Hochbegabte im Job Bei einem IQ von 130 fangen die Probleme an

Nein, man hat es nicht leicht als Hochbegabter. Bei Kollegen ecken sehr intelligente Menschen oft an - unter anderem, weil ihnen Smalltalk zuwider ist.

Von Susanne Wächter

Stefan Hoffmeister

Silke Vollmers sitzt an ihrem Schreibtisch und wälzt Vertragsunterlagen. "Ich liebe es, mich in neue Themengebiete einzuarbeiten", sagt die 34-Jährige. Eine 30- oder 60-seitige Ausschreibung für neue Lieferanten zu konzipieren, das macht sie mit links. Manchmal zügelt sie sich, langsamer zu arbeiten, damit ihre Kollegen sie nicht für überheblich halten.

Vollmers ist hochbegabt. Sie gehört zu zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, die einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130 oder mehr haben. Über die genaue Höhe ihres IQ schweigt sie. Sie möchte damit nicht hausieren gehen, sagt sie. "Ich kann auch nicht alles. Zum Beispiel Telefonnummern merken."

Als gelernte Hotelmanagerin arbeitete Vollmers zunächst in einigen Luxushotels als leitende Einkäuferin. Die Arbeit war bald Routine, mit ihr machte sich Langeweile breit. Bis die Vereinten Nationen Vollmers nach Bonn lockten: Seit fünf Jahren ist sie dort als Einkäuferin im UN-Klimasekretariat beschäftigt.

"Ich will unbedingt aufsteigen, Personalverantwortung tragen", sagt sie. Dafür lässt sie sich coachen. Denn während ihr komplizierte Arbeiten leichtfallen, hapert es im zwischenmenschlichen Bereich. Sie hat zum Beispiel wenig Verständnis dafür, wenn alle immer noch über etwas diskutieren, das für sie längst klar ist.

Auch Smalltalk hält sie für überflüssig. "Ich bin nicht richtig teamfähig. Das muss ich aber sein, um weiterzukommen", sagt sie und lächelt. Es ist ein kurzes Lächeln. Sie hat es sich antrainiert, um sympathischer zu wirken, wie sie sagt. "Das sind all diese Dinge, die mir nie wichtig waren."

Das fängt schon bei der Begrüßung an. "In meinem Kopf läuft ein Begegnungsszenario sekundenschnell ab. Lächeln, Hände schütteln, freundlich Hallo sagen, vielleicht sogar ein Kompliment machen." Vollmers beschreibt es, als handele es sich um eine Anleitung zum Autofahren. "Entweder ich bin ein Eremit, oder ich werde ein Teil dieser Welt. Ich habe mich entschieden, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein."

"Ich verzichte lieber auf Smalltalk"

Auch Andres Klein macht Smalltalk zu schaffen. "Ich kann mich schlecht über Dinge unterhalten, die ich als belanglos empfinde", sagt der Wirtschaftsrechtler. "Deshalb verzichte ich auf solche Gespräche." Das führe gelegentlich dazu, dass er von anderen als seltsam oder gar unhöflich empfunden wird. Wie Silke Vollmers ist Klein Mitglied von Mensa, einem Netzwerk für hochbegabte Menschen. Seinen IQ will auch er nicht verraten.

Schon als Schüler eckte Klein bei Lehrern und Klassenkameraden an. "Ich hatte ein Disziplinarverfahren nach dem nächsten am Hals, weil ich unbequem war, mich im Unterricht langweilte und häufig fehlte", sagt er.

Später, als er nach dem Referendariat anderthalb Jahre in einer Großkanzlei arbeitete, waren ihm vorgegebene Dienstwege zuwider: "Dort mussten Hierarchien eingehalten werden, nur um der Hierarchie willen. Ich fand das schrecklich", sagt der heute 40-Jährige. Deshalb eröffnete er anderthalb Jahre nach seinem Referendariat eine eigene Kanzlei.

"Sehr intelligente Mitarbeiter lassen sich nicht in vorgegebene Muster zwängen und lieben es, innovative neue Wege zu finden", sagt Katrin Zita, die sich auf das Coaching hochbegabter Erwachsener spezialisiert hat. "Dafür kassieren sie von Vorgesetzten, die um ihre Autorität fürchten, schon mal einen Rüffel."

Deshalb entschieden sich viele von ihnen für die Selbstständigkeit. "Das gibt ihnen die Freiheit, sich im eigenen - oft rasanten - Tempo zu entfalten", sagt Zita. Die 41-Jährige ist selbst hochbegabt. Bevor sie sich als Coach selbstständig machte, arbeitete sie zehn Jahre lang als Bauingenieurin. "Das war interessant, aber meine Leidenschaft lag nicht darin, vor dem Computer zu sitzen und hochkomplexe Designideen grafisch zu programmieren."

Heute erstellt sie Lebenspläne für ihre Klienten. Sie sucht mit ihnen neue Arbeitsrhythmen oder ein Aufgabengebiet, das zu ihren Begabungen passt. Und plädiert für Offenheit: "Manchmal ist es ratsam, Kollegen und Vorgesetzte einzuweihen und offen mit einem überdurchschnittlichen IQ und den persönlichen Fähigkeiten umzugehen."

  • Susanne Wächter (Jahrgang 1966) ist freie Journalistin in Köln. Seit ihrem Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) schreibt sie über gesellschaftsrelevante sowie gesundheitspolitische Themen.

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Seite 1
awoth 23.08.2014
1. Au weia!
In einer Welt, wo die systematische Verblödung der Bevölkerung mit allen Mitteln voran getrieben wird (Bologna, G8, Dschungelcamp, Topmodel, Frauentausch.....), Ist ein IQ von 100 (Mittelwert) eigentlich nur noch 50 wert! Somit ritscht der 130er in die Kategorie 'ziemlich doof', wovon man sich beim Lesen dieses Artikels trefflich überzeugen konnte!!
mat_yes 23.08.2014
2. Volle Zustimmung
ich kann die geschilderten Dinge in diesem Artikel zu 100% bestätigen. Habe das alles selber erlebt. Ich bin für viele Menschen ein Sonderling, da ich mich in meiner Freizeit mit Naturwissenschaften, besonders mit Biologie, Astronomie und Meteorologie beschäftige. Aber auch Paläontologie und Geschichte. Small Talk habe ich mir in 30 Jahren Berufsleben mühsam in kleinen Schritten auf gezwungen und tue mich immer noch schwer damit. Am wohlsten habe ich mich als Selbständiger Berater gefühlt. Somit kann ich die Personen des Artikels, als auch alle anderen in ähnlicher Situation mit ihren Themen und Problemen voll nach empfinden.
wasserfloh63 23.08.2014
3. Iq
Dieses Thema ist wohl nur für Menschen mit diesem Problem interessant. Ich lebe seit über 50 Jahren damit. Außer Neid,Mißgunst, Beschneidungen und "nicht verstanden werden" habe ich in dieser Gesellschaft nur äußerst selten erlebt. Auf der Suche nach einen "Rezept" bin ich bisher kläglich gescheitert.
swissdave 23.08.2014
4. Scham?
Warum zieren sich diese Menschen, ihren IQ preiszugeben? Ist das ein Geheimnis? Ich selbst verfüge über einen IQ von 179 und ich schäme mich kein bisschen dafür.
Lampenluft 23.08.2014
5. Coach = Laienpsychotherapie ohne fachlichen Hintergrun
Die psychologischen Studien zu diesen Thematiken zeigen deutlich, dass ein überwiegender Teil der Hochbegabten ein gut integriertes Arbeitsleben führen, in dem die Intelligenz nur ein normaler Teil des Menschen ist. Nur etwa 10 % der Hochbegabten haben zusätzliche psychische Probleme wie sie gerne als Klischee genannt werden (eine gute Untersuchung hierzu: Detlef Rost "Hochbegabte und hochleistende Jugendliche: Befunde aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt") Coach ist kein Beruf, jeder kann sich Coach nennen. Es ist Laientherapie, die in den psychotherapeutischen Sektor greift und oftmals auch genügend Schaden anrichtet. Alleine die Webseite der Lebensberaterin ist sehr von Marketing geprägt: "Warum (M)ein Coaching so verdammt gut tut!" Seriöse Psychotherapeuten mit entsprechender Ausbildung und Kompetenzen in der Behandlung von sozialen Störungen haben in der Regel keine Pressemappen auf ihren Homepages und werden nicht als "Reise-Journalisten" beworben. Es ist normaler Weise nicht der Stil des Spiegels mittels unrecherchierten Marketingartikeln Vorurteilen zu folgen. Leider ist es hier passiert. P.S. Ich glaube, dass für den Großteil der SPON-Leser alleine reisen kein Problem darstellt.....(siehe beworbenes Buch).
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