Kontrolldienst für Prokrastinierer Mach das - jetzt!

Seit einem Jahr schiebt Julian Peters eine Hausarbeit vor sich her. Ein Fall von Aufschieberitis - der Student und Firmengründer hat sich verzettelt. Simone Kern weiß, was ihm fehlt: ein kräftiger Tritt in den Hintern. Den kann man bei der Schauspielerin buchen.

Superkontrolle

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Eine unangenehme Aufgabe kann so fies sein wie ein Kaktusstachel im Finger. Kümmert man sich nicht gleich darum, verschwindet er in ungeahnte Tiefen, tut so, als wäre er nie dagewesen - und schmerzt plötzlich, wenn man nicht mehr damit rechnet. Julian Peters, 22, lebt schmerzfrei, obwohl ihn seine Hausarbeit zwicken müsste: überfällig seit zwölf Monaten. Deshalb ist Simone Kern hier.

Durch die schwarzrandige Brille sieht sie den Hamburger Studenten etwas verschwommen. Eigentlich braucht sie keine Sehhilfe. Die Brille, nur geborgt, rutscht ihr ständig von der Nase, aber ohne geht es nicht. Denn sie muss jetzt gebieterisch aussehen, und die Hornbrille hat sich dafür kulturgeschichtlich bewährt.

Die 32-Jährige ist Schauspielerin und tritt hier als Dr. Katharina Kruse auf, eine Mischung aus Politesse, Sekretärin und anderen Furien, die man mit kurzem Rock, strenger Frisur, knallrotem Lippenstift und schwarzem Brillengestell verbindet. Man kann sie buchen, um andere auf Trab zu bringen. 150 Schweizer Franken (rund 120 Euro) kostet eine "Superkontrolle". So nennen Kern und zwei Mitstreiter ihren besonderen Service in Zürich.

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Arbeits-Ablenkungen: Wo war ich gerade?
Seit Dezember 2012 macht das Trio Druck auf Menschen mit ausgefuchsten Vermeidungsstrategien. Ihr Slogan: "Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Ab heute wird kontrolliert!" Ihre Mission: jenen Funken Selbstdisziplin entfachen, den Aufschieber brauchen, um wichtige, aber unerfreuliche Arbeiten endlich anzugehen - einen Brief oder eine Projektskizze, die Wohnungsrenovierung oder die letzte Phase der Dissertation. Ihre Methode: die spielerische Heimsuchung.

Julian ahnt nicht, was ihm bevorsteht, als er im Seminarraum der International Business School of Service Management seinen Rechner hochfährt. Er trägt Hemd und Anzug, die blonden Haare hat er gescheitelt und mit Gel fixiert, die Schuhe poliert. So könnte er auch zu einem Vorstellungsgespräch gehen. Aber Simone Kern lässt sich nicht täuschen. Sie hatte in den letzten Monaten mit vielen Prokrastinierern zu tun, so heißen Aufschieber in der Fachsprache. Gute Vorsätze pflegten fast alle, unorganisiert hat keiner ausgesehen.

Surrealer Auftritt im Seminarraum

Gerade tüftelt Julian an seinem zweiten Start-up. Eine Firma hat er schon, sie stellt Wodka her, für "knapp unter hundert Euro" soll eine Flasche künftig verkauft werden. Julian war 18, als er die Wodkamarke "Monument" gründete. Bei der Anmeldung für sein berufsbegleitendes Studium an einer Hamburger Privathochschule hat er Unternehmer als Beruf angegeben. Jetzt will er Armbänder mit einem herausnehmbaren Notgroschen aus Gold verkaufen. Einen Designer hat er schon engagiert, eine Fabrik gefunden, die Kosten der Vertriebswege will er noch einmal durchrechnen. Macht er alles gern. Kaktusstachelaufgaben sehen für ihn anders aus: Sie haben mit Büchern und Literaturverzeichnissen zu tun.

"Guten Tag, Dr. Kruse mein Name. Sind Sie Julian Peters? Darf ich einmal Ihren Ausweis sehen?"

Der Auftritt der Schweizerin ist so plötzlich wie surreal. Sie könnte einem Comic entsprungen sein oder einem Film von Quentin Tarantino. Trotzdem zückt Julian brav seinen Ausweis. Dr. Kruse notiert sich die Daten auf einem Klemmbrett.

"Ich habe gehört, Sie müssen noch eine Hausarbeit schreiben?"

"Ja."

"Was ist das Thema?"

"Weiß ich nicht mehr."

"Sie wissen es nicht mehr?"

"Nein."

"In welchem Fach müssen Sie die Arbeit denn schreiben?"

"Das weiß ich auch nicht mehr."

Julian rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Verblüfft rückt Simone Kern die Brille zurecht. Keine Frage, dies ist ein Härtefall. Zuvor hatte sie eher Praktisches zu kontrollieren: Ist die Garage aufgeräumt, die Glühbirne gewechselt, das Zimmer gestrichen? Die Steuererklärung abgegeben? Als Dr. Kruse konnte sie mit dem Zollstock hantieren oder mit ihrem Zeigefinger die Staubschicht messen. In der Schweiz ist der schräge Service bereits recht bekannt. Zuletzt brauchte sie in ihrem Kostüm nur noch an der Wohnungstür zu klingeln, schon mussten ihre Opfer lachen: Oh nein, wer hat mir da die "Superkontrolle" geschickt?

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Aber Hamburg ist nicht Zürich. Hier ist es ihr erster Auftritt, eigentlich wollte sie nur Urlaub machen. Julians Freundin Franzi fand jedoch, er könnte einen kräftigen Schubs vertragen. So entstand der Kontakt zu "Superkontrolle", so landete Dr. Kruse bei Julian Peters. An seine Hausarbeit fehlt ihm offenbar jegliche Erinnerung. Keine ideale Voraussetzung für den "zuverlässigen, gründlichen und erbarmungslosen" Einsatz, den "Superkontrolle" verspricht.

"Wann war denn der Abgabetermin?"

"Es gibt keinen."

Das Spiel mit Uneingeweihten birgt für Schauspieler immer ein Risiko. Von Julian Peters hatte Simone Kern gedacht, er sei frecher, werde ihr mehr Angriffsfläche bieten. Jetzt nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dr. Kruse rückt die Brille zurecht, kritzelt irgendetwas auf das Klemmbrett.

Dr. Kruse winkt der Punktsieg

"Sie wollen einen berufsbegleitenden Bachelor in Service Management machen, richtig? Wann gedenken Sie das Studium denn abzuschließen?"

Das war die richtige Frage. Autsch. Spätestens bei der Anmeldung zur Abschlussprüfung im Herbst wird auffallen, dass Julian die Hausarbeit noch schreiben muss. Also kehrt plötzlich die Erinnerung zurück. Unternehmensführung, Modul 5, so hieß das Seminar, das er nie abgeschlossen hat. "Gar nicht mal uninteressant" sei es gewesen, entsinnt sich der Student. Es ging um die Strukturierung von Firmen. Durchaus sein Thema, er hat ja selbst schon ein Unternehmen gegründet, aber: "Wissenschaftliches Arbeiten ist nicht so für mich. Ich mag meine Zeit nicht in Bibliotheken verplempern."

Trotzdem wurmt ihn nun, dass er die zehn Seiten nicht gleich geschrieben hat, "das ist eigentlich in drei Tagen erledigt". Dr. Kruse winkt der Punktsieg. Jetzt bloß nicht lockerlassen.

"Wann wollen Sie die Hausarbeit denn schreiben?"

"In den nächsten Wochen."

"In den nächsten Wochennnn?" Dr. Kruse summt das N genüsslich. "Sie halten es nicht für nötig, das näher zu konkretisieren?"

"Doch, wir können auch ein Datum ausmachen. Ich will nur nicht, dass Sie noch mal vorbeikommen."

Auch Entspannung muss kontrolliert werden

Jetzt muss Simone Kern lachen. Die beiden einigen sich auf einen fixen Frühjahrstermin. Und Julian Peters bekommt das "Superkontrolle"-Abzeichen aufs Notebook geklebt: "Nicht bestanden", steht drauf.

Julian grinst. Und sieht dabei nachdenklich aus. "Ich dachte mir schon, dass Dr. Kruse nicht echt ist. Ein bisschen eingeschüchtert war ich trotzdem."

Ausgerechnet die Freiheit des berufsbegleitenden Studiums, sich seine Fristen selbst setzen zu dürfen, sei für ihn zur Falle geworden. Aber die Hausarbeit, die wolle er jetzt wirklich angehen.

Simone Kern glaubt's ihm. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Aufschieber nur einen Tritt in den Hintern brauchen. Ihre Freunde waren die ersten Opfer. Dann sandten die Freunde der Freunde sie zu anderen - so entstand aus der gut viertelstündigen Performance eine amüsante Dienstleistung, ein Nebenverdienst für die junge Schauspielerin, die nach ihrer Babypause langsam wieder ins Berufsleben einsteigt.

Für die nächste Kontrolle ist sie schon gebucht: Ein Kunde hat einen stressgepeinigten Kollegen ins Wellnessbad geschickt. Dort soll Dr. Kruse kontrollieren, ob er sich auch wirklich entspannt.

Dies ist ein Beitrag aus SPIEGEL JOB, in der neuen Zeitschrift gibt es noch viele andere schöne Geschichten - schauen Sie doch einmal hinein...

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
meging 15.05.2013
1.
Zitat von sysopSuperkontrolleSeit einem Jahr schiebt Julian Peters eine Hausarbeit vor sich her. Ein Fall von Aufschieberitis - der Student und Firmengründer hat sich verzettelt. Simone Kern weiß, was ihm fehlt: ein kräftiger Tritt in den Hintern. Den kann man bei der Schauspielerin buchen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/hilfe-fuer-prokrastinierer-schauspieler-kontrollieren-aufschieber-a-898925.html
ich kenn das problem, mache dagegen wehrübungen, da kann man sich auch anschreien lassen und bekommt sogar noch geld.
HansOch 15.05.2013
2. es gibt
Berge von Arbeit.. die Dame könnte bei mir ein Dauerabo bekommen. Das ist mal ne gute Geschäftsidee. Hajü
Wolffpack 15.05.2013
3. ...
Zitat von HansOchBerge von Arbeit.. die Dame könnte bei mir ein Dauerabo bekommen. Das ist mal ne gute Geschäftsidee. Hajü
Jaa... So gehts mir auch. Momentan versuch ich mir immer irgendwas zu suchen auf das ich noch weniger Lust habe :P
albert schulz 15.05.2013
4. die Fee aus dem Märchen gibt es also doch
Ich suche auch so eine, die mich einfach nur mit einem strengen Blick aktiviert. Sie müßte aber überzeugend rüberkommen, Vorwürfe sind Schall und Rauch, weil ich die alle kenne und überlebt habe. Dummerweise müßte die Frau länger da rumsitzen, und das übersteigt eindeutig meine finanziellen Möglichkeiten. Und Freiwillige habe ich noch nicht gefunden, die diese Leistung für ein geringfügiges Entgelt erbringen würden. Ein ganz einfaches Beispiel ist der Staub, von dem ich überzeugt bin, daß er irgendwann nicht mehr weiterwächst, sondern in einem natürlichen Gleichgewicht verharrt, solange man die Fenster nicht hektisch aufreißt. Eine Putzfrau kostet nur zehn bis zwölf Euro, aber sie will zu etwas gut sein, also herumfuhrwerken, und das ist meinem Seelenleben nicht zuzumuten, zumal sie dabei herumlärmt und blödsinnige Fragen stellt. Man kann sie nicht dazu bewegen, still zu sitzen und Anweisungen zu geben, zumindest nicht für das gleiche Geld. Sie verlangt bei einer solch perversen Aufgabe mehr Geld als eine Liebesdienerin, einfach weil die Aufgabe unstatthaft ist und in ihren Augen höchst pervers. Die Mutterfixierung von Männern kann eben Erstaunliches bewirken. Irgendwie ist tief drinnen so ein Mechanismus, der dafür sorgt, daß man Frauen Gehör schenkt und ihnen gehorcht. Das Blöde ist ja, daß ich putzen kann, und auch Steuerklärungen abfassen, motiviert dauert das ein paar Stunden. Ich lehne diese Tätigkeiten nur ab, weil ich ihnen absolut keine Bedeutung zumesse, sie fordern mich so gar nicht, da ist kein Anspruch. Eine Frau hingegen weiß um die Wichtigkeit solcher banalen Beschäftigungen. Und sie kann mich leiten und führen. Das kann kein Mann.
BettyB. 15.05.2013
5. Wer das braucht...
Sollte schnellstens seine Ziele ändern, denn die Last des Lebens wird für "Aufschieber" nach jedem Schritt immer unerträglicher. Und von den 120 Euro sollten sie sich lieber etwas Schönes kaufen...
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