroht

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insgesamt 72 Beiträge
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goethestrasse 15.08.2018
1. Ganz schön weit draussen. JA
Und auch hier leben Menschen. Nicht nur im Bereich der Kurzstrecke der S-bahn. Leider halt mit geringerer Lobby.
womo88 15.08.2018
2. Vollstes Verständnis!
Wir sind 2015 aus dem Frankfurter Speckgürtel hier im Hohen Vogelsberg zugezogen. Wenn im Rhein-Main Gebiet ein Arzt sein Quartalsziel erreicht hatte, hat er geschlossen, um sich vor Regress zu schützen. Hier gibt es nicht mehr viele Hausärzte. In unserem Ort gab es 4; davon haben 2 vor 2 Jahren geschlossen, eine Hausarztstelle konnte neu besetzt werden. In 3 - 4 Jahren werden die beiden anderen Stellen aus Altersgründen aufgegeben werden. Wie wird es weitergehen ...? Junge Leute ziehen aus der Region weg, 10 % Bevölkerungsschwund in 9 Jahren. Alte bleiben. Da stimmt der Schlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung nicht mehr.
anterogradeamnesie 15.08.2018
3. Ein ernstzunehmendes Problem
Mein Vater ist auch Hausarzt, mittlerweile pensioniert, in einer sehr ländlichen Region. Auch er hatte ein Regressverfahren am Hals, weil er überdurchschnittlich viele Hausbesuche unternahm. Das ist ein Skandal! Ich studiere selbst Medizin, und falls ich mich für den FA Allgemeinmedizin entscheiden sollte, mache ich es mir einfach: Ich gehe ins Ausland.
kraftmeier2000 15.08.2018
4. Ich habe vollstes Verständnis
für die Belange der Landärzte, und hier sollte die Politik endlich eingreifen und dem Wahnsinn mit der Bürokratie, dem Verhalten der Krankenkassen diesen Gegenüber, und der Kassenärztlichen Vereinigung, einen Riegel vorschieben. Es ist schon Wahnsinn wie hier mit den Landärzten und vor allem auch mit den Patienten umgegangen wird.
uomo_anziano 15.08.2018
5. Spannungsfeld
Wir haben auf der einen Seite ein quasi staatliches Gesundheitssystem (Pflichtversicherung, GKVs,...), auf der anderen Seite agieren die Niedergelassenen vergleichbar zu Freiberuflern oder Unternehmern. Natürlich müssen die Ausgaben und Budgets der Ärzte im Interesse der Versicherten kontrolliert und ggf. Rückforderungen durchgesetzt werden.
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