Frag die Karriereberaterin Hilfe, ich bin im Job unterfordert

Länger als zwei Jahre halten Sie es in keinem Job aus, dann versinken Sie in Langeweile? Dahinter könnte ein sehr spezielles Problem stecken.

Hochbegabte (Symbolbild)
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Hochbegabte (Symbolbild)

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KarriereSPIEGEL-Klassiker
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Manja ist hochbegabt, Anfang 40 und verfügt über zwei abgeschlossene Studiengänge. Drei weitere Studiengänge hat sie begonnen und wieder aufgegeben - zu langweilig. Sie hat die unterschiedlichsten Jobs ausgeübt, aber nie länger als zwei Jahre. Jetzt fragt sie: "Wie finde ich endlich den Job, der mich genügend fordert?"

Zur Autorin

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

In meiner Praxis habe ich öfter mit Hochbegabungen zu tun. Vielleicht liegt es an den schwierigeren Ausgangsbedingungen, die Hochbegabte haben. Es ist nicht leicht, einen roten Faden in der Karriere zu verfolgen, wenn im Grunde alles möglich ist und alle Türen offenstehen.

Galten früher Menschen mit einem IQ über 130, also rund zwei Prozent der Bevölkerung, als hochbegabt, widmet die Forschung heute auch der Sonderbegabung Aufmerksamkeit. Eine Sonderbegabung haben Menschen, die in Teilbereichen weit überdurchschnittlich sind - geniale Wortkünstler, begabte Mathematiker, talentierte Mustererkenner, virtuose Musiker. Vielfach fällt Hochbegabung mit Hochsensibilität zusammen, Menschen verarbeiten Informationen nicht nur schneller, sondern haben auch eine extrem feine Wahrnehmung. Manche sind introvertiert, tanken also dann auf, wenn sie allein sind. Manja, zu welcher Gruppe Hochbegabter gehören Sie? Sich darüber klar zu werden, ist schon ein erster Schritt.

Chefs stören sich an Menschen, die schneller denken als sie selbst

Ich sehe es oft schon am Lebenslauf: Hochbegabte bleiben selten bei einer Sache. Mindestens in ihrer Freizeit gehen sie ungewöhnliche Wege. In einem Lebenslauf habe ich drei abgeschlossene Studiengänge und zwei Promotionen gesehen, fast alles parallel zu einem mittelanspruchsvollen Ingenieursjob absolviert.

Es ist typisch für Hochbegabte, dass viele von ihnen nirgendwo hängenbleiben. Das betrifft vor allem jene mit einer eher verbal-kreativen Hochbegabung, die manchmal von ihrer Umwelt auch als "Spinner" wahrgenommen werden. Mathematisch Begabte sind in der derzeitigen, informationsgetriebenen Arbeitswelt oft besser "verwertbar".

Das Dilemma der Hochbegabten liegt weniger in ihnen selbst als vielmehr im Umfeld begründet. Dieses versteht ihre Bedürfnisse gar nicht oder interpretiert sie falsch. Viele Hochbegabte streben keine klassische Karriere an, sondern brauchen einfach nur genügend Futter. Doch die Denkfehler ihrer Mitmenschen hindern sie daran, sich zu entfalten. Chefs stören sich an Menschen, die schneller denken als sie selbst. Kollegen wittern Konkurrenz und fühlen sich bedroht, wenn andere die gleiche Arbeit in der halben Zeit schaffen. Personalabteilungen wiederum sind überfordert mit so viel "Job Enrichment". Routine ist nämlich eine Hölle für Hochbegabte.

Für Sie, Manja, könnte es eine Lösung sein, sich von Ihrem Wunsch nach dem richtigen Job zu verabschieden. Höchstwahrscheinlich wird es ihn nicht geben. Vielleicht lässt sich aus dem bisher entstandenen Berufsmosaik etwas Eigenes entwickeln, etwa in einer Selbstständigkeit, vielleicht braucht es auch einfach ein gut gefülltes Freizeitprogramm.

Das Wichtigste ist meiner Erfahrung nach ein passendes Umfeld mit Menschen, die mit Hochbegabung umgehen können. Das sind zum Beispiel souveräne Chefs, die den Schnelldenker an ihrer Seite wertschätzen und zu nutzen verstehen. Ein diverses, heterogenes Umfeld kann ebenso helfen. Introvertierte Hochbegabte dagegen mögen es oft nicht, mitten im Trubel zu arbeiten, sie schätzen ihre Ruhe und die Möglichkeiten, konzentriert zu arbeiten. Es gibt Unternehmen, die das verstehen und nicht alle Mitarbeiter in den Großraum zwingen.

Suchen Sie nach Tätigkeiten, die abwechslungsreich sind. Im Big-Five-Persönlichkeitsmodell haben Hochbegabte typischerweise eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen. Das bedeutet, sie interessieren sich für viele Themen von Philosophie bis Kunst, bevorzugen Komplexität, sind offen für Veränderungen und haben Fantasie. Es wirkt für sie motivierend, wenn sie in einer Branche oder einem Unternehmen arbeiten, das ebenso von Offenheit geprägt ist. Das heißt: Viel Bewegung, Veränderung, Dynamik. Und ruhig ein bisschen Tempo, wo andere auf die Bremse drücken.

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 02.01.2018
1.
In meinem Job lerne ich jeden Tag etwas Neues. Solange das der Fall ist, fühle ich mich nicht unterfordert. Ein langweiliger Job, in dem man nichts mehr lernen kann, wäre mir auch ein Graus.
almeo 02.01.2018
2.
Zitat von Sibylle1969In meinem Job lerne ich jeden Tag etwas Neues. Solange das der Fall ist, fühle ich mich nicht unterfordert. Ein langweiliger Job, in dem man nichts mehr lernen kann, wäre mir auch ein Graus.
Das sehe ich ganz ähnlich. Bin aktuell in meinem ersten Job, den ich länger als zwei Jahre mache. Wünsche mir aber auch einen Wechsel in baldiger Zukunft, da sich nach bald drei Jahren die Aufgaben doch immer mehr wiederholen. Ich bin jetzt aber keinesfalls hochbegabt (zumindest nicht, dass ich das wüsste), trotzdem merke ich das. Ich habe zwar keine zwei Promotionen neben einem Ingenieur-Vollzeitjob gemacht, aber vieles erinnert mich schon stark an mich: Mein Lebenslauf ist eher Mosaik als geradlinig, ich bin eher ein Kreativarbeiter und langweilige mich bei monotonen Aufgaben schnell. Das ist wohl eher eine Typsache als spezifisch ein Problem von Hochbegabten. Leider arbeite ich in einem Umfeld, in welchem es eher so ist, dass Arbeitnehmer sagen: "Besser dieser Job als keiner" - es ist halt weder Ingenieur, noch IT noch Neue Medien, wo sich Arbeitgeber anstrengen müssen, gute Leute zu halten. Aber generell kann man ja immer Bewerbungen schreiben wenn man eine interessante Stelle sieht, auch wenn vielleicht über ein, zwei Jahre nichts daraus wird.
lathea 02.01.2018
3. Ein langweiliger Job hat einen....
.......wichtigen Vorteil: er bringt locker verdientes regelmäßiges Geld für den Lebensunterhalt, man kann ihn zu Hause ablegen und sich dann anderen Interessen und der Familie widmen. Das wird einen Hochbegabten jedoch in der Regel nicht beeindrucken, da diese Bevölkerungsgruppe eher nach einer Selbstverwirklichung im Beruf strebt und nicht unbedingt einen ebenfalls hochbegabten Partner hat, mit dem sich dieses Streben in den privaten Bereich verschieben ließe.
PTerGun 02.01.2018
4. Ähnliche Probleme (gewiss nicht in dem Maße) hat wohl jeder
Nach meiner Erfahrungen sind Jobs nicht nur nach den Neigungen und Fähigkeiten des Arbeitnehmers ausgerichtet, sondern nach Aufgabenbereichen und Verantwortlichkeiten. Das heißt, je nachdem wie viel Glück man hat, besteht der Job zwischen 1/3 bis 2/3 aus drögen Arbeiten, auf die man als halbwegs kreativer Mensch eigentlich keinen Bock hat, die aber nunmal zur Erledigung der Aufgabe dazu gehören, sei es dröger Verwaltungskram, Datenpflege, Dokumentation oder einfach das Vermitteln seiner Arbeit an Kollegen. Wenn man die Herausforderung des Meisterns dieses Gesamtpakets mit den spannenden und drögen Aufgaben nicht zu schätzen weiß, hat jeder Arbeitnehmer ein Problem, nicht nur der hochbegabte.
smartphone 02.01.2018
5. wie viele
ist die Frau eh in einem Alter , ab welchem man "Nicht mehr arbeitsfähig " (O-Zitat) einklasssifiziert wird......... Ansonsten ist neben dem Jugendwahn die Überfrachtung normaler Job per (unfähiger) HR ein Hauptproblem. Man denkt in der Schablone, was etwas, was ein Kandidat nicht liefert sogleich für Lohndrückerei verwendet wird. WIr haben also ein multiples Problem vorliegen dessen Hauptschuldiger nihct beim Betroffenen zu suchen ist.
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