Homeoffice-Urteil Nächtlicher Sturz auf Kellertreppe kann Arbeitsunfall sein

Wenn Arbeitnehmer zu Hause arbeiten, kann auch ein Sturz auf der Treppe ein Arbeitsunfall sein - sogar nachts auf dem Weg in den Keller. Das hat das Bundessozialgericht entschieden.


Ein Versicherungsmakler aus Rheinland-Pfalz, der nachts um 1:30 Uhr auf der Kellertreppe gestürzt war, hat Anspruch darauf, dass sein Sturz als Arbeitsunfall überprüft wird. Die Berufsgenossenschaft hatte den Vorfall zunächst nicht als Arbeitsunfall anerkannt und eine Entschädigung abgelehnt.

Der Versicherungsmakler hatte daraufhin geklagt und jetzt vor dem Bundessozialgericht (BSG) Recht bekommen. Der Unfallschutz könne "nicht schon deshalb verneint werden, weil die Treppe nicht überwiegend dienstlichen Zwecken dient", heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Urteil. Auch auf die Uhrzeit kommt es demnach nicht unbedingt an (Aktenzeichen: B 2 U 8/17 R).

Der Unfall war im April 2012 passiert, als der Makler nach eigenen Angaben nachts ein Softwareupdate auf den Firmenserver aufspielte. Der Server stand im Keller, das Büro das Mannes befand sich im ersten Stock. Dass der Mann im gleichen Haus auch wohnte, sei nicht entscheidend, stellten die Kasseler Sozialrichter fest.

Sie verwiesen den Fall zurück ans Landessozialgericht Mainz. Das muss jetzt prüfen, ob in der fraglichen Nacht tatsächlich ein Update installiert wurde - dann sei auch von einem Arbeitsunfall auszugehen.

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Auch in einer zweiten Entscheidung stärkten die BSG-Richter die Rechte von Arbeitnehmern im Homeoffice. Hier war die Mitarbeiterin eines Münchner Unternehmens nach einem Arbeitstag auf der Messe auf dem Weg in ihr Arbeitszimmer zu Hause. Von dort sollte sie über die firmeneigene Software den Geschäftsführer in den USA anrufen.

Bepackt mit Notebook, Drucker und Messematerialien stürzte sie auf dem Weg in den Keller, wo sich das Büro befand. Dabei wurde ein Wirbel im Lendenbereich schwer und dauerhaft beschädigt. Auch hier hatte die zuständige Berufsgenossenschaft zunächst keinen Arbeitsunfall anerkennen wollen.

Zu Unrecht, wie es im Urteil heißt (Aktenzeichen: B 2 U 28/17 R). Wenn Mitarbeiter auf dem Weg zum Homeoffice verunglücken, müsse geprüft werden, ob der Arbeitnehmer eine berufliche Tätigkeit "subjektiv ausführen wollte". Danach müsse geklärt werden, ob die entsprechende Darstellung des Versicherten "durch objektive Tatsachen eine Bestätigung findet". Hierbei könnten Ort und Zeitpunkt des Unfalls wichtige Indizien sein. Im Münchner Fall gingen die Kasseler Richter von einem versicherten "Betriebsweg" aus und sprachen der Mitarbeiterin deshalb Unfallschutz zu.

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Ähnlich hatte der BSG-Unfallsenat bereits 2017 zu einem Unfall in der eigenen Wohnung entschieden. Damals hatte eine Friseurmeisterin in ihrer Wohnung Geschäftswäsche gewaschen und war in dem Flur vor der Waschküche gestürzt. Weiterhin nicht versichert sind für Arbeitnehmer mit Homeoffice aber Wege in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu privat geprägten Tätigkeiten, etwa zur Toilette oder Teeküche.

Hier bleiben Arbeitnehmer, die im Betrieb tätig sind, besser geschützt. Sie sind zwar auf der Toilette oder in der Betriebskantine ebenfalls nicht versichert, auf dem Weg dorthin aber schon. Diesen Unterschied begründeten die Kasseler Richter damit, dass die eigenen vier Wände immer privat geprägt sind und privat gestaltet werden, während Arbeitnehmer im Betrieb keinen Einfluss auf die Gestaltung und damit auch auf die Sicherheit etwa einer Treppe haben.

Wenn Sie noch mehr darüber erfahren möchten, was Gerichte als Arbeitsunfall werten und was nicht, lesen Sie hier mehr zum Mann, der auf dem Arbeitsweg seine verlorengegangene Katze suchte, und hier die Geschichte vom Arbeitnehmer, die vor der Fahrt ins Büro die Straße auf Glatteis prüfen wollte und sich dabei verletzte - in beiden Fällen entschieden die Juristen gegen eine Einstufung als Arbeitsunfall.

him/jur

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
draco2007 28.11.2018
1.
Na danke. Mit solchen Sachen wird das Home Office eben wieder abgeschafft. Sehr sinnvoll. Wieso von Zuhause aus Arbeiten, nicht mit dem Auto durch die Gegend eiern müssen, wenn man seinen AG verklagen kann, weil man schusselig ist. Dankeschön lieber Versicherungsmakler. Hauptsache Deutschland fällt im Neuland noch weiter zurück.m
fatherted98 28.11.2018
2. Logisch...
....wenn man arbeitet oder auf dem Weg zur Arbeit verunfallt....auch wenn es auf der Kellertreppe ist....ist das ein Arbeitsunfall....das die BG da nicht zahlen wollte ist klar....aber dar Urteil eindeutig nachvollziehbar. Genau dafür zahlt der AG teure Unfallversicherungs-Beiträge an die jeweilige BG.
spon_2999637 28.11.2018
3. Arbeitgeber?
Zitat von draco2007Na danke. Mit solchen Sachen wird das Home Office eben wieder abgeschafft. Sehr sinnvoll. Wieso von Zuhause aus Arbeiten, nicht mit dem Auto durch die Gegend eiern müssen, wenn man seinen AG verklagen kann, weil man schusselig ist. Dankeschön lieber Versicherungsmakler. Hauptsache Deutschland fällt im Neuland noch weiter zurück.m
Artikel bitte nochmal lesen - der Arbeitgeber hat damit genau nix zu tun. Es geht um die Berufsgenossenschaft, also um die Unfallversicherung. Diese wird zwar von den Unternehmen finanziert, der Arbeitgeber ist jedoch nicht Ansprechpartner für Fälle wie diesen.
53er 28.11.2018
4. Frage:
Hat der Makler einen Umweg in den Keller genommen, der nicht durch eine Umleitung begründet war? Hat er sich womöglich ein Bier aus dem Keller mitgenommen, sodaß eigentlich eine völlig andere Intention für den Kellergang vorlag und er nur zufällig am Server vorbeikam? Warum befindet sich der Serverraum überhaupt in einem, für feuchte Umwelteinflüsse bekannten, Bereich? wurde die Kellertreppe zuvor von einem zuständigen Sicherheitsbeauftragten für gefahrlos begehbar eingestuft? Fragen über Fragen!
draco2007 28.11.2018
5.
Zitat von spon_2999637Artikel bitte nochmal lesen - der Arbeitgeber hat damit genau nix zu tun. Es geht um die Berufsgenossenschaft, also um die Unfallversicherung. Diese wird zwar von den Unternehmen finanziert, der Arbeitgeber ist jedoch nicht Ansprechpartner für Fälle wie diesen.
Das ändert doch an der Folge nichts. Entweder Auflagen -> Kosten für den AN (z.B. für bauliche Maßnahmen) oder Abschaffung Home Office -> "Kosten" für den AN (Anfahrt z.B.) Dabei spielt es keine Rolle wer verklagt wird. Ein AN stellt sich dämlich an und meint es wäre ein Arbeitsunfall. Egal ob er nun den AG oder die BG verklagt, das Endergebnis ist das gleiche. Ohne Home Office hat der AG oder hier die BG keine Kosten.
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